Antwort auf Schnellenbachs Homburg-Kritik

Stefan Homburg hatte bei Wirtschaftliche Freiheit über „Lockdowns im internationalen Vergleich“ geschrieben. Jan Schnellenbach kritisierte das mit dem Beitrag „Covid-19 und die Grenzen bivariater Korrelationsanalysen“. Stefan Homburg antworte darauf wiederum mit „Zwei Entgegnungen“. Alle drei Beiträge sind lesenswert. Doch da ich darum gebeten wurde, antworte ich eigenständig auf die Argumente von Herrn Kollegen Schnellenbach.

Sein erster Einwand gegen die Lockdown-Kritik von Herrn Kollegen Homburg lautet, dass „all diese Argumente auf Augenschein-Empirie beruhen“. Es werden also nur deskriptive Daten bzw. deren graphische Darstellung betrachtet.

Ein solches Vorgehen ist hoch problematisch; [es] erlaubt keine starken Rückschlüsse und schon gar keine starken politischen Empfehlungen. Zahlreiche denkbare Einflüsse werden nicht berücksichtigt.

Einerseits stimmt das, andererseits trifft das doch auf die Lockdown-Befürworter einschließlich der Regierung ebenso zu. Zum Teil berücksichtigen diese nicht einmal die vorliegenden deskriptiven Daten oder interpretieren jede Woche fallende Zahlen von Neuinfektionen mutwillig in eine Ansteckungsrate über 1 um. Hinzu kommt, dass sich Kausalität im strengen Sinne kaum beweisen, aber schon mit einer einfachen Zeitreihe widerlegen lässt. Wenn die Neuinfektionen und Todeszahlen bereits vor dem Lockdown zurückgehen, kann das nicht an diesem gelegen haben, während ein späterer Rückgang oder demnächst vielleicht auch erneuter Anstieg alle möglichen Ursachen haben könnte.

Zweitens meint Herr Schnellenbach, dass

beispielsweise im Vereinigten Königreich spürbare Maßnahmen erst eingeleitet [wurden], als absehbar wurde, dass mit einem Laissez-Faire-Ansatz die Corona-Krise in eine katastrophale Überlastung des Gesundheitswesens führen würde und hohe Sterbeziffern die Folge sein würden. Dabei lag zwar die formale Verkündigung von Kontaktverboten in Deutschland und Großbritannien nur wenige Tage auseinander – insofern könnte man beide Länder als fast gleichzeitig als gemäßigte Lockdown-Länder klassifizieren. Aber die Politik bis dahin war in beiden Ländern sehr unterschiedlich. […] Die [deutsche] Die Bevölkerung war wesentlich früher als in Großbritannien mit der Ernsthaftigkeit der Lage vertraut und reagierte mit freiwilligen Verhaltensanpassungen, noch bevor diese durch formale Regeln verbindlich wurden.

Aber das kann doch kein ernsthaftes Argument für den staatlich verordneten Lockdown sein, sondern spricht klar gegen ihn. Schon kleinere Maßnahmen und vor allem freiwillige Verhaltensveränderungen der deutschen Bevölkerungen brachten viel mehr. Auch Herr Homburg wird kaum bestreiten, dass es sinnvolle Maßnahmen gibt, aber der Lockdown mit seinen enormen Freiheitsbeschränkungen und katastrophalen wirtschaftlichen Auswirkungen gehört nicht dazu.

Man kann sich vorstellen, dass dies auch Effekte auf die Compliance während des Lockdowns hat. Kein Staat hat die Ressourcen, etwa Treffen größerer Gruppen in Privaträumen vollständig zu kontrollieren. Auch nach einem formalen Lockdown hängt also noch einiges von freiwilliger Mithilfe der Bürgerinnen und Bürger ab.

Auch das spricht gegen übermäßige staatliche Anordnungen, sondern für mehr freiwillige Lösungen und die Wahrung der Grundrechte wie z. B. in Schweden.

Stefan Homburg liefert keinerlei Erklärung dafür, dass Länder, die bei ihm als gleiches Corona-Regime klassifiziert werden, vollkommen unterschiedliche Todeszahlen haben.

