Russland droht nicht (mehr) mit Atomwaffeneinsatz in der Ukraine

„Russland schließt taktischen Atomschlag gegen Ukraine aus“. Das ist eine wichtige Nachricht, die Bernd Lucke (siehe ‚Lucke unterzeichnet Schwarzers Brief‘), Alice Schwarzer (siehe ‚Deutsche sprechen Ukrainern Recht auf Selbstverteidigung ab‘) und anderen Gegnern einer Unterstützung der Ukraine die Grundlage für ihre Panikmache entzieht. Ein russischer Angriff gegen die NATO war und ist ohnehin nicht zu erwarten, da Russland dann den erheblich ausgeweiteten Krieg unmöglich noch gewinnen, sondern höchstens noch den Rest der Welt mit in den Abgrund reißen könnte. Bei rein konventioneller Kriegsführung hat die Ukraine inzwischen gute Chancen, sich mit westlicher Hilfe erfolgreich zu verteidigen.

Damit blieb die Gefahr, dass taktische bzw. kleinere Atomwaffen in der Ukraine eingesetzt werden könnten. Es ist unklar, wie die NATO und insbesondere die USA darauf sinnvoll reagieren könnten und sollten. Es wäre kein NATO-Bündnisfall, aber die Grundlage für die Zusage durch den US-Präsidenten Joe Biden, sich militärisch aus dem Ukraine-Krieg herauszuhalten, würde auch nicht mehr bestehen, was zu Unsicherheiten führte. Diese hat Russland jetzt durch seine Klarstellung und den Ausschluss eines solchen Atomwaffeneinsatzes beseitigt.

Der russische Vorwurf, der Westen habe eine solche Bedrohung nur erfunden, ist nicht richtig, da von der russischen Seite durchaus mit Atomwaffen gedroht worden war. Zwar könnte das jetzige Dementi auch gelogen sein, aber das ergäbe keinen rechten Sinn. Eine Drohung könnte für sich genommen Vorteile bringen, wie die hiesigen Forderungen nach Einstellung der Waffenlieferungen zeigen, und sie würde auch auf ihre Realisierung vorbereiten, was einen Gegenschlag unwahrscheinlicher macht. Da diese Drohung nun explizit ausgeräumt wurde, nutzt sie als Drohung nichts mehr und ein entsprechendes Verhalten würde umso stärkere Gegenmaßnahmen rechtfertigen und wahrscheinlicher machen.

Durch das Dementi dieser Drohung ist die Welt jetzt noch ein wenig sicherer geworden. Hoffentlich endet der Krieg bald oder mündet zumindest in einen Waffenstillstand. Das wäre auch im Interesse von Russland, welches nicht mehr viel gewinnen, aber noch sehr viel verlieren kann bei Fortdauer des von ihm begonnenen Krieges.

21 Gedanken zu „Russland droht nicht (mehr) mit Atomwaffeneinsatz in der Ukraine

  1. Der Artikel zur Headline liegt hinter einer Bezahlschranke. Woanders lässt sich eine Nachricht solchen Inhaltes (noch?) nicht finden. Würde das nicht jene bestärken, die sagen, Medien in Deutschland berichten in der Mehrzahl nicht neutral über Russland?

    • Grundsätzlich verlinke ich hier nichts hinter einer Bezahlschranke. Zumindest für mich ist der Artikel bei t-online weiterhin frei zugänglich. Andere Medien berichten ebenfalls darüber, z. B. ntv und SZ, wobei die Quelle jeweils dpa ist.

  2. Würden Sie bitte erklären, wie Sie darauf kommen, dass diese Aussage glaubwürdig ist? Ich glaube dem Regime grundsätzlich gar nichts. Denken Sie daran, dass Russland bis Mitte Februar behauptet hat, die Ukraine nicht angreifen zu wollen. Natürlich stand der Plan schon lange fest.

