Beitrag zum Euro aus Unternehmensperspektive erschienen

„The Euro from a Business Perspective“ ist vorab online in Economia Internazionale/International Economics erschienen, wo es auch bereits einen „Comment to ‚The Euro from a Business Perspective‘ by A. Dilger“ gibt. Mein Beitrag ist eine überarbeitete Version vom (2017) ‚Neue[n] Diskussionspapier zum „Euro aus Unternehmensperspektive“‚, welches offensichtlich immer noch relevant ist, inzwischen vielleicht sogar noch relevanter.

Ökonomenpanel zu Lieferketten und Handel mit Autokratien

„Ökonom*innen befürworten EU-Zölle auf russische Energieimporte“. Als normaler Ökonom ohne Genderstern habe ich diese Antworten beim 39. Ökonomenpanel von ifo und FAZ zu „globalen Lieferketten und dem Handel mit Autokratien“ gegeben, wobei ich bei der vorletzten Frage zum Handel mit Autokratien von der Mehrheitsmeinung meiner Kollegen abweiche, da ich gegen pauschale Einschränkungen bin:

Ist Deutschland zu abhängig von der Weltwirtschaft?

Nein, weil die Integration in den Weltmarkt grundsätzlich gut ist.

Welche der folgenden Maßnahmen halten Sie für geeignet, um die Resilienz von Lieferketten zu stärken? [Mehrfachnennungen möglich]

Internationale Diversifizierung
Verstärkte heimische Beschaffung bzw. Reshoring
Verstärkte Beschaffung aus anderen EU-Ländern bzw. Nearshoring
Erhöhte Lagerhaltung
Bessere Überwachung von Lieferketten

Welche wirtschaftspolitischen Schritte sollte die Bundesregierung unternehmen, um die Resilienz deutscher Lieferketten zu stärken?

Wettbewerb stärken und insbesondere die Energieversorgung breiter aufstellen.

Am 1. Januar 2023 tritt das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz in Kraft. Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeitern (1.000 Mitarbeiter ab 2024) werden verpflichtet, ihre Lieferketten auf potentielle Menschenrechts- und Umweltrechtsverletzungen zu analysieren und ein Meldesystem für Menschenrechts- und Umweltrechtsverletzungen in Lieferketten einzurichten.

Wird Ihrer Meinung nach das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz das Auslandsgeschäft für betroffene deutsche Unternehmen erschweren?

Ja, weil es bürokratischer und politisiert wird.

Sollte die deutsche Außenwirtschaftspolitik die Handelsbeziehungen mit Autokratien einschränken?

Nein, weil es mehr auf Wettbewerb und Diversifikation ankommt.

Wären hohe EU-Zölle auf russische Energieimporte Ihrer Meinung nach eine effektive Maßnahme, um Zahlungen an Russland zu reduzieren und gleichzeitig die Auswirkungen auf die Energieversorgung in Europa möglichst gering zu halten?

Ja, weil sie besser funktionieren als Embargos.

Ihr öffentlicher Kommentar zu den globalen Lieferketten und dem Handel mit Autokratien (optional):

Die Abhängigkeiten von Russland waren zu hoch. Derselbe Fehler darf mit China nicht wiederholt werden.

Diskussionspapier zum Zufall in den Wirtschaftswissenschaften

„Der Zufall in den Wirtschaftswissenschaften“ ist Titel und Thema des kurzen Diskussionspapiers des Instituts für Organisationsökonomik 5/2022, welches ich kurz vor Mitternacht fertiggestellt habe. Es basiert auf einem vor zehn Jahren gehaltenen Vortrag und hat folgende Zusammenfassung:

Der Zufall spielt in den Wirtschaftswissenschaften eine große Rolle, wobei meistens auf sub­jek­tive Wahrscheinlichkeiten abgestellt wird, also eingeschränktes Wissen der Wirt­schafts­­akteure. Objektiver Zufall in der Natur wird seltener modelliert, kommt aber auch vor. Beispielhaft wird die Rolle des Zufalls in der Entscheidungstheorie, der Spieltheorie, der Kapitalmarkttheorie und der Ökonometrie betrachtet.

Diskussionspapier zu koordinierender Führung

Das Diskussionspapier des Instituts für Organisationsökonomik 4/2022 trägt den Titel „Interkulturelle Führung aus spieltheoretischer Sicht“ und lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Ein Problem interkultureller Führung kann die richtige Koordination bei unterschiedlichen Normen und Erwartungen sein, was sich durch geeignete Auswahl eines Fokalpunktes lösen lässt.“ Vielleicht ist das auch ein Problem bei der Lösung globaler Konflikte bis hin zu Kriegen, nur dass es da an Führung mangelt, die koordinieren könnte.

