Diskussionspapier zur Kosten-Nutzen-Analyse von Impfungen und Impfpflicht

Vor gut einem Jahr erschien zu Silvester mein ‚Diskussionspapier zu liberaler Corona-Politik‘. Dieses Silvester habe ich ein neues Diskussionspapier fertiggestellt mit dem Titel „Qualitative Kosten-Nutzen-Analyse von Corona-Impfungen und Impfpflicht“.

Besonders interessant, auch über das konkrete Thema hinaus, finde ich die Erkenntnis, dass selbst rein ökonomisch etwas, hier das Impfen, empfehlenswert sein kann, ohne dass das für eine Pflicht zu derselben Sache gilt. Aus liberaler Sicht ist ohnehin klar, dass Freiheit beinhaltet, auch etwas anderes tun zu dürfen und man weder rechtlich noch moralisch auf nur einen Kurs festgelegt werden sollte. Ökonomisch könnte es so scheinen, dass doch entweder der Nutzen oder die Kosten überwiegen müssten, also eine nutzenmaximierende Empfehlung problemlos auch zur Pflicht gemacht werden könnte. Tatsächlich ist es jedoch so, dass Nutzen und (nichtmonetäre) Kosten subjetiv sind und verschieden eingeschätzt werden können. Insbesondere beim Nutzen für eine Person selbst ist ihre eigene Einschätzung entscheidend, die von der Bewertung durch andere Personen abweichen kann, ohne unvernünftig zu sein. Bei externen Effekten, also dem Nutzen und den Kosten für andere, muss man sich wohl eher gemäß intersubjektiven Kriterien verständigen (sonst könnte der Verursacher immer behaupten, andere hätten gar keine oder nur sehr geringe Kosten zu tragen, während diese ihre Kosten übertreiben). Doch im konkreten Falle der Corona-Impfungen ist der Schutz anderer gar nicht so ausgeprägt wie erhofft.

Der Deutsche Ethikrat sprach sich deshalb bislang richtigerweise gegen eine Impfpflicht aus, bis kürzlich eine Mehrheit seiner Mitglieder auf politischen Druck hin umgefallen ist (siehe „Ethische Orientierung zur Frage einer allgemeinen gesetzlichen Impfpflicht“), was gar nicht ethisch ist. Auch das Umfallen der Politiker ist ethisch nicht zu rechtfertigen. Selbst wenn eine Impfpflicht für sich genommen sinnvoll sein sollte, muss man sein Wort halten, dass ihre Einführung ausgeschlossen sei. Vielleicht war es ein Fehler, das vorher zu versprechen, aber das macht diese Zusage nicht ungeschehen und hebt die dadurch entstandene Verpflichtung nicht auf, insbesondere wenn Betroffene darauf bestehen, selbst wenn eine Mehrheit das nicht (mehr) tut.

Ökonomenpanel zum Ampel-Koalitionsvertrag

Das 37. Ökonomenpanel von ifo und FAZ hat den „Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien“ zum Gegenstand. „Der Ampel-Koalitionsvertrag im Ökonomen-Test“ zeigt, dass die Mehrheit meiner Kollegen diesen Koalitionsvertrag insgesamt eher positiv einschätzt im Gegensatz zu mir. Immerhin lehnen deutliche Mehrheiten Umgehungsversuche bei der Schuldenbremse und die Festschreibung des Renteneintrittsalters ab, jedoch ist nur eine relative Mehrheit gegen die politische Erhöhung des Mindestlohns. Dies sind alle Fragen und meine Antworten:

Wie bewerten Sie den Koalitionsvertrag insgesamt?

Eher negativ, weil die FDP zwar das Schlimmste verhindern konnte, aber dafür immer noch viel Unsinn zu einer Mehrheit verhilft.

Wie wird Ihrer Meinung nach die Ampel-Regierung die wirtschaftspolitischen Herausforderungen der kommenden Legislaturperiode bewältigen?

Schlecht, weil die wichtigsten Probleme gar nicht angegangen oder sogar noch verschärft werden, z. B. bei der Rente oder Energieversorgung.

Klimapolitik

Sind Sie der Meinung, dass die im Koalitionsvertrag vereinbarten zusätzlichen öffentlichen Investitionen in Klimaschutz-Maßnahmen einen Effekt auf private Investitionen in Klimaschutz-Maßnahmen haben?

