Flassbeck findet richtige Antwort nicht korrekt

Gestern habe ich meine Antworten zum ‚Ökonomenpanel zur Agenda 2010‘ präsentiert. Heiner Flassbeck schimpft darüber und über die Mehrheit der antwortenden Kollegen (siehe „Ökonomenpanel irrt bei Einschätzung der Agenda 2010“):

Wir wussten ja, dass die übergroße Mehrheit der deutschen Ökonomen der Neoklassik und damit Abläufen huldigt, die dem Modell des neoklassischen Arbeitsmarktes entsprechen. Dass man aber so offen zeigt, dass man den Mindestanforderungen, die an ein Fach zu stellen sind, das sich Wissenschaft nennt, nicht nachkommt, ist dann doch überraschend.

Ich habe es selbst oft erlebt, dass deutsche Professoren an deutschen Universitäten nicht in der Lage (oder, noch viel schlimmer für Wissenschaftler, nicht willens) sind, zu unterscheiden zwischen den Effekten, die eine Lohnsenkung (oder ein Zurückbleiben der Löhne, also der Kern der Schröderschen Agenda) auf die Binnenwirtschaft hat und den Effekten, die sie auf die außenwirtschaftlichen Beziehungen einer Volkswirtschaft hat. Sie konstatieren einfach, dass Anfang der 2000er Jahre die Agenda 2010 von Schröder durchgesetzt wurde und sich danach die deutsche Volkswirtschaft besser und schließlich sogar besser als die der europäischen Partner entwickelte.

Wer das aber nicht unterscheidet, disqualifiziert sich als Wissenschaftler. Weil man eigentlich im ersten Semester lernt, dass bei fast allen Fragestellungen zunächst zu unterscheiden ist, ob man es mit einer geschlossenen oder mit einer offenen Volkswirtschaft zu tun hat. Warum tut man das? Nun, offensichtlich deswegen, weil in einer offenen Volkswirtschaft andere und zusätzliche Effekte auftreten können im Vergleich zu einer geschlossenen Volkswirtschaft.

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen einer offenen und einer geschlossenen Volkswirtschaft, das würde kein Volkswirt bestreiten, aber danach wurde überhaupt nicht gefragt. Auch in der plakativeren und politischeren Darstellung der FAZ („Wirtschaftswissenschaftler gegen Schulz’ Ideen“) findet sich nichts dazu. Herr Flassbeck meint wohl, dass diese Unterscheidung unbedingt hätte angesprochen werden müssen, doch sie macht bei der konkreten Fragestellung („Inwieweit haben die Reformen der Agenda 2010 zur gegenwärtigen Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt beigetragen?“) und deren korrekter Beantwortung überhaupt keinen Unterschied. Herr Flassbeck meint hingegen:

Wenn ich folglich als Wissenschaftler gefragt werde, ob die Agenda-Politik erfolgreich war, muss ich zwingend zwischen der Wirkung einer Lohnsenkung auf eine geschlossene und eine offene Volkswirtschaft unterscheiden. Die Antwort kann also nur lauten: Gemessen an den relativen Erfolgen der deutschen Wirtschaft gegenüber dem Ausland spricht einiges dafür, dass die Agenda-Politik erfolgreich war. Gemessen an der sehr schwachen Entwicklung der deutschen Binnennachfrage muss man zumindest Zweifel haben, dass die Agenda-Politik ein Erfolg war.

Es wurde aber gar nicht gefragt, ob die Agenda 2010 ein Erfolg war und welche differenzierten Erfolgskriterien dafür anzuwenden wären, sondern ob sie „zur gegenwärtigen Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt beigetragen“ hat. Das kann doch kein vernünftiger Volkswirt bestreiten und das tut auch keiner im Ökonomenpanel (siehe erstes Schaubild in „Ergebnisse Ökonomenpanel Juli 2017:Der Arbeitsmarkt in Deutschland – Reform der Agenda 2010 notwendig?“) und nicht einmal Herr Flassbeck selbst:

Das heißt, die von fast niemandem (auch von keynesianisch ausgerichteten Ökonomen nicht) bestrittene positive Wirkung einer relativen Lohnsenkung auf die Beschäftigung über den Kanal der Außenwirtschaft hat es vermutlich gegeben. […]

Folglich muss ein Wissenschaftler, der nach den Wirkungen der Agenda-Politik gefragt wird, immer differenzieren: Er (oder sie) kann die positive Wirkung über den Exportkanal hervorheben, muss aber ansonsten große Einschränkungen machen. Daraus ergibt sich unmittelbar, dass man als Wissenschaftler bei der Wirkung über den Exportkanal auf die fallacy of composition hinweisen muss, indem man hervorhebt, dass sich die Wirkungen der deutschen Politik nicht auf Europa (eine große relativ geschlossene Volkswirtschaft) oder gar die Welt übertragen lassen. Kann man das in einer solchen Umfrage nicht unterbringen, würde es die wissenschaftliche Ehrlichkeit gebieten, nicht an einer solchen Umfrage teilzunehmen, weil sie ohne die notwendige Differenzierung für politische Zwecke missbraucht werden kann.

Die wissenschaftliche Ehrlichkeit würde es wohl eher gebieten, nicht öffentlich über Umfragen (und deren Teilnehmer) abzulästern, die man gar nicht gelesen hat. Peinlich ist auch seine abschließende Bemerkung:

Bei dem letzten von mir gestellten Master-Examen wären übrigens alle Kandidaten mit Sicherheit mit einem schlechten Ergebnis „belohnt“ worden, die nicht zwischen den beiden Kanälen hätten unterscheiden können.

