EZB kauft noch mehr Anleihen und Börsen brechen ein

Die „EZB beschließt umfassendes Notfallpaket“ wegen der wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus. So wird das Anleihenkaufprogramm bis Jahresende um 120 Milliarden Euro ausgedehnt (von momentan monatlich 20 Milliarden Euro, siehe ‚EZB will mehr Strafzinsen und Anleihen‘). Außerdem bekommen Banken (noch) leichter Kredit und werden die Kapitalanforderungen für sie gelockert sowie der geplante Bankenstresstest verschoben. Allerdings bleiben der Leitzins unverändert bei 0,0 Prozent und der Einlagenzins bei minus 0,5 Prozent.

An den Börsen gab es einen „Kurssturz nach EZB-Beschluss: Dax fällt um mehr als zehn Prozent“. Viele Marktteilnehmer hatten offensichtlich mehr von der EZB erwartet, zumal andere Notenbanken wie die amerikanische Fed die Zinsen gesenkt hatten. „‚Aber wenn die EZB in dieser Situation die Leitzinsen nicht senkt, dann haben die Leitzinsen wirklich ihren Boden erreicht.'“ Ohnehin helfen rein monetäre Maßnahmen nicht wirklich gegen reale Einbußen durch den Coronavirus bzw. drastische Maßnahmen gegen ihn, die nicht nur Reisen, sondern allgemein den Konsum sowie die Produktion einschränken. Gute Politik ist gefordert im Kampf gegen das Virus und dessen Folgen.

Bürgerbefragung der EZB

Im Rahmen ihres „Strategy Review“ hat die Europäische Zentralbank das „Portal ‚Die EZB hört zu'“ eingerichtet. Dort kann jeder noch bis zum 24. April 2020 seine Meinung zur geldpolitischen Strategie der EZB äußern. Wahrscheinlich bringt das nicht viel, weil die EZB ihre Politik ohnehin für alternativlos hält (siehe „EZB-Bürgerbefragung mit Tücken“). Trotzdem wäre es gut, wenn möglichst viele Bürger und auch Wissenschaftler ihre häufig kritischen Meinungen kundtun. So habe ich die Fragen beantwortet:

Was bedeutet Preisstabilität für Sie?

Der beste Beitrag, den Zentralbanken zur Verbesserung des Wohlstands aller leisten können, ist die Gewährleistung von Preisstabilität. Preisstabilität ist gegeben, wenn die Inflationsrate (also die Rate, um die die Verbraucherpreise durchschnittlich von einem Jahr zum nächsten steigen) niedrig und stabil ist. Zurzeit strebt die EZB eine Inflationsrate von unter, aber nahe 2 % auf mittlere Sicht an.

Wie wirken sich Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus auf Sie/Ihre Organisation und deren Mitglieder aus?

Preisstabilität ist wichtig, während die EZB ihr Mandat einfach in Inflation uminterpretiert und diese zu erhöhen versucht.

Was bereitet Ihnen mehr Sorgen: eine zu hohe Deflation oder eine zu hohe Inflation?

Hohe (oder tiefe?) Deflation wäre schlimmer, ist aber sehr unwahrscheinlich, während Inflation eine ernste Gefahr bleibt.

Bei welchen Waren und Dienstleistungen sind Preisänderungen Ihrem Gefühl nach am stärksten spürbar?

Bei denen, die man regelmäßig aktiv kauft.

Wie relevant ist Ihrer Meinung nach der Anstieg der Wohnkosten für die Inflation?

Sehr relevant, zumindest in Ballungsräumen.

Welche Erwartungen und Sorgen haben Sie in Bezug auf die Wirtschaftsentwicklung?

Mit unserer Geldpolitik wollen wir dafür sorgen, dass der Euro im Zeitverlauf seinen Wert behält. Damit wir unsere Geldpolitik so wirkungsvoll wie möglich gestalten, interessieren uns Ihre Erwartungen und Sorgen im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung.