Krieg ist (k)ein Nullsummenspiel

Ein Nullsummenspiel (oder etwas allgemeiner Konstantsummenspiel) ist dadurch charakterisiert, dass sich die Gewinne und Verluste der Spieler genau ausgleichen. Bei zwei Spielern ist der Gewinn des einen Spielers gleich dem Verlust des anderen. In solch einem Spiel gibt es keinen Anreiz zur Kooperation oder zum Tauschen (bei drei und mehr Spielern ist es etwas komplizierter), da nicht beide gleichzeitig etwas davon haben können. Schach ist ein typisches Nullsummenspiel, Fußball ist es durch die Einführung der Drei-Punkte-Regel nicht mehr (ein Unentschieden bringt dadurch beiden Mannschaften zusammen weniger, als wenn eine Mannschaft gewinnt). Allerdings ist Schach nur innerhalb des Spiels und der Regeln ein Nullsummenspiel. Aus übergeordneter Perspektive ist das nicht so, da sonst kaum jemand Schach spielen würde. Typischerweise macht das Schachspielen den Spielern Spaß, sonst würden sie nicht spielen. Profispieler bekommen außerdem Geld dafür, welches von außen kommt. Zugleich werden reale Ressourcen verbraucht, insbesondere Zeit und Anstrengung fürs Denken.

Ein normaler Krieg ist ebenfalls ein solches Nullsummenspiel, zumindest solange man in ihn verstrickt ist. Beide Seiten wollen siegen und gönnen der jeweils anderen Seite keinen Vorteil, da dieser ein eigener Nachteil wäre. Aus übergeordneter Sicht ist Krieg kein Nullsummenspiel, sondern für beide Seiten zusammen verlustreich, also eine Art Negativsummenspiel, welches man besser gar nicht spielen sollte. Es werden reale Werte einschließlich vieler Menschenleben vernichtet. Eine Seite kann trotzdem den Krieg anfangen, wenn sie an den eigenen Sieg glaubt und einen eigenen positiven Nutzen dadurch. Allerdings lohnt selbst dann eine Verhandlungslösung, die die Kosten des Krieges vermeidet. Der voraussichtliche Verlierer könnte etwas abgeben, ohne dass es zum Krieg mit seinen hohen Kosten kommt, so dass beide Seiten profitieren (relativ zum Krieg und dessen Ausgang). Innerhalb des Krieges gilt wieder die Logik des Nullsummenspieles, nach der man dem Gegner keinen Vorteil gönnt, da dieser zum eigenen Nachteil wäre. Trotzdem sind Verhandlungen zur Beendigung des Krieges möglich, da damit der Krieg und dessen Logik aufgehoben werden und beide Seiten weitere Kriegskosten und -schäden sparen. Der Kampf um die bessere Ausgangsposition bei diesen Verhandlungen hat allerdings wiederum die Form eines Nullsummenspiels.

Ein echter Atomkrieg bzw. ein ernsthafter Krieg zwischen heutigen Weltmächten (China, Russland und den USA) entspricht keinem Nullsummenspiel, sondern führt erkennbar für alle Beteiligten (und auch viele oder sogar alle Unbeteiligten) zur Katastrophe, weil die stärksten Waffen so schlimm geworden sind, dass die Gegner sich gegenseitig vernichten können und dabei vielleicht die ganze menschliche Zivilisation zerstören oder sogar die Menschheit ausrotten. Jeder vernünftige Mensch und auch Staat wird deshalb einen solchen Krieg vermeiden wollen, was sogar zum Frieden beiträgt durch gegenseitige Abschreckung.

