Thyssenkrupp steht vor Zerschlagung

„Nach Vorstandschef Hiesinger tritt auch Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Lehner zurück“. Beiden wollten den Konzern zusammenhalten. Das ist eigentlich auch satzungsmäßiges Ziel der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die mit 21 Prozent der größte Aktionär ist. Deren Kuratoriumsvorsitzende folgt aber wohl lieber dem Motto des Stifters: „Vorstellungen einer falsch verstandenen Tradition dürfen uns nicht hindern, zu neuen Wegen zu finden.“ Das dürfte die übrigen Aktionäre einschließlich mir freuen. So ist der Aktienkurs nach den Rücktritten gestiegen. Denn bei der thyssenkrupp AG ist die Summe der Teile deutlich mehr wert als das Ganze. Sogar eine der fünf Sparten allein, die Aufzugssparte, hat einen höheren Wert als der Gesamtkonzern. Das ist ein sehr starkes wirtschaftliches und finanzielles Argument, gegen das auch unsere Politiker nicht ankommen. Sie sollten sich lieber selbstkritisch fragen, warum das so ist und wie sich derart wertvernichtende Regelungen ändern lassen.

Freihandel mit Japan, Großbritannien und den USA

Die „EU-Staaten stimmen Abkommen mit Japan zu“ zum Freihandel. Zölle und andere Handelsbeschränkungen sollen stark reduziert werden, was zu begrüßen ist. Die Kritik von linker Seite ist unberechtigt: „‚Entgegen anderslautender Behauptungen führt das Wirtschaftspartnerschaftsabkommen der EU mit Japan nicht zu einer Deregulierung und Privatisierung von öffentlichen Dienstleistungen wie der Wasser- und Abwasserversorgung‘, teilte die Kommission mit.“

Es gibt noch andere guten Nachrichten hinsichtlich Freihandel: „Britische Regierung strebt Freihandelszone mit EU an“. Premierministerin Theresa May hat endlich eine halbwegs vernünftige Verhandlungsposition entwickelt und ihr Kabinett gegen Widerstände darauf verpflichtet. Demnach soll es Freihandel bei Waren geben, was Grenzkontrollen insbesondere auf der irischen Insel verhindern würde. Großbritannien müsste dann alle EU-Regeln für materielle Produkte übernehmen. Aus dem freien Verkehr von Dienstleistungen, Kapital und vor allem Personen würde sich Großbritannien allerdings ausklinken. Ob die EU da zustimmt, ist unklar. Vor allem wäre ein Verbleib Großbritanniens in der EU durchaus möglich gewesen, wenn die EU vor dem Brexit-Referendum allein bei der Personenfreizügigkeit ein paar Zugeständnisse gemacht hätte. Die Freiheiten auf diesen Gebieten sind auch überhaupt nicht sachlogisch, sondern allein politisch miteinander verknüpft.

Selbst in den Handelsstreit mit den USA ist Bewegung gekommen. US-Präsident Donald Trump hatte kürzlich noch Strafzölle von 20 Prozent auf Autos angedroht. Nun machte sein deutscher Botschafter Richard Grenell ein Angebot, „Wie die Autoindustrie neuen Zöllen entgehen könnte“, nämlich durch einen beiderseitigen Verzicht der USA und EU auf alle Zölle auf Autos. Sogleich gibt es rechtliche Bedenken, aber letztlich ist es eine politische Frage mit wirtschaftlichen Implikationen. Der Vorschlag ist gut und gerade die Republikaner in den USA, die regelmäßig für Steuersenkungen eintreten, sollten daran denken, dass Zölle nichts anderes als Steuern sind, die auch noch besonders ineffizient wirken, weil sie die Produktions- und Konsumentscheidungen verzerren. Das kostengünstigste Produkt kann plötzlich teurer sein, nur weil es aus einem anderen Land kommt. Selbst wenn das einige heimische Produzenten freuen mag, verlieren andere Produzenten im In- und Ausland sowie vor allem die Konsumenten mehr.