Welche wirtschaftlichen Faktoren bereiten Ihnen/Ihrer Organisation und deren Mitgliedern zurzeit Sorgen?

Negativzinsen und monetäre Staatsfinanzierung durch die EZB; zunehmender Protektionismus, gerade auch durch die EU und gegen UK; falsche Klimaschutzpolitik, die der Umwelt nicht nützt, aber die Kosten erhöht und die Energieversorgung sowie Mobilität gefährdet.

Wie haben sich in den letzten zehn Jahren die sich verändernden wirtschaftlichen Bedingungen auf Ihr Leben ausgewirkt (zum Beispiel auf Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt)?

Mein Arbeitsplatz ist sicher, doch die  EZB hat für negative Zinsen und einen zumindest für Deutschland zu niedrigen Euro gesorgt, wodurch nicht nur mein Realeinkommen geschmälert wurde.

Wie wirken sich die niedrigen Zinsen und die Geldpolitik ganz allgemein auf Sie/Ihre Organisation, deren Mitglieder und die Wirtschaft insgesamt aus?

Doppelt negativ, weil real und sogar nominal negative Zinsen das Vermögen schmälern, wenn man nicht in riskantere Anlageklassen wechselt, wo dieselbe Politik zu Blasen führt.

Welche anderen Themen sind Ihnen wichtig?

Das vorrangige Ziel, d. h. die Hauptaufgabe der EZB ist die Gewährleistung von Preisstabilität im Euro-Währungsgebiet. Ist die Stabilität der Preise sichergestellt, besteht die Aufgabe der EZB darin, die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Europäischen Union zu unterstützen. Das bedeutet u. a., auf die nachhaltige Entwicklung Europas hinzuwirken. Diese soll auf einem ausgewogenen Wirtschaftswachstum basieren und auf einer sozialen Marktwirtschaft, die in hohem Maße wettbewerbsfähig ist und auf Vollbeschäftigung und sozialen Fortschritt abzielt. Außerdem sollen der Umweltschutz und die Verbesserung der Umweltqualität einen hohen Stellenwert haben.

Sollte die EZB Ihrer Meinung nach mehr oder weniger Gewicht auf diese anderen Gesichtspunkte legen und warum?

Die EZB sollte sich auf echte Preisstabilität konzentrieren, ohne den Finanzsektor weiter zu destabilisieren. Die Gewichtung und Umsetzung anderer Ziele ist Aufgabe demokratisch legitimierter Politiker.

Gibt es außer den genannten noch weitere Aspekte, die die EZB Ihrer Ansicht nach bei ihren geldpolitischen Entscheidungen berücksichtigen sollte?

Die Stabilität des Finanzsektors.

Wie wird sich der Klimawandel auf Sie/Ihre Organisation, deren Mitglieder und die Wirtschaft auswirken?

Der Klimawandel ist weniger bedrohlich als der EU-Aktivismus dagegen, der ökonomisch und ökologisch mehr schadet als nutzt.

Wie können wir am besten mit Ihnen kommunizieren?

Uns ist bewusst, dass es für Entscheidungen rund um das Ausgeben, Sparen oder Anlegen von Geld bzw. für die Kreditaufnahme hilfreich ist, zu wissen, wie die Geldpolitik funktioniert. Wir möchten gerne wissen, wie gut es uns bislang gelungen ist, unsere Maßnahmen und deren Hintergrund zu erklären.

Inwieweit fühlen Sie sich gut informiert über die EZB/Ihre nationale Zentralbank?

Als Wirtschaftswissenschaftler bin ich gut informiert, aber kaum durch die EZB und die meisten Massenmedien.

Wie könnte die EZB/das Eurosystem die Vorteile von Preisstabilität und die mit einer zu hohen oder zu niedrigen Inflation verbundenen Risiken besser erklären?

Die EZB müsste ehrlicher sein. Inflation von knapp zwei Prozent ist keine Preisniveaustabilität und nominal negative Zinsen sind schädlich.

