Willkürgeld

Der Blogger Cangrande hat mich in dieser Rezension an eine wichtige Unterscheidung erinnert, die mindestens auf den Merkantilisten James Steuart zurückgeht, nämlich dass Fiat Money nicht nur Kreditgeld sein kann, sondern auch reines Willkürgeld. Die Gegner von Fiat Money tun häufig so, als sei auch Kreditgeld Willkürgeld, was jedoch einen wesentlichen Unterschied verwischt. Kreditgeld stehen entsprechende Kredite gegenüber, die in der Regel auch angemessen besichert sind. Die Zentralbank gibt Zentralbankgeld normalerweise nur gegen gesicherte Kredite an Geschäftsbanken heraus, wodurch sie dieses Geld gegebenenfalls auch wieder zurückholen kann.

Eine Geschäftsbank kann Giralgeld auch als wechselseitigen Kredit schaffen, wenn jemand bei ihr einen typischerweise ebenfalls besicherten Kredit aufnimmt und zugleich ein Guthaben auf seinem Bankkonto gutgeschrieben bekommt, welches einem Kredit an die Bank entspricht. Willkürgeld steht hingegen kein entsprechender Kredit und auch keine Sicherheit gegenüber. Hier wird tatsächlich Geld aus dem Nichts ohne entsprechenden Gegenwert geschaffen. Wenn unsichere Kredite mit unzureichenden Sicherheiten von der Zentralbank akzeptiert werden, kann das bei deren Ausfall ebenfalls zu Willkürgeld führen. Der Euro droht gerade, von Kreditgeld in Willkürgeld umgewandelt zu werden.

66 Gedanken zu „Willkürgeld

  1. Pingback: Willkürgeld | FreieWelt.net

  2. „Hier wird tatsächlich Geld aus dem Nichts ohne entsprechenden Gegenwert geschaffen“.

    Willkommen im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. Geld aus dem Nichts zu schaffen ist doch gerade eine libertäre Idee Ihrer ehemaligen Parteifreunde. Wenn man Wertschöpfung in Relation zur Geldmenge vergleicht dann sollte nicht (nur) die EZB kritisiert werden sondern doch eher die City of London oder Wallstreet. Von Schattenbanken mal ganz abgesehen. Aber vielleicht haben Sie das ja auch schon getan. Ich kenne Ihren Blog nicht gut genug. Ansonsten ist die Kritik an der EZB inhaltlich nicht ganz falsch auch wenn diese eine nachvollziehbarere Motivation hat als nur pure Gier.

    • Sie haben offensichtlich den Unterschied zwischen Kredit- und Willkürgeld noch nicht verstanden. Kreditgeld kann zwar auch aus dem Nichts geschaffen werden, aber immer nur zusammen mit einer gegenläufigen Forderung der Zentralbank. Kreditgeld und Forderung gleichen sich gegenseitig aus, entsprechend kann das Kreditgeld auch wieder eingesammelt werden. Willkürgeld ist dadurch gekennzeichnet, dass es die korrespondierende Forderung nicht gibt. Die Zentralbank schafft es aus dem Nichts ohne bilanzielle Gegenposition. Das ist in einem gewissen Umfang möglich, da die Volkswirtschaft Zentralbankgeld nachfragt, ob dieses nun durch reale Werte, Edelmetalle oder Kredite gedeckt ist oder nicht. Trotzdem ist es viel gefährlicher als Kreditgeld, insbesondere weil es bei seiner Schöpfung keinerlei Limit gibt.

      • Sie haben recht. Der Unterschied zwischen zwischen Kredit- und Willkürgeld ist für einen Laien (wie mich) nicht sofort erkennbar. Sie haben das jetzt gut erklärt. Trotzdem sehe ich am Beispiel undurchsichtiger Derivate (ohne faktische Wertschöpfung) grosse Parallelen. Oder ich verstehe das wirklich nicht.

      • Könnte man diese Willkürgeld-Schöpfung mit den MEFO-Wechseln des Hjalmar Schacht vergleichen?

      • Formal nicht, da es besicherte Wechsel waren, materiell hingegen schon. Der berümteste Fall sind wohl die Assignaten während der Französischen Revolution.

      • @Alexander Dilger

        Habe ich das richtig verstanden:
        Kreditgeld (auch nicht besichertes) ist kein Willkürgeld, bei der Erhöhung der Geldmenge hingegen handelt es sich um Willkürtgeld?

      • Nein, es geht darum, wie die Geldmenge erhöht wird. Beim Kreditgeld wird nicht einfach Geld gedruckt und letztlich verschenkt, sondern die Geschäftbanken erhalten Zentralbankgeld nur gegen besicherten Kredit, müssen es also mit Zinsen zurückzahlen. Theoretisch kann die Zentralbank also in der Zukunft mehr Zentralbankgeld zurückfordern, als sie überhaupt ausgegeben hat. Praktisch spielt das keine Rolle und könnte auch zum Ausgleich von Verlusten dienen, falls Kredite ausfallen sollten. Dazu müssten jedoch nicht nur die betreffenden Geschäftsbanken insolvent werden, sondern zusätzlich die Sicherheiten ausfallen. In der Eurozone wird das allerdings zunehmend wahrscheinlicher bzw. dann durch weitere Rettungsmaßnahmen verhindert.

      • Ich bin kein volkswirtschaftlicher Experte, aber nach meinem bisherigen Kenntnisstand erhöht sich die Geldmenge aufgrund von Zinsen; zumindest in Höhe der Umlaufrendite ( gehandelter Zinssatz minus EZB-Zins ). Dieser Zinsgewinn wird doch nicht mehr eingezogen, oder ?

      • Soweit zum Kreditgeld, das ist logisch und real nachvollziehbar.

        Aber was ist mit dem „Willkürgeld“?
        Gibt es diesen Begriff überhaupt offiziell oder ist das Ihr persönlicher Terminus technicus für Geldmengen-Erhöhungs-Geld?

      • Die Kategorie habe ich mir nicht ausgedacht (schön wär’s). Es handelt sich auch nicht um „Geldmengen-Erhöungs-Geld“, sondern völlig ungedecktes Geld, dem weder reale Werte einschließlich Edelmetallen noch echte Kredit gegenüberstehen.

      • „Die Zentralbank schafft es aus dem Nichts ohne bilanzielle Gegenposition.“

        Der Satz ist falsch. Wäre es so, dann würden die ZBen tatsächlich „Willkürgeld“ schaffen (können). Das können sie aber eben (noch, d.h. vor entsprechenden Gesetzesänderungen oder eben dem Bruch der bestehenden Gesetze) nicht.

        Ja, die ZBen „drucken“ Geldpapier bzw. geben deren Druck in Auftrag, so zB bei G&D. Aber der Druck ist eben keine Geldschöpfung. Wäre es Geldschöpfung, dann müssten die unzähligen und unsäglich starrköpfigen „Geld-aus-dem-Nichts“-Träumer ja wohl mit ihren bilanziell völlig unhaltbaren Vorwürfen in Richtung der Gelddruckereien umschwenken. Das wäre natürlich völlig unsinnig.

        Ich verrate Ihrem blog ein Geheimnis, das zwar gar keines ist, aber von 100 Leuten auch in 100 Jahren noch keine 10 Menschen verstehen werden:

        das bunte Papier, das in Folie verpackt auf den Paletten im Keller aller ZBen der Welt sowie ihren Regionalbanken lagert, ist kein Geld. Es wird erst in dem Moment zu Geld „scharfgemacht“, indem es gegen eine Forderung in die Bilanz gestellt wird. Aber: eben gegen eine Forderung. Und die ist ja nicht „Nichts“, sondern ein Rechtsgut, auf dessen Grund im Rahmen unserer Rechtsordnung mit den wirkungsvollsten Mitteln und der höchsten irdischen Autorität vollstreckt werden kann. Und wenn nichts vollstreckt werden kann, weil da nichts ist? Ja, dann wird gnadenlos ausgebucht (und sei es nach trickreichsten Prolongationen oder Versteckungen in der dritten Bilanz hinter der Bilanz). Doch irgendwann kommt die Stunde der Wahrheit. Der Name dieser Wahrheit lautet Deflation.

        Das verstehen 98% der AfDler nicht und 99% der normal gebliebenen „Menschen draussen im Lande“ nicht. Es ist so, war so und wird immer so sein.

        BK aD Helmut Schmidt gehört zu den Menschen, die es verstanden haben. Er selbst sagte einmal, daß mehr als fünf bis sechs Menschen in Deutschland es nicht verstanden hätten oder verstehen würden. Ich glaube zwar, daß es (heute) mehr Menschen sind, aber es entspricht doch meiner mehr als 15jährigen Erfahrung zu exakt diesem Thema. Ich habe aber aufgehört, mich zu wundern.

        Deshalb mag dieser Beitrag zwar arrogant wirken, aber er ist die Quintessenz meiner Erfahrung und ich bin es halt müde, daß noch nie jemand von seinen „Geld-aus-dem-Nichts“-Behauptungen abgelassen hat obwohl er niemals mein Argument auch nur im Ansatz anging – geschweige denn widerlegen konnte.

        Mut zur Wahrheit: „Geld-aus-dem-Nichts“ ist kompletter Blödsinn. War es immer. Wird es immer bleiben.

      • Sie scheinen meinen Beitrag nicht richtig verstanden zu haben. Das von Ihnen angegriffene Zitat diente doch gerade zur Kennzeichnung von Willkürgeld. Ich wollte den Unterschied zu Kreditgeld erklären. Dass Zentralbankgeld heutzutage meistens (nicht immer) Kreditgeld ist, hatte ich nicht bestritten, sondern selbst behauptet. Das war aber nicht zu allen Zeiten so und muss auch nicht immer so bleiben. Es gab Willkürgeld, welches meistens in einer Katastrophe endete. Außerdem gab es natürlich die längste Zeit der Geschichte Geld aus Edelmetallen oder dann mit (oft unvollständiger) Edelmetalldeckung.

        Wenn die Forderungen der Zentralbank ausfallen, entsteht doch nicht Deflation, sondern Willkürgeld. Schließlich entsteht auch beim Kreditgeld das Geld aus dem Nichts, allerdings zusammen mit einem korrespondierenden Kredit (bzw. im Falle von Giralgeld in Form von zwei Krediten).

      • Sie schreiben weiter unten (wo leider kein Kommentar mehr möglich scheint):

        „Wenn die Forderungen der Zentralbank ausfallen, entsteht doch nicht Deflation, sondern Willkürgeld.“

        Der Satz ist falsch. Wäre er richtig, müssten Sie auch behaupten wollen, daß die ZBen Geld „einfach-so“ und „irgendwo-da-draussen“ und auch dazu auch noch „irgendwie-stehen-lassen“ würden. Ich bin zuversichtlich, daß Sie das bei Ihrer ganz ausserordentlichen Intelligenz und intellektuellen Redlichkeit nicht verbrechen mögen. Unter der noch gültigen und übrigens bisher auch diesbezüglich ungebrochenen Rechtsordnung entsteht damit (dem Ausfallen der Forderung einer ZB) kein „Willkürgeld“, sondern das den auszubuchenden Forderungen entsprechende Geldäquivalent wird an jenem Tage vernichtet werden. Um welche Art der Vernichtung handelt es sich? Um die Streichung in der ZB-Bilanzen mit/gegen die am Ende zu löschende(n) Forderunge(n). Ein Federstrich zwar nur, der aber eben die schmerzhafte Deflation bedeutet bzw ist, die, wie bereits dargelegt, kaum einer ihrem Wesen nach verstehen kann oder will. Wenn Sie ihm Übrigen nicht Vieles zu dem Thema heute wohltuend richtig geschrieben hätten, hätte ich zu dem Thema gar keine Lust gehabt. Der eine bzw. nun auch der o.g. Satz zeigt aber, daß Sie Forderungen irgendwie dann doch nicht für eine richtige Geldgrundlage halten.

