Vortrag zur Finanz- und Eurokrise in Graz

Bereits vor drei Jahren wurde ich ‚Neumitglied im VfS-Ausschuss Wirtschaftswissenschaften und Ethik‘. Die letzten drei Tage war ich bei der diesjährigen Ausschusssitzung in Graz. Gestern hielt ich einen Vortrag zu „Wirtschaftsethische[n] Überlegungen zur Finanz- und Eurokrise“, die kontrovers diskutiert wurden. So wurde u. a. hinterfragt, ob Politiker oder überhaupt jemand für diese Krise verantwortlich wäre, während ich mir nur bei den Wirtschaftswissenschaftlern unsicher war. Es gab auch den Vorschlag, Deutschland müsse einfach mehr Transfers nach Griechenland leisten, damit alles gut würde. Es ist also noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, nicht nur allgemein bei den Wählern, sondern auch innerhalb der Wissenschaft.

Consorsbank verbietet vernünftige Geldanlage

Bis 2008 war ich Kunde bei Consors bzw. dann Cortal Consors für mein Aktiendepot. Wegen ungünstiger Konditionen bei Effektenkrediten, also der Beleihung meiner Aktien, wechselte ich zur DAB Bank, um noch möglichst viele Aktien vor Einführung der Abgeltungsteuer kaufen zu können. Letzten Herbst übertrug die DAB Bank, nachdem sie ebenfalls von der französischen Großbank BNP Paribas übernommen worden war, alle Aktiendepots zur erneut etwas umbenannten Consorsbank.

Für mich selbst ist es ärgerlich genug, unfreiwillig wieder dort gelandet zu sein, auch wenn ich keine Effektenkredite mehr habe und mit der DAB Bank ebenfalls nicht immer zufrieden war (siehe ‚Immer Ärger mit den Banken‘). Viel schlimmer ist das jedoch für die Aktiendepots meiner Kinder, wie ich gestern feststellen musste. Ich wollte für sie Aktien aus dem Dow Jones und dem MDAX kaufen, was beides nicht ging, weil es oberhalb der maximalen Risikoklasse für Minderjährige läge. Das ist lächerlich, weil es sich um Standardwerte handelt und durch eine breite Streuung gerade auch über Ländergrenzen hinweg das Risiko sinkt statt steigt. Außerdem haben beide Kinder schon entsprechende Werte im Depot. Schließlich kann ich ansonsten willkürlich über das Geld meiner Kinder verfügen und könnte es z. B. in Bierflaschen anlegen.

Auf meine Beschwerde wurde mir geantwortet, dass es Geschäftspolitik der Consorsbank sei, solche Geschäfte nicht zuzulassen. Ich könne jedoch entsprechende Aktien von meinem eigenen Depot auf das meiner Kinder übertragen. Wie das genau geht, wurde nicht mitgeteilt, zumal es den Charakter als reine Schikane unterstreicht, da der Umweg über mein Depot das Vermögen meiner Kinder nicht sicherer macht, sondern höchsten schmälert, falls dafür zusätzliche Gebühren anfallen sollten. Für die Empfehlung einer besseren Bank für Direktanleger bin ich deshalb dankbar.

Minizinsen und Inflation

Heute haben unsere Kinder Sparkonto-Auszüge erhalten. Sophia bekam gerade einmal 10 Cent Zinsen für 2016, wovon auch noch 3 Cent als Kapitalertragsteuer abgezogen wurden. Fabian hat schon etwas mehr auf dem Konto, wofür er 30 Cent abzüglich 8 Cent Steuern bekam.

Während die Zinsen im Promillebereich verharren, hat die Inflationsrate in Deutschland einen ordentlichen Sprung nach oben gemacht. Im November lag die Preissteigerungsrate noch bei 0,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, im Dezember waren es dann 1,7 Prozent (siehe „Inflationszahlen entfachen Streit über Niedrigzins-Idee“).

Man schiebt das jetzt auf den steigenden Ölpreis, um an der Politik der EZB nichts ändern zu müssen. Dabei hinderte zuvor der fallende Ölpreis nicht daran, vor Deflation zu warnen, um die Minizinsen und massiven Anleihenaufkäufe zu rechtfertigen. Tatsächlich ist es jedoch umgekehrt, dass fallende Ölpreise (bzw. allgemeiner Importpreise) für eine Volkswirtschaft eher einen Vorteil als ein Problem darstellen, während Inflation durch steigende Ölpreise die Verbraucher nicht weniger schädigt als steigende Preise für heimische Produkte.