Ja, insgesamt mehr private Investitionen (crowding-in), weil private Investitionen z. T. gefördert oder sogar vorgeschrieben werden.

Wie beurteilen Sie, dass im Haushalt 2021 Mittel aus nicht genutzten Kreditermächtigungen über einen Nachtragshaushalt dem Klima- und Transformationsfonds zur Verfügung gestellt werden sollen?

Sehr negativ, weil es eine illegitime Umgehung der Schuldenbremse ist und das Geld größtenteils verschwendet wird.

Schuldenbremse

Sind Sie der Meinung, dass die Schuldenbremse in der kommenden Legislaturperiode für die vereinbarten Investitionen in Klimaschutz und Digitalisierung z. B. durch Extrahaushalte umgangen werden sollte?

Nein, weil die Schuldenbremse, wenn überhaupt, explizit gelockert und die Kredite transparent verwendet werden sollten.

Wie beurteilen Sie die im Koalitionsvertrag geplante Rückkehr zur Schuldenbremse ab 2023?

Zu spät, weil die Rekordschulden zu großen Teilen zweckentfremdet und verschwendet werden.

Abschreibungen

Wie beurteilen Sie, dass die für 2022 und 2023 geplanten „Superabschreibungen“ auf Investitionen in Klimaschutz und Digitalisierung beschränkt sein sollen?

Eher negativ, weil diese Abgrenzung nicht sinnvoll ist.

Mindestlohn

Wie beurteilen Sie die vereinbarte Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro pro Stunde?

Sehr negativ, weil es den Mindestlohn weiter politisiert, die Mindestlohnkommission übergeht und die pauschale Anhebung zu hoch ist.

Bauen

Wie beurteilen Sie das im Koalitionsvertrag angestrebte Ziel 100.000 öffentlich geförderte Wohnungen pro Jahr zu bauen?

Eher negativ, weil es viel kostet, während zugleich die kostentreibende Regulierung noch zunimmt.

Bildung und Forschung

Wie beurteilen Sie die Festlegung des Etats für Forschung und Entwicklung auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts?

Eher positiv, weil Geld hier relativ gut angelegt wird, wobei nicht der Bundesetat diese Höhe erreicht, sondern alle staatlichen und privaten Ausgaben zusammen.

Lebensarbeitszeit und Rentenniveau

Wie beurteilen Sie die vereinbarte Stabilisierung des (Mindest-)Rentenniveaus (Verhältnis der Standardrente zum Durchschnittsverdienst aller Versicherten) bei 48 Prozent?

Eher negativ, weil es für sich genommen in Ordnung ist, die Finanzierung rein aus dem Staatshaushalt jedoch nicht.

Sind Sie der Meinung, dass eine teilweise Kapitaldeckung der gesetzlichen Rentenversicherung ausreicht, um das im Koalitionsvertrag vereinbarte Ziel der langfristigen Stabilisierung von Rentenniveau und Rentenbeitragssatz zu erreichen?

Nein, weil der Anteil dafür zu klein und außerdem rein staatsfinanziert ist.

Wie beurteilen Sie, dass keine Anhebung des Renteneintrittsalters im Koalitionsvertrag vorgesehen ist?

Sehr negativ, weil die steigende Lebenserwartung nicht berücksichtigt wird.

Call for Papers von Hochschulmanagement zur Fachbereichsleitung

Es gibt einen „Call for Papers zum Themenheft ‚Governance an Fachbereichen/Fakultäten'“ von Hochschulmanagement (Zeitschrift für die Leitung, Entwicklung und Selbstverwaltung von Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen), auf den ich hiermit kurz hinweise. Einreichungen sind sehr willkommen, was auch für die anderen Hefte und Themen der Zeitschrift gilt.

