EU-Kommission sucht Experten mit Geld statt ordentlichen Verfahren

Irgendwann hatte ich mich hier als Experte bei der Europäischen Kommission angemeldet, um gegebenenfalls für verschiedene Forschungsprogramme als Gutachter für dort eingehende Anträge tätig zu werden. Die Programmierung der Seite ist jedoch ziemlich schlecht und man wollte, dass ich über immer mehr Stöckchen springe. Aufgegeben habe ich, als die elektronische Kopie meines Ausweises nicht reichte, weil es nur die Vorderseite war, sondern zusätzlich auch eine Kopie der Rückseite verlangt wurde. Seitdem ist es mir nicht gelungen, meine Daten wieder selbst zu löschen oder löschen zu lassen, was die Kommission bzw. deren Angestellte auch auf mehrfache Bitte hin nicht tun, sondern mich weiter lustig mit Aufforderungen zum Abschluss meiner Anmeldung und Angeboten für weitere Begutachtungsrunden zumüllen. Von Datenschutz und dem Selbstbestimmungsrecht der Bürger hält die EU also auch an dieser Stelle nichts.

Es lässt sich noch eine andere Lehre aus dieser Erfahrung ziehen. Ich würde wahrscheinlich umsonst ein bis zwei Gutachten anfertigen, wie ich das auch für viele wissenschaftliche Zeitschriften und einige andere Organisationen tue. Dann müsste man mir bei der Arbeit allerdings auch entgegenkommen und nicht solch einen bürokratischen Aufwand verursachen. Die Europäische Kommission will jedoch nicht darauf verzichten, verschleudert aber im Gegenzug Honorare von 450 Euro pro Tag. Manche mag das motivieren, jeden Blödsinn mitzumachen, während für gestandene Wissenschaftler nach Steuern gar nicht so viel übrigbleibt. Im Ergebnis gibt die EU Geld dafür aus, dass sie eine schlechtere Leistung bekommt, als sie umsonst bei in der Wissenschaft üblichen Gepflogenheiten bekommen würde. Im konkreten Fall führt das dazu, dass dann noch viel mehr Gelder, nämlich für die eigentlichen Forschungsanträge, willkürlicher vergeben werden. Doch vielleicht ist das der eigentliche Zweck der ganzen Übung.

Grüne führen Studiengebühren wieder ein

Eigentlich wurden die Studiengebühren, deren Verbot durch den Bund mittels Hochschulrahmengesetz das Bundesverfassungsgericht 2005 wegen Zuständigkeit der Länder aufgehoben hatte, in allen Bundesländern auf politischen Druck hin wieder abgeschafft. Ausgerechnet im grün-schwarz regierten Baden-Württemberg werden sie jetzt wieder eingeführt, wenn auch nicht für alle. Der „Landtag beschließt Gesetz zu Studiengebühren: Ausländische Studierende müssen zahlen“. Konkret geht es um neue Nicht-EU-Ausländer, die 1.500 Euro pro Semester bezahlen müssen. Wer bereits studiert, genießt Bestandsschutz, wie auch bedürftige Studenten insbesondere aus Entwicklungsländern ausgenommen werden sollen. Dafür müssen demnächst auch deutsche Studenten und EU-Ausländer 650 Euro pro Semester bezahlen, wenn sie ein Zweitstudium aufnehmen, zu dem kein Erststudium erforderlich war.

Grundsätzlich bin ich im Gegensatz zu den meisten meiner Kollegen gegen Studiengebühren, insbesondere wenn diese gar nicht kostendeckend sind, sondern einige vom Studium abhalten, während andere es weiterhin subventioniert bekommen bzw. genauer später mit ihren höheren Steuern bezahlen. Im konkreten Fall von Studiengebühren für nicht bedürftige Nicht-EU-Ausländer bin ich jedoch dafür. Dabei sollten diese Gebühren eher noch höher und vor allem differenzierter sein. Warum dürfen die jeweiligen Fachbereiche sie nicht selbst festlegen, solange dafür keine Studienplätze für hiesige Studenten abgebaut werden? Studiengebühren sind in den meisten Ländern üblich, insbesondere für Ausländer. Außerdem handelt es sich um einen weltweiten Markt, auf dem Deutschland sein gar nicht so schlechtes Angebot bislang verschenkt. Studenten aus Ländern, in denen deutsche Studenten ihrerseits nichts bezahlen müssen, könnte man ausnehmen. Außerdem sollte das lobenswerte Interesse an einem Zweitstudium nicht durch Gebühren beeinträchtigt werden.

Diskussionspapier zu Drittmittelvarianten

Inzwischen ist meine ‚Einreichung für den 19. Workshop Hochschulmanagement‘, die ich beim ’19. Workshop Hochschulmanagement auch in Hamburg‘ im Februar vorgetragen hatte, als „Diskussionspapier des Instituts für Organisationsökonomik 4/2017“ erschienen mit dem Titel: „Vor- und Nachteile verschiedener Arten von Drittmitteln“. Die Zusammenfassung lautet:

Es gibt verschiedene Arten von Drittmitteln für wissenschaftliche Forschung. Insbesondere lassen sich Drittmittel für freie Forschung, zur ergebnisoffenen Themenbearbeitung und für spezifizierte Auftragsforschung unterscheiden. Deren jeweilige Vor- und Nachteile werden diskutiert, auch im Verhältnis zur Grundfinanzierung.