Was können wir tun, damit Sie unsere Entscheidungen und deren Folgen für Sie besser verstehen?

Treffen Sie bessere Entscheidungen im Rahmen des vereinbarten Mandats, statt dieses willkürlich umzuinterpretieren.

EZB ohne Einfluss auf Realzins müsste den Nominalzins erhöhen

„‚Der Trend zu niedrigen Zinsen ist global und langfristig'“. Global kann man jedenfalls niedrige Zinsen beobachten und das könnte langfristig so bleiben (muss es aber nicht, siehe ‚Sinken die Zinsen schon lange und immer weiter?‘). Das erklärt aber noch nicht die Ursache dafür, insbesondere ob es vor allem realwirtschaftliche Gründe für die niedrigen Zinsen gibt (siehe ‚Führen zu viele Ersparnisse zu Negativzinsen?‘) oder eher die Notenbanken dafür verantwortlich sind. Richtig ist, dass nicht allein die EZB niedrige Zinsen setzt, diese aber in der Eurozone besonders niedrig und sogar nominal negativ sind.

Nominale Negativzinsen sind ohne aktives Handeln der EZB nicht möglich (siehe ‚Wie sind negative Nominalzinsen möglich?‘). Wenn ausgerechnet Marcel Fratzscher einen Mangel an risikolosen Wertpapieren beklagt, dann müsste er eigentlich für mehr Bargeld sein, welches nominal risikolos ist und auch nicht zu nominal negativen Zinsen führt (siehe ‚Geld als sicheres Anlagegut‘). Er will aber lieber mehr Staatsverschuldung, worauf Clemens Fuest die richtige Antwort gibt: „Der Einfluss der deutschen Finanzpolitik auf das globale Zinsniveau ist zu gering.“

Überhaupt ist es eine ganz schlechte Verteidigung der Zinspolitik der EZB, dass diese ohnehin wirkungslos sei. Dann bräuchte sie sich auch nicht so zu verhalten, sondern es würde sich stets derselbe Realzins ergeben. Daraus würde dann aber sogar logisch folgen, dass sie ihr Inflationsziel momentan mit höheren statt niedrigeren Zinsen erreichen würde, da sie die Inflation zu niedrig findet (was ohne Einfluss auf die Realzinsen aber eigentlich auch egal ist, siehe ‚Negative Zinsen und Deflationsängste‘) und nominal negative Zinsen setzt. Bei unverändertem (negativen) Realzins würde folglich die Inflation mit dem Nominalzins steigen. Tatsächlich glaubt die EZB das Gegenteil, was jedoch im Bereich der Negativzinsen keineswegs zutreffen muss, denn es gibt ‚Keine Evidenz für positive Wirkungen negativer Zinsen‘.

Gabriel will in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank

Der frühere SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel soll Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Bank werden. Ist das „Eine Fehlentscheidung erster Güte“? Er selbst hat wohl nach einer solchen Aufgabe gesucht, sei es wegen des Geldes oder auch dem realen Einfluss, während er momentan nur unverbindlich das Weltgeschehen kommentiert (vergleichbar diesem Blog, wenngleich sein Publikum deutlich größer ist). Vom Bankgeschäft versteht er wenig, doch die Deutsche Bank hofft wohl auf seine politischen Kontakte (wenn sie ihn nicht für vergangene Gefälligkeiten belohnt). In der SPD hat er inzwischen mehr Feinde als Freunde, was durch dieses Mandat noch verstärkt wird, doch international könnte die Situation besser sein. Trotzdem bleibt die Symbolik, dass sowohl die SPD als auch die Deutsche Bank ihre besten Zeiten längst hinter sich haben. Wenn sie nicht dem Untergang geweiht sind, dann doch zumindest dem Niedergang. Damit hat Genosse Gabriel also Erfahrung, wobei er ihn im Falle der SPD zumindest verzögerte, wie man an seinen Nachfolgern sieht, die das nicht mehr tun.