    • Ja, die Beteuerungen, nur Manöver durchzuführen und nicht in die Ukraine einfallen zu wollen, waren eine reine Lüge, die allerdings gewisse Vorteile für Russland hatte. Ein taktischer Atomwaffeneinsatz würde das Dementi auch zu einer reinen Lüge machen, die allerdings Russland keine Vorteile gebracht hätte, sondern nur Nachteile. Deshalb gehe ich davon aus, dass das Dementi stimmt, was allerdings nicht den Einsatz ähnlich schlimmer konventioneller Waffen ausschließt.

      • Der Vorteil war, dass der Westen die Ukraine nicht schon früher mit schweren Waffen belieferte? Das kann man aber jetzt analog sehen: Ohne die Drohung unternimmt der Westen keine besonderen Vorkehrungen zum Schutz vor einem Atomschlag. Wenn er dann kommt, könnte er mehr Schaden anrichten und könnte der weitere Kriegsverlauf erfolgreicher für Russland sein.

      • Um ein Land zu überfallen, ist Überraschung von Vorteil. Die USA haben allerdings vorher alles aufgedeckt und Operationen unter falscher Flagge verhindert, wofür sie hierzulande von vielen auch noch kritisiert wurden, zumindest vor dem Überfall. Beim Einsatz von taktischen Atomwaffen sind die Verhältnisse völlig anders. Die Symbolwirkung wäre hoch und die Eskalationsgefahr auch. Für dieselbe Sprengkraft gibt es hingegen inzwischen auch konventionelle Waffen mit weniger solchen Risiken. Der Schaden wäre so oder so riesig und Vorkehrungen dagegen sind kaum möglich, vielleicht abgesehen von Flucht.

  3. Meine primäre Nachrichtenquelle ist der Online Dienst von „Zdf heute“, dort kann man es lesen. Mittlerweile gibt es einen Mangel an russischem Angriffsmaterial, so die Informationen. Am Montag werden wir es wissen. Einen Atomkrieg kann niemand gewinnen.

  4. Was spricht grundsätzlich für den Einsatz taktischer Nuklearwaffen in der Ukraine? Ein Einsatz gemäß der Militärdoktrin des kalten Krieges würde den Einsatz zahlreicher taktischer Nuklearwaffen gegen Gefechtsverbände, hier im Donbass und im Süden bei Mikolajew & Cherson bedeuten. Dies ist meiner Meinung nach noch unwahrscheinlicher als den Einsatz einer taktischen Nuklearwaffe um eine noch viel massivere Flüchtlingsbewegung gen Mittel- und Osteuropa in Bewegung zu setzen. 20 Millionen ukrainische Flüchtlinge würde die EU-Staaten extrem unter Druck setzen und vermutlich die Geschlossenheit der „westlichen Welt“ sprengen und die Solidarität mit der Ukraine untergraben.

    Was das Putin Regime verkündet oder auch nicht, hat keine Aussagekraft. Kein Politiker in Regierungsverantwortung sollte der russischen Regierung über den Weg trauen. Vereinbarungen mit diesem Regime haben keinen Wert.

    • Vereinbarungen mit Russland haben sich tatsächlich als wertlos erwiesen. Das heißt aber nicht, dass einseitige Erklärungen keinerlei Informationswert hätten. Man darf ihnen natürlich nicht blind vertrauen. Doch das Dementi eines Atomschlages wäre keine kluge Vorbereitung eines solchen, zumal es hier um taktische Atomwaffen innerhalb der Ukraine geht, nicht den ganz großen strategischen Angriff gegen die USA. Würde Russland tatsächlich einen solchen taktischen Atomschlag planen, müsste es den Westen darauf vorbereiten und ihm am besten noch die Schuld dafür zuschieben, damit es danach zu keiner völligen Eskalation des Krieges kommt. Dass Dementi ist keine solche Vorbereitung und erhöht vor allem für Russland die Unsicherheit, was die USA tun würden, falls Russland doch Atomwaffen in der Ukraine einsetzt. Schließlich glaube ich nicht, dass dann die westliche Stimmung gegen die Ukraine kippen würde, im Gegenteil, die Hilfsbereitschaft würde noch einmal stark steigen, auch die Bereitschaft zu einer direkten militärischen Intervention, die nicht in Russlands Interesse sein kann.