Zertifikatslösung für Ungeimpfte statt Impfpflicht

Freitag wurde eine ‚Impfpflicht für Beschäftigte in Medizin und Pflege beschlossen‘, doch die meisten Politiker wollen inzwischen mehr, obwohl sie das alles noch vor wenigen Wochen kategorisch ausschlossen, nämlich eine allgemeine ‚[…] Impfpflicht‘, wobei sie auch schon eine ‚Diskussion um Impfpflicht für Kinder‘ führen. Dieser schwere Grundrechtseingriff ist nicht gerechtfertigt angesichts der doch eher beschränkten Wirksamkeit der Corona-Impfungen bei zugleich bestehenden Risiken schwerer Impfnebenwirkungen einschließlich Todesfällen, die bei gesunden Kindern die Krankheit selbst gar nicht verursacht. Eine allgemeine Impfpflicht ist außerdem gar nicht erforderlich, weil es mildere Mittel mit dem gleichen Ergebnis gibt. Eines davon möchte ich heute vorschlagen, welches ich für sich genommen nicht für optimal halte, das jedoch weniger in die Grundrechte eingreift bei gleicher Zweckerfüllung und damit eindeutig besser ist als eine allgemeine Impfpflicht.

Der Vorschlag lautet, die Idee der Emissionszertifikate von der Umwelt- und insbesondere Klimapolitik auf den Infektionsschutz zu übertragen. Wenn wirklich alle geimpft werden müssten, ließe sich das nicht über handelbare Zertifikate für Ungeimpfte erreichen, allerdings faktisch auch nicht durch eine allgemeine Impfpflicht, der ebenfalls nicht jeder nachkommt. Wenn Herdenimmunität überhaupt erreichbar ist (was von der Ansteckungsrate des Virus und der Wirksamkeit der Impfung abhängt), gelingt dies jedoch auch mit einer Impfquote unter 100 Prozent. Dasselbe gilt für die Vermeidung einer Überlastung der Krankenhäuser. Entscheidend ist natürlich, hier den medizinisch richtigen Prozentwert festzulegen, statt ihn rein politisch zu hoch oder auch zu niedrig anzusetzen. Der verbleibende Anteil für Ungeimpfte wird vorrangig für diejenigen reserviert, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können oder dürfen. Wenn bereits diese Personen den vorgesehenen Anteil überschreiten, gibt es ohnehin ein Problem, welches auch eine allgemeine Impfpflicht nicht lösen kann. Ist der Anteil hingegen größer, wird der Rest meistbietend versteigert.

Faktisch kann man sich damit von einer Impfpflicht freikaufen, was weniger gravierend ist als eine reine Impfpflicht ohne diese Option. Da es nicht um staatliche Einnahmenmaximierung geht, könnte als soziale Komponente vorgesehen werden, dass jeder einkommensabhängige Tagessätze (in Anlehnung an § 40 StGB) bietet. Wer mehr Tagessätze bietet, bekommt den Zuschlag, selbst wenn die tatsächliche Zahlung wegen eines geringeren Einkommens dann niedriger sein sollte. Schließlich könnten die Zertifikate zeitlich befristet sein. Nach z. B. einem halben Jahr werden die Pandemie, die dann vorherrschenden Virus-Varianten und die Wirksamkeit der Impfstoffe neue bewertet. Die Menge der Zertifikate könnte dadurch sinken, woraufhin ihr Preis vermutlich steigt. Allerdings könnte die Menge auch steigen, wodurch der Preis voraussichtlich stark oder sogar auf null fällt, weil bereits Geimpfte höchstens mitbieten würden, um Booster-Impfungen zu entgehen. Schließlich endet die Pandemie irgendwann, was zum Ende aller Maßnahmen einschließlich Zertifikate für Ungeimpfte führen würde.

Identitätspolitische Diskriminierung als Ethikersatz

Der Vorstand will den „Ethikkodex des Vereins für Socialpolitik“ ändern lassen, wofür er eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberuft. Die zentralen Änderungen zeigen deutlich den Konflikt von ‚Identitätspolitik vs. Individualismus‘ bzw. den Unterschied zwischen dem postmodernen amerikanischen Verständnis von Liberalismus und der klassischen Variante (wie schon ‚Identitätspolitische SPD gegen alte weiße Sozialdemokraten‘). Der neue Punkt II. 10. lässt sich noch im Sinne der individuellen Freiheit auslegen:

Mitglieder des Vereins für Socialpolitik sollen sich um ein inklusives Arbeitsumfeld bemühen. Die Inklusivität soll unabhängig von Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, nationaler Herkunft, Religion, sexueller Orientierung, Behinderung, Gesundheitszustand, Familienstand, elterlichem Status, genetischer Information oder anderen demografischen Merkmalen der beteiligten Personen sowie unabhängig von fachlichen Ansichten gelten.