Seine These ist doch, dass der Lockdown nichts bringt. Also müssen die unterschiedlichen Todeszahlen andere Ursachen haben, z. B. im Gesundheitswesen, im allgemeinen Verhalten der Bevölkerung oder auch der Anfangsdynamik der Epidemie, die dann meist nach einem sehr ähnlichen Muster verlauft, nur auf unterschiedlich hohem Niveau.

Deutschland gelingt es in der Zeitreihenbetrachtung, die Kurve der täglich gemeldeten Toten schnell abzuflachen. Sicherlich, die Kurve steigt auch nach dem Lockdown noch an, aber die Höchstwerte bleiben gering. Folgt man dem Argument von Stefan Homburg, dass der Lockdown wirkungslos war, dann muss dies an anderen, spezifisch deutschen Faktoren liegen. Aber welche könnten das sein? Es ist möglich, dass es solche Faktoren gibt, aber Stefan Homburg gibt darauf keine Antwort. Einstweilen erscheint es plausibel anzunehmen, dass frühe Verhaltensänderungen, die dann durch Unterstützung formaler Regeln über mehrere Wochen robust durchgehalten wurden, eine wesentliche Rolle spielten.

Ja, aber nicht der Lockdown, da die Kurve doch schon vorher abflachte und sogar zurückging, wenn man den zeitlichen Abstand von der Ansteckung bis zum Tod berücksichtigt. Dasselbe gilt für die Neuinfektionen. Keine Veranstaltungen mehr wie Karneval dürften eine wichtige Rolle gespielt haben. Außerdem sind im Ländervergleich nicht nur Verhaltensänderungen relevant, sondern auch das schon vorher andere Verhalten. Wer nicht jeden umarmt und abküsst, steckt sich mit geringerer Wahrscheinlichkeit ab. Das bringt mehr als jeder Schal um Mund und Nase.

Schauen wir uns auch die Zeitreihe für Italien an. Hier lautet Stefan Homburgs Argument, dass Italien als Land mit extremen Lockdown-Maßnahmen trotzdem hohe Todesfälle hat. Aber auch hier muss man wieder überlegen, ob Italien nicht von Anfang an Bedingungen hatte, die ohne Lockdown noch höhere Infizierten- und Todeszahlen hätten erwarten lassen. Könnte es nicht sein, dass die italienische Regierung früh sah, dass z.B. demographische Bedingungen und Versorgungsengpässe im Gesundheitswesen die Lage in diesem Land besonders gefährlich machen, so dass nur ein strikter Lockdown die Katastrophe eindämmt? Der kontinuierliche Trend sinkender Sterbezahlen in Italien seit dem letzten Märzdrittel ist übrigens sehr beeindruckend. Die Behauptung, das hätte mit dem Lockdown nichts zu tun, erscheint sportlich.

Anfangs wurden in Italien Infizierte noch extra in Alten- und Pflegeheime einquartiert. Auch andere staatliche Maßnahmen heizten die entscheidende Anfangsausbreitung noch an. Dagegen kann der Lockdown am 10. März nicht erklären, warum schon zehn Tage später die Todeszahlen stark gefallen sein sollen.

Diese einfachen, zur Illustration angeführten Überlegen zeigen, dass man zahlreiche Einflussfaktoren berücksichtigen und eine ernsthafte, ökonometrische Analyse durchführen muss, bevor man starke Aussagen formuliert. Politische Forderungen auf der Grundlage von bivariater Augenschein-Empirie sind hier mehr als fahrlässig. Wenn man will, findet man bereits jetzt anspruchsvollere quantitative Forschungsarbeiten, welche die Effektivität des Lockdown zur Eindämmung der Pandemie untersuchen, etwa für Spanien, nochmal für Spanien und für Italien. Die Evidenz deutet auf eine starke Wirksamkeit der Lockdown-Maßnahmen hin.

Genauere Analysen sind natürlich sinnvoll, aber die Betrachtung der Daten allein ist bereits ausreichend, um z. B. bestimmte kausale Zusammenhänge auszuschließen. Bei Betrachtung der stark steigenden Neuinfektionen und Todesfälle bis Mitte März mögen die drastischen Maßnahmen der Politiker, die sich auch nicht auf ausgefeilte Analysen stützten, verständlich erscheinen, doch die Daten seither zeigen klar, dass die Panik nicht berechtigt war und die meisten Maßnahmen durchaus gelockert werden könnten und sollten.