      • Entschuldigung, hier irren Sie. Ausgegebenes Zentralbankgeld kann die Zentralbank nicht so einfach zurückholen oder gar annulieren, wie Sie meinen. Die Zentralbank gibt es gegen Sicherheiten an Geschäftsbanken heraus, doch diese geben es weiter. Es befindet sich z. B. in Ihrer Geldbörse und ist immer noch darin und auch immer noch Geld, wenn die Forderung der Zentralbank gegen die Geschäftsbank einschließlich Sicherheit ausfallen sollte. Entsprechendes gilt für Giralgeld. Wenn der Bankkunde seinen Kredit nicht zurückzahlt, kann die Geschäftsbank zwar sein Konto pfänden lassen, doch typischerweise wird das verliehene Geld nicht mehr darauf sein.

        Kleinere Ausfälle können Zentral- wie Geschäftsbank natürlich aus ihren sonstigen Gewinnen oder auch aus ihrem Vermögen ausgleichen. Große Verluste führen zu Problemen bis hin zur Insolvenz, die sogar, zumindest formal, auch für die EZB möglich ist, gerade weil sie nicht beliebig Willkürgeld ausgeben darf.

      • Wir kommen zu des Pudels Kern. Wer ist der Schuldner der ZB? Die Geschäftsbank. Was Sie zur Besicherung begibt ist (das geben Sie zu) nicht gleich der Forderung der ZB. Wenn auch der Summe nach, so doch nicht der Besicherung nach (die in sich auch immer wieder eine Forderung ist!) Die Forderung der ZB bleibt selbst dann bestehen, wenn die Besicherung (also eine Forderung gegen einen Dritten) zum nonvaleur wird. Die Geschäftsbank muss ausgleichen, egal woher. Das geben Sie ebenfalls zu. Deshalb bleibt die Note in der Brieftasche des Dritten, aber die Bank muss die Forderung der ZB auch dann noch ausgleichen, wenn zB der Hausherr „sein“ zunächst kreditiertes und später zwangsversteigertes Haus nur noch von außen besichtigt. Es stehen natürlich noch einige Mitspieler in der Kette von der ZB zum Bauherrn – aber alle müssen sie dem Vormann leisten. Egal, was aus dem Kreditnachfrage schaffenden Projekt geworden ist. Forderung = ihre Besicherung, so Ihr Irrtum.

      • Wieso unterstellen Sie mir jetzt, dass ich nicht zwischen Forderung und Sicherheit unterscheiden könnte? Lesen Sie einmal diesen Kommentar. Es muss beides ausfallen, damit der Gläubiger, hier die Zentralbank, einen Verlust hat, was aber durchaus möglich ist.

      • Selbstverständlich kennen Sie den kategorischen Unterschied. Sie machen ihn aber in Ihrem Beispiel nicht. Deshalb (vermute ich und will Ihnen dabei wirklich nichts mit böser Absicht unterstellen) geht das Wesentliche unter: daß zwar natürlich nicht die Note aus der Brieftasche verschwindet. Aber doch die Geldmenge reduziert wird. Denn wo Pfandbriefe wertlos werden, die Geschäftsbank nicht rückführen oder wenigstens Sicherheiten nachschießen kann und letztlich falliert, da sinkt doch die Geldmenge. Es geht doch nicht um Noten, sie sind nur eine Erscheinungsform der Währung. Der aufgezeigte Zusammenhang mit konkreten Banknoten besteht so nicht. Da handelt es sich wirklich nur um Zahlungsmittelversorgung.

      • Man kann nicht überall immer alles schreiben. In den Kommentaren habe ich die Unterscheidung getroffen. Hier ist jetzt zu unterscheiden, um welche Geldmenge es geht. M0, die Menge des Zentralbankgeldes, verändert sich nicht (direkt), wenn eine Geschäftsbank ausfällt. M1 bis M3 könnten deswegen allerdings fallen. Aber das muss nicht zu Deflation führen.

      • Warum soll die Geldmenge M1 fallen, wenn eine Bank pleite geht ? Wenn die Zentralbank Geld ausgibt, der Rückzahlungsanspruch abgeschrieben werden muss, weil die Bank als Schuldner durch Auflösung nicht mehr besteht und das Gesellschaftsvermögen keine oder nur unvollständige Rückzahlung ermöglicht ? Die insolvente Bank hat doch das Geld ihrerseits verteilt und dadurch in den weiteren Umlauf gebracht. Dabei ist es völlig unerheblich, ob das Geld als Buch- oder Bargeld weiter gereicht wurde. Das von der Zentralbank ausgekehrte Geld verschwindet durch die Insolvenz von Rückzahlungsschuldnern nicht. Das gilt auch für jede andere Insolvenz. Eine Insolvenz ist ausschließlich ein Verteilungsthema. Es wird zwar manchmal plakativ vom „Verbrennen“ von Geldern gesprochen. Tatsächlich ist damit gemeint, dass Investmentgelder nicht wieder zurück geführt werden und abgeschrieben werden müssen. Sind z.B. teure Grundstücke gekauft worden, die im Anschluss stark an Geld verlieren, dann sind zwar Gelder aus Anlegersicht „verbrannt“ worden, aber volkswirtschaftlich ist das Geld von den glücklosen Investor an glückliche Verkäufer geflossen. An der Geldmenge ändert sich nichts.

        Natürlich spielt Bargeld auch eine Rolle. Wenn die Banken Giralgeld in Bargeld umwandeln, ist natürlich auch Geld im Umlauf. Es ist im Grundsatz kein Unterschied ersichtlich, warum eine Bankinsolvenz auf die Geldmenge eine andere Auswirkung haben sollte, weil sie in untypischer Weise ihr Geld überwiegend nicht über Giral-, sondern über Bargeld ausgegeben hatte. Der Geldabfluss besteht in beiden Fällen.

        Natürlich hat das Bargeldgeschäft einige Besonderheiten. Geld kann im wortwörtlichen Sinne „verbrennen“, also unwiederbringlich verloren gehen. Das ist beim Giralgeld nicht denkbar. Ferner kann durch Fälschungen die Geldmenge tatsächlich auch erhöht werden. Da die Bargeldgeschäfte im Verhältnis zu den Giralgeldgeschäften zu vernachlässigen sind, dürften die beschriebenen Phänomene für die Geldmenge kaum von Bedeutung sein.

        Im Ergebnis erscheinen mir daher die Ausführungen von Herrn Dilger plausibel, während die Ausführungen von dem mal genervten bis geduldigen Parteifreund zwar reichlich hochnäsig, aber wenig überzeugend erscheinen. Aber vielleicht mag der Parteifreund der Hochnäsigkeit ein paar überzeugende Ausführungen nachfolgen lassen, so dass dem geneigten Leser die Möglichkeit eingeräumt wird, seine Dummheit durch einen akzeptablen Wissens- und Bildungsstand zu ersetzen.

      • An M0 ändert sich durch eine Bankinsolvenz (direkt) nichts, aber an M1 regelmäßig dadurch, dass die Bank und zumindest ein Teil der Guthaben bei ihr untergeht. Viel gravierender dürfte jedoch der allgemeine Vertrauensverlust im Bankensektor sein. Dieser ist z. B. immer noch durch die Lehmann-Pleite beeinträchtigt.

    • Grundsätzlich haben Sie Recht Herr Dilger, aber inwiefern spielt diese Unterscheidung bei der Geldwertstabilität eine Rolle?

      Sie scheinen ja irgendwie anzudeuten, dass Willkürgeld irgedwie „schlechter“ wäre als Kreditgeld, oder irre ich mich? Grundsätzlich gab es jedoch in der Geschichte sowohl (relativ) stabiles Willkürgeld (Greenback während und nach dem US-Bürgekrieg zum Beispiel) als auch hyperinflationiertes Kreditgeld (Papiermark während der deutschen Hyperinflation).

      Selbst wenn ein Teil der EZB-Bilanz durch Ausfälle unbesichert bleibt (was keineswegs zwangsläufig ist), bedeutet es für die Geldwertstabilität also erst einmal gar nichts.

      • Doch es dürfte in der Tat ein Unterschied bestehen. In dem sog. Willkürgeld ist von Anfang an die Gefahr immanent, dass die Geldmenge über die Wirtschaftskraft hinausschießt. Wer Währungsstabilität haben will, der achtet darauf, dass Geldmenge und Wirtschaftskraft in etwa übereinstimmen. Beim sog. Willkürgeld, deshalb wohl auch der Name, wird undiszipliniert und nach Gutdünken Geld ausgegeben und die Gefahr, dass die Geldmenge aus dem Ruder läuft, ist mangels Augenmaß sehr groß. Natürlich kann auch bei Kreditgeld die Währung abstürzen, wenn nämlich zuvor die Wirtschaft eingebrochen ist. Wenn sich Sicherheiten auflösen oder Kredite nicht zurück gezahlt werden, dann ist die Geldmenge im Verhältnis zur Wirtschaftskraft auch zu groß und es kommt zur Entwertung. Aber grundsätzlich ist die Währungsstabilität die Grundregel und die Fehlentwicklungen sind Ausnahmeerscheinungen. Beim Willkürgeld gilt diese Grundregel nicht.

      • Ja, es geht um die Verteilung der Risiken. Auch Gold als Geld ist nicht absolut sicher, wie die Geschichte zeigt, während Willkürgeld zwar theoretisch hinreichend knapp gehalten werden könnte, aber dauerhaft nicht so gehalten wird.

      • @Reinhard E. R. Wilhelm

        Das stimmt so nicht. Auch bei Kreditgeld muss die Wirtschaft überhaupt nicht abstürzen damit eine Hyperinflation entsteht. Es reicht vollkommen, wenn der Leitzins der Zentralbank zu niedrig eingesetzt ist.

        Bei ihrer Argumentation vergessen Sie nämlich, dass die Kredite der Zentralbank mit Zentralbankgeld zurückgezahlt werden, so dass bei einem zu niedrigen Zins eine Spirale nach oben entsteht mit einer explosionsartig anwachsenden Zentralbankmenge. So geschehen z.B. 1922/1923 in Deutschland – Leitzins von 5% bei einer Inflation von zuerst ca. 20%.

      • Die Reichsbank war seinerzeit noch gar nicht unabhängig. Der Staat druckte einfach das Geld, was ich als Willkürgeld bezeichnen würde.

      • „Die Reichsbank war seinerzeit noch gar nicht unabhängig. Der Staat druckte einfach das Geld, was ich als Willkürgeld bezeichnen würde.“

        Erstens war die Reichsbank sehr wohl politisch unabhängig. Was sie also tat, tat sie nicht auf Befehl der Reichsregierung, da sie nicht weisungsgebunden war, sondern auf eigene Verantwortung. Die emittierte Zentralbankmenge war immer durch Staatsanleihen oder Privatanleihen gedeckt (sie entstand ja dadurch, dass diese Anleihen zu 5% diskontiert wurden), das können Sie aus der Reichsbankbilanz ablesen.

        Zudem ist die Frage der Unabhängigkeit der Zentralbank für den Unterschied zwischen Kreditgeld und Willkürgeld völlig irrelevant, oder werden Sie jetzt behaupten, dass die Mark vor dem ersten Weltkrieg Willkürgeld war, weil die Reichsbank direkt dem Reichskanzler unterstand.

      • Zumindest bis 1922 hatte der Reichskanzler eine Weisungsbefugnis gegenüber der Reichsbank, die erst 1924 eine unabhängige Anstalt wurde. 1921 hatte der Reichstag auch beschlossen, dass von ihr ausgegebenes Geld keine Primärdeckung mehr benötigt. Die Sekundärdeckung erfolgte fast vollständig durch Schatzanweisungen. Der Reichsfinanzminister könnte kurzfristige Notenbankkredite in beliebiger Höhe in Anspruch nehmen.

        Das zeigt eine Schwäche bei der Unterscheidung von Kredit- und Willkürgeld. Formal können Sie behaupten, dass es sich selbst in der Hyperinflation um Kreditgeld handelte, weil es stets durch Staatskredite gedeckt war. Materiell behaupte ich jedoch, dass es Willkürgeld war, weil Staat und abhängige Reichsbank eine Einheit bildeten, die aus dem Nichts Geld schöpfte (zusammen mit irrelevanten Schatzanweisungen für die Bilanz der Reichsbank). Die Diskussion ist auch von ganz aktuellem Interesse, nämlich ob die inzwischen politisierte EZB in beliebiger Menge südeuropäische Staatsanleihen erwerben darf.