Der beste Inflationsschutz ist übrigens die Geldanlage in realen Werten. Meine Kinder haben wie ich das meiste Geld nicht auf dem Sparkonto, sondern im Aktiendepot. Kurzfristig mag das riskanter sein, doch langfristig ist die Rendite dort sowohl höher als auch sicherer.

Sachverständigenrat kritisiert EZB und Bundesregierung

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat heute sein „Jahresgutachten 2016/17: ‚Zeit für Reformen'“ vorgestellt und offiziell der Bundeskanzlerin übergeben. Der „Sachverständigenrat kritisiert [die] EZB“ in seinem Gutachten und die „Wirtschaftsweise kritisieren [die] große Koalition“ zugleich. Die Geldpolitik der EZB ist nach Ansicht (nicht nur) des Sachverständigenrates zu locker und die Zinsen sind zu niedrig, was den Reformeifer in den Krisenländern der Eurozone erlahmen ließ und zu großen Risiken sowohl für die Finanzmarktstabilität als auch die EZB selbst führte. Doch auch die Bundesregierung nutzt die wirtschaftlich relativ gute Lage nicht für nötige Reformen.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) weist die Kritik zurück. „Für uns ist immer Zeit für Reformen“, sagt sie.

Leider sind es keine wirtschaftlich sinnvollen Reformen, die sie mit ihrer Regierung und übergroßen Mehrheit im Bundestag durchführt. Die Absenkung des Rentenalters, die Einführung eines bundesweit einheitlichen Mindestlohns und einer verbindlichen Frauenquote oder auch ihre völlig chaotische Flüchtlingspolitik sind schädlich für die Wirtschaft insgesamt, d. h. nicht nur für Unternehmen, sondern auch die Beschäftigte und Konsumenten.

Eine gute Regierung würde nicht allein nach kurzfristigen politischen Vorteilen entscheiden, sondern sich am langfristigen Wohl seiner Bürger orientieren. Wenn dafür der eigene wirtschaftliche Sachverstand nicht ausreicht, ist es nicht die schlechteste Idee, auf den eigenen Sachverständigenrat zu hören, statt dessen Reformvorschläge mit dem Hinweis auf eigene unausgegorene Reformen pauschal zurückzuweisen. Im Detail kann man über einzelne Reformvorschläge sicher diskutieren, doch insgesamt würde ihre Umsetzung die Regierungspolitik deutlich verbessern.

Draghi fünf Jahre im Amt

Vor fünf Jahren wurde Mario Draghi der dritte EZB-Präsident mit einer achtjährigen Amtszeit. Seine größte Leistung ist vielleicht die Rettung des Euro, für die er alles unternehmen wollte, wobei zumindest ich diese gar nicht als positiv ansehe. Dafür hat er Null- und Negativzinsen eingeführt und die Bilanz der EZB deutlich verlängert mit teilweise zweifelhaften Staatsanleihen und inzwischen auch Unternehmensanleihen (siehe „Fünf Jahre Draghi – eine Bilanz in Grafiken“ und „Volles Risiko und keine Freunde mehr“). Die Inflation ist trotzdem viel niedriger als sein Inflationsziel von zwei Prozent, die er als Preisstabilität erklärt. Denn seine Maßnahmen führen zwar zu Vermögensblasen, haben aber kaum Einfluss auf die Konsumgüterpreise. Sein wirkliches Ziel ist wohl ohnehin ein anderes, nämlich vor allem hochverschuldeten Ländern wie Italien zu helfen. Diese verzichten wiederum wegen der niedrigen Zinsen und garantierten Anleihenkäufe auf ernsthafte Wirtschaftsreformen.

Die Banken schränken unter Aufsicht ausgerechnet der EZB ihre Kreditvergabe ein, so dass die insgesamt verfügbare Geldmenge viel weniger steigt als die Menge an Zentralbankgeld. Zugleich sind die Rohstoff- und vor allem Rohölpreise stark gefallen, was für die europäischen Volkswirtschaften eher von Vorteil war. Wenn diese Importpreise wieder steigen oder auch nur stabnieren, wird auch die Inflation zunehmen und der wahre Test für die Politisierung der EZB und ihres Präsidenten anstehen, nämlich ob er die Zinsen dann wieder erhöht. Bei einem konjunkturellen Abschwung hat er jedenfalls kaum noch Spielraum nach unten, könnte aber zu immer ausgefalleneren und riskanteren geldpolitischen Maßnahmen greifen. Letztlich leiden nicht nur die Banken, sondern die meisten Unternehmen und Europäer unter dem Euro, der EZB und Herrn Draghi. Das ist ihm aber egal, weil er ohnehin nicht wirklich gewählt, sondern von den Regierungschefs bestimmt wurde, die vor allem politische Ziele verfolgen, wobei Herr Draghi ihnen hilft.