Konkret angewandt auf den aktuellen Ukraine-Krieg bedeutet das, dass ein Kriegseintritt der NATO und insbesondere der USA vermieden werden muss. Das ist allerdings im gemeinsamen Interesse sowohl der NATO als auch Russlands. Russland kann also nicht einseitig diktieren, was die NATO zu tun oder zu lassen hat, um eine solche Kriegsausweitung zu verhindern. Umgekehrt kann die NATO aber auch Russland keine einseitigen Vorgaben machen und z. B. einen Abzug aus der Ukraine verlangen. Rote Linien müssen vorher klar kommuniziert werden und für die Gegenseite grundsätzlich akzeptabel sein. Sanktionen und selbst Waffenlieferungen werden offensichtlich akzeptiert, in der Ukraine kämpfende NATO-Truppen wären hingegen eine aktive Kriegsbeteiligung. Rein theoretisch könnte man sich darauf verständigen, diesen Einsatz als begrenzt anzusehen und darauf weder mit Atomwaffen noch mit einer Ausweitung der Kampfzone nach Russland oder in ein NATO-Mitglied zu antworten. Faktisch wäre eine solche Abgrenzung wohl zu schwierig, zumal Russland vorher etwas anderes versprochen wurde.

Solange die NATO keine Kriegspartei ist, gilt für sie die Kriegslogik des Nullsummenspiels nicht. Insbesondere ist es möglich, mit Russland weiter Geschäfte zum gegenseitigen Vorteil zu machen, die dann allerdings zum Nachteil der Ukraine sind. Zugleich kann man die Ukraine unterstützen, was zu ihrem Vorteil und zum Nachteil Russlands ist. Wenn Russland darauf mit einer Ausweitung des Krieges auf die Unterstützer reagieren würde, würde das nicht nur zur Weltkriegsgefahr führen, die auch Russland vermeiden will, sondern außerdem zu Nachteilen in der ganz normalen Kriegsführung. Die Ukraine alleine ist schwächer als mit Unterstützung, doch zusammen mit ihren Unterstützern ist sie ein viel stärkerer Gegner, den Russland nicht haben will. Präsident ‚Putin kann seinen Krieg und die Ukraine nicht gewinnen‘, aber noch könnte er ohne eigene große Niederlage aus der Sache herauskommen. Dieser Ausweg sollte ihm nicht verbaut werden und eröffnet Möglichkeiten zu einem Verhandlungsfrieden.

Inflation und Wachstum mit und ohne russische Energielieferungen

Die Wirtschaftsinstituts-„Forscher warnen vor höchster Inflation seit Bestehen der Bundesrepublik“, wenn es zu einem Lieferstopp für russische Energie kommt, sei es von deutscher oder russischer Seite. Die Inflation würde dann das ganze Jahr bei 7,3 Prozent verharren (wo sie aktuell schon ohne Lieferstopp ist, siehe ‚Inflation steigt auf 7,3 Prozent durch Putins Krieg und Versagen der EZB‘, während sie 1951 noch höher war). Ansonsten wird mit 6,1 Prozent Inflation gerechnet, was kein so gewaltiger Unterschied ist. Das Wirtschaftswachstum soll bei einem Ende russischer Gaslieferungen bei 1,9 Prozent in diesem Jahr liegen und sonst bei 2,7 Prozent (während im letzten Herbstgutachten noch 4,8 Prozent prognostiziert worden waren). Ohne russisches Gas würde nach diesen Berechnungen die deutsche Wirtschaft im nächsten Jahr sogar um 2,2 Prozent schrumpfen, mit ihm um 3,1 Prozent wachsen. Das ist durchaus ein relevanter, aber notfalls verkraftbarer Unterschied (doch Kanzler ‚Scholz schimpft auf Wirtschaftswissenschaftler, die Gasembargo für handhabbar halten‘).

Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft, der eigentlich ein liberaler Ökonom und Vorsitzender der Hayek-Gesellschaft ist, äußert sich kritisch zu Hilfen für private Haushalte angesichts der hohen Energiepreise: „Werden solche Hilfen auf breiter Front ausgereicht, treibt das zusätzlich die Inflation und torpediert den wichtigen Lenkungseffekt höherer Energiepreise“. Diese Argumentation halte ich für falsch, zumindest wenn es um die Reduktion von Steuern und Abgaben geht, mit denen der Staat die aktuell zu hohen Energiepreise zusätzlich belastet und sich daran bereichert (siehe ‚Energiesteuer wird kurz ein wenig gesenkt, zu versteuernde Energiepreispauschale nur für Erwerbstätige‘ und ‚Lindner will Tank-Rabatt, Steuersenkung wäre noch besser‘). Die Inflation würde durch solch eine Senkung der Steuern und Abgaben sinken und diese Preise sind doch aktuell zu hoch, also ist der Lenkungseffekt momentan zu groß. Eine mögliche Ausnahme bildet die russische Energie. Um deren Verbrauch zu beschränken und zugleich die Invasion der Ukraine weniger zu finanzieren, wäre eine ‚Strafabgabe für russisches Gas und Öl‘ das richtige Mittel. Entscheidend sind dabei die Preisunterschiede, was gerade dafür spricht, Energie anderer Lieferanten weniger zu belasten.