      • @Alex Hummel
        „Auch bei Kreditgeld muss die Wirtschaft überhaupt nicht abstürzen damit eine Hyperinflation entsteht. Es reicht vollkommen, wenn der Leitzins der Zentralbank zu niedrig eingesetzt ist.“

        Diese Theorie halte ich für völlig absurd:
        Gerade hohe Zinsen treiben doch die Kosten und mithin die Preise nach oben, fördern also Inflation und Scheinwachstum, das in Wahrheit kein reales Wachstum ist (einmal ganz abgesehen von der Generalfrage, ob immerwährendes Wachstum überhaupt möglich ist).

        Ich glaube, dass Sie auf dem Holzweg sind.

      • Herrn Hummel geht es um den Nominalzins. Wenn dieser (deutlich) unter der Inflationsrate liegt, der Realzins also negativ ist (und so an die Bankkunden weitergegeben wird), lohnt sich die Aufnahme großer Kredite, um reale Werte zu kaufen, die ihren Wert behalten, während die Kredite später leicht zurückgezahlt werden können. Momentan liegt der Leitzins übrigens auch unter der (geringen) Inflationsrate, doch die Differenz ist gering und die Menschen kaufen wegen der Krise keine Konsumgüter, sondern höchstens Vermögenswerte, wo dementsprechend Blasenbildung droht.

      • Der Effekt niedriger Zinsen ist zumindest, dass investiert wird.

        Bei hohen Zinsen horten hingegen nur Banken und Fonds die Gelder und die Gefahr des Verzockens großer Vermögen ist zumindest nach rationalem Ermessen weitaus höher, als zu Zeiten moderater oder sehr niedriger (Leit-)Zinsen.

        Oder sehen Sie das als Volkswirt anders als ein normaler Kaufmann?

      • „Das zeigt eine Schwäche bei der Unterscheidung von Kredit- und Willkürgeld…“

        Das ist richtig, nur, denke ich, wenn man zwischen Willkürgeld und Kreditgeld überhaupt unterscheiden kann, dann eben nur formal: Kreditgeld ist dann gegeben, wenn dem emittierten Geld immer eine Verbindlichkeit (die auf ebendieses Geld lautet) gegenübersteht. Ob diese Verbindlichkeit „besichert“ werden muss steht auf einem anderen Blatt, Staatsanleihen, die alle großen Zentralbanken außer der EZB in ihrer Bilanz haben sind nicht besichert (wodurch auch), während Kredite der EZB an die Geschäftsbanklen oft durch Staatsanleihen besichert sind, also keine realen Werte dahinter haben.

        Sonst wird die Unterscheidung, nun ja, rein willkürlich. Nehmen wir z.B. die Reichsbank Ende 1922 und das Federal Reserve heute. In beiden Fällen haben wir eine Zentralbank, die Staatsanleihen in ihrer Bilanz hält, in beiden Fällen liegt der Anteil bei ca. 55%. Auch der Regierungseinfluss ist in beiden Fällen durchaus vergleichbar (der Vorsitzende der FED muß seine Politik z.B. regelmäßig vor dem Kongress rechtfertigen). Der einzige Unterschied war bzw. ist das Ergebnis – Hyperinflation bei der Reichsbank, niedrige Inflation in den USA. Kann man allein deshalb sagen: ja, aber die Reichsbank hat sich falsch benommen (warum auch immer) – deshalb war die Papiermark Willkürgeld, während die FED alles richtig tat, deshalb ist US-Dollar Kreditgeld?

      • Entscheidend ist wohl die faktische Unabhängigkeit der Zentralbank. Wenn es keinerlei Forderung (oder realen Wert) gibt, der dem Zentralbankgeld gegenübersteht, dann ist es eindeutig Willkürgeld. Wenn Gläubiger und Schuldner der Forderung in Wirklichkeit eine Einheit bilden, ist es ebenfalls Willkürgeld. Wenn eine Zentralbank also Weisungen vom Finanzminister erhält und ihm gegen Schuldschein beliebige Summen aushändigen muss, kann man auf den Schuldschein auch verzichten. Entscheiden hingegen Zentralbank und Regierung unabhängig voneinander, führen Staatsanleihen zu Kreditgeld. Das gilt erst recht, wenn es sich um fremde Staatsanleihen handelt, also z. B. die EZB US-amerikanische oder britische Anleihen besitzt.

        Stellen Sie sich vor, Privatbanken dürften (wieder) ihr eigenes Geld in Umlauf bringen. Ich eröffne die Dilger-Bank und gebe Dilger-Dollar aus. Wenn diese mit Gold gedeckt sind, könnten sie durchaus Anklang finden. Eine Deckung mit Immobilien, Aktien, Staatsanleihen oder erstklassigen Unternehmensanleihen muss nicht schlechter sein. Doch wenn ich selbst meiner Bank einen Schuldschein gebe, damit sie mir eine Milliarde Dilger-Dollar auszahlt, dann würden Sie die vielleicht doch nicht so gerne annehmen.

      • „Doch wenn ich selbst meiner Bank einen Schuldschein gebe, damit sie mir eine Milliarde Dilger-Dollar auszahlt, dann würden Sie die vielleicht doch nicht so gerne annehmen“

        Nun ich denke das hängt vom Vertrauen ab. Wenn ich so ein Vertrauen in Sie habe, dass Sie das von ihrer eigenen Bank geliehene (Dolger-)Geld zurückzahlen werden und nicht stattdessen die (Dilger-)Geldmenge mit immer weiter aufblähen, dann würde ich die Dilger-Dollar annehmen. Letzlich ist die Unabhängigkeit der Zentralbank eine Illusion, eine Zentralbank ist genauso wie die Regierung eine staatliche Institution. Aber diese Illusion stärkt das Vertrauen, dass der Staat sein Geldmonopol nicht mißbraucht.

        Aber ich verstehe schon, worauf Sie hinauswollen.

  3. Da fehlt mir das Fachwissen.

    Ich weiß nur,das Banken wenn sie Kredite vergeben die Geldmenge zunimmt.
    Soweit ich weiß,müssen sie nur einen kleinen Teil des vorhandenen Geldes selber beitragen.
    Den Rest kriegen sie weiß ich nicht wo her,alles in der Erwartung einer Wertsteigerung durch die Kreditvergabe – also eine Art angenommene Wertschöpfung.

    Und soweit ich den Beitrag verstehe,steht dem Willkürgeld keine anzunehmende Wertschöpfung gegenüber.

    Habe ich das so in etwa richtig verstanden ?

    • Bei der Kreditvergabe von Banken steigt typischerweise die Geldmenge M1, also die Sichteinlagen bei den Banken, nicht aber M0, das Zentralbankgeld. Die Sichteinlagen (Guthaben auf den Girokonten) können die Banken bei Beachtung bestimmter Regeln selbst schaffen und Ihnen z. B. gutschreiben, wenn Sie gleichzeitig einen Kreditvertrag unterzeichnen. Sie bekommen also z. B. eine Millionen auf Ihr Bankkonto (was eine Verbindlichkeit der Bank darstellt), weil Sie gleichzeitig einen Kredit über einen Millionen bei der Bank aufnehmen (Verbindlichkeit von Ihnen). Eine Wertschöpfung findet an dieser Stelle gar nicht statt, sondern eine reine Bilanzverlängerung. Als Unternehmer schaffen Sie hoffentlich dann mit der Millionen reale Werte.

      • @ Dilger: Sehe ich das richtig? Da keine Werte bei der Kreditvergabe aus dem Nichts geschaffen werden, können bei der Nichtrückzahlung des Kredites auch keine Vermögensschäden entstehen, die zum Beispiel rechtlich zu belangen wären.Mal abgesehen vom Bearbeitungsaufwand usw. Müsste sich da die Rechtssprechung nicht anpassen?

      • Das sehen Sie nicht richtig. Es werden sozusagen wechselseitig zwei Kredit geschaffen. Sie schulden der Bank eine Millionen Euro (über den Kreditvertrag) und diese Ihnen auch (über Ihr Sichtguthaben). Wenn Sie nun Ihren Kredit nicht zurückzahlen, hat die Bank einen entsprechenden Schaden. Es gibt allerdings tatsächlich die Möglichkeit, dass Sie den Kreditvertrag annulieren lassen (z. B. im Rahmen Ihres Widerrufrechts), womit er rückabgewickelt wird (Sie müssen dann natürlich die Millionen zurückgeben, aber z. B. keinen Schadenersatz für entgangene Zinsen in der Zukunft bezahlen).

      • @Dilger 19:32 Ur. Ihr Kommentar hat mich angeregt, zum Thema wirklicher Vermögenssschaden bei Kreditbetrug zu recherchieren. Interessanterweise gibt es sogar eine Petiton, die fordert, dass der wirkliche Vermögensschaden bei Strafbemessung berücksichtigt werden sollte, da der meist aufgrund des Geldschöpfungsvorganges viel geringer als die vereinbare Kreditsumme (samt Zinsen) sei. Also ganz so von der Hand zu weisen, zumindest teilweise, ist meine Frage wohl nicht.

        https://www.openpetition.de/petition/online/giralgeldschoepfung-im-strafrecht-beruecksichtigen

  4. Auszüge aus der von Chufu verlinkten Petition (https://www.openpetition.de/petition/online/giralgeldschoepfung-im-strafrecht-beruecksichtigen):

    „Tatsächlich schulden Banken niemals Sparern oder anderen Banken Geld, wenn ein Kredit ausfällt. Denn Kredite werden aus Geld vergeben, das erst dadurch entsteht, dass Banken sowohl eine Forderung als auch eine Verbindlichkeit gegen den selben Kreditnehmer buchen. Geld entsteht also durch Bilanzverlängerung. Banken gestehen damit bilanzrechtlich ein, die Forderung mit einer ebenso hohen Schuld zu begründen. Um dieses Geld aus dem Nichts zu schöpfen, müssen Banken seit 2012 nur 1% des Kreditbetrages bei der Zentralbank als Mindestreserve hinterlegen.“
    Und
    „… wenn der ausgefallene Kreditbetrag weder an Sparer noch an andere Banken zurückgezahlt werden muss, sondern bereits durch die Gegenbuchung der bei der Geldschöpfung gebuchten Forderung und Verbindlichkeit gegen den selben Kreditnehmer wieder aufgelöst wird und damit zu einer Bilanzverkürzung führt, gibt es bei der Giralgeldschöpfung, im Gegensatz zu der Annahme, dass das Geld noch anderen Banken oder Sparern geschuldet wird, eine das Eigenkapital mindernde Verbindlichkeit nicht.“

    Die von Ihnen verlinkte Petition beruht auf einem Denkfehler, Chufu.
    Nämlich der Illusion, dass der Bank durch Kreditausfälle kein Schaden entstehen würde, weil die Geldschöpfung aus dem Nichts erfolgt, und „nur“ eine Bilanzverlängerung sei.
    Die Behauptung, dass „Banken niemals Sparern oder anderen Banken Geld [schulden], wenn ein Kredit ausfällt“ ist falsch.

    Tatsächlich würde der Bank dann KEIN Schaden entstehen, wenn der gewährte Kredit noch auf dem Konto des Kreditnehmers (K) läge.
    Aber dann gäbe es ja auch keinen Kreditausfall.
    Der Kreditnehmer (K) muss das Geld also ausgegeben haben. Dafür gibt es -3- Wege:

    1) K hat das Geld bar abgeholt. In diesem Falle hat er auf Zentralbankgeld zurückgegriffen. Das haben Sparer bei seiner Bank eingelegt, oder diese hat es als Zentralbankkredit bekommen. Bank schuldet denen also das Geld.

    2) Überweisung an anderen Kunden derselben Bank: Die Bank schuldet das Geld jetzt DIESEM Kunden; der ist jetzt ein (insoweit) neuer Sparer. (Die Bank hat also den Kredit zwar nicht aus irgend einer Spareinlage finanziert, aber sie hat eine neue Spareinlage bei sich geschaffen.) Nehmen wir an, es gäbe sonst keine weiteren Kunden, dann leuchtet es unmittelbar ein, dass die Bank dem Sparer das Geld nur dann auszahlen kann, wenn K den Kredit getilgt hat.