Sinken die Zinsen schon lange und immer weiter?

‚Führen zu viele Ersparnisse zu Negativzinsen?‘ Die These von der aktuellen Ersparnisschwemme lässt sich durchaus noch toppen. „Der Zins kommt nicht zurück“, lautet die jüngste These, die mit historischen Daten empirisch untermauert werden soll (in dem Arbeitspapier „Eight centuries of global real interest rates, R-G, and the ‘suprasecular’ decline, 1311–2018“ von Paul Schmelzing). „Denn die Zinsen sinken schon seit dem Mittelalter“:

Im Schnitt geht der um die Inflation bereinigte Realzins demnach jedes Jahr um etwa 0,6 bis 1,6 Basispunkte zurück. Der englische König Edward III. musste noch 35 Prozent Zinsen bezahlen, als er sich Anfang des 14. Jahrhundert beim Regenten der Provinz Flandern Geld zur Finanzierung seiner kriegerischen Aktivitäten lieh. Unter Edwards im 17. Jahrhundert regierendem Nachfolger Karl II. waren die Zinsen schon auf 16 Prozent gesunken. Im 19. Jahrhundert hielt sich der Vatikan mit einem Kredit bei den Rothschilds über Wasser. Zinssatz: 6 Prozent.

Das lässt sich dann auch noch munter in die Zukunft fortschreiben:

Was bedeutet all das für die Zukunft? Aus Sicht der Sparer nichts Gutes. Joachim Fels von der Investmentgesellschaft PIMCO hat ausgerechnet, was passiert, wenn der von Schmelzing identifizierte Trend sich fortsetzt. Ergebnis: Im Jahr 3017 läge der Realzins bei minus 16 Prozent.

Eine ‚Welt ohne Zins‘ wäre auf Dauer sehr viel anders als unsere. Doch schon die Erklärung für den jahrhundertelangen Zinsverfall überzeugt nicht:

Über die Gründe für das Zinsminus stellt Schmelzing nur Vermutungen an. Womöglich hat der Rückgang etwas damit zu tun, dass die Welt insgesamt durch die Errichtung staatlicher Institutionen im Laufe der Jahrhunderte sicherer geworden ist. Das bedeutet aus Sicht eines Kreditgebers: Die Gefahr ist geringer, dass das verliehene Geld nicht mehr zurückbezahlt wird. Damit geht auch die Prämie zurück, die für einen möglichen Zahlungsausfall verlangt werden kann.

Das ist für sich genommen nicht unplausibel, aber etwas völlig anderes als ein dauerhafter Rückgang des risikolosen realen Zinses. Wenn die Risiken sinken, sinkt der Risikozuschlag. Das ist völlig normal, betrifft aber gerade nicht den risikolosen Zins. Dabei können Risiken übrigens nicht nur die Rückzahlungswahrscheinlichkeit betreffen, sondern auch das Überleben des Gläubigers. Wenn er eher demnächst (mit größerer Wahrscheinlichkeit) stirbt, sollte er eine größere Gegenwartspräferenz aufweisen, was ebenfalls zu höheren Zinsen beiträgt. Ein längeres Leben macht trotzdem negative Realzinsen nicht sinnvoll.

Es wird noch ein ganz anderes Risiko übersehen oder auf diese Weise sogar bewusst ausgeblendet: Die Zinsen müssen nicht dauerhaft so niedrig bleiben. Die These, dass die Zinsen nie wieder steigen und damit die Anleihenkurse nie wieder fallen würden, erinnert doch stark an den Glauben während der Immobilienblase in den USA vor der Finanzkrise, dass die Immobilienpreise nie mehr zurückgehen könnten. Ein solcher Glaube kann eine Weile sich selbst erfüllen, aber eben nicht dauerhaft. Von ewigen Negativzinsen könnte man als Schuldner gut leben, aber bei einer substanziellen Zinserhöhung ist es schnell vorbei damit.