Scholz schimpft auf Wirtschaftswissenschaftler, die Gasembargo für handhabbar halten

Beim Klimaschutz oder der Corona-Pandemie wird immer wieder behauptet, die Politik würde auf die Wissenschaft hören und solle das auch tun, wobei das Wissenschaftsverständnis meist recht einfach und einseitig ist. Bundeskanzler Olaf Scholz sprach gestern bei Anne Will offen aus, was er von Wissenschaftlern hält, die nicht seiner Meinung sind. „Die sehen das aber falsch“ und es sei „unverantwortlich, irgendwelche mathematischen Modelle zusammenzurechnen, die dann nicht funktionieren“ (siehe „Der deutsche Streit ums Gasembargo“ und „Kehrtwende des Kanzlers“).

Dabei geht es um die Studie „Was wäre, wenn…? Die wirtschaftlichen Auswirkungen eines Importstopps russischer Energie auf Deutschland“ mit diesem zentralen Ergebnis: „Kurzfristig würde ein Stopp der russischen Energieimporte zu einem BIP-Rückgang zwischen 0,5 % und 3 % führen“, was „substanziell, aber handhabbar“ sei. Das ist die seriöseste wissenschaftliche Abschätzung, die es bislang dazu gibt. Natürlich kann man die Annahmen, Methoden und Ergebnisse kritisieren, doch ein Spitzenpolitiker sollte das vielleicht besser nicht selbst tun, sondern anderen Wissenschaftlern überlassen.

Aus solch einer Abschätzung folgt auch noch keine praktische Handlungsempfehlung. Es ist doch eigentlich nur gut für Deutschland, wenn ein plötzliches Ende russischer Öl- und Gaslieferungen keine katastrophalen Folgen hat, zumal es uns von außen durch Russland aufgezwungen werden könnte. Deshalb muss man nicht gleich selbst ein Embargo verhängen, kann es aber leichter tun, wenn Putins Krieg noch mehr eskaliert, oder z. B. bei den vereinbarten Zahlungen in Dollar und Euro bleiben trotz der Drohung mit einem Lieferstopp (siehe ‚Putin will russisches Gas in Rubel bezahlt bekommen‘).

Dagegen ist nicht klar und auch nicht Gegenstand der Studie, wie sehr ein solches Embargo Russland und seinen Möglichkeiten zur Kriegsführung schaden würde. Vielleicht könnte es das Öl und Gas gleich an andere liefern oder auch erst später, was jedoch wertmäßig keinen großen Unterschied macht und höchstens zu Liquiditätsproblemen führt, die jedoch durch andere Maßnahmen insbesondere im Finanzsektor viel größer sind.

In der Sache bin ich also durchaus bei Herrn Scholz und gegen ein Embargo zum jetzigen Zeitpunkt. Die Art seiner wissenschaftsfeindlichen Argumentation teile ich hingegen nicht. Der Bundeskanzler scheint tatsächlich zu glauben, dass irgendwelche „Experten“ aus der Wirtschaft, die eigene wirtschaftliche Interessen in dieser Sache haben, das besser und seriöser beurteilen könnten als unabhängige und anerkannte Wissenschaftler. Am Ende müssen solche Fragen ohnehin politisch entschieden werden, doch bitte auf Grundlage der bestmöglichen Erkenntnisse und nicht korrupter Klüngelwirtschaft, wie sie leider nicht nur in Russland häufig vorkommt. Empfehlen würde ich eine ‚Strafabgabe für russisches Gas und Öl‘, die sich besser dosieren lässt als ein Embargo und außerdem Deutschland mehr nutzt und zugleich der russischen Regierung mehr schadet.

Strafabgabe für russisches Gas und Öl

„‚Eine Strafabgabe auf russisches Gas'“ und Öl schlägt Axel Ockenfels vor. Das scheint mir tatsächlich besser zu sein als ein völliges Importverbot (was einer unendlich hohen Strafabgabe entspricht), eine Mengenbeschränkung, die zu höheren Preisen und damit Einnahmen für Russland führt, oder umgekehrt das völlige Ausnehmen des für Russland besonders wichtigen Energiesektors von jeglichen Sanktionen.

