Kann die EZB die Eurozone entschulden?

Die Welt rechnet hoch, „Wie die EZB schrittweise die Euro-Zone entschuldet“:

Die „Welt“ hat durchgerechnet, wie lange es dauern würde, bis die Euro-Staaten schuldenfrei sind, wenn die EZB das momentane Tempo bei ihren Anleihekäufen beibehält – mit einem überraschenden Ergebnis. Die Notenbanker müssten nur gut eine Dekade an ihrem Kurs festhalten, um die Währungsgemeinschaft komplett zu entschulden.

Im Fall des fiskalisch soliden Finnland müsste das Anleihekaufprogramm lediglich 7,4 Jahre fortgeführt werden, das hoch verschuldete Irland wäre nach 14 Jahren schuldenfrei, Italien nach 12,9 Jahren, Deutschland bereits nach 8,8 Jahren.

Das Beispiel Italien offenbart, wie charmant die Rechnung ist. Der Staat hat aktuell Schulden von 2248 Milliarden Euro. Davon hält die italienische Notenbank bereits gut 260 Milliarden Euro, sprich: Die Verbindlichkeiten jenseits der Notenbank liegen bei 1980 Milliarden. Teilt man diese Summe durch die monatliche Kaufsumme von rund 12,8 Milliarden Euro, befinden sich nach 12,9 Jahren sämtliche Schuldtitel im Besitz der Notenbank. […]

In Deutschland betragen die Schulden abzüglich der von der Bundesbank gehaltenen 225 Milliarden Euro gekauften Papiere 1927 Milliarden Euro. Beim aktuellen Kauftempo von monatlich gut 18 Milliarden Euro wären die Verbindlichkeiten in 8,8 Jahren alle in der Bilanz der Notenbank.

Das ist gleich mehrfach eine ziemliche Milchmädchenrechnung. Es ist unwahrscheinlich, dass die EZB dauerhaft in diesem Umfang Staatsanleihen ankaufen wird oder auch nur kann. Zumindest am Ende werden nicht alle anderen Besitzer von Staatsanleihen diese verkaufen wollen, während zugleich die Staaten weitere Schulden machen werden. Die EZB darf auch gar nicht alle Staatsanleihen eines Landes oder gar aller Länder kaufen, wobei sich diese Regel gegebenenfalls ändern oder wie andere auch brechen ließe. Vor allem sind die Staatsschulden dann gar nicht weg, wenn die EZB die Staatsanleihen kauft.

Normalerweise gehört eine Notenbank zum Staat, auch wenn sie mehr oder weniger unabhängig von der Regierung agiert. Von daher ist Zentralbankgeld normalerweise ebenfalls eine Verbindlichkeit des Staates, nur in anderer Form als Staatsanleihen. Die Monetarisierung von Staatsschulden ist dann nur ein Passivtausch, bei dem eine Form von staatlichen Verbindlichkeiten durch eine andere ersetzt wird. Das durch Anleihen des eigenen Staates gesicherte Zentralbankgeld ist im Grunde eine Form von ‚Willkürgeld‘ und die Regierung könnte eigentlich das Geld auch gleich selbst drucken, um die Staatsausgaben zu bezahlen. Ein offener Staatsbankrott ist dann ausgeschlossen, doch es droht Hyperinflation.

In der Eurozone ist es etwas anders, weil der Europäischen Zentralbank (EZB) kein entsprechender Staat gegenübersteht, sondern eine Vielzahl von unterschiedlichen Staaten. Dem einzelnen Staat steht somit eine fremde Zentralbank gegenüber, der Gemeinschaft der Euroländern hingegen nicht. Wenn die EZB nun Staatsanleihen aufkauft bzw. durch die nationalen Notenbanken aufkaufen lässt, dann führt das zu einer Vergemeinschaftung der Schulden, für die man gar nicht die politisch schwerer vermittelbaren Eurobonds braucht.

Als größter Gläubiger kann die EZB den einzelnen Euroländern Bedingungen diktieren bzw. auf die Einhaltung gemeinsam vereinbarter Regeln pochen. Gemeinsam bzw. mehrheitlich können die Staaten jedoch die Regeln und die Politik der EZB ändern. Außerdem könnte sich ein einzelnes Land einfach aus der Eurozone verabschieden und dabei seine Schulden zurücklassen, die im Land befindlichen Euro jedoch behalten (zumindest das Papiergeld, während Banken und deren Konten relativ leicht von der Eurozone abgeschnitten werden könnten).