Eindeutig liberal im freiheitlichen Sinne ist der erste Satz von II. 11., während die beiden nachfolgenden Sätze das Gegenteil ausdrücken und zu Diskriminierung aufrufen:

Mitglieder des Vereins für Socialpolitik sollen bei ihren Aktivitäten nicht aufgrund der unter 10. aufgeführten demografischen Dimensionen diskriminieren. Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung unterschiedlicher demografischer Gruppen, insbesondere durch Beseitigung tatsächlich bestehender Ungleichheiten, sind zulässig. Mitglieder des Vereins für Socialpolitik werden ermutigt, solche Maßnahmen zu ergreifen.

Diese Form der Gleichstellung ist gerade nicht Gleichberechtigung, sondern bedeutet eine Ungleichbehandlung nach Gruppenmerkmalen. Da es z. B. mehr Frauen in der allgemeinen Bevölkerung als Ökonominnen im Verein gibt, sollen, ohne nach den Gründen zu fragen, Ökonominnen gegenüber ihren männlichen Kollegen bevorzugt werden. Konsequenterweise braucht man dann auch Quoten für alle möglichen Kategorien „von Alter […], ethnischer Zugehörigkeit, nationaler Herkunft, Religion, sexueller Orientierung, Behinderung, Gesundheitszustand, Familienstand, elterlichem Status, genetischer Information oder anderen demografischen Merkmalen“. Dazu müssen diese Merkmale natürlich von allen erfasst werden. Sie werden damit außerdem wichtiger als die individuelle Leistung, das Talent und die Persönlichkeit. Gleichheit (proportional nach Gruppenmerkmalen) zählt mehr als sachliche Unterschiede und „positive“ Diskriminierung ist erwünscht.

11. Jahresbericht meines Instituts

Inzwischen ist der „11. Jahresbericht des Instituts für Organisationsökonomik“ erschienen, der über die Aktivitäten meines Instituts in den letzten beiden Semestern berichtet. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Pandemie durchaus ihre Spuren hinterlässt. Die Lehre fand nur online statt, an Konferenzen habe ich gar nicht teilgenommen, berichtenswerte sonstige Aktivitäten hat es nicht gegeben und auch die Publikationen haben gelitten. Aktuell habe ich Forschungssemester und kann hoffentlich an dem letzten Punkt etwas verbessern.

Wirtschaftsnobelpreis 2021 für die Analyse von Quasi-Experimenten

„The Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel 2021“ erhalten David Card „for his empirical contributions to labour economics“ und Joshua D. Angrist sowie Guido W. Imbens „for their methodological contributions to the analysis of causal relationships“. Es geht jeweils um sogenannte natürliche Experimente oder eigentlich Quasi-Experimente, da sie die Wissenschaftler nicht selbst kontrollieren können. Doch bei ihnen können durch äußere Ereignisse, z. B. politische Entscheidungen, Gruppen unterschieden werden, auf die ein bestimmter Effekt wirkt oder nicht wirkt, wodurch Rückschlüsse auf Kausalbeziehungen möglich sind.

So konnte David Card zusammen mit Alan Krueger, der inzwischen verstorben ist, empirisch zeigen, dass 1992 eine Erhöhung des Mindestlohns in New Jersey zumindest in Schnellrestaurants keine negativen Beschäftigungswirkungen hatte, indem sie die Entwicklung der Beschäftigung mit dem benachbarten Pennsylvania verglichen, wo der Mindestlohn unverändert blieb. Bis dahin hatten die meisten Ökonomen einen Beschäftigungsrückgang durch eine Mindestlohnerhöhung erwartet und es schloss sich viel weitere Forschung an, die heute zu einem differenzierteren Bild führt. Mindestlöhne und ihre Erhöhung können durchaus negative Beschäftigungswirkungen haben, müssen es aber nicht, insbesondere wenn sie moderat ausfallen und große Marktmacht der Arbeitgeber die Löhne drückt wie z. B. bei einem Monopson.