Euro und EZB sind die Probleme, nicht allein die Target-Salden

„Das Anleihekaufprogramm der EZB treibt den Target-2-Saldo“. Das ist vermutlich richtig, aber kein Grund zur Entwarnung. Gerald Braunberger meint hingegen:

Die Forderungen der Bundesbank könnten bald die Marke von 1000 Milliarden Euro überschreiten. Die Risiken werden häufig überschätzt. […]

Seit Jahren finden Diskussionen über die Werthaltigkeit von Target-2-Forderungen statt. Mit Debatten über einen Austritt Italiens haben sie Nahrung erhalten. Nach einem populären Irrtum müssten die Forderungen der Bundesbank nach einem Euroaustritt Italiens um mehrere hundert Milliarden Euro wertberichtigt werden. Dies ist unzutreffend; die Bundesbank hat aus Target-2 keine direkte Forderung gegen Italien. Es gilt das Prinzip: Target-2-Forderungen bestehen gegenüber der EZB und sind für die Höhe der potentiellen Risiken aus Target-2-Verbindlichkeiten anderer Länder unerheblich. Da die Bundesbank die Forderungen gegen die EZB hält, setzte eine Wertberichtigung den Untergang der EZB voraus.

Das finanzielle Risiko der Bundesbank (und damit Deutschlands) ist ein indirektes. Die EZB hält aus einem alten Kaufprogramm italienische Anleihen über 50 Milliarden Euro, und sie besitzt eine Forderung aus Target-2 über zuletzt 465 Milliarden Euro gegenüber der Banca d’Italia. Nach einer interessanten Studie des Analysehauses Oxford Economics hätte die EZB selbst im Falle eines Austritts Italiens aus dem Euro keine Notwendigkeit, eine Wertberichtigung auf ihre Forderung gegenüber der Banca d’Italia vorzunehmen, denn diese Forderung ist zeitlich unbefristet – es existiert keine Tilgungspflicht – und sie ist unverzinst. Eine Target-2-Verbindlichkeit ähnelt einer Nullkuponanleihe mit ewiger Laufzeit.

Die Folgerung wäre, dass die Target-Salden nur deshalb kein Risiko darstellen, weil sie ohnehin wertlos sind mangels Zins- und Rückzahlungsanspruch.

Gedankenexperiment. Wenn das Euro-System eine andere interne Neuorganisation seiner Aufgaben beschlossen hätte und Wertpapierkäufe sowie Zahlungen nicht mehr über nationale Zentralbanken, sondern alleine über die EZB im Frankfurter Ostend vorgenommen würden, hätte sich an der wirtschaftlichen Lage im Euroraum nichts geändert. Aber es gäbe keine nationalen Target-Salden! Vielmehr fänden sich alle Aktiva des Eurosystems und das von ihm geschaffene Geld komplett in der EZB-Bilanz. Und dann wäre offensichtlich, dass die Risiken nichts mit der Höhe der Bilanzsumme oder von Salden zu tun hätten, sondern alleine aus der Qualität der Aktiva entstammten. Die Risiken der Bundesbank (und damit Deutschlands) wären alleine aus ihrer Beteiligung an eventuellen Verlusten der EZB ableitbar.

Das ist richtig. Das eigentliche Risiko liegt nicht in den Target-Salden, sondern in den Bilanzen der EZB und der nationalen Notenbanken. Dem Euro stehen Forderungen gegenüber, die aber ihrerseits aus Schrottpapieren bestehen können. Dadurch begründet die EZB bereits jetzt eine Schulden- und Haftungsunion.

Spieltheoretische Analyse von Seehofer vs. Merkel

Die aktuelle Regierungskrise hatte ich mit ‚Innenminister will Recht gegen Kanzlerin durchsetzen‘ bereits behandelt. Nun wurde ich in einem Kommentar um eine „klare Analyse“ gebeten, weshalb ich meine Argumentation noch einmal genauer darlege. Dazu beginne ich mit einem kleinen spieltheoretischen Modell. Danach zeige ich eine Grenze bzw. Variation dieses Modells auf, die vielleicht auch für andere spieltheoretische Modellierungen interessant ist und im konkreten Fall ohnehin.

In der einfachsten Form lässt sich die aktuelle Regierungskrise als ein Konflikt zwischen Frau Merkel und Herrn Seehofer beschreiben. Beide können entweder hart oder weich spielen. Im Falle des Innenministers bedeutet das, dass er entweder auf die Zurückweisung von bestimmten Flüchtlingsgruppen direkt an der Grenze besteht bzw. diese einseitig anordnet (hart) oder wieder einmal der Kanzlerin nachgibt (weich). Die Kanzlerin kann auf ihrer Linie beharren, den deutschen Sonderweg als angeblich europäische Lösung fortzusetzen (hart), oder sie lässt ihren Innenminister gewähren (weich). Wenn beide weich spielen, gibt es irgendeinen faulen Kompromiss zwischen den eigentlich unversöhnlichen Positionen.