Abgeschlossene(s) Promotionsverfahren

Es ist einmal wieder Zeit für einen ‚Glückwunsch zur Promotion!‘ Diese Woche hatte mein wissenschaftlicher Mitarbeiter Michael Müller seine Disputation nach seiner kumulativen Dissertation mit fünf interessanten Beiträgen. 2015 wurden übrigens Christoph Partosch mit einer Monographie und Hongmei Xu mit drei Aufsätzen promoviert. 2016 habe ich niemanden promoviert, während ich dieses Jahr noch zweimal Erstgutachter sein werde.

Demonstrationen gegen AfD und für Wissenschaft

Artikel 8 Grundgesetz lautet:

(1) Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.
(2) Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden.

Auf den Versammlungszweck kommt es dabei nicht an. Dabei ist nicht jede Demonstration gleich sinnvoll. Inhaltlich kann für Gegensätzliches demonstriert werden, doch manche Arten von Demonstrationen sind grundsätzlich problematisch, z. B. wenn die Regierung oder zumindest Regierungsparteien und -mitglieder gegen die Opposition demonstriert statt umgekehrt die Opposition gegen die Regierung oder besser noch problematische Teile der Regierungspolitik.

NRW-Ministerpräsidentin „Hannelore Kraft nennt Demonstrationen gegen AfD ‚großartig'“. Das halte ich für eine unlautere Form des Wahlkampfs durch die SPD-Landesvorsitzende, zumal es auch gewalttätige Demonstranten und verletzte Polizisten gab. „Solidarität statt Hetze“ hätte deshalb eher die AfD verdient, ob man diese Partei nun mag oder nicht. Vor allem ist Frau Kraft als Ministerpräsidentin auch und gerade für die Polizisten ihres Bundeslandes verantwortlich, die den Rechtsstaat und die Demokratie verteidigen.

Es gab noch andere Demonstrationen heute, z. B. den „March for Science“, der in vielen Städten rund um die Welt wirklich friedlich stattfand. Doch auch hier habe ich gerade als Wissenschaftler grundsätzliche Zweifel. So stammt in Münster der Aufruf vom AStA (mit Unterstützung vom Rektorat), der sonst auch Demonstrationen gegen die AfD unterstützt und Diskussionsrunden mit AfD-Vertretern pauschal ablehnt (siehe z. B. „Deine Uni, deine Stadt – bunt und vielfältig! Studierende gegen rechtes Gedankengut.“).

In dem Aufruf gibt es dann entsprechend Widersprüche. Einerseits will man dafür „demonstrieren, dass wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses nicht verhandelbar sind. Diese Tatsachen können nicht geleugnet, relativiert oder sogenannten ‚alternative[n] Fakten‘ gegenüber als gleichwertig dargestellt werden.“ „Wissenschaft ist keine Meinung!“ Andererseits heißt es: „Eine Vielzahl an Perspektiven und Ideen ist unabdingbar für den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt.“ Man ist „für eine freie Wissenschaft ohne Zensur“.

Ich denke, dass Wissenschaft genau dazwischen liegt, also weder dogmatisch noch relativistisch ist. In der Wissenschaft geht es nicht um das Verkünden unhinterfragbarer Wahrheiten, sondern dort werden durchaus Meinungen diskutiert, die jedoch nicht alle als gleichwertig angesehen werden, sondern die besseren Argumente sollen entscheiden. Zu den stärksten Argumenten gehören nachprüfbare Beobachtungen. Doch selbst reine Fakten sind theoriegeladen und diskussionswürdig, insbesondere wenn sie weit über Einzelbeobachtungen hinausgehen wie z. B. der Klimawandel und dessen Verursachung durch Menschen. Auch wenn solche Fakten von den meisten Wissenschaftlern anerkannt werden, folgt aus ihnen allein normativ nichts, sondern erst in Verbindung mit bestimmten Normen und Werturteilen, die ihrerseits vernünftig diskutiert werden können, was jedoch außerhalb der meisten Wissenschaften liegt, insbesondere außerhalb der reinen Naturwissenschaften.

Schließlich fragt sich, ob politische Demonstrationen das geeignete Mittel sind, um für die Wissenschaft zu werben. Idealerweise zählen die Argumente nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch für sie. Für viele Laien und Politiker zählen jedoch vor allem die Ergebnisse, insbesondere wenn sie spektakuläre Erfolge wie in Technik und Medizin ermöglichen. Ansonsten wird die Wissenschaft auch gerne missbraucht, um das jeweils politisch Gewünschte zu rechtfertigen. Dieser Vorwurf kann jedoch nicht nur Donald Trump oder der AfD gemacht werden, sondern trifft auch die etablierten Politiker, gegen die es keine solchen Demonstrationen gab.