Dabei haben wir hier nur die Infektionen und Todesfälle durch COVID-19 betrachtet und noch gar nicht die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Gegenmaßnahmen sowie dadurch verursachte medizinische Probleme bis hin zu Todesfällen. Dabei würde schnell deutlich, dass die Grundregel missachtet wurde, keinen Schaden anzurichten. Die Kosten des Lockdowns übersteigen seinen Nutzen bei weitem.

40 Gedanken zu „Antwort auf Schnellenbachs Homburg-Kritik

  1. Zwei spontane Gedanken:
    1. Natürlich kann ein Staat auch sehr starke Freiheitseinschränkungen lange durchsetzen, siehe DDR oder noch extremer Nordkorea. Es muss halt genug Einschüchterung da sein.
    2. Was sind wir Deutschen für ein vorbildliches Volk, dass es uns gelang, freiwillige Verhaltensänderungen zu implementieren! Das ist keine Ironie, sondern ernstgemeint. Zwar werden die Menschen mittlerweile wieder nachlässiger, aber eine Zeit lang war doch sehr viel Disziplin zu spüren und das hat m.E. entscheidend zur (bisherigen) relativen Eindämmung der Epidemie beigetragen.

    • Disziplin ist eine Sekundärtugend, sie kann also sowohl zum Guten als auch Schlechten eingesetzt werden. Schlimm finde ich, wie Politik und Medien der Bevölkerung bewusst Angst machen wollten und das bei vielen Menschen auch gelungen ist.

      • Der Deutsche will einfach gesagt bekommen, was er machen soll. Von 1933 bis 1945 wurde das missbraucht, in der aktuellen Situation war es positiv.

        In Schweden hätte das so vielleicht gar nicht funktioniert, was ein Grund dafür sein könnte, dass man nicht versucht hat, groß mit Verboten zu operieren.

      • War es wirklich so positiv? Ich würde mich freuen, wenn mehr Menschen selbst denken und eigenständig handeln würden. Auch wenn dann Fehler passieren, sind diese bei gleichförmigem Verhalten doch noch viel schlimmer.

  2. „Ernsthafte ökonometrische Analysen“, warum kommen mir da nur die Sprüche „let the data speak“ und „more arts than science“ in den Sinn, die ich so aus Vorlesungen mitgenommen habe. Auch ökonometrische Analysen haben das Problem, dass man nur sehr schwer zwischen Korrelation und Kausalität unterscheiden kann. Es gibt leider immer zahlreiche unbeobachbare Faktoren und unbekannte Wirkungszusammenhänge. Die gängigen Annahmen, die unverzerrte und konsistente Schätzergebnisse liefern, sind fast immer verletzt. Ohnehin ist die Datengrundlage viel zu schlecht, sowohl was die Erfassung angeht, aber auch schon die reine Anzahl an miteinander vergleichbaren Ländern. Mit ein paar europäischen Staaten komme ich nicht weit. Man kann das natürlich bis zum Exzess treiben, findet aber irgendwann keinen Mehrwert mehr. Leider hat sich die Wissenschaft in diese Richtung einer Scheingenauigkeit entwickelt, in der ökonometrische Analysen immer ausgefallener werden müssen, aber der theoretische Mehrwert im Regelfall begrenzt ist. Mir wären gute gut durchdachte theoretische Modelle und Gedankenexperimente lieber, die müssen dann auch gar nicht zum Forecasting taugen. Sich auf eine Scheingenauigkeit zu verlassen, hat schlimme Folgen, das erleben wir jetzt in der Corona-Krise und das erleben wir auch beim Klima-Wahn.

    • „Leider hat sich die Wissenschaft in diese Richtung einer Scheingenauigkeit entwickelt, in der ökonometrische Analysen immer ausgefallener werden müssen, aber der theoretische Mehrwert im Regelfall begrenzt ist.“

      Herr Burger, Sie haben recht. Ich habe Ökonometrie in meinem Studium nicht gemocht. Vielleicht, weil dieses Fach mein Vorstellungsvermögen überstiegen hat. Mir erschien es immer ein wenig als mathematischer „Hokuspokus“, jedenfalls hatte und habe ich bis heute eine gewisse Skepsis, wenn ich sehe, wie viel „Kausalität“ man aus ein paar Datenreihen meint, rausprügeln zu können…

      • Ich habe Ökonometrie sogar sehr gemocht, auch wenn wir manche Matrix-Herleitung von diversen Test- und Schätzverfahren auch nicht mehr unbedingt zugänglich war.