Aus zweimal zwei möglichen Strategien bzw. Spielweisen ergeben sich vier mögliche Kombinationen, denen zumindest ordinale Nutzenwerte für beide Akteure zugeordnet werden müssen. Für Herrn Seehofer ist es am besten (3), wenn er hart spielt und Frau Merkel weich. Dann bekommt er seinen Willen und seine Position ist für zukünftige Konflikte gestärkt. Entsprechend ist das für Frau Merkel nicht so gut (1). Ihr wäre es am liebsten (3), wenn er weich wird und sie selbst hart bleibt. Vor dem aktuellen Konflikt hätte er damit vielleicht gut leben können, jetzt ist es für ihn das schlechtestmögliche Ereignis (0), weil er dann demnächst von ihr abserviert wird und auch die CSU ihn spätestens nach der verlorenen Bayernwahl fallen lässt. Das droht ihm jedoch auch, wenn beide weich spielen und einen faulen Kompromiss abschließen, nur dass er etwas mehr sein Gesicht wahren kann (1). Für Frau Merkel ist ein fauler Kompromiss hingegen besser (2), weil sie sich damit faktisch durchsetzen kann. Am schlechtesten (0) ist es für Frau Merkel, wenn sie beide hart spielen, weil sie dann ihre Kanzlerschaft entweder sofort verliert oder kurze Zeit später nach einer instabilen Koalition ohne CSU. Für Herrn Seehofer ist das hingegen ganz gut (2), weil er dann zwar als Innenminister entlassen wird, aber erfolgreicher CSU-Vorsitzender bleibt und vielleicht sogar der nächste Kanzler wird. Das Spiel lässt sich folgendermaßen darstellen:

Seehofer / Merkel            Merkel hart          Merkel weich

Seehofer hart                        2 / 0                       3 / 1

Seehofer weich                     0 / 3                       1 / 2

Wenn das Spiel so ausschaut, lässt es sich leicht lösen. Herr Seehofer hat eine dominante Strategien, denn Härte ist stets besser als Weichheit für ihn. Wenn beide Spieler rational sind und das voneinander wissen, dann weiß Frau Merkel, dass Herr Seehofer hart bleibt, worauf es ihre beste Antwort ist, selbst nachzugeben. Wir werden morgen sehen, ob das passiert. Wenn Herr Seehofer seine bereits angekündigte Entscheidung weiter verschiebt, dann ist er nicht wirklich hart, sondern lässt sich auf einen faulen Kompromiss ein oder unterwirft sich am Ende sogar ganz.

Ich gehe davon aus, dass das passiert. Bisher hat Herr Seehofer immer nachgegeben. Die Frage ist, ob sich dieses Verhalten rationalisieren lässt oder einfach irrational ist. Damit Nachgeben für ihn rational ist, müssen die Bewertungen verändert werden. So könnte es sein, dass er einfach eine Präferenz fürs Nachgeben hat, ganz unabhängig von den Konsequenzen. Damit kann man allerdings im Prinzip jedes noch so seltsame Verhalten erklären.

Interessanter finde ich es, die angenommenen Konsequenzen genauer anzuschauen. Wenn man andere Folgen wahrscheinlicher findet, ändert sich auch die Bewertung. Wenn z. B. beide hart bleiben, zerbricht wahrscheinlich die Regierung. Doch meine Annahme, dass die CSU in Bayern und im Bund sowie Herr Seehofer das nicht wirklich fürchten müssen, muss man nicht teilen. Vielleicht geht genau deswegen die Bayernwahl grandios verloren, wofür es dann auch einen klaren Schuldigen gäbe, nämlich Herrn Seehofer. Auch im Bund findet die CSU dann vielleicht keinen Regierungspartner mehr, während Frau Merkel munter mit FDP und Grünen weiterregiert, die sich doch schon angedient haben. Selbst wenn man das wie ich für unwahrscheinlich hält, ist es doch nicht unmöglich, so dass ein sehr risikoaverser Innenminister diese Strategiekombination anders, nämlich schlechter bewerten würde. Umgekehrt glaubt Herr Seehofer vielleicht aus Erfahrung zu wissen, dass Frau Merkel ihm jeden Angriff verzeiht, wenn er diesen nicht weiterführt. Wenn man seine Bewertung bei hartem Spiel von Frau Merkel tauscht, ergibt sich das nachfolgende Bild mit zwei Gleichgewichten (eine/r spielt hart und der bzw. die andere weich), von denen sich der bisherigen Tradition folgend beide leicht auf die Dominanz der Kanzlerin verständigen könnten.

Seehofer* / Merkel            Merkel hart          Merkel weich

Seehofer* hart                        0 / 0                       3 / 1

Seehofer* weich                     2 / 3                       1 / 2