Ökonomenpanel zur Agenda 2010

Die „Ergebnisse [vom] Ökonomenpanel Juli 2017: Der Arbeitsmarkt in Deutschland – Reform der Agenda 2010 notwendig?“ liegen vor. Teilweise gehen die Meinungen weit auseinander. Wo eher ein Konsens besteht, teile ich diesen. Meine eigenen Antworten lauten:

Inwieweit haben die Reformen der Agenda 2010 zur gegenwärtigen Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt beigetragen?

Stark.

Im Zuge der Agenda 2010 wurde unter anderem die Leiharbeit in Deutschland dereguliert. Ziel dieser Maßnahme war eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes sowie eine Erhöhung der gesellschaftlichen Akzeptanz von Leiharbeit.
In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Korrekturen an den Reformen der Agenda 2010. Zuletzt trat im April 2017 ein neues Gesetz in Kraft, welches eine stärkere Regulierung der Leiharbeit vorsieht und somit die Ansprüche von Leiharbeitnehmern stärken soll.
Demnach müssen Leiharbeitnehmer nun übernommen werden, wenn sie länger als 18 Monate im gleichen Betrieb arbeiten (Ausnahmeregelungen möglich). Zudem haben Leiharbeitnehmer spätestens nach 9 Monaten Anspruch auf den gleichen Lohn wie Stammbeschäftigte.
Wie sollte Ihrer Meinung nach die Übernahme von Leiharbeitnehmern in Betrieben geregelt sein?

Leiharbeitnehmer sollten erst nach mehr als 18 Monaten übernommen werden müssen.

Wie sollte Ihrer Meinung nach die Bezahlung von Leiharbeitnehmern in Betrieben geregelt sein?

Es sollte keine gesetzliche Entlohnungsregelung geben.

Im Rahmen des Teilzeit- und Befristungsgesetzes ist es möglich, sachgrundlose Befristungen vertraglich zu vereinbaren. Arbeitgeber müssen auf diese Weise eine Befristung also nicht mit einem Sachgrund, wie etwa einer Schwangerschaftsvertretung oder saisonalen Mehrbedarfs, begründen. Gegenwärtig wird in der Politik eine generelle Streichung der sachgrundlosen Befristungen aus dem Teilzeit- und Befristungsgesetz diskutiert. Mit einer Streichung der sachgrundlosen Befristungen würde eine befristete Einstellung in Zukunft schwieriger.
Sollte die sachgrundlose Befristung Ihrer Ansicht nach aus dem Teilzeit- und Befristungsgesetz gestrichen werden?

Nein.

In Deutschland erhalten Arbeitnehmer bei Eintritt der Arbeitslosigkeit Arbeitslosengeld I. Im Rahmen der Agenda 2010 wurde die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I auf 12 Monate begrenzt. Allerdings gibt es Ausnahmeregelungen mit längeren Bezugsdauern für ältere Erwerbslose. Diese Regelungen wurden über die Jahre immer wieder angepasst. Gegenwärtig beträgt die Bezugsdauer ab einem Alter von 50 Jahren 15 Monate, ab 55 Jahren 18 Monate und ab 58 Jahren bis zu 24 Monate.
Wie beurteilen Sie die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I von 12 Monaten für Bezugsnehmer unter 50 Jahren?

Genau richtig.

Wie beurteilen Sie die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I von 24 Monaten für Bezugsnehmer ab 58 Jahren?

Zu lang.

Wie bewerten Sie eine mögliche Ausweitung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I auf bis zu 48 Monate bei gleichzeitiger Koppelung an berufliche Weiterbildungsmaßnahmen (Arbeitslosengeld Q)?

Nicht sinnvoll.

Gemäß dem Vorschlag zum Arbeitslosengeld Q soll es für Arbeitslose einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung geben. Jeder Arbeitslose hätte demnach das Recht, eine Weiterbildung zu machen und es würde nicht mehr im Ermessen der Arbeitsagentur liegen, wann jemand eine Weiterbildung machen darf.
Sollte es Ihrer Ansicht nach einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung geben?

Nein.

Wie beurteilen Sie den gegenwärtigen Hartz IV Regelsatz von 409 Euro (Stand 2017)?

Angemessen.