So eine Strafabgabe klingt zunächst kontraproduktiv, weil sie einerseits das Gas für die Nachfrager verteuert. Andererseits würde sie aber den Spielraum für höhere russische Preisforderungen im EU-Markt eindämmen. Im Ergebnis könnte die EU Russlands Gewinne aus dem Gasverkauf abschöpfen und so Putin schwächen. Mit den eingenommenen Abgaben könnten wir der Ukraine helfen und die europäischen Gasverbraucher entlasten.

Auf einem perfekten Markt bzw. bei hinreichend vielen Käufern ohne Strafabgabe würde diese nicht funktionieren. Doch der Westen könnte ein Nachfragekartell bilden, welches echte Marktmacht hat und durch die Strafabgabe (bzw. einen Zoll) die Erlöse für Russland drückt. Andere Lieferanten bekommen entsprechend mehr, was zur Diversifikation beiträgt. Vorbereiten muss man sich auf einen kompletten Lieferstopp durch Russland, sollte ihn aber nicht selbst herbeiführen.

Lindner will Tank-Rabatt, Steuersenkung wäre noch besser

Der ‚Dieselpreis explodiert‘ und liegt jetzt im bundesweiten Durchschnitt bereits bei über 2,30 Euro pro Liter. Die ‚EZB heizt Inflation noch an bei Spritpreisrekord‘, was sich auf Wiederwahl hoffende Politiker langsam nicht mehr leisten können. Der FDP-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Christian „Lindner stellt Tank-Rabatt von 30 bis 40 Cent je Liter in Aussicht“. Die Preise würden vollständig ausgewiesen bei den Tankstellen, doch die Kunden müssten den Rabatt nicht bezahlen, den der Staat den Tankstellen bzw. den Mineralölkonzernen erstattet.

„Den Steuerzahler würde das 6,6 Milliarden kosten.“ Das ist natürlich Unsinn, denn die Steuerzahler werden gerade um diesen Betrag entlastet, der dem Fiskus auch gar nicht fehlt, weil er durch die steigenden Preise Mehreinnahmen hat, von denen er dann auf einen Teil verzichtet. Besser wäre eine entsprechende Steuersenkung statt der Umweg über einen Rabatt. Herr Lindner hat da europarechtliche Bedenken, doch unsere Nachbarländer machen vor, wie es einfach und unbürokratisch geht.

„Breite Steuersenkungen für Benzin sind der falsche Weg“, meint (nicht nur) Clemens Fuest, doch seine Argumentation überzeugt nicht. Er rechnet für das erhöhte Mehrwertsteueraufkommen durch die Preissteigerung vor:

Im Jahr 2021 lag der durchschnittliche Preis für Superbenzin bei 1,58 Euro, Diesel kostete 1,40 Euro. Die auf Kraftstoffausgaben privater Haushalte erhobene Mehrwertsteuer betrug schätzungsweise 10 Milliarden Euro. Wenn man davon ausgeht, dass Superbenzin und Diesel im Jahr 2022 2,20 Euro pro Liter kosten und der Einfachheit halber von konstantem Verbrauch ausgeht, werden die Mehrwertsteuereinnahmen auf überschlägig 14,5 Milliarden Euro im Jahr 2022 steigen. Die Mehreinnahmen für den Staat würden also höchstens 4,5 Milliarden Euro betragen. Tatsächlich wäre es weniger, weil der Verbrauch sinkt.

Zumindest auf diese Mehreinnahmen sollte der Staat verzichten, um sich nicht noch an den Preissteigerungen zu bereichern, zu denen er zumindest indirekt auch noch beiträgt, indem er der EZB ihre mandatswidrige Inflationspolitik durchgehen lässt und durch Sanktionsdrohungen die Ölimporte weiter verteuert. Die These, das „kostet den Staat dennoch viel Geld“ ist falsch, weil es sich gerade um Mehreinnahmen allein aus der Preiserhöhung handelt.

Ohnehin ist es fragwürdig, eventuelle Entlastungen an den Mehreinnahmen bei der Mehrwertsteuer zu orientieren, denn höhere Ausgaben für Benzin führen zu geringeren Ausgaben bei anderen Gütern. Die These, der Staat würde an den Preissteigerungen verdienen, ist also weit hergeholt.