    3) Überweisung an Kunden einer anderen Bank: Geht im Grundsatz nur mittels Zentralbankgeld. Wie bei der Barzahlung muss die abgebende Bank also auf Zentralbankgeld zurückgreifen, dass Sparer bei ihr eingelegt haben, oder dass sie als ZB-Kredit erhalten hat. Freilich gleichen sich in der Realität die Zahlungsströme zwischen den Banken teilweise aus, so dass real nur ein Differenzbetrag zu überweisen ist. Aber auf jeden Fall hat die aufnehmende Bank ihrem Kunden das Geld gutgeschrieben und sie hat es (wenn auch vielleicht „nur“ durch gegenseitige Forderungsverrechnung) von der abgebenden Bank erhalten.
    Der abgebenden Bank „fehlt“ damit die Kreditsumme, wenn sie vom Kreditnehmer nicht getilgt wird.

    Die Verwirrung entsteht durch die Vermischung von ex-ante- und ex-post-Perspektive:
    – Ex ante (im Voraus) braucht die Bank kein Geld, um einen Kredit zu schöpfen und auf dem Konto des Kreditnehmers einzubuchen.
    – Ex post (im Nachhinein, d. h. in dem Moment, wo der Kreditnehmer das Geld abgehoben oder an einen Dritten überwiesen hat) schuldet die Bank DIESEM Geld (oder musste, bei Barabhebung, auf Spareinlagen zurückgreifen). Und das kann sie dem Dritten vom Grundsatz nur auszahlen, wenn der Kreditnehmer ihr das Geld zurückgezahlt hat.

    • Vielen Dank Brinkmann, vielen Dank für die interessante, anschauliche Darstellung, die auf dem ersten Blick einleuchtet. Ich werde aber das alles erst am Donnerstag durchgehen können, heute ist zu spät und morgen bin ich auf Geschäftsreise. Zur Petition existiert auch noch ein halbstündiges Video, das ich gestern bei youtube entdeckte, mit der Stimme von Carlos Gebauer, der sich wohl viel mit dem Thema beschäftigte.
      http://de.wikipedia.org/wiki/Carlos_Gebauer

    • Richtig, die girale Geldschöpfung ist eine Bilanzverlängerung. Eine entsprechende Bilanzverkürzung, bei der Kredit und Giralgeld gleichzeitig wieder verschwinden, ist unschädlich. Wenn jedoch nur der Kredit ausfällt, aber das Giralgeld abgezogen wurde (durch Überweiung oder Auszahlung), entsteht der Bank natürlich ein Schaden in entsprechender Höhe.

      • @Dilger: Das von mir eingestellte Video von der Piratenpartei (und leider von Ihnen nicht freigegebene) hat genau das (mit der Bilanzverlängerung und -verkürzung) anhand der Betrachtung von Bilanzen versucht abschaulich darzustellen.Ich glaube gar nicht so schlecht.

  5. Korrektur. Oben hatte ich gesagt:

    „Tatsächlich würde der Bank dann KEIN Schaden entstehen, wenn der gewährte Kredit noch auf dem Konto des Kreditnehmers (K) läge. Aber dann gäbe es ja auch keinen Kreditausfall. Der Kreditnehmer (K) muss das Geld also ausgegeben haben.“

    Das ist nicht ganz, bzw. nicht in allen denkbaren Fallgestaltungen richtig.
    Nehmen wir an, das Geld liegt zwar noch auf dem Konto, aber der Kreditnehmer geht pleite. Dann dürfte das Geld in die Insolvenzmasse fallen. Es steht ja aufgrund des Kreditvertrages im Eigentum des Kreditnehmers. Auch in diesem Falle käme die Bank also nicht mehr dran, sondern müsste das Geld als Verlust (vorbehaltlich einer Quotenerstattung im Insolvenzverfahren) ausbuchen.

    Hier lässt sich ein weiterer wichtiger Gedankengang im Zusammenhang mit dem Eingangsposting von Prof. Dilger anfügen.

    Der Mann auf der Straße ist sich selten bewusst, dass es ZWEI Insolvenzgründe gibt (die im Einzelfall auch zusammenkommen können). (Das gilt auch für Private; aber nachfolgend geht es mir um Banken):
    1) Zahlungsunfähigkeit (in der Reinform OHNE Überschuldung
    und
    2) Überschuldung (idealtypisch ohne Zahlungsunfähigkeit).

    Zwei Modelle; für BEIDE gilt:
    Bank hat 800.000,- Einlagen (Währung ist egal), 200.000 in der Kasse (in unserem Denkmodell identisch mit der Summe des Eigenkapitals) und 800.000,- vergebener (und damit ausstehender) Kredite.

    1. Zahlungsunfähigkeit (ohne Überschuldung):
    Kredite sind NICHT notleidend, d. h. mit Rückzahlung ist zu rechnen. Sie sind daher zum Nennwert verbucht; aber Geld kommt natürlich erst bei Fälligkeit der Kredittilgung rein.
    Plötzlich und unerwartet 😉 ziehen jedoch die Einleger 500.000,- ab (bank run). Da die Bank nur 200.000,- in der Kasse hat, fehlen ihr MOMENTAN 300.000,-. Die bekommt sie als ELA (emergency liquidity assistance) von ihrer nationalen Notenbank, mit Zustimmung der EZB, geliehen.
    DAS ist absolut in Ordnung, und das ist gerade die ureigene Aufgabe, die Raison d’être von Zentralbanken: VORÜBERGEHEND zahlungsunfähigen, aber NICHT ÜBERSCHULDETEN Geschäftsbanken aus der Patsche zu helfen.
    Am Ende tilgen die Kunden ihre Kredite bei der Geschäftsbank, und die kann ihren eigenen Kredit bei der Zentralbank tilgen.

    2. Überschuldung (ohne oder mit Zahlungsunfähigkeit)
    Gemeinsames Szenario zunächst wie oben (800 Tsd. Einlagen usw.); außerdem hier: Kredite i. H. v. 500.000,- sind notleidend (mit einer Rückzahlung ist nicht zu rechnen).

    a. Bank (vorerst noch) zahlungsfähig: Kunden heben 100.000,- ab. Zahlungstechnisch* kein Problem, weil die Bank ja das Doppelte in der Kasse hatte. Auf Dauer wird das aber wohl nicht funktionieren (es sei denn, neue Kundeneinzahlungen überdecken weiterhin die Geldabflüsse).
    * buchhalterisch müsste die Bank aber natürlich die Insolvenz beantragen.

    b. Bank (sofort) zahlungsUNfähig: Kunden heben 300.000,- ab. Bei einer „heilbaren“ Zahlungsunfähigkeit (Version 1) wäre hier die Notenbank mit 100.000,- Kredit eingesprungen. Vorliegend hatte die Bank aber bereits vor den Abhebungen nur noch 700.000,- „Gute“ (500.000,- solvente Kredite + 200.000,- EK), jedoch 800.000,- „Schulden“ bei ihren Sparern (Einlagen). Sie war also mit 100.000,- ÜBERSCHULDET.

    Normaler Weise dürfte das nicht sein; die Bank müsste sofort geschlossen werden und Insolvenz beantragen. Bei Fortführung der Geschäfte wäre (jedenfalls in Deutschland) der Bankvorstand wegen Insolvenzverschleppung dran.

    Wenn ich allerdings lese, dass die griechischen Geschäftsbanken
    – knapp 40% notleidende Kredite haben und
    – über 40 Mrd. € über das Finanzierungsinstrument EIGENER ANLEIHEN bei ihrer Notenbank (und damit letztlich bei der EZB) aufgenommen, dann gehe ich davon aus, dass diese Banken nicht nur zahlungsunfähig sind (bzw. ohne diese Kredite wären), sondern dass sie auch überschuldet sind. Denn keine Bank hat ein Eigenkapital von 40% der Ausleihungen, wie es aber nötig wäre, um diese Ausfälle abzudecken.
    Es ist also zu vermuten, dass die EZB hier tatsächlich „Zombie-Banken“ „durchschleppt“, d. h. Beihilfe zur Insolvenzverschleppung leistet.
    Und ggf. (so geschehen in Zypern) auch Beihilfe zum Eingehungsbetrug. (Jedenfalls der Sache nach; justitiabel sind Don Draghi und seine Kumpane natürlich nicht.) „Eingehungsbetrug“ würde nach deutschem Recht dann vorliegen, wenn eine Bank nach eingetretener Überschuldung diese verschleiert, und durch dieses Täuschungsmanöver weitere Kundeneinlagen anlockt, die bei einer späteren Insolvenz „dran glauben müssen“.

    Zudem liegt hier eine verschleierte Staatsfinanzierung vor:
    Es wäre (wenn überhaupt) eine Aufgabe des STAATES, überschuldete Banken zu sanieren.
    Griechenland kommt durch einen Trick von Don Draghi & Kumpanen bequem aus dieser Nummer raus:
    Die Banken stellen Anleihen auf sich selbst aus (wie sie sie, wenn sie die entsprechende Reputation hätten, am Markt verkaufen könnten. Funzt bei denen natürlich nicht.) Um ihren eigenen formalen Anforderungen („Kredite an Geschäftsbanken nur gegen Sicherheiten“) zu genügen, lässt die EZB diese Bankanleihen mit einer Garantie des griechischen Staates ausstatten, dass er bei Insolvenz der Banken an deren Stelle die EZB-Forderung tilgen würde.
    Praktisch ist das natürlich irrelevant, weil Griechenland ja selber genauso pleite ist, wie vermutlich seine Banken. Aber auf dem Papier hat damit „alles seine Ordnung“.
    Nur dass VOLKSWIRTSCHAFTLICH diese „Bank-„Anleihen richtiger Weise als Staatsanleihen gewertet werden müssen.

    Spannende Frage wäre, auf welche Weise die griechischen (und früher, vielleicht sogar immer noch, die zypriotischen Banken) die Überschuldung bilanziell verschleiern.
    Im Rahmen des (mittlerweile weltweit üblichen) angelsächsischen „Mark-to-market“-Bilanzierung soll es zulässig sein, bei einer schlechten finanziellen Verfassung eines Unternehmens eigene Schulden unter pari zu bewerten. Wenn die griechischen Banken so bilanzieren, würden sie also z. B. die 40 Mrd. Schulden nur mit 20 Mrd. ansetzen. Und hätten damit 20 Mrd. Reserve.
    Konkret weiß ich nicht, wie das läuft, und bin auch kein Bilanzexperte.
    Ganz grundsätzlich halte ich es allerdings für möglich, dass das Mark-to-market Bilanzierungssystem des britischen Seeräubervolkes eine wesentliche Rolle in der aktuellen Finanzkrise (und auf dem Weg dorthin!) gespielt hat.

    Zurück zur EZB, und speziell zum WILLKÜRGELD:

    Nehmen wir rein hypothetisch an, die Eigenanleihen der griechischen Banken wären NICHT vom griechischen Staat (lies: vom deutschen Steuerzahler!) besichert, und würden ausfallen (die Banken also pleite gehen).
    DANN wären die ELA-Kredite der EZB (via griechischer Notenbank) WILLKÜRGELD: Die EZB hätte das Geld „gedruckt“, es wäre an Gläubiger der Banken geflossen (also, wie Prof. Dilger oben bereits sagte, nicht mehr rückholbar!) und würde damit als zusätzliche Geldmenge in der Wirtschaft kursieren. Ohne dass diesem Geld (anders als im Normalfall der kreditären Geldschöpfung) eine zusätzliche Wertschöpfung i. d. Realwirtschaft gegenüberstünde.

    • @Brinkmann, Dilger (13:58):
      Im Zusammenhang mit Gelddeckung durch Gold:

      Gibt es Neuigkeiten bzgl. des deutschen Goldes, das angeblich in den USA lagern soll? Was ist da los? Warum bekommen wir es nicht zurück oder warum dürfen nicht es einmal bei unseren angeblichen „Freunden“ in Augenschein nehmen?