        Kritisch wurde ich vor allem, als ich mich stärker mit den zeitgenössischen wissenschaftlichen Papieren befasste. Da wurde vor 20 Jahren ein Thema aufgegriffen, theoretisch behandelt und mit einfachen ökonometrischen Modellen (typischerweise eine Form von OLS oder einfachen ML) versucht zu validieren. 20 Jahre später ging es immer noch um die selben Themen, theoretisch wurde kein Mehrwert geschaffen, aber die ökonometrischen Modelle wurden immer fancier und undurchschaubarer. Die Intuition ging verloren und man war mehr damit beschäftigt, sich in das ökonometrische Konzept einzulesen, als inhaltliche Fragestellungen aufzuarbeiten.

      • Zumindest die höherrangigen Journals verlangen, dass die neusten Schätzverfahren verwendet oder sogar eigene ganz neu entwickelt werden. Das mag manchmal sinnvoll sein, oft ist es das nicht. Es gibt den Spruch, was sich mit OLS nicht zeigen lässt, das ist auch nicht da. Natürlich hat OLS starke Annahmen, die meist nicht erfüllt sind, aber andere Schätzverfahren haben andere Annahmen, die ebenfalls nicht erfüllt sein müssen. Bei komplizierten Modellen ist häufig nicht mehr klar, ob das Ergebnis wirklich aus den Daten folgt oder nur aus Manipulationen an den Methoden (oder auch den Daten).

      • Es gibt bessere und schlechtere Ökonometrie. Gerade angesichts der heutigen Programme ist die Gefahr, dass einfach ein paar Tasten gedrückt werden. Es kommt immer etwas heraus, aber ob das sinnvoll ist, hängt vom richtigen Schätzansatz ab (sowie der Datenqualität).

      • Ich habe 20 Jahre als leitender Angestellter im Marketing mit Schwerpunkt Verbrauchermessen gearbeitet. Dabei hatte ich intensiv auch mit der Erfolgskontrolle und umfangreichem Zahlenmaterial zu tun. Ein extrem buchhalterlich orientierter Kollege versuchte zeitweise, mich mit seinen Zahlenspielen zu belehren. Irgendwann habe ich zu ihm gesagt „Wenn Sie mit ihrer Statistik beweisen, dass Verkäufer mit Schuhgröße 41 die besten Umsätze auf Messen machen, dürfen wir künftig nur noch Verkäufer mit Schuhgröße 41 an die Messestände stellen und unsere Umsätze werden sofort steigen…“ 🙂

      • Es gibt in der Ökonometrie ja nicht nur lineare Regressioinsmodelle. Bei denen ist OLS in Anwendungen in der Tat oft nicht zu schlagen, aber es gibt zahlreiche Datentypen, bei denen OLS rein konzeptionell nicht sinnvoll ist.

      • Es ist mir durchaus bewusst, dass OLS oft nicht passt, aber genau betrachtet gilt das für alle Modelle, was deren immer weitere Entwicklung antreibt, die aber ihrerseits Nachteile hat.

    • Ökonometrie ist eine tolle Wissenschaft, aber es ist zwischen theoretischer und angewandter Ökonometrie zu unterscheiden. Erstere hat starke Bezüge zur mathematischen Statistik und ist daher in erster Linie für diejenigen interessant, die sich gedanklich gerne mit Wahrscheinlichkeitsräumen etc. beschäftigen. Die theoretischen Konstrukte, die dort existieren, können sehr faszinierend sein. Ob jede methodische Neuerung dann für jeden angewandten Ökonometriker relevant ist, ist natürlich die Frage.

      Trotzdem hat auch der angewandte Ökonometriker ein Interesse daran, möglichst gute Verfahren zu nutzen. Richtig ist, dass man immer überlegen sollte, wie aussagekräftig die Ergebnisse sind. Angewandte Ökonometrie ist gerade nicht einfach lm y x, sondern Datenanalyse ist komplex und man benötigt ein gutes Verständnis der verwendeten Verfahren.