David Card nutze auch die Entscheidung von Fidel Castro, 1980 für einige Monate jedem Kubaner die Ausreise zu erlauben, um die Lohn- und Beschäftigungseffekte von Immigration in den USA zu untersuchen. Das interessante Ergebnis war, dass in Miami, wohin die meisten Kubaner gingen, die Löhne und die Beschäftigung von Geringqualifizierten, die in den USA geboren waren, nicht sanken. Dagegen konnten frühere Einwanderer Nachteile haben, vermutlich weil sie stärker mit den neuen Immigranten konkurrierten. David Card und Alan Krueger untersuchten weiterhin, wie sich die Bildungsrendite von US-Bürgen in demselben Bundesstaat unterscheidet, die in unterschiedlichen Bundesstaaten zur Schule gingen. Sie fanden dabei einen systematischen und positiven Zusammenhang mit den Bildungsausgaben im Herkunftsstaat, was für Investitionen in Bildung spricht.

Joshua Angrist und Guido Imbens machten vor allem methodische Fortschritte, mit denen sie z. B. den Wert eines zusätzlichen Schuljahres abschätzen konnten (neun Prozent höheres Einkommen) oder den Einkommensnachteil von Vietnamveteranen (15 Prozent). Dabei wurde jeweils berücksichtigt, dass der Schulabbruch und die Kriegsteilnahme keine rein zufälligen Ereignisse waren.

Diskussionspapier zur Einkommenssteigerung durchs Studium

Das Diskussionspapier des Instituts für Organisationsökonomik 9/2021 ist erschienen mit dem Titel „Einkommenssteigerung durchs Studium als wichtiges Maß“. Die Zusammenfassung lautet:

Die akademische Qualität der Lehre lässt sich nur schwer messen. Dagegen ist es relativ einfach, die späteren Einkommenszuwächse durch ein Studium zu bestimmen. Das ist für private wie staatliche Allokationsentscheidungen wichtig, etwa ob jemand aus finanziellen Gründen studieren soll, was und wo, während gegebene staatliche Mittel für Studienplätze effizient eingesetzt und zusätzliche Mittel gerechtfertigt werden können, wenn sie mehr bringen als kosten.

Ökonomenpanel zu Konsequenzen möglicher Koalitionen

Beim ersten Anlauf des 36. Ökonomenpanels von ifo und FAZ zur „Bundestagswahl und ihren wirtschaftlichen Konsequenzen für Deutschland“ sollte man „die geschätzte Auswirkung der Politiken der möglichen Koalitionen auf makroökonomische und klimarelevante Variablen in der kurzen und mittleren Frist“ beziffern, beispielsweise prozentuale Veränderungen des BIPs oder der Emissionen von Treibhausgasen. Das habe ich nicht gemacht und schrieb unter „Anregungen und Kommentare zum Ökonomenpanel“:

Zumindest ich kann solche Detailprognosen nicht seriös abgeben, zumal die betreffenden Größen weder ausschließlich noch hauptsächlich von der Bundesregierung abhängen.

Es ging wohl auch anderen so, weshalb es einen zweiten Anlauf gab mit veränderten Fragen, bei denen nur noch die mögliche Koalition identifiziert werden sollte, die am stärksten in die eine oder andere Richtung auf die jeweilige Variable einwirkt. Unter „Bundestagswahlen: Deutsche Ökonom*innen bewerten mögliche Koalitionen“ finden sich die Antworten aller Teilnehmer, bei denen sich eine Polarisierung zwischen Union und FDP einerseits und SPD, Grünen und Linken andererseits feststellen lässt. In meinen untenstehenden eigenen Antworten hielt ich eine Koalition nur von Union und FDP für zu unwahrscheinlich, weshalb ich sie gar nicht angegeben habe (sonst würde ich auch darin mit der Mehrheit meiner Kollegen übereinstimmen).

Nachfolgend sind die gegenwärtig wahrscheinlichsten Koalitionen nach der Bundestagswahl aufgeführt. Wir interessieren uns für die geschätzte Auswirkung der Politiken der möglichen Koalitionen auf makroökonomische und klimarelevante Variablen in der nächsten Legislaturperiode.

Unter welcher der folgenden möglichen Koalitionen erwarten Sie das höchste Wirtschaftswachstum (BIP real) in Deutschland zum Ende der nächsten Legislaturperiode?