      • „Fachlich fundiert“: Danke, Hr. Gunczy!
        Aber, um Missverständnisse zu vermeiden, möchte ich hier klarstellen, dass ich wirtschaftswissenschaftlicher Laie bin.
        Das hat Nachteile, weil ich mit Mathematik überhaupt nicht und mit Fachbegriffen nur mühsam klarkomme.
        Der Vorteil ist, dass ich alles „zu Fuß“ durchdenken muss, Schritt für Schritt, und somit nicht, wie das in den (mehr oder weniger) Geisteswissenschaften gelegentlich zu beobachten ist, verführt bin, abgelöst von der Realität mit Begriffen zu jonglieren um meine eigenen Kaninchen aus den Zylinder zu ziehen.
        (Ein krasses Beispiel von realitätskonträrer Begriffsspielerei ist etwa bei dem MMT-Theoretiker Wrandall L. Wray die Verwendung des Begriffs „IOU“ – Schuldschein – für Geld . Der leitet eine angebliche Gleichwertigkeit von 3 sehr verschiedenen Sachverhalten kurzerhand daraus ab, dass er sie alle mit demselben Begriff – eben IOU – belegt. Näher s. http://beltwild.blogspot.de/2014/03/time-to-say-goodbye-to-slipshod.html)

        „Dabei wird allzu gerne vergessen, dass diese Gelder vorher als Einnahmen deutscher Exporteure in die deutsche Wirtschaft flossen.“
        Das ist ein zwar richtiger Satz, Michael Gunczy, aber der ist wiederum seinerseits ergänzungsbedürftig durch die Feststellung:
        „Dabei wird allzu gerne vergessen, dass diese Gelder vorher als Einnahmen deutscher Kapitalbesitzer in deren Taschen flossen.“

        In die deutsche (Real-)Wirtschaft fließen diese Gelder ja gerade nicht; wäre es so, dann hätten wir keinen Exportüberschuss, dann würden sich (im Prinzip) Angebot und Nachfrage ausbalancieren, und wären unsere Kapazitäten eben schon durch die inländische Nachfrage (minus Importe plus Exporte, die sich dann in etwa neutralisieren würden) ausgelastet.

        Und das mögen typischer Weise die Großkonzerne sein, Kommentator „MM“, aber das ist weder zwingend, noch ausschließlich: Auch so mancher Mittelständler exportiert ja ganz gut.
        Was ich denen an sich gern gönne, und worüber wir, rebus sic stantibus (d. h. unter den gegebenen Systemparametern) auch froh sein können.

        Allerdings stellt eine neue Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung m. E. zutreffend fest (http://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/45167_51581.htm):
        „Große Ungleichheit ist nicht nur aus sozialer Sicht problematisch, sondern auch keine gute Voraussetzung für eine solide Wirtschaftsentwicklung: Einkommensschwache Haushalte und eine Mittelschicht mit stagnierenden Einkommen können nicht so viele Güter kaufen, wie für Vollbeschäftigung nötig wäre. Investitionen in neue Maschinen und Gebäude erscheinen deshalb nicht rentabel. So legen die Reichen ihr Geld eher an den Finanzmärkten an. Dieser „Überersparnis“ steht eine zunehmende Verschuldung unterer und mittlerer Einkommensklassen oder des Auslands gegenüber, erklären die IMK-Forscher Jan Behringer, Thomas Theobald und ihr Ko-Autor Prof. Dr. Till van Treeck, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen. In beiden Fällen handele es sich nicht um nachhaltige Wirtschaftsmodelle, betonen die Forscher.“

        Das ist natürlich die „Unterkonsumtionstheorie“ (ich selber bevorzuge die Bezeichnung „Überakkumulationstheorie“, weil es für die Kapazitätsauslastung im Prinzip egal ist, ob die Nachfrage von der Konsum- oder der Investitionsseite ausgeht).
        Und dass diese Sicht der Dinge von der Hans Böckler-Stiftung, also von den Gewerkschafen, vertreten wird, kann auch nicht überraschen; da steht natürlich auch die Interessenposition der Arbeitnehmerseite dahinter.
        Aber ganz allgemein (und das wird leider sehr häufig übersehen, bzw. unter den Tisch gekehrt) ist eine Meinung nicht schon deshalb falsch, weil sie dem Partikularinteresse einer bestimmten Gruppe entspricht. Das ist zwar ein Grund zur Vorsicht, aber für sich genommen noch lange kein Ablehnungsgrund.
        Und die ‚Überakkumulationstheorie‘ (Unterkonsumtionstheorie) ist per se (mindestens) ebenso legitim wie das neoliberale Angebotsmantra, das eben auch keine göttlichen Wahrheiten verkündet, sondern (auch) eine wissenschaftlich verbrämte Interessenvertretung der Kapitalbesitzer ist. (Wobei ich, ganz allgemein, nicht verkenne, dass die Wirtschaftssubjekte nur das konsumieren können, was sie vorher produziert haben; von Nichts kommt Nichts.)

        Eigentlich muss man nicht einmal ein Fachmann sein, um zu begreifen, dass eine Wirtschaft nicht funktionieren kann, wenn eingenommene Gelder nicht wieder (in der Realwirtschaft) ausgegeben werden: Man muss lediglich im Monopoly-Spiel mal verloren haben. 😉
        Die modernen Hortungsformen – Kopfkissen ist ja megaout – hat, für mich ebenso eindrucksvoll wie überzeugend, ein gewisser Christopher Mensching fachwissenschaftlich so beschrieben: „Geldhortung als Nachfrageausfall in der Stromgrößensphäre“ – http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/mensching/zfs-142-22-29.pdf.

        Schädlich ist insoweit freilich JEDE Überakkumulation. Nicht nur diejenige der Reichen, sondern ebenso beispielsweise die der chinesischen Wanderarbeiter (denen Ben Bernanke den Schwarzen Peter zuschiebt in: The Global Saving Glut and the U.S. Current Account Deficit – http://www.federalreserve.gov/boarddocs/speeches/2005/200503102/default.htm und auch in späteren Reden).
        Und, last not least, die Kapitalakkumulation zur Rentenfinanzierung im „Kapitaldeckungsverfahren“. (D. h. aus Zinsen und Kapitalverzehr; dem gegenüber funktioniert unsere gesetzliche RV nach dem „Umlageverfahren“: Die Beiträge der Jungen finanzieren die Renten der Alten.)
        Zu diesem ganzen Komplex hatte ich, bereits im Jahr 2004, eine veritable „Doktorarbeit“ (100 S. oder so) unter dem Titel „Rentenreich“ verfasst (http://www.beltwild.de/rentenreich.htm), die mein erster entscheidender Einstieg in die Gedankenwelt der Volkswirtschaftslehre war.

        Die Ratio der Umstellung vom Umlageverfahren auf das Kapitaldeckungsverfahren haben Prof. Hans-Werner Sinn u. a. in einem Gutachten von 1998 darin gesehen, fehlendes Humankapital durch die Bildung von mehr Sachkapital (also durch eine Steigerung der Investitionen) zu kompensieren.
        Das ist schon intrinsisch eine fragwürdige Position für Marktwirtschaftler. Denn als solcher müsste man ja davon ausgehen, dass der Markt selber sein Investitionsoptimum findet (bzw. zum jeweiligen Betrachtungszeitpunkt gefunden hat. Dem gegenüber läuft die schlaue Idee einer ‚Humankapitalsubstitution‘ auf eine investive Zwangsstopfmast hinaus.
        Darüber hinaus rentieren sich Investitionen nur dann, wenn später jemand die Produkte kauft. Das ist etwas schwierig, wenn ich den Menschen noch mehr Geld (zwecks Rentenvorsorge) wegnehme.
        (Folgerichtig hatte Ben Bernanke China zur Einrichtung einer Altersvorsorge aufgefordert, damit die Wanderarbeiter mehr Zukunftssicherheit haben und mehr konsumieren, anstatt zu sparen. Was er – logisch als Vertreter der Kapitalinteressen – dabei unterschlagen hat: Dass das UMLAGEverfahren noch besser als ein Kapitaldeckungsverfahren fürs Entsparen sorgen kann.)

        Das aber nur als Einschub um aufzuzeigen, dass sich die Überakkumulationstheorie nicht zwangsläufig immer nur gegen „die Reichen“ richtet, sondern dass man da auch auf anderen Feldern nicht blind sein darf. (Konkret ist das einfach eine Frage der quantitativen Proportionen; dazu fehlt mir, wiederum ein Nachteil meines Laienstatus, die Qualifikation zum „data mining“ 🙂 ).

        Kehren wir also zurück zu unserem eigentlichen Anliegen, bei der Welt- Wirtschafts- und Finanzkrise zu verstehen (frei nach Niklas Luhmann):
        – Was ist der Fall?
        – Und was steckt dahinter?

        Über diese beiden Fragen habe ich in meinem Blott „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein denke!“ meditiert (http://beltwild.blogspot.de/2010/02/es-ist-nicht-gut-dass-der-mensch-allein.html).

        Für zentral halte ich insoweit das Sinken der Geldumlaufgeschwindigkeit.
        Das ist insofern freilich ein intellektuell gefährlicher (und die sozioökonomische Realität potentiell verharmlosender) Begriff, als er auf den 1. Blick suggeriert, Sie und ich würden jetzt den Euro zweimal umdrehen, bevor wir ihn ausgeben.
        Aber so ist es ja nicht. In Deutschland sind die Verbraucher heute sogar ausgabenfreudiger als früher. Jedoch werden offenbar riesige Summen jenseits der „Stromgrößensphäre“ gebunkert.
        Dadurch ergibt sich, jenes Phänomen, das man STATISTISCH als sinkende Umlaufgeschwindigkeit des Geldes bezeichnen kann – solange man nicht vergisst, welche REALITÄT dahinter steckt.

        Das Problem mit Perspektiven wie der obigen sind massive gesellschaftliche Widerstände, die sich aus zwei Quellen speisen.

        Zum einen sind sie aus wirtschaftlichen Interessen geboren. „Jeder“ (außer mir 😉 ) hat ein paar Euronen auf dem Konto, und fühlt sich deshalb angegriffen und bedroht, wenn jemand aufzeigt, dass ein Über-Sparen volkswirtschaftliche Probleme auslösen kann.
        Freilich muss den Sprechern selber die Interessenperspektive keineswegs immer bewusst sein. Der Handelsblatt-Redakteur Norbert Häring schreibt, für mich überzeugend, über die Wirtschaftswissenschaft (http://www.gazette.de/Archiv2/Gazette39/Haering.pdf):
        „Fratzscher drückt damit [mit seiner Forderung „dass die Forschungsergebnisse
        des Instituts [DIW] politisch neutral“ sein sollen] die Lebenslüge der heutigen Ökonomen aus. Ihre Vorgänger haben zu Anfang des 20. Jahrhunderts scheinbar das Politische aus dieser Sozialwissenschaft verbannt, wie es im ursprünglichen englischen Namen „Political Economy“ zum Ausdruck kommt. In Wahrheit habe sie das Politische ihres Fachs aber nur so tief im Fundament der grundlegenden Annahmen vergraben, dass heutige Ökonomen nicht einmal mehr erkennen, dass sie die Interessen der Bezieher von Kapitaleinkommen zu Lasten der Interessen der Arbeitnehmer vertreten. Sie bilden sich tatsächlich ein, sie betrieben werturteilsfreie Wissenschaft.“

        Weitere Widerstandsnester verorte ich in einem anderen intellektuellen Bereich.
        Wir alle stehen unter dem kulturellen Druck, zu allem eine Meinung zu haben.
        (Ein hübsches Beispiel dafür lieferte einst eine US-Umfrage zu einem angeblichen Gesetz über die metallischen Metalle: http://en.wikipedia.org/wiki/Metallic_Metals_Act. Die Umfrage ist zwar methodisch nicht unumstritten; aber, wie Giorgio Vasari sagen würde: Se non è vero, è ben trovato: Selbst wenn sie nicht wahr sein sollte, wäre sie anekdotisch treffend.)
        Wohl deshalb gibt es auch so viele Laien, die „ganz genau wissen“, dass „das Geldsystem“ an der Finanzkrise Schuld ist, oder „die Bankengier“ oder „die Fed“ (womöglich noch mit den Rockefellers und Rothschilds als Strippenziehern).