      • Angewandte Ökonometriker halten sich nicht an die Vorgaben der reinen Statistiker. So dürfte man z. B. einen Datensatz nur einmal für eine Schätzung verwenden. Bereits beim zweiten Mal gelten alle ausgewiesenen Signifikanzniveaus nicht mehr (bzw. diesen müssten neu berechnet werden unter der Bedingung, dass es bereits eine Schätzung gab).

      • Völlig richtig. Es ist gerade eines der Ziele der theoretischen Ökonometrie, zu untersuchen, wie die entsprechenden Schätzer bzw. Teststatistiken verteilt sind, wenn die Daten vorher schon analysiert wurden. Hier gibt es noch viele offene Flanken.

    • Kausalität lässt sich grundsätzlich nicht beweisen, wie schon David Hume wusste. Sie lässt sich nur theoretisch annehmen und ein entsprechendes Modell kann dann gut mit den Daten übereinstimmen. Ohnehin wird zu wenig differenziert, ob man ein theoretisches Modell hat und dieses entweder empirisch prüfen oder dessen Paramter schätzen will oder ob (nahezu) theoriefrei empirische Beobachtungen systematisiert werden sollen.

      Gerade die immer komplizierteren ökonometischen Methoden sind nicht voraussetzungslos, sondern lösen konkrete Schätzprobleme. Bei anderen Problemen werden dann jedoch andere Methoden benötigt, weshalb Robustheitschecks immer wichtiger werden. Wenn schließlich die Zahl an Staaten für sinnvolle Schätzungen zu klein ist, kann man diese in Bundesländer bzw. Teilstaaten und Provinzen zerlegen.

  3. Vielen Dank für Ihre Kommentierung, der ich voll zustimmen kann. Bei näherem Hinsehen liefert Dr. Schnellenbach keine Argumente gegen die Lockdown-These von Prof. Homburg, sondern nur dafür, dass schwächere Maßnahmen und freiwillige Verhaltensänderungen einen Effekt auf die Intensität der Epidemie haben könnten. Er kann auch nicht beweisen, dass die freiwilligen Verhaltensanpassungen nur durch den verordneten Lockdown durchgehalten wurden. Das ist reine Spekulation.

    Prof. Homburg muss sich in Teilen trotzdem Kritik gefallen lassen, finde ich. Schließlich argumentiert er für die Aufhebung ALLER Maßnahmen. Ob das verantwortbar ist? Kann denn eine „zweite Welle“ tatsächlich ausgeschlossen werden? Er argumentiert gerne mit der epidemiologischen Kurve und sagt, dass jede Epidemie irgendwann von allein ausläuft. Das kann aber doch kein Argument dafür sein, dass Gegenmaßnahmen immer sinnlos und abzulehnen wären. Schließlich kommt es auf die Skalierung an. Wenn sich ein Virus schnell ausbreitet und auf eine fehlende Immunität in der Bevölkerung stößt, kann der Anstieg der Infektionen rasch die Kapazitäten des Gesundheitswesens übersteigen. Darum ging es doch eigentlich von Anfang an („flatten the curve“). Leider hat die Bundesregierung ihre Zielmarken mehrmals willkürlich geändert und auch nie ein Maß an Neuinfektionen genannt, mit dem unser im internationalen Vergleich sehr leistungsfähiges Gesundheitssystem (gerade) zurechtkommt. (Und ja, dieses tolerable Maß an Neuinfektionen ist sicherlich deutlich größer geworden, da der Anteil schwerer Verläufe und die Letalität bei Corona deutlich niedriger sind als noch im März befürchtet.)

    • Ich bin nicht sicher, ob Herr Homburg tatsächlich schon für die Aufhebung aller Maßnahmen ist oder gar nie welche eingeführt hätte. Ich bin auch hier für die Verhältnismäßigkeit. Der Lockdown und andere weitgehende Maßnahmen für alle sind nicht verhältnismäßig und waren es zumindest rückblickend nie. Dass konkreten Verdachtsfällen nachgegangen wird und Infizierte unter Quarantäne gestellt werden, ist hingegen vernünftig. Auch das Verbot von Großveranstaltungen ohne Abstand halte ich für richtig. Die Kapazitätsgrenzen des deutschen Gesundheitswesens wurden hingegen nie erreicht und die Vorteile einer Behandlung ohne wirksame Medikamente wohl auch übertrieben. Das Intubieren dürfte z. B. mehr Patienten und auch Krankenhauspersonal getötet als gerettet haben.