SPD Union FDP

Unter welcher der folgenden möglichen Koalitionen erwarten Sie das niedrigste Wirtschaftswachstum (BIP real) in Deutschland zum Ende der nächsten Legislaturperiode?

SPD Grüne Linke

Unter welcher der folgenden möglichen Koalitionen erwarten Sie die höchste Arbeitslosenquote in Deutschland zum Ende der nächsten Legislaturperiode?

SPD Grüne Linke

Unter welcher der folgenden möglichen Koalitionen erwarten Sie die niedrigste Arbeitslosenquote in Deutschland zum Ende der nächsten Legislaturperiode?

SPD Union FDP

Unter welcher der folgenden möglichen Koalitionen erwarten Sie die höchste Staatsschuldenquote in Deutschland zum Ende der nächsten Legislaturperiode?

SPD Grüne Linke

Unter welcher der folgenden möglichen Koalitionen erwarten Sie die niedrigste Staatsschuldenquote in Deutschland zum Ende der nächsten Legislaturperiode?

SPD Union FDP

Unter welcher der folgenden möglichen Koalitionen erwarten Sie die höchste Netto-Einkommensungleichheit in Deutschland zum Ende der nächsten Legislaturperiode?

Union Grüne FDP

Unter welcher der folgenden möglichen Koalitionen erwarten Sie die niedrigste Netto-Einkommensungleichheit in Deutschland zum Ende der nächsten Legislaturperiode?

SPD Grüne Linke

Unter welcher der folgenden möglichen Koalitionen erwarten Sie die höchsten CO2-Emissionen in Deutschland zum Ende der nächsten Legislaturperiode?

SPD Union

Unter welcher der folgenden möglichen Koalitionen erwarten Sie die niedrigsten CO2-Emissionen in Deutschland zum Ende der nächsten Legislaturperiode?

SPD Grüne FDP

Spätere Nutzung von Emissionszertifikaten

Emissionszertifikate halte ich für eine gute, sowohl effiziente als auch effektive Lösung, wenn es um die Verringerung von Emissionen geht, z. B. von Kohlenstoffdioxid und anderen Treibhausgasen (siehe zuletzt ‚Ökonomenpanel zur Klimapolitik‘). Heute möchte ich auf eine besondere Ausgestaltungsoption hinweisen, die ich schon einmal unter ‚Verschärfung der Klimaziele und Emissionszertifikate‘ kurz angedeutet hatte und die wie die Zertifikate selbst sowohl ökologisch als auch ökonomisch vorteilhaft  ist.

Aktuell wird in der EU für jedes Jahr eine Menge an Zertifikaten bzw. von in dem Jahr erlaubten Emissionen festgelegt, die außerdem von Jahr zu Jahr sinkt. Die Verbesserungsoption besteht einfach darin, dass Zertifikate eines Jahres nicht sofort (bzw. bis zum Ende des Folgejahres) genutzt werden müssen und ansonsten verfallen, sondern sich die erlaubten Emissionen auch weiter in die Zukunft verlagern lassen. Das ist ökologisch von Vorteil, weil die aktuellen Emissionen dadurch tendenziell sinken, während die Gesamtemissionen nicht steigen. Das würde den befürchteten globalen Temperaturanstieg ein wenig verlangsamen. Ökonomisch ist es von Vorteil, weil erstens eine Option mehr entsteht (man kann die aktuellen Zertifikate jetzt nutzen, muss es aber nicht sofort tun) und zweitens der Wert der Zertifikate durch die zunehmende Verknappung ansteigen dürfte. Damit würde auch der heutige Preis steigen, aber die gesamten Emissionsvermeidungskosten würden sinken, weil sie besser über die Zeit verteilt werden könnten.

Das Hauptrisiko ist wieder einmal politischer Art, nämlich ob das Emissionssystem in der angekündigten Form überhaupt Bestand haben wird. Die Regeln könnten verschärft, aber auch gelockert werden, z. B. durch eine stärkere Verknappung der Zertifikate als angekündigt oder umgekehrt durch die Ausgabe von mehr Zertifikaten oder sogar die Abschaffung und damit Entwertung aller Zertifikate. Aber auch dieses Problem könnte beim intertemporalen Handel mit den Zertifikaten eingepreist werden.