Russland ist zahlungsunfähig wegen Sanktionen im Finanzbereich

„Russland wird erstmals seit 1918 zahlungsunfähig – was bedeutet das?“ Nach der Oktoberrevolution wollten die Kommunisten die Altschulden des Zarenreichs nicht mehr bedienen (und hätten es vermutlich auch nicht gekonnt). Danach hat die Sowjetunion immer ihre Schulden bezahlt. 1998 gab es einen russischen Staatsbankrott, der jedoch nur inländische Gläubiger betraf. Seine Auslandsschulden hat Russland seit 1918 immer pünktlich bezahlt – bis heute. In der Nacht auf Montag verstrich auch eine Nachfrist, um fällige Zinsen von 29 Millionen Euro und 71 Millionen US-Dollar auf russische Staatsanleihen in diesen Währungen zu begleichen. Technisch gesehen ist Russland damit insolvent, auch wenn die Ratingagenturen das wegen der auch sie betreffenden Sanktionsmaßnahmen gegen Russland nicht offiziell feststellen dürfen. „Russland versäumt Zahlungs­pflichten“, stellte das Credit Derivatives Determinations Committee (CDDC) allerdings bereits in einem anderen Fall fest, woraufhin Credit Default Swaps (CDS) zur Auszahlung kommen können. Schließlich könnten 25 Prozent der Anleihengläubiger den Zahlungsausfall rechtsgültig erklären.

Allerdings ist diese Zahlungsunfähigkeit anders gelagert als alle bisherigen Fälle. Russland ist durchaus zahlungsbereit, verfügt über genügend finanzielle Mittel und hat die Zahlungen sogar angewiesen, die allerdings wegen der westlichen Sanktionen im Finanzsektor bei den Gläubigern nicht angekommen sind. Russland erkennt deswegen seine Zahlungsunfähigkeit nicht an, hat allerdings eine Bringschuld gegenüber seinen Gläubigern, der es aktuell nicht nachkommen kann. Die Gläubiger müssen z. B. keine Zahlungen in Rubel auf Konten in Russland akzeptieren. Russische Anleihen werden bereits mit hohen Abschlägen gehandelt, die den Zahlungsausfall antizipieren. Wer mutig ist, kann auf spätere Zahlungen spekulieren. Russland würde aktuell ohnehin keine neuen Kredite erhalten, weshalb der Reputationsschaden sich in Grenzen hält, zumal die sonstige Reputation Russlands ohnehin ruiniert ist. Für noch mögliche Geschäfte sind die laufenden Deviseneinnahmen aus den Rohstoffverkäufen zu besonders hohen Preisen mehr als ausreichend.

6 Gedanken zu „Russland ist zahlungsunfähig wegen Sanktionen im Finanzbereich

  1. Kostolanys größter Coup war, dass er auf die Rückzahlung der zaristischen Anleihen durch die Sovietunion gesetzt hat. Stalin war letzten Endes gezwungen, zumindest die französischen Anleihen zu tilgen, da die Sovietunion sonst an den Kapitalmärkten tot gewesen wäre.
    Die auf Mark lautenden Anleihen hat er allerdings mit Reparationszahlungen verrechnet.

    Wie sieht es Ihrer Meinung nach mit ADRs – z.B. auf Norilsk Nickel – aus, wo Putin schon erhebliche Fristverlängerungen für die Dividendenzahlungen verfügt hat, und die zur Zeit mit etwa 5% des Aktienwertes von vor dem Krieg gehandelt werden?
    Wie Sie schreiben: Dem Mutigen gehört die Welt. No risk, no fun.

  2. Wenn ich den Sachverhalt vom Professor Alexander Dilger lese – mehrfach – bzgl. “ Russland ist zahlungsunfähig wegen Sanktionen im Finanzbereich “ und das mit meinen persönlichen Erfahrungen in der deutschen Industrie – Möbelindustrie – vergleiche die in vergangenen Jahrzehnten x – fach mit Insolvenzen geschlagen war, fasse ich mir an den Kopf.

    Insolvenzen gehören zum deutschen Finanzsystem wie Salz in der Suppe. Zu viel Schulden / Verbindlichkeiten , Überschuldung, Zahlungsunfähigkeit weil der Schuldner nicht in der Lage ist fällige Schulden zu bezahlen, auch nicht irgendwann in der Zuzkunft, fehlende kurz- oder langfristige Perspektiven oder Sicherheiten etc.

    All diese jedem Kaufmann geläufigen Kriterien sind
    offensichtlich bei Russland nicht gegeben. Schon allein die Ressourcen an Rohstoffen sind ausreichend um jegliche Schulden zu begleichen, auch Sicherheiten bei Banken plus eigene Goldreserven.

    Es bleibt eine politische Entscheidung der Gläubiger und das ist auch für die Zukunft nicht gut für die Gesamtwirtschaft und für die Bürger/innen.

    Der Laie staunt, der Kaufmann wundert sich.

    • Vermögenslosigkeit und Zahlungsunfähigkeit sind unterschiedliche Sachverhalte in Wechselwirkung. Der zahlungsunfähige Kaufmann/Staat wird alsbald eine Abwertung seines Vermögens/seiner Sicherheiten sehen. Sicherung von Liquidität ist für den Kaufmann wie für den Staat oberstes Gebot. Russland hat dieses Gebot insofern verletzt, als es sich fahrlässig aus dem internationalen Finanzwesen verabschiedet hat, obgleich es doch auf internationalen Leistungsaustausch angewiesen ist.

  3. Wenn man es richtig ausdrücken möchte darf man nicht sagen, dass Russland zahlungsunwillig ist. Sie wollten zahlen, sie haben gezahlt, die von anderen erstellten Sanktionen haben den Empfang des Geldes verhindert. Das war von den Sanktionären so gewollt. Da sage ich nur: Gut gemacht!

  4. Wenn die Gläubiger jetzt alle Schulden zurück verlangen, werden sie sich an russischem Besitz russischer Staatsunternehmen im Ausland schadlos halten. War das sanktionsgemäß so gewollt?

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