War die Einführung des Mindestlohns Ihrer Ansicht nach eine notwendige Ergänzung der Reformen der Agenda 2010?

Nein.

7 Gedanken zu „Ökonomenpanel zur Agenda 2010

  1. Alles falsch beantwortet Herr Prof. Dilger

    Setzen sechs.

    Leiharbeit ist sinnvoll um Auftragsspitzen abzuarbeiten,Fehltage von Arbeitnehmern auzugleichen oder starke Schwankungen im Auftragseingang überhaupt erst sinnvoll ohne Kündigungen und Neueinstellungen bewerkstelligen zu können.

    Dazu reicht eine Beschäftigung von 18 Monaten für einen Leiharbeitnehmer durchaus aus,
    denn der muß seine Zukunft auch planen können.
    Dazu kommt naürlich auch gleicher Verdienst für gleiche Arbeit und nicht wie SIE das meinen,das regelt der Markt – das regelt der Markt tatsächlich selber für den halben Verdienst des Arbeitnehmers und folgend einer entsprechender Rente.

    Zu Hartz Vier einer völligen Fehlkonstruktion.

    Es ist richtig,den Bezug von ALG 1 zeitlich zu beschränken.

    Es ist falsch,das ALG ausreichend hoch bemessen ist.

    Es ist falsch,das das erwirtschaftete Vermögen verrechnet wird,damit hätten sie durch Krankheit bedingt keinen Anspruch auf Leistung,da sie vermögend sind und ein Taugenichts hätte Lebenslang Anspruch auf Leistung ohne Anrechnung,er hat ja nie etwas erwirtschaftet,also gespart.

    Es ist falsch,überzogene Sanktionen gegen Hartz Vier Empfänger anzuwenden.
    Betonung liegt auf überzogen nicht auf Sanktionen.

    Es ist richtig,Arbeitslosengeld 1 bei Weiterbildung ensprechend zu verlängern,denn diese Leute sind tätig und willens und eben nicht arbeitslos,um nur abzukassiernen oder was auch immer.

    Sie haben also alle Fragen grundsätzlich und ausnahmslos komplett falsch beantwortet,wie sich das für einen Liberalen zu dieser Thematik auch gehört.

    Mfg

    MT

    • Natürlich habe ich alle Fragen richtig beantwortet, nur anders als Sie, weil Sie andere Werte als individuelle Freiheit und wirtschaftlichen Wohlstand vertreten. Haben Sie schon einmal etwas von Privatautonomoie und Vertragsfreiheit gehört? Diese sind nicht grenzenlos, doch warum wollen Sie ohne Not in Arbeits- und Firmenverträge massiv eingreifen? Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist eine sozialistische Forderung, die freie Entscheidungen und feine Unterschiede negiert.

      Zur Vermögensanrechnung und Sanktionen wurde nichts gefragt und habe ich dementsprechend dazu gar nichts geantwortet. Weiterbildung ist eine gute Idee, aber in der Praxis oft wirkungslos oder sogar schädlich, weshalb es sehr auf das jeweilige Programm und die Passung zur Person ankommt.

  2. Pingback: Flassbeck findet richtige Antwort nicht korrekt | Alexander Dilger

  3. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist keine sozialistische Forderung,sondern versteht sich von selber !

    Sie sind Theoretiker und ich komme aus der Praxis.
    Ich erkläre ihnen die Praxis anhand meiner Firma.

    Wir haben sehr starke Auftragsschwankungen,die entweder nur mit Leiharbeitern oder eben Neueinstellungen und Kündigungen zu meistern sind.

    Also von 140 % Auslastung bis zu nur 60 % Auslastung auf ein Jahr gesehen.
    Entsprechend sind wir auf Leiharbeiter angewiesen – geht nicht anders,das muß sein.

    Diese Leute sind gut ausgebildet,arbeiten teilweise bis zu acht Jahren schon als Leiharbeiter im Unternehmen und verdienten bis zur gesetzl. Lohnangleichung mindestens 5000 Euro weniger im Jahr als Festbeschäftigte.Jetzt fehlt immer noch das Urlaubsgeld,das Weihnachtsgeld,die Erfolgsprämie und sechs Tage Urlaub.Dazu nur eingeschränkten Kündigungsschutz,dazu haben sie ein Zeitkonto von bis zu 200 Stunden.Nebenbei haben sie nur Anspruch auf den Mindestlohn,alles andere ist freiwillig und wird bei Krankheit,Urlaub und so weiter nicht gezahlt,ebenso fürs Zeitkonto und natürlich keine Betriebsrente die uns 40 % Rendite einbringt.