        Dasselbe Problem hat natürlich auch die Wissenschaft. Ich denke mal, dass auch schon die Pestärzte der frühen Neuzeit (Bild: http://cid.oxfordjournals.org/content/34/8.cover-expansion 😉 ) „alles über die Pest wussten“. Auf diese Weise kommt man wissenschaftlich natürlich nicht weiter.
        Nur wenn man (was Fachleute noch schwerer fallen dürfte als Laien) anzuerkennen bereit ist, dass man eben vieles, und vielleicht sogar das Wesentliche – noch – nicht weiß, ist man motiviert, die Erkenntnissuche vehement voranzutreiben.

        Ich selber habe zwar keinerlei Überblick über die wirtschaftswissenschaftliche Literatur. Aber wenn in der Meldung des Böckler-Instituts behauptet wird, dass
        „viele international führende Ökonomen die wachsende Ungleichheit als eine wesentliche Ursache für die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 und 2009“ ansehen, dann habe ich so meine Zweifel. Zwar sind mir einige derartige Stimmen untergekommen (etwa aus dem amerikanischen, wohl marxistisch ausgerichteten, aber nach meinem Eindruck recht unideologischen Magazin „Monthley Review“ http://monthlyreview.org/, und schon lange VOR der Krise). Aber insgesamt habe ich den Eindruck, dass jedenfalls im wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream die Unterkonsumtionstheorie zwar als Erklärungsansatz für die WWK 1 (1929 ff.) durchaus verbreitet war (vgl. „Yes, we know! Zumindest könnten wir die eigentlichen Gründe für die neue Weltwirtschaftskrise kennen“ – http://beltwild.blogspot.de/2008/11/yes-we-know-zumindest-knnten-wir-die.html), aber heute ziemlich unter die Räder gekommen ist – bzw. unter die Räder befördert wurde.

        Mit Patentrezepten habe ich meine Probleme, und ebenso mit Rezepten, die explizit oder implizit auf der Annahme aufbauen, dass wir es mit einer temporären technischen Störung zu tun hätten, die wir durch temporär wirksame Maßnahmen (etwa: jedem Bürger ein paar Tausend Euro in die Hand drücken: http://www.faz.net/aktuell/finanzen/geldpolitik-der-geldregen-aus-dem-ezb-hubschrauber-13217990.html) beseitigen könnten.

        Als typisch für diese (falsche) Sichtweise kann man etwa Daniel Stelter heranziehen, wenn er in seinem Blogposting „Warum investieren wir nicht“ (http://think-beyondtheobvious.com/warum-investieren-wir-nicht/) schreibt:
        “Letztlich spielt es keine Rolle, weshalb Unternehmen unzureichend investieren.”
        Dazu hatte ich dort kommentiert:
        „Doch, gerade DAS ist entscheidend, wenn man das Gesamtsystem “Wirtschaft” und die längere Frist in den Blick, und vielleicht sogar in den Griff, bekommen will. Was nützt es denn, Investitionen steuerlich zu fördern, wenn die Produkte vielleicht nicht nachgefragt werden? Und es wäre ja immerhin möglich, dass sie (auch) deshalb nicht nachgefragt werden, weil die Steuereinnahmen nicht an die Kleinen verteilt werden (wo sie nachfragewirksam würden), sondern an die Unternehmen. Oder was hilft es, staatliche Investitionsaufgaben zu privatisieren, wenn hinterher der von den Benutzern zu entrichtende “Tribut” an die Vermögensbesitzer die Kaufkraft weiter schmälert.“

        Weil ich weiß, dass ich wenig weiß, verhökere ich meine Meinungen auch nicht als Wunderheilmittel (amerikanisch: „snake oil“ 😉 ) gegen die Krise.
        Sondern ich betrachte das als Versuch einer Bildung von Hypothesen, die dann in einer gigantischen und massiven Forschungsanstrengung verifziert werden müssten – aber eben auch falsifiziert werden können.
        Von daher fordere ich ein
        “ ‚Manhattan Project‘ für die Wirtschaftswissenschaften“ (http://beltwild.blogspot.de/2013/03/manhattan-project-fur-die_1.html).

        Das das eine gewaltige, und breit gefächerte Forschungsanstrengung werden muss wird klar, wenn wir realisieren, dass wir damit
        a) die Dominanz der angelsächsischen Wirtschaftswissenschaft infrage stellen würden
        b) bereit sein müssten, das wirtschaftswissenschaftliche Denken auch hinsichtlich einer potentiellen Interesseninfiziertheit selbstreflexiv zu hinterfragen
        c) Sachgebiete einbeziehen müssten, deren Zusammenhang mit der Finanzkrise nicht unmittelbar an der Oberfläche liegt. (Beispielsweise habe ich die angelsächsische Mark-to-market Bilanzierungsmethode im Verdacht, dass sie die Generierung von Buchgewinnen ohne realwirtschaftliche Deckung ermöglicht; vgl. meine Blotts „Kipper, Wipper, Notenbanken“ (http://beltwild.blogspot.de/2009/01/die-credit-default-swaps-als.html) und „Neuartige Buchgeldschöpfung im Finanzsystem als Ursache der Finanzmarktkrise: Heureka oder Denkfehler?“ (http://beltwild.blogspot.de/2009/02/neuartige-buchgeldschopfung-im.html).

        Es gibt also viel zu tun: Packen wir es an!
        Aber anpacken können wir das nur, wenn wir uns keine Illusionen darüber machen, DASS es viel zu tun gibt, und dass unsere nationalökonomischen Kenntnisse derzeit sehr dezidiert „room for improvement“ lassen! 😉

        Uff, das ist nun ein ellenlanger Text geworden. (Den ich daher auch in meinen Blog einstellen werde.)
        Aber nur so kommen wir weiter: Indem wir VERNETZT (ein Begriff des Umweltforschers Frederic Vester) denken: Alles infrage stellen, und alles, was in Betracht kommt, gedanklich kombinieren: Um endlich das Puzzle passend zu machen!

      • Den Beitrag finde ich viel zu lang für einen Blogkommentar. Das macht es auch nicht einfach, darauf zu antworten, da es zu viele Aspekte sind. Einigen Ausführungen stimme ich zu, anderen aber auch nicht. So halte ich Ihre Einschätzung der Wirtschaftswissenschaften und -wissenschaftler für nicht richtig. Inhaltlich trifft das auch auf die Ausführungen gegen das Kapitaldeckungsprinzip und allgemein die Unterkonsumtions- bzw. Überakkumulationsthese zu. In akkuten Krisen haben letztere ihre Berechtigung, aber nicht als dauerhaftes Phänomen. Wenn Sie einen dieser Punkte oder auch einen anderen näher diskutieren wollen, können wir das gerne tun, aber bitte nicht alle gleichzeitig.

      • “Dabei wird allzu gerne vergessen, dass diese Gelder vorher als Einnahmen deutscher Exporteure in die deutsche Wirtschaft flossen.”
        Das ist ein zwar richtiger Satz, Michael Gunczy, aber der ist wiederum seinerseits ergänzungsbedürftig durch die Feststellung:
        “Dabei wird allzu gerne vergessen, dass diese Gelder vorher als Einnahmen deutscher Kapitalbesitzer in deren Taschen flossen.”

        Wenn wir Humankapital mit einbeziehen, stimmt das. Denn selbstverständlich profitieren von den Erfolgen der deutschen Exportindustrie auch die dort beschäftigten Arbeitnehmer. Die Besitzer von Finanzkapital hingegen haben ein Problem: Sie dürften die Forderungen gegenüber dem Ausland halten, die als Folge des Exportüberschusses entstanden und latent von Wertverlust bedroht sind.

        In die deutsche (Real-)Wirtschaft fließen diese Gelder ja gerade nicht; wäre es so, dann hätten wir keinen Exportüberschuss, dann würden sich (im Prinzip) Angebot und Nachfrage ausbalancieren, und wären unsere Kapazitäten eben schon durch die inländische Nachfrage (minus Importe plus Exporte, die sich dann in etwa neutralisieren würden) ausgelastet.

        Das hat mit den „Geldern“ allerdings nichts zu tun. Forderungen gegenüber dem Ausland sind als Pfänder grundsätzlich durchaus anerkannt (je nach Kreditwürdigkeit des Gegenüber natürlich) und können daher auch im Inland die Geldmenge erhöhen.

        Der Handelsblatt-Redakteur Norbert Häring schreibt, für mich überzeugend, über die Wirtschaftswissenschaft [These, Ökonomen bedienten die Interessen der Bezieher von Kapitaleinkommen]

        Das überzeugt wohl nur den, der das eh schon annahm. Tatsächlich sind Aussagen im Stil eines „Wenn-Dann“ grundsätzlich wertneutral möglich, und so wie ich die Mehrheit der Ökonomen kenne, würde auch keiner von denen etwas behaupten, das er nicht selbst als durch Forschung zumindest naheliegend ansehen würde. Und wenn die Forschung seiner politischen Meinung widerspricht, sagt er dann lieber nichts als einfach nur platt das Gegenteil zu behaupten. Der gute Herr Häring macht es sich einfach: Die auf Forschungsergebnissem basierenden Forderungen passen nicht zu seiner politischen Einstellung, also ist mit denen etwas falsch. Fragt sich wirklich, wer hier ein Problem mit politischer Voreingenommenheit hat.

        Was die Frage „Umlageverfahren“ vs. „Kapitaldeckungsverfahren“ betrifft: Es ist leider unabweisbar, dass die deutsche Wirtschaft ein erhebliches Problem bekommen wird, wenn die Gesamtheit der Arbeitnehmer erst altert und dann auch noch immer weniger wird. Da ist die Bildung von Kapital die einzig denkbare Gegenmaßnahme, will man das Wohlstandsniveau aufrechterhalten, von dem die Finanzierung der Rentenzahlungen ausgeht. Oder mit anderen Worten: die Steigerung der Produktivität. Dagegen spricht das Prinzip der Marktwirtschaft überhaupt nicht, denn die insgesamt verfügbare Menge z.B. an Kapital ist natürlich eine dem Marktprozess selbst entzogene, vorgegebene Größe. Dass den mit diesem Kapital ermöglichten Investitionen auch Erträge gegenüberstehen, ist Voraussetzung für jede Art von Investition. Aber allein aus der Arbeitskraft können die Erträge, mit denen unser Rentensystem bezahlt werden soll, eben nicht mehr kommen. Der Vorteil von Investitionen ist allerdings, dass sie es uns ermöglichen, vom Wachstum in anderen Ländern zu profitieren. Und so gesehen ist dann ein gewisser Exportüberschuss gar nicht so unerwünscht.

      • Mir ist konkret dazu nichts bekannt, Chufu.
        Aber natürlich ziehe ich meine logischen Schlüsse aus der zögerlichen Art, wie die Bundesbank unser Gold – und auch nur einen Teil davon – repatriiert.

        Dass das in London und New York liegen müsste, um handelbar zu sein, kann ich nicht glauben. Bzw., wenn es so wäre, dann müssten wir das abstellen, und Goldhandeln an die Frankfurter Börse ziehen.

        Eigentlich sollte es für den Markt (anders als für uns als Volk) keine Rolle spielen, wo das Zeug liegt, solange der Lagerverwalter vertrauenswürdig ist.
        Die Fed halte ich als Verwahrer deutschen Goldes nicht für vertrauenswürdig.