Die anderen Güter werden doch auch teurer und insgesamt müssen die Menschen mehr Geld für weniger Konsum ausgeben und werden real ärmer, woran der Staat durchaus verdient. Das gilt auch für steigende Nominallöhne bei sinkenden Reallöhnen durch die kalte Progression, also höhere Einkommensteuersätze allein wegen der nominal höheren Einkommen.

Wenn der Staat die Benzinsteuern senkt, geben die privaten Haushalte zwar erst einmal weniger für Benzin aus. Das schafft aber keine wirkliche Entlastung, eher eine Entlastungsillusion. Der Staat würde sich dafür zunächst stärker verschulden. Diese Schulden müssen in Zukunft bedient werden, durch Steuern, die von genau den Haushalten bezahlt werden, die jetzt angeblich entlastet werden. Dass der Staat den Bürgern das Geld erst überlässt und es später über höhere Steuern oder Ausgabenkürzungen wieder eintreibt, ist letztlich teurer als hinzunehmen, dass die privaten Haushalte heute mehr für Benzin ausgeben.

Für die staatlichen Mehreinnahmen allein durch die Preissteigerungen gilt das definitiv nicht, denn für einen Verzicht darauf müsste sich der Staat nicht (zusätzlich) verschulden. Aber selbst staatliche Mindereinnahmen können zeitweise sinnvoll sein, um die Spritpreise über die Zeit zu glätten.

Warum werden überhaupt die Energiesteuer (früher Mineralölsteuer) und die CO2-Abgabe zusätzlich beim Tanken fällig? Der Staat meinte, dass Tanken bzw. Autofahren zu billig sei. Das ist nun offensichtlich nicht mehr der Fall, weshalb der Staat weniger Zusatzabgaben erheben sollte. Echte Subventionen, wo der Staat ein Produkt künstlich billiger macht und dafür andere teurer, sind tatsächlich problematisch. Das ist jedoch bei den Kraftstoffen nicht der Fall, sondern sie verteuert der Staat bereits absichtlich, was er bei explodierenden Preisen weniger oder gar nicht mehr tun sollte.

Ökonomenpanel zur Inflation

Beim 38. Ökonomenpanel von ifo und FAZ zur „Inflation“ wird eine „Längerfristig erhöhte Inflationsrate für Deutschland“ erwartet, und zwar im Durchschnitt der Antworten für dieses Jahr 4,36 Prozent, im nächsten 3,43 Prozent und 2026 noch 2,81 Prozent. 75 Prozent der antwortenden Ökonomen wollen, dass die EZB sofort Maßnahmen dagegen ergreift, 69 Prozent befürworten eine Erhöhung der Leitzinsen. Dies sind die konkreten Fragen und meine Antworten (noch vor Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine):

Welche durchschnittliche Inflationsrate erwarten Sie für Deutschland für das Jahr 2022?

5 Prozent

Welche durchschnittliche Inflationsrate erwarten Sie für Deutschland für das Jahr 2023?

4 Prozent

Welche durchschnittliche Inflationsrate erwarten Sie für Deutschland für das Jahr 2026?

3 Prozent

Was ist/sind Ihrer Meinung nach die wichtigste(n) Ursache(n) für die aktuelle Verbraucherpreissteigerung in Deutschland?

EZB, Bundesregierung, Lieferengpässe

Sollte die EZB sofort Maßnahmen ergreifen, um die Inflation zu senken?

Ja, weil die Inflation viel zu hoch ist und sich festsetzen kann, während die EZB immer noch Null- und Negativzinsen vorgibt.

Welche Maßnahmen sollte die EZB sofort oder zu einem späteren Zeitpunkt in 2022 ergreifen, um das Ziel der mittelfristigen Preisstabilität zu erreichen?

Gezielte langfristige Refinanzierungsgeschäfte (TLTROs) nicht wieder neu auflegen, weil auch diese die Inflation erhöhen.

Leitzinsen erhöhen, weil diese nominal null sind und real negativ in Höhe der Inflation.

Quantitative Lockerung (QE) stoppen, weil es dafür keinerlei Rechtfertigung mehr gibt bei viel zu hoher Inflation.

Andere: Anleihen verkaufen.

Wie hoch sollte Ihrer Meinung nach der Leitzins der EZB für das Hauptrefinanzierungsgeschäft am 31.12.2022 stehen?

4 Prozent

Ihr öffentlicher Kommentar zur Inflation in Deutschland (optional):

Das Mandat der EZB ist allein die Preisniveaustabilität, aber sie agiert davon völlig unabhängig und heizt die hohe Inflation noch an.