    Wenn sie sich die Vielzahl von Zeitarbeitsverträgen in D ansehen,werden sie feststellen,das das so in der Summe nicht marktwirtschaftlich liberal ist,sondern nicht zu verantworten.

    Natürlich brummt der Laden insgesamt besser,wenn beschissen bezahlt wird,das ist klar und auch mit der Kern der Agenda 2010.Aber das ist Neoliberalismus und das will keine Sau mehr haben.

    Weiterbildungsmaßnahmen für Autoschlosser über 50 zum Rechtsanwaltsgehilfen ( gibt es tatsächlich ) sind Unsinn und beflügeln wohl nur Herrn Schulz und die Arbeitslosenstatistik,da haben sie recht.

    Insgesamt liegen sie aber komplett falsch,weil sie aus einer anderen Perspektive sehen und hier einen theoretischen Tunnelblick anwenden,der in der Praxis eher in die Tonne gehört.

    Übrigens streiten wir jetzt nicht,wir tauschen Meinungen aus.
    Und die muß ja nicht immer gleich sein.

    • Ihr eigenes Beispiel zeigt doch, dass differenzierte Löhne keine reine Theorie sind und sich gleiche Löhne eben nicht von selbst verstehen. Dabei sind die Arbeitskosten auch nicht gleich, sondern für Leiharbeiter häufig höher, weil die Leiharbeitsfirma ihrerseits Kosten hat und etwas verdienen will, zugleich jedoch eine nachgefragte Funktion erfüllt. Wenn gleiche Löhne erzwungen werden, verdienen nicht einfach alle Leiharbeiter mehr, sondern dürften viele ihren Job verlieren, während neue Umgehungsmöglichkeiten gesucht und wohl auch gefunden werden (man kann argumentieren, dass die Leiharbeit größtenteils selbst eine Umgehung von restriktiven Kündigungsschutz- und Befristungsvorschriften ist).

  4. Leiharbeiter sind für eine Firma grundsätzlich teurer als Festangestellte,stimmt.
    Firmen wie Daimler oder BMW oder die Bahn mit Firmeneigener Leiharbeitsfirma nutzen Leiharbeit um damit den Kündigungsschutz zu umgehen.

    Das ist leider notwendig um auf starke Auftragsschwankungen reagieren zu können.

    Das heißt aber nicht,das die Zeitarbeitnehmer durch geringeren Verdienst die Kosten für diesen Vorteil der Arbeitgeber auch noch bezahlen müssen.

    Klappt bei uns sehr gut,alle haben prompt höhere Löhne bekommen und sehr viele sind fest eingestellt worden.

    Im Vordergrund muß doch stehen,das in einer Volkswirtschaft die Beschäftigten maximal abgesichert sind und möglichst gute Löhne bekommen,ohne natürlich das das so überhand nimmt,das die Produktivität dadurch insgesamt gefährdet würde.

    • Maximale Absicherung der Beschäftigten ist ebenfalls eher eine sozialistische als eine marktwirtschaftliche Forderung. In einer sozialen Marktwirtschaft sollten Beschäftigte angemessen (was das genau bedeutet, ist durchaus diskussionswürdig), aber nicht maximal abgesichert werden (was Sie selbst einräumen, da Sie die Produktivität als Nebenbedingung einführen), weil es auch noch andere relevante Gruppen gibt und die Beschäftigten selbst weitere Ziele haben.

      „Wohlstand für alle in Freiheit“ ist das ultimative Ziel der sozialen Marktwirtschaft. Wenn das zumindest von der Tendenz her erreicht wird, ist es auch gut mit Demokratie vereinbar, da dann die meisten Menschen davon profitieren und das auch begreifen. Selbst massive Fehler werden der Regierung dann verziehen. Doch wenn der Wohlstand insgesamt bzw. für die Mehrheit gefährdet wird, sind Demokratie und Freiheit gleichermaßen in Gefahr.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s