  6. Kleine Anmerkung zum letzten Absatz ihrer fachlich fundiertien Replik Herr Brinkmann.
    Es wird erwähnt, dass der deutsche Steuerzahler die Verluste aus den in Griechland verschluderten Milliarden übernehmen muss. Dabei wird allzugerne vergessen, dass diese Gelder vorher als Einnahmen deutscher Exporteure in die deutsche Wirtschaft flossen.
    Das ist zwar ein schwacher Trost für den deutschen Steuerzahler, aber in dieser Hinsicht ist Volkswirtschaft doch wieder sehr nahe an der Betriebswirtschaft. Auch in diesem Fall gilt wie bei den Banken: “Heads, I win; Tails, the government/taxpayer will bail me out”

    • Im Klartext:
      Deutsche Steuerzahler (also in erster Linie der Mittelstand) übernehmen die Vollkasko-Zahlungsausfall-Garantie für Großkonzerne, so wie sie das bereits für „systemrelevante Banken“ machen.
      Auf gut Deutsch: Der Mittelstand und andere steuerzahlende Leistungsträger der Gesellschaft sind de facto Leistungs-Leibeigene des Staates, der Banken und der Großindustrie.

      Das ist die moderne Form der Sklaverei.

    • Betriebs- und volkswirtschaftliche Gewinne fallen hier doch gerade auseinander: Die Exportindustrie hat das Geld wirklich verdient, die deutsche Volkswirtschaft aber nicht. Wäre es dann nicht besser, wenn das Geld der deutschen Steuerzahler wenigstens für Ausgaben hierzulande verwendet würde?

      • Die deutsche Exportindustrie ist doch wohl auch Teil der Volkswirtschaft. Ausserdem wird nach wie vor der Export sowohl direkt, als auch durch Haftungsübernahmen etc. gefördert.
        Was ich im vorigen post gemeint habe: Man muss sich seine Geschäftspartner sowohl als Einzelunternehmer, als auch als Volkswirtschaft vor der Kreditgewährung besser screenen.

      • Natürlich gehört die deutsche Exportwirtschaft zur deutschen Volkswirtschaft. Doch wie Sie richtig beschrieben haben, ist diese gerade von den Eurokrisenstaaten oft gar nicht direkt bezahlt worden, sondern über volkswirtschaftlich unsichere Kredite, Hilfsprogramme und Targetsalden, die am Ende Fiskus und Bundesbank auf die Füße fallen. Betriebswirtschaftlich führt das trotzdem zu Gewinnen, weshalb gerade Großunternehmen bis heute für den Euro sind, doch volkswirtschaftlich ist es ein Verlust bzw. das Verschenken von realen Waren und Dienstleistungen. Doch selbst die Beschenkten hatten nicht wirklich etwas davon, so dass dieser Wahnsinn sofort gestoppt werden sollte.

  7. Dass Say’s law, oder die sog. ricardianische Äquivalenz, unpolitisch seien, Wehrwolf, das ist doch eine sehr unpolitische Annahme. (Konkret haben Sie die nicht erwähnt, aber solche Vorstellungen, u. a., geistern durch die Wirtschaftswissenschaft.)

    Mir selber ist der „bias“ der Nationalökonomie für die Kapitalinteressen seinerzeit bei meiner intensiven Auseinandersetzung mit der Rentenfinanzierungsfrage („Rentenreich“) klar geworden.
    Die Autoren des Gutachtens von 1998 hatten für die Probleme des Umlageverfahrens die Tatsache verantwortlich gemacht, dass sich die Kinderlosen am Arbeitsergebnis der Kinder anderer beteiligen können.

    Das ist zwar richtig; aber im KDV sind Eltern genauso benachteiligt.
    Die müssen ja auch in diesem System „doppelt“ bezahlen: Die Investition in ihre Kinderaufzucht (Humankapitalinvestition) und für ihre Altersvorsorge.
    Wenn man das durchdenkt zeigt sich, dass ganz allgemein die Realkapitalbesitzer die Nutznießer der elterlichen Humankapitalinvestitionen sind: Weil sie das unverzichtbare komplementäre Humankapital für lau bekommen.
    Daraus leite ich ab, dass „Sozialleistungen“ für Kinder/Eltern keine solchen sind, sondern ein „HUMKASPARENA“ – HumanKapitalSparRenditeNachteilsAusgleich.;-)
    Was dann auch die Forderung nach einer entsprechenden Besteuerung der Kapitalerträge rechtfertigt. (Und Systeme, wie das amerikanische, wo mehr oder weniger die Eltern auch noch das Studium der Kinder finanzieren müssen, als skrupellose Ausbeutung der Humankapitalsparer durch die Realkapitalbesitzer entlarvt.)

    Eigentlich sollte sich eine solche Betrachtungsweise den Ökonomen geradezu aufdrängen; dazu muss man ja lediglich den Begriff „Humankapital“ ernst nehmen und konsequent gedanklich umsetzen. Dann kommt man notwendig zu der Schlussfolgerung, dass die Kinderkosten der Eltern eine „Humankapitalinvestition“ sind. Welche den Kinderlosen erspart bleiben, die folglich auch im KDV an den „Humankapitalersparnissen“ der Eltern partizipieren. (Die Gutachter haben nicht ausdrücklich behauptet, dass das nicht der Fall sei; aus dem Kontext muss ein Leser aber folgern, dass sie diesen Zusammenhang nur für das UV gelten lassen wollten.)
    (Und die Komplementarität von Sach- und Humankapital haben die Autoren selber betont; sonst wäre ich vielleicht gar nicht drauf gekommen.)

    „die insgesamt verfügbare Menge z.B. an Kapital ist natürlich eine dem Marktprozess selbst entzogene, vorgegebene Größe.“
    Verstehe nicht, was Sie damit meinen.
    Grundsätzlich haben die Investitionen doch irgend etwas mit der Kapitalbildung, also dem Sparen, zu tun. (Auch wenn die Banken die Ersparnisse nicht direkt verleihen, sind sie zur Kreditvergabe auf Ersparnisse angewiesen – http://beltwild.blogspot.de/2014/04/banks-do-not-lend-reserves-or-deposits.html.)
    [Mein Verständnis des Geldsystems enorm gefördert hat die Auseinandersetzung mit dem Papier „Kein Kapitalabfluss aus Deutschland“ von Gustav Horn und Fabian Lindner – http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_pb_4_2011.pdf. Zwar kann ich es selbst heute noch nicht voll widerlegen. Aber die Annahme in den Beispielen (Spanier kauft in Madrid ein Porsche-Auto), dass Banken für die Kreditvergabe gänzlich ohne Einlagen auskommen, ist definitiv falsch. Auch bei Interbanken-Krediten greifen sie ja auf Spar-Einlagen zu – nur halt bei fremden Banken.]
    Nur ist es leider nicht so, dass man Ersparnisse nur in die Realwirtschaft investieren könnte; die lassen sich auch außerhalb der „Stromgrößensphäre“ horten. (Nur so lässt sich ja überhaupt das Phänomen der gesunkenen „Geldumlaufgeschwindigkeit“ erklären!)

    Das hat übrigens irgendwo (finde die Stelle nicht mehr) selbst Prof. Sinn anerkannt (der wohl der spiritus rector des Rentengutachtens von 1998 war). Er hat festgestellt, dass die deutschen Ersparnisse amerikanische Granitküchen finanziert haben, und dass das wohl nicht das Gelbe vom Ei war.
    In der Konsequenz hat er (abweichend vom Gutachten) eine weitestgehend INLÄNDISCHE Verwendung der Renten-Zwangsersparnisse gefordert.
    Aber eine investive Zwangsstopfmast funktioniert halt nicht.
    Das Gutachten hat sich das leicht gemacht und (sinngemäß) gesagt:
    !In den 60er Jahren lag die Investitionsquote bei 15%, heute nur noch bei 10%. Also zwingen wir die Leute zum Vorsorgesparen, und schwupps, geht die Investitionsquote wieder rauf.!
    Tatsächlich aber ging unser Geld nach Griechenland, und verschwand dort in der Ägäis.
    Wenn ich heute eine Investitionsquote von 10% sehe, dann kann ich doch als Marktwirtschaftler nur folgern, dass der Markt sie auf diesem Niveau eingeregelt hat. Und wenn ich die steigern möchte, muss ich mich doch zunächst fragen, WARUM der Markt die Quote gesenkt hat. (Der Grund liegt auf der Hand: In den 60ern war 1945 ja nicht gar so lange her; da gab es schon noch etwas mehr Investitionsbedarf.)
    Ich kann die Investitionsquote nicht steigern, solange dem Sparkapital Hortungsformen außerhalb der Realwirtschaft zur Verfügung stehen.

    „Die Besitzer von Finanzkapital hingegen haben ein Problem: Sie dürften die Forderungen gegenüber dem Ausland halten, die als Folge des Exportüberschusses entstanden und latent von Wertverlust bedroht sind.“
    Müssen wir für diese Bedauernswerten nun den Hut herumgehen lassen?
    Tatsache ist doch, dass die privaten Kreditgeber ihre Gelder repatriiert, und in Forderungen gegen die BuBa umgewandelt haben: DAS ist die Essenz des Anstiegs der Target-Salden. Wenn wer verliert, dann ist es jetzt die deutsche Volkswirtschaft. (Prof. Wilhelm Kohler stellt, m. E. zutreffend, fest, dass Griechenland die Rolle eines Währungsreservelandes spielt, genau wie etwa die USA – http://www.cesifo-group.de/portal/pls/portal/docs/1/1209726.PDF).
    Bei einem Zerfall der Währungsunion würden wahrscheinlich die Euro-Positionen 1:1 auf die nationale Währung als Rechtsnachfolgerin umgestellt. Da die Drachmen sicherlich rasch abwerten würden, würden sich die entsprechenden Target-Salden der BuBa genauso entwerten, wie in den 60er/70er Jahren die Dollar-Reserven.

    „… selbstverständlich profitieren von den Erfolgen der deutschen Exportindustrie auch die dort beschäftigten Arbeitnehmer.“
    Das ist auf den ersten Blick richtig, und letztlich doch falsch. Freilich lässt sich der Gesamtzusammenhang schwierig ausformulieren; auch meine o. a. Darstellung lässt sicherlich Raum für Verbesserungen. 😉

    Ich denke, man kann das mit einem Stufenmodell verdeutlichen:
    1. Deutsche Wirtschaft im Gleichgewicht; hohe Kapazitätsauslastung.
    2. Inländer (egal, ob Reiche oder Rentenaspiranten) sparen.
    3. Damit fehlt Nachfrage; Auslastung sinkt.
    4. Deutsche Ersparnisse finanzieren Kredite an Griechenland.
    5. Griechenland kauft dafür in Deutschland ein; damit steigt hier wieder die Auslastung.
    Logo profitieren davon auch die Arbeitnehmer. Aber bezahlt werden sie jetzt nicht aus Mitteln, die ihre Arbeitgeber bei den Kunden gegen Güter eingetauscht haben (und die eigenes Geld der Kunden – „Eigengeld“ – waren). Sondern aus Krediten, welche die Kapitalbesitzer (nach Griechenland) vergeben hatten.
    Liefern die Griechen dafür nicht irgendwann Waren, haben die Kreditgeber und/oder die ganze Volkswirtschaft einen Verlust: Sie haben gute Güter für wertloses Papier eingetauscht.

    Muss dann noch (u. a.) der Arbeitnehmer als Steuerzahler für die Kreditausfälle einstehen, reibt sich der Kapitalbesitzer die Hände und der Arbeitnehmer ist der Dumme.

    (Ich:) „In die deutsche (Real-)Wirtschaft fließen diese Gelder ja gerade nicht; wäre es so, dann hätten wir keinen Exportüberschuss, dann würden sich (im Prinzip) Angebot und Nachfrage ausbalancieren, und wären unsere Kapazitäten eben schon durch die inländische Nachfrage (minus Importe plus Exporte, die sich dann in etwa neutralisieren würden) ausgelastet.“
    (Sie:) „Das hat mit den “Geldern” allerdings nichts zu tun. Forderungen gegenüber dem Ausland sind als Pfänder grundsätzlich durchaus anerkannt (je nach Kreditwürdigkeit des Gegenüber natürlich) und können daher auch im Inland die Geldmenge erhöhen.“
    So Punkt für Punkt kann ich Ihr Argument nicht entkräften, weil ich den Fehler in Ihrem Denken nicht exakt identifizieren kann.
    Jedenfalls gilt für mich: Wenn die Kapitalbesitzer ihr Geld im Inland ausgeben, und die Kapazitäten dadurch ausgelastet sind, sollte es keinen Exportüberschuss geben. Mehr als 100% kann die Wirtschaft nicht leisten.