Von daher schließe ich mich der Meinung meiner Kollegen an:

„Für die Politik ist eine Art Schuldenabbau im Schlaf sicher eine charmante Idee“, sagt Jan Körnert, Ökonom an der Universität Greifswald. „Die Schuldenproblematik der Euro-Staaten ist durch die Flüchtlingskrise und die Brexit-Entscheidung etwas vom Radar verschwunden. Dabei sind die Risiken größer denn je.“ […]

Ähnlich sieht es Finanzwissenschaftler Konrad. „Kritisch wird es, wenn in einigen Jahren die Umschuldung der Staaten von privaten Gläubigern auf die EZB weit genug fortgeschritten ist. Die EZB kann dann wohl kaum noch aussteigen. Die Anreize der Staaten, sich noch weiter zu verschulden, nehmen hingegen zu.“

Hyperinflation droht übrigens vorerst nicht, da dafür nicht genügend Leute ihre Geldvermögen schnell für Konsumgüter ausgeben wollen. Die Preise von Vermögensgütern steigen hingegen, was sowohl an den niedrigen Zinsen als auch den hohen Risiken liegt. Wenn es richtig kracht, sollte man sein Vermögen jedenfalls nicht in Euro herumliegen haben, weder auf Konten noch in bar zu Hause.

8 Gedanken zu „Kann die EZB die Eurozone entschulden?

  1. Irgendwie werde ich das ungute Gefühl nicht los, dass der totale Crash schon seit mindestens fünf oder zehn Jahren von Schäuble & Co. von langer Hand gezielt vorbereitet wird …

  2. Es wird darauf hinauslaufen. Letztendlich hat man Schulden angehäuft, die jedes realistische Maß überschreiten. Vor einem klaren Cut sträubt man sich, gingen doch Banken und Versicherungen unmittelbar pleite. Außerdem wäre die breite Bevölkerung betroffen, wenn plötzlich die Lebensversicherung ausfällt.

    Deshalb ist dies ein angenehmer Weg, weil er im „Verborgenen“ passiert und allmählich abläuft. Die Risiken sind allerdings groß. Die drohende Hyperinflation wurde ja bereits angesprochen. Ich kann übrigens auch nicht ganz der Trennung von Vermögenspreisinflation und Konsumgüterinflation folgen. Steigende Immobilienpreise sind mindestens genauso bedeutsam wir steigende Smartphonepreise. Bereits jetzt ist das Wohnen in den eigenen 4 Wänden vielerorts unbezahlbar geworden. Das ist deshalb kein abstrakter Anstieg, sondern trifft die Menschen real und zwar ziemlich hart. Ohnehin sehe ich das nur als Vorstufe, früher oder später wird das Geld auch abseits den Vermögensmärkten in den Umlauf kommen.

    Es gibt aber noch andere Risiken: Der Zinsmechanismus ist völlig gestört, es drohen Blasen und Fehlinvestitionen, weil knappes Kapital nicht mehr richtig alloziiert wird. Die Auswirkungen auf die Realwirtschaft werden groß sein.

    Außerdem verlassen wir die Marktwirtschaft und gehen rein in den Sozialismus, in welchem der Staat alles Eigentum besitzt. Wenn man bedenkt, dass z.B. die Schweiz als Konsequenz aus Wechselkursüberlegubgen nach und nach die deutschen Unternehmen aufkauft und diese nach und nach in schweizer Staatsbesitz geraten, dann hat das mit freier Marktwirtschaft nicht mehr viel zu tun. Wir müssen den Schuldensozialismus der EUDSSR stoppen und zwar sofort. Es ist ein Skandal, dass vermeintlich liberale Parteien wie die FDP dazu vollständig schweigen.

    • Größtenteils stimmen wir überein. Vermögens- und Konsumgüter lassen sich allerdings relativ klar abgrenzen. Eigenheime gehören zum Vermögen, Mieten zum Konsum, wobei man für Eigenheimbesitzer eine Schattenmiete berechnen kann, die angesichts der Niedrigstzinsen aber auch kaum gestiegen ist.