Damit wissen seine Studenten jetzt immerhin, dass sie immer viel zu dieser Lieblingsidee von Herrn Flassbeck schreiben müssen (und zwar genau in seinem Sinne), auch wenn gar nicht danach gefragt wird. Ich schärfe hingegen meinen Studenten ein, dass sie zumindest bei mir bitte immer nur die konkret gestellte Frage beantworten und keine Gesinnungsaufsätze schreiben sollen, wobei mir die Argumentation wichtiger ist als die vertretene Meinung. Ein Kommentator bei der Ökonomenstimme meint schließlich:

Na super, jetzt drohen alle Diskutanten reihum damit, ihre Studenten durchfallen zu lassen. Natürlich nur, wenn sie den falschen Glauben haben bzw. an die falsche Theorie glauben. Und das ist immer die Theorie der anderen. Ist das der Zustand der deutschen VWL?

6 Gedanken zu „Flassbeck findet richtige Antwort nicht korrekt

  1. Naja, irgendwie sehe ich da auch Widersprüche zur Agenda 2010 und der propagierten deutschen Wirtschaftsleistung.
    Einerseits sagt man uns die südeuropäischen Länder wären zu schwach für den Euro, während Deutschland zu stark ist und eigentlich seine Währung aufwerten müßte. Andererseits bewirkte die Lohnzurückhaltung in Verbindung mit der Agenda genau das Gegenteil. Die deutsche Exportwirtschaft wurde dadurch noch stärker und die Inlandsnachfrage bzw Investitionen konnte nur durch neue Vorschriften angekurbelt werden. Ich nenne da nur mal 2 Beispiele von vielen: Dämmwahnsinn und Energiewende.

    mfg

    • Anfangs war der Euro eher zu hoch für Deutschland. Herr Schröder hat gegen hohe Massenarbeitslosigkeit angekämpft. Im Gegensatz zu Herrn Flassbeck meine ich auch nicht, dass die Agenda 2010 vor allem zur allgemeinen Lohnzurückhaltung diente. Das haben die Tarifparteien zu verantworten, während die Arbeitsmarktreformen insbesondere im Niedriglohnbereich stärkere Arbeitsanreize schufen. Jetzt ist die Problemlage eine andere, nämlich die für Deutschland zu niedrige Bewertung des Euro (sowie die gigantischen Kosten der Eurorettungspolitik) und ein Mangel an Inlandsinvestitionen verbunden mit einem nur sehr geringen Produktivitätswachstum. Die Energiewende (einschließlich übertriebener bis schädlicher Dämmung) führt hingegen nur zu Pseudoinvestitionen, deren volkswirtschaftliche Rendite stark negativ ist.

  2. Die Agenda 2010 ist eigentlich keine deutsche Erfindung.
    Die Grundidee war damals,das Europa der innovativste Kontinent mit der höchsten Wirtschaftleistung wird.

    Schröder hat das damals komplett im Alleingang umgesetzt und der Rest Europas alles verpennt.
    Nach der Kohl Ära nur Schulden zu machen,statt produktiver zu werden sicher notwendig und auch richtig gedacht.

    Aber die Umsetzung war wie die Axt im Walde – also falsch.

    Ich sage es immer so.

    „Es ist besser in die richtige Richtung zu gehen,als in die falsche Richtung zu laufen.“

    Aber Deutschland läut immer,vom Nationalsozialismus in den Sozialismus,von der Rassenhygiene in die Bunte Gesellschaft und so weiter.Statt einfach mal nur Vernunft walten zu lassen und korrigiernd einzuwirken macht man hier immer diese klappt nicht und Irrtum Methode – dann muß genau der gegengesetzte Weg ja wohl der richtige sein.

    Nein,das ist er nicht,wenn ich zu dick bin ist gar nichts mehr Essen auch nicht der richtige Ansatz um das Problem in den Griff zu bekommen.Aber das wird ein Deutscher nie begreifen und ich wohl selber nur deshalb weil meine Vorfahren aus Frankreich kommen.

    • Sie sind doch für die AfD und deren Radikallösungen, ich bevorzuge fast immer den goldenen Mittelweg. Besonders radikal war die Agenda 2010 ohnehin nicht, sondern sie korrigierte einige krasse Fehlentwicklungen des deutschen Sozialstaats.

  3. Ich bin für die AFD,waren sie ja auch bevor sie Pretzel kennen und schätzen gelernt haben.
    Ich mag den bekennend auch nicht !

    Für Radikallösungen bin ich eigentlich nicht,ich schrieb ja oben – in die richtige Richtung zu gehen ist besser als in die Falsche Richtung zu laufen.

    Ich war früher tatsächlich etwas radikaler und habe mir die Mühe gemacht aus meiner radikalen Zeit in einem rechtpopulistischen und sehr islamfeindlichem Forum mich nach sehr langer Zeit nochmals einzuloggen und mir dort einen meiner Beiträge zum Thema Agenda 2010 und deren Folgen mal rauszukopieren und ihnen das mal als Pin zuzuschicken – das passt hier von der Länge nicht rein.

    Natürlich bin ich kein Wirtschafts Proffessor,entsprechend dürfen sie da einige Abstriche an fachlichem Wissen schon erwarten.

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