    • Auch ich habe wie der geschätzte Hausherr keine Lust, mal die ganze VWL von vorne bis hinten zu kommentieren. Daher nur die folgenden Anmerkungen auf die Antworten zu meinem vorherigen Einwurf:

      Dass Say’s law, oder die sog. ricardianische Äquivalenz, unpolitisch seien, Wehrwolf, das ist doch eine sehr unpolitische Annahme. (Konkret haben Sie die nicht erwähnt, aber solche Vorstellungen, u. a., geistern durch die Wirtschaftswissenschaft.)

      Die Frage ist doch, wer daraus Politik macht. Es gibt ja Leute, für die ist schon die Aussage, dass auch einzelwirtschaftlich die Einnahmen auf Dauer nicht höher sein können als die Ausgaben, eine politische. Wie gesagt, wenn bestimmte Aussagen den politischen Meinungen anderer nicht in den Kram passen, erklären diese sie dann gerne zu politischen. Das ist natürlich nicht ungeschickt, denn damit haben sie die von ihnen als „andere Seite“ wahrgenommene Wissenschaft dann auf ihre Ebene herabgezogen und relativiert. Was aber nicht heißt muss, dass man auf diesen Trick hereinfallen muss.

      Das ist zwar richtig; aber im KDV sind Eltern genauso benachteiligt.
      Die müssen ja auch in diesem System “doppelt” bezahlen: Die Investition in ihre Kinderaufzucht (Humankapitalinvestition) und für ihre Altersvorsorge.

      Sicher ist die „Kinderaufzucht“ (ein übel klingendes Wort übrigens – hat jemand ein besseres, das auch sowohl Erziehung als auch Fürsorge mit einschließt?) auch Humankapitalinvestition, aber doch bitte nicht nur, gerade in unserer Gesellschaft, wo ja gerade durch das Rentensystem Kinder individuell nicht mehr Investition, sondern eher Konsum darstellen. Bei uns bekommt kein Paar Kinder, weil es in irgendetwas investieren will (von emotionalen „Gütern“ mal abgesehen).

      Wenn man das durchdenkt zeigt sich, dass ganz allgemein die Realkapitalbesitzer die Nutznießer der elterlichen Humankapitalinvestitionen sind: Weil sie das unverzichtbare komplementäre Humankapital für lau bekommen.

      Wenn es denn eben nicht die staatliche Finanzierung gäbe für Kindergeld, Elternzeit, Kitas, Kindergärten, Schulen, Hochschulen, Elternzeit usw. Die ist doch nur dadurch gerechtfertigt, dass der Staat in den Kindern eine gesellschaftliche Investition sieht. Außerdem bekommen die Kapitabesitzer das Humankapital nicht „für lau“, sondern müssen sich die gemeinsam erwirtschafteten Erträge mit diesem teilen. Finanzierten sie selbst die Investition, gäbe es für spätere Entlohnung kaum noch einen Grund außer Fürsorge…

      Und Systeme, wie das amerikanische, wo mehr oder weniger die Eltern auch noch das Studium der Kinder finanzieren müssen, als skrupellose Ausbeutung der Humankapitalsparer durch die Realkapitalbesitzer entlarvt.)

      Ich schätze mal, angesichts der Rendite, die in den USA mit einem Studium erzielt werden kann, werden die Betroffenen das weniger so sehen…

      Verstehe nicht, was Sie damit meinen.
      Grundsätzlich haben die Investitionen doch irgend etwas mit der Kapitalbildung, also dem Sparen, zu tun.

      Ja. Und Sparneigung entsteht zu großen Teilen exogen.

      Aber eine investive Zwangsstopfmast funktioniert halt nicht.

      Eigentlich hätte Ihr Kommentar an der Stelle aufhören müssen…

      Ich kann die Investitionsquote nicht steigern, solange dem Sparkapital Hortungsformen außerhalb der Realwirtschaft zur Verfügung stehen.

      Ich halte den Begriff „Hortung“ hier für verfehlt. Wer in Finanzinstrumente investiert, die mit einem hohen Renditeversprechen verbunden sind, will ganz sicher nicht horten.

      Tatsache ist doch, dass die privaten Kreditgeber ihre Gelder repatriiert, und in Forderungen gegen die BuBa umgewandelt haben: DAS ist die Essenz des Anstiegs der Target-Salden.

      Oder anders herum: Zu einem privaten Kredit kommt es hier erst gar nicht.

      “… selbstverständlich profitieren von den Erfolgen der deutschen Exportindustrie auch die dort beschäftigten Arbeitnehmer.”
      Das ist auf den ersten Blick richtig, und letztlich doch falsch. Freilich lässt sich der Gesamtzusammenhang schwierig ausformulieren; auch meine o. a. Darstellung lässt sicherlich Raum für Verbesserungen.

      Gehen Sie mal getrost davon aus, dass ich schon im Bewusstsein dieser Zusammenhänge argumentiere. Der Schwenk von den im Export beschäftigten Arbeitnehmern zu den deutschen Arbeitnehmern allgemein, den Sie im Folgenden vornehmen, ist zwar interessant, aber kein Gegenargument. Ja, letztlich haften die Steuerzahler, und darunter auch viele Arbeitnehmer, aber der Anteil, der dann auf die für den Export Beschäftigten entfällt, ist zwangsläufig viel geringer als das, was sie selbst vorher eingenommen haben. Es bleibt dabei: Vom Export profitieren die an der entsprechenden Wertschöpfung Beteiligten, und zwar alle. Und dann, unter den von Ihnen zutreffend geschilderten Umständen, auch auf Kosten des Rests der Volkswirtschaft.

      Jedenfalls gilt für mich: Wenn die Kapitalbesitzer ihr Geld im Inland ausgeben, und die Kapazitäten dadurch ausgelastet sind, sollte es keinen Exportüberschuss geben. Mehr als 100% kann die Wirtschaft nicht leisten.

      Jede Investition geht davon aus, dass mehr als diese 100% möglich ist. Um mit dem enstprechenden terminus technicus um mich zu werfen: Stichwort „Potenzialwachstum“.

  8. Oben hatte ich Artikel im Monthly Review zur Unterkonsumtionstheorie erwähnt.
    Jetzt habe ich die Links wiedergefunden:
    „Working-Class Households and the Burden of Debt“ (2006 – http://monthlyreview.org/2000/05/01/working-class-households-and-the-burden-of-debt/)
    und
    „The Household Debt Bubble“ (2006 – http://monthlyreview.org/2006/05/01/the-household-debt-bubble/)

    Letzterer fällt wohl auch in den Kreis der Krisenvorhersagen; davon habe ich, wenn auch unsystematisch, eine ganze Menge gesammelt: http://beltwild.blogspot.de/2008/09/die-krakenarme-der-finanzkrise-kriechen.html
    (Es ist keineswegs so, dass fast kein Ökonom die Krise vorausgesehen hätte.)

  9. Ihre Replik, Werwohlf, zeigt exemplarisch auf, mit welchen Strategien sich das Denken gegen unangenehme Einsichten wehrt.

    „Bei uns bekommt kein Paar Kinder, weil es in irgendetwas investieren will (von emotionalen “Gütern” mal abgesehen).“
    Neben der Sache. Das Motiv fürs Kinderkriegen ändert nichts daran, dass ökonomisch betrachtet die Aufzuchtkosten der Eltern für die Volkswirtschaft als Investitionen in Humankapital zu bewerten sind.

    „Außerdem bekommen die Kapitalbesitzer das Humankapital nicht “für lau”, sondern müssen sich die gemeinsam erwirtschafteten Erträge mit diesem teilen.“
    Da habe ich in der Tat unpräzise formuliert; aus dem Kontext war allerdings klar, was ich gemeint habe:
    Dass die Sachkapitalbesitzer die Humankapitalinvestitionen der ELTERN für lau bekommen.

    „Ich schätze mal, angesichts der Rendite, die in den USA mit einem Studium erzielt werden kann, werden die Betroffenen das weniger so sehen…“
    Nicht jeder kann Bankster werden. Die Bezahlung von Lehrern in den USA soll nicht so üppig sein.
    Aber ohnehin sind, soweit das Studium von den Eltern finanziert wurde (anders natürlich bei Studienkrediten), „die Betroffenen“ nicht die Kinder, sondern die Eltern.

    „Ich halte den Begriff “Hortung” hier für verfehlt. Wer in Finanzinstrumente investiert, die mit einem hohen Renditeversprechen verbunden sind, will ganz sicher nicht horten.“
    Auch hier ist es herzlich gleichgültig, was der Anleger WILL. Sofern er keine Nachfrage in der Stromgrößensphäre erzeugt (http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/mensching/zfs-142-22-29.pdf), hortet der Anleger das Geld (aus realwirtschaftlicher Sicht).

    „Jede Investition geht davon aus, dass mehr als diese 100% möglich ist.“
    Sicher. In der Zukunft. Aber zu jedem gegebenen Zeit können Sie die Kapazitäten nur zu 100% auslasten.

    • Ihre Replik, Werwohlf, zeigt exemplarisch auf, mit welchen Strategien sich das Denken gegen unangenehme Einsichten wehrt.

      Auch wenn es Sie in ihrem Selbstbild vielleicht erschüttert: Mir ist nichts von dem, was Sie hier anbringen, „unangenehm“. Und ich glaube, ich kann da aus erster Hand auch für mein Denken sprechen.

      Das Motiv fürs Kinderkriegen ändert nichts daran, dass ökonomisch betrachtet die Aufzuchtkosten der Eltern für die Volkswirtschaft als Investitionen in Humankapital zu bewerten sind.

      Wenn es darum geht, ob die Gesellschaft den Eltern diese Kosten zu erstatten habe, ist die Tatsache schon relevant, dass aus Elternsicht damit auch Konsum verbunden ist. Und der Mensch besteht nun mal nicht nur aus Humankapital (es sei denn natürlich, man dehnte den Kapitalbegriff bis zur Unbrauchbarkeit aus).

      Dass die Sachkapitalbesitzer die Humankapitalinvestitionen der ELTERN für lau bekommen.

      Dass die Rendite des Humankapitals den Kindern zugute kommt, dürfte auch von den Eltern so gewollt sein. Anderenfalls könnte man ja noch eine Rückerstattungspflicht der Kinder einführen. Es ließe sich aber schwer begründen, warum Dritte die Investition bezahlen, dann aber auf den Löwenanteil der Rendite verzichten sollen. Ebenso wenig, dass jemand sowohl die Herstellung eines Wirtschaftsguts finanziert als auch dessen Amortisierung.

      Nicht jeder kann Bankster werden. Die Bezahlung von Lehrern in den USA soll nicht so üppig sein.

      Die Rendite eines Studiums ist in den USA jedenfalls erheblich größer als bei uns. Auch bei Nicht-Bankern.

      Auch hier ist es herzlich gleichgültig, was der Anleger WILL. Sofern er keine Nachfrage in der Stromgrößensphäre erzeugt (http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/mensching/zfs-142-22-29.pdf), hortet der Anleger das Geld (aus realwirtschaftlicher Sicht).

      Das ist eine sehr spezielle Definition von „Hortung“, die der üblichen nicht entspricht und daher aus meiner Sicht unpassend ist. Die Motivlage der Wirtschaftssubjekte ist selbstverständlich relevant, sobald es darum geht, welche Maßnahmen zu treffen sind. Und da wirft Ihr Begriff den ängstlichen Sparer, der den Banken nicht traut und sein Geld unter das Kopfkissen legt, und den risikofreudigen Investor.in einen Topf. Man kann sich zwar alles so hindefinieren, aber sinnvoll ist das nicht.

      “Jede Investition geht davon aus, dass mehr als diese 100% möglich ist.”
      Sicher. In der Zukunft. Aber zu jedem gegebenen Zeit können Sie die Kapazitäten nur zu 100% auslasten.

      Und wie sinnvoll ist es, diesen statischen Zustand zur Referenz zu erheben?

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