  4. Da die Zahlen der Ansteckungen (nicht die fehlerhaften und einem Zeitverzug unterliegenden dokumentierten Neuinfektionen) in allen Ländern der Welt schon vor der Einführung eines Lockdowns gesunken ist, kann dieser sie nicht verursacht haben. Offensichtlich waren hierfür schon andere Einflussfaktoren ausreichend. Nun kann man deshalb freilich nicht argumentieren, dass ein Lockdown per se nutzlos wäre. Er ist möglicherweise nicht notwendig für eine Trendumkehr, er könnte jedoch behilflich sein, um (schneller) zu einer niedrigeren Ausgangsbasis zurückzukehren. Ob dem so ist, wird man sehen. Diese Frage ist für mich noch nicht beantwortet. Klar ist jedoch, dass man weltweit sieht, dass dies nicht wirklich gelingt (China mal ausgenommen, aber denen kann man eh nicht trauen) und für mich deshalb aktuell wenig dafür spricht.

    Mir ist aufgefallen, dass auch während des Lockdowns massiv gehustet wird. Ob das nun Corona oder eine einfache Erkältungen sind, sei mal dahingestellt. Aber es ist schon auffällig, wie viele Leute immer noch erkranken.

    Die Wirksamkeit eines Lockdowns kann jedoch nur ein Aspekt sein. Der direkte Nutzen ist die eine Seite, es fehlt aber eine Kostenanalyse. Und die übertreffen den Nutzen bei weitem. Schon bei den Menschenleben könnte dies so sein. Dann stirbt eben der 89-jährige im Altenheim 6 Monate später, dafür verhungert das Kind in Afrika. Boris Palmer hat das schon richtig angesprochen. Bei den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen sind die exorbitanten Kosten schließlich noch viel offensichtlicher.

    Was mir jedoch fehlt, sind theoretische Erklärungen, warum die Zahlen auch so schon gesunken sind und warum Epidemien so verlaufen, wie sie verlaufen. Es ist nicht ausreichend, wie der israelische Mathematiker einfach Zahlen übereinander zu legen. Ich hätte schon gerne eine theoretische Erklärungsgrundlage dafür. Die kann ein Statistiker freilich nicht liefern, aber hier wären dann andere Forschungsbereiche gefragt. Die Empirie jedenfalls unterstützt die naheliegenden theoretischen Lockdown-Vorzüge bislang nicht.

    • „Was mir jedoch fehlt, sind theoretische Erklärungen, warum die Zahlen auch so schon gesunken sind und warum Epidemien so verlaufen, wie sie verlaufen.“

      Herr Burger, diese Frage stelle ich mir auch. Dass eine Epidemie irgendwann automatisch abebbt, weil der Anteil der Immunen hinreichend groß ist, leuchtet mir noch ein. Aber wieso sollte eine Epidemie schon auslaufen, wenn vielleicht erst 10 oder 15 Prozent der Bevölkerung die Infektion überstanden haben, während es heißt, dass Herdenimmunität erst bei 60 bis 70 Prozent erreicht sei?

      • Das ist die Frage. Die klimatischen Bedingungen können eine Rolle spielen (aber was ist dann mit Brasilien). Vielleicht ist ein Virus auch nicht so infektiös, weshalb die Herdenimmunität bereits früher einsetzt. Die Kultur eines Landes (offen oder eher verschlossen) mag eine Rolle spielen. Aber insgesamt reicht mir das als Erklärung noch nicht. Irgendwo habe ich gelesen, ein Virus „lebe“ einfach nicht so lange. Warum ist das so? Das sind Fragestellungen, die wir Volkswirte nur schwer beantworten können. Uns bleibt nur die beobachtbare Empirie. Und da sehe ich eben massig Kranke trotz Lockdown. Gegen Erkältungen hat dieser offensichtlich nicht ausgereicht. Gleichzeitig weiß jeder, dass man Karneval besser meidet, wenn man sich nicht erkälten möchte. Warum und weshalb ist das so? Fragen über Fragen.