      • Das ist mir schon klar. Nur bin ich persönlich mit dieser Definition nicht einverstanden, weil Wohnen im Eigenheim und Wohnen zur Miete für mich klare Substitute darstellen.

        Das gilt, wenn auch entfernter, auch für Einkünfte aus Arbeit und Kapital. Eine Vermögenspreisinflation kann durchaus diese Entscheidungen beeinflussen und Arbeitsanreize (je nach ausgehender Vermögenssituation) vergrößern oder verringern und ist damit durchaus sehr bedeutsam für das reale Leben der Menschen. Deshalb ärgert mich auch dieses Abtun, dass die Inflation bislang lediglich dort sei, denn auch diese hat sehr reale Auswirkungen und bringt gigantische (vor allem relative) Umverteilungen mit sich. Diese Wahrheit verschweigt man aber der unwissenden Bevölkerung und das ärgert mich.

      • Natürlich sind Wohnen zur Miete und im Eigenheim Substitute. Das ist doch gerade die Grundlage dafür, dass man fürs Wohnen im Eigenheim eine Schattenmiete ansetzen kann. Zusatznutzen durch das gute Gefühl, in den eigenen vier Wänden zu leben oder reich zu sein, lässt sich hingegen schwer berechnen und berücksichtigen.

        Es ist auch klar, dass eine Vermögensgüterblase große Auswirkungen hat, insbesondere auf die Allokation und Distribution von Kapital. Einige werden dadurch real reicher, doch die Volkswirtschaft insgesamt hat eher Nachteile.

      • Ihnen ist das klar, der Mehrheit der Bevölkerung, der Medien und der Politik nicht. Da heißt es, die Inflation sei niedrig, die Menschen hätten steigende Reallöhne, die Menschen profitierten von niedrigen Zinsen und die EZB hätte alles unter Kontrolle.

        Alleine die Wahrheit ist eine ganz andere. Insbesondere die deutsche Mittelschichtsfamilie wird permanent belastet. Von niedrigen Bauzinsen hat sie ohnehin nichts, bauen kann sie in den Ballungsgebieten, wo man immer öfter leben muss, um überhaupt einen Job zu haben, ohnehin nicht. Aufgrund den niedrigen Zinsen kann sie sich auch nur schwer eine Rente aufbauen, weil Lebensversicherungen nur noch Schrott sind und das Sparbuch ohnehin nichts mehr abwirft. Weil das Wissen fehlt, zumindest in Aktien zu investieren, wird das ohnehin geringe Geldvermögen auf kurz oder lange auch noch durch die bewusst herbeigeführte Inflation entwertet. Die jetzige Geldpolitik ist ein Frontalangriff auf die deutsche Mittelschichtsfamilie, nur ist diese zu dumm, das entsprechend zu bemerken. Die deutsche Mittelschicht soll für die Fehler aller Länder bezahlen.

      • @ Peter Burger

        Eine Mittelschicht vergleichbar wie in Deutschland gibt es in vielen Länden nicht oder nur in viel kleinerem Umfang. Diese Mittelschicht ist es aber gerade, die uns so lange den sozialen Frieden gesichert hat, den es z. Bsp. in den instabilen südeuropäischen Staaten nicht gab. Weil alle gleich gemacht werden und die Unterschiede in Europa eingeebneten werden sollen, hat man unsere Mittelschicht zum Abschuss freigegeben.

        Wir MÜSSEN uns wehren!

  3. Es entspricht NICHT den vertragsgemäßen Aufgaben der EZB, sich in die Haushaltspolitik der Euro-Staaten einzumischen. Geldpolitik darf NICHT mit Finanzpolitik verwechselt werden! Aber es wäre nicht das erste Mal, dass Draghi seine Kompetenzen überschreitet.

    Wer einen Italiener zum EZB-Chef macht, darf sich nicht wundern, dass der Euro weich wie die Lira wird.
    Wer einen ex-Goldman-Sachs-Manager zum EZB-Chef macht, darf sich nicht wundern, dass getrickst wird, wie in Griechenland!
    Merkel muss weg! Draghi, Juncker und Schultz ebenso!!!

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