      • So massiv war der deutsche Lockdown nun auch wieder nicht. In der extremsten Form ließen sich tatsächlich alle Infektionskrankheiten (zumindest bei Menschen) ausrotten, aber praktisch wird das nicht gelingen. Aber umgekehrt sind wir uns auch nicht alle stets so nahe, dass alle erkranken werden. Schließlich darf unser Immunsystem nicht unterschätzt werden. Wer sehr gesund ist, nimmt auch nicht jede Erkältung mit, selbst wenn er gegen die konkreten Viren noch nicht immun ist.

      • Vielleicht ist nicht jeder Mensch gleich empfänglich für das Virus und vielleicht ist irgendwann einfach die Menge an Infizierbaren erreicht.

      • Beides richtig, wobei die meisten Seuchen bereits zurückgehen, bevor alle Infizierbaren infiziert wurden. Ansonsten müsste man auch weniger Angst vor einer zweiten Welle haben (insbesondere wenn zuvor Erkrankte länger immun bleiben, was man auch noch nicht weiß).

      • Es gibt hier noch viele offene Fragen. Wenn deren Antworten zeigen, daß ganze Volkswirtschaften ohne Not vor die Wand gefahren wurden, dann wird es für viele Herrschenden noch ungemütlich. In der Zwischenzeit werden sie natürlich alles tun, um ihre Haut zu retten. Die Diffamierung ihrer Kritiker als Verschwörungstheoretiker, Reichsbürger oder Covidioten ist nur eines ihrer Werkzeuge, dieses Ziel zu erreichen.

      • SARS-CoV-2 ist ein tödliches Virus, aber es gibt noch viele andere tödliche Viren und Gefahren, auf die noch nie so drastisch reagiert wurde. Aus meiner Sicht wurde völlig unverhältnismäßig reagiert.

      • Das Konzept der Herdenimmunität ist einleuchtend, wird aber wohl gerade deswegen überschätzt. Im Grundmodell wird z. B. unterstellt, dass alle Menschen gleich sind und gleichermaßen miteinander Kontakt haben. Beides ist in der Realität nicht der Fall. Vielleicht gibt es Menschen, die gar nicht angesteckt werden können (z. B. könnte das bei vielen Kindern der Fall sein) oder die dann andere nicht anstecken (bei einem symptomfreien Verlauf ohne Husten dürfte zumindest das Ansteckungsrisiko deutlich kleiner sein). Auch durch Verhaltensunterschiede ist die Ansteckungsgefahr verschieden (manche halten von sich aus mehr Abstand und jetzt durch die Regeln sind es viel mehr Menschen geworden, aber längst nicht alle) und bestimmte Menschen sind einander näher als andere, weshalb die Fälle doch auch clustern (in einem Altenheim werden fast alle angesteckt, in einem anderen niemand).

    • Der Lockdown hat die Trendumkehr nicht herbeigeführt. Selbst wenn er dann für etwas schneller fallende Neuinfektionszahlen gesorgt haben sollte, kann sein Gesamteffekt nicht sonderlich groß gewesen sein, jedenfalls nicht groß genug, um so drastische Maßnahmen zu rechtfertigen. Ich kenne übrigens niemanden persönlich, der an COVID-19 erkrankt ist. Husten ist hingegen immer weit verbreitet, insbesondere auch bei Rauchern, die ihren Lungen einem viel größeren Risiko aussetzen.

      Es gibt empirisch beobachtbare Verlaufsmuster. Dabei wissen wir nicht genau, welchem Muster COVID-19 in der Zukunft folgen wird. Es könnte ganz verschwinden oder wieder aufflammen, vielleicht gibt es bald einen Impfstoff, vielleicht nie, vielleicht muss auch jedes Jahr ein neuer Impfstoff gesucht werden wie bei der Grippe. Jedenfalls ist es nicht richtig, dass sich in jedem Fall ein Großteil der Bevölkerung anstecken muss. Das kann passieren, ist aber nicht zwingend (und falls doch, wären kontrollierte Ansteckungen vielleicht sogar besser als ein unter der Annahme sinnvoller Versuch der kompletten Vermeidung).

  5. Die Homburg-Berechnungen beruhen auf der Annahme einer 23 Tagesfrist zw. Infektion und Ausbruch. Wenn diese aber nur 10 Tage wäre, dann wären die Lockdowns effizienter. Die Frage ist also, wie belastbar diese Fristannahme ist. Da habe ich nur diese eine Einschätzung gesehen, auf die H. verweist.

    • Sie verwechseln das mit der Zeit zwischen Ansteckung und möglichem Tod. Auch nach den offiziellen Angaben des Robert Koch-Instituts wurde der Höhepunkt der Neuerkrankungen am 19. März erreicht, also vor dem Lockdown am 23. März (siehe z. B. hier, S. 8).

      • Der Lockdown kam etwa zweieinhalb Monate zu spät und hätte wohl sehr kurz gehalten werden können, wenn im Jänner sofort reagiert worden wäre, als der erste Fall bei Webasto aufgetreten ist. Und zwar in Bayern (was Markus Söders Versäumnis ist) und nicht erst nach dem Karnvevalsdesaster von Gangelt (NRW) und vollzogener Bayerischer Kommunalwahl (15.03.2020 – Grenzschließung mit anschließendem Lockdown am Morgen des 16.03.2020).

        Genau das muss auch laut vernehmbar gesagt werden. Und zwar von Leuten, die etwas davon verstehen und nicht von irgendwelchen fachfremden Politikern, die gerade etwas zur Steigerung ihrer Popularität und ihres Bekanntheitsgrades beitragen wollen.

      • Der Lockdown war nie sinnvoll, aber gerade am Anfang hätte man zielgerichtet mehr tun können und müssen. Für einen winzigen Bruchteil der jetzigen Kosten hätte man viel mehr Leben retten und gesundheitliche Beeinträchtigungen vermeiden können. Aber damals wurden Warner vor dem Virus noch als rechte Verschwörungstheoretiker diffamiert (siehe „Wie ein Virus alle Vernunft zerstört“). Das Muster ist also immer gleich, nur der Inhalt wird ausgetauscht (Virus erst harmlos und dann tödlich für Millionen, Masken erst sinnlos und nun verpflichtend, strengere Maßnahmen Fake News und zwei Tage später angeordnet etc.).

      • So ist es leider. Menschen, die Situationen früh erkennen, werden erst einmal nicht ernst genommen oder diffamiert und die Politik läuft den Ereignissen immer nur hinterher. Kein gutes Klima für Fortschritt und Visionäre.

      • Aber wem hätten Sie einen Lockdown im Januar verkaufen wollen? Das Virus war für die meisten sehr weit weg zu diesem Zeitpunkt.

      • @Josef Fischer 16:36 Uhr

        Falsch. Jeden Tag verkehren Flugzeuge und fliegen Geschäftsleute wie auch Touristen zwischen den Kontinenten hin und her. Ein frühzeitiger Lockdown wäre das Mittel der Wahl gewesen.

      • Es geht darum, dass der Widerstand dagegen im Januar sehr groß gewesen wäre.

      • Warum hätte der Widerstand im Januar größer sein sollen als später?

      • Interessant ist doch, dass es im März fast gar keinen Widerstand gab und er selbst jetzt noch ziemlich verhalten ist. Aus meiner Sicht zeigt das die Macht von Propaganda bis hin zu staatlicher Panikmache.

      • Es gab nur ein kleines Zeitfenster, in dem man solch harte Maßnahmen durchsetzen konnte. Das war gegeben, als die Bilder aus dem Krankenhaus in Italien im TV zu sehen waren und die Infektionskurven exponentiell anstiegen.

      • Solche emotionalen Bilder sind keine guten Ratgeber und der Anstieg an Neuinfektionen war doch davor viel stärker und zum Zeitpunkt des Lockdowns war der Höhepunkt bereits überschritten. Allerdings gehe ich nicht von einer Verschwörung unserer Politiker und Medienschaffenden aus, sondern von ihrer Dummheit und Inkompetenz, insbesondere hinsichtlich der realen Probleme im Gegensatz zu politischen Spielchen.

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