  5. Natürlich ist das eine gute Nachricht, aber inwieweit ist solchen Beteuerungen denn zu trauen? Nach russischen Beteuerungen befinden sich deren Verbände wohl noch immer auf einer Routine-Übung mit anschließender Spezialoperation. Sie können solchen Aussagen noch nicht blind vertrauen, nach allem was passiert ist. Auch kann sich situativ immer eine andere Lage ergeben. Nehmen wir zum Beispiel das Szenario, dass es UA tatsächlich gelingt, in die Initiative zu kommen und die russischen Truppen nach und nach zurück drängt und dabei ggf. sogar auf russisches Territorium vordringt. Natürlich bleibt der Einsatz taktischer Atomwaffen dann eine ultima ratio, deren Gefahr Sie ja selbst noch sehen. Anschließende Kettenreaktionen sind weiterhin möglich, und natürlich wird der Westen als Haupt-Grund ausgemacht sein. Ohne westliche Unterstützung wären die Ukrainer natürlich weiter tapfere Soldaten, aber doch unterlegen genug, um keine Erfolge wie oben skizziert erreichen zu können.

    Also nochmal zusammenfassend: Ja, die Nachricht ist grundsätzlich gut und de-eskalierend. Aber sie sollte nun nicht genutzt werden, um anderen Panikmache vorzuwerfen, die nun nicht mehr angebracht sei, nur, um damit die eigene argumentative Position zu stärken. Ich stehe, was die beiden offenen Briefe betrifft, irgendwo zwischen beiden Positionen, kann beide nachvollziehen. Soviel Empathie sollte man haben. Wir, als Westen, sind schon stark genug involviert mit Ausbildung, Material, inzwischen schweren Waffen und Geheimdienstunterstützung bei der Aufklärung. Dies sollte das Maximum sein und nicht jeder neuer Forderung seitens Ukraine oder ihrer Botschafter nachgegeben werden.

    Was wichtig ist, dass der Westen UA eindeutig aufzeigt, wo die Grenzen ihrer militärischen Erfolge einfach im Hinblick auf eine Nachkriegsordnung liegen müssen. Russland und Ukraine werden auch hinterher Nachbarn sein. Ein weißer Friede mit einer Rückkehr zum Status Quo mit anschließender ehrlicher internationaler Maklerschaft ist aus meiner Sicht das anzustrebende Ziel. Keine Wieder-Eroberung der Krim oder der ohnehin von Separatisten kontrollierten Gebiete. Russland muss aus diesem Krieg mit so einer blutigen Nase heraus kommen, dass es künftige Versuche unterlässt, aber auf der anderen Seite nicht so gedemütigt wird, dass es größere Dummheiten begeht.

    • Es geht nicht um blindes Vertrauen. Die russische Regierung hat nicht nur alles Vertrauen, sondern auch ihre ganze Reputation verspielt. Es bleibt „Cheap Talk“, welches völlig unverbindlich ist, aber trotzdem noch zur Koordination taugt. Drohungen haben einen gewissen Nutzen, selbst wenn sie später nicht erfüllt werden. Die Rücknahme bzw. das Dementi einer solchen Drohung hat offensichtlich auch einen Nutzen, aber einen anderen. Dadurch sollen Spannungen abgebaut werden und Russland will mehr Spielraum für die konventionelle Kriegsführung gewinnen (und vielleicht auch noch Drohpotentional mit einem Atomschlag, falls sein eigenes Gebiet massiv angegriffen würde). Wenn dann trotzdem ein Atomschlag erfolgen sollte, ist die NATO doch nicht völlig unvorbereitet, sondern nach diesem Dementi eher zu einem Gegenschlag bereit, als sie es bei Fortsetzung oder gar Verstärkung der Drohung gewesen wäre. Das gilt ebenso umgekehrt für die Ankündigung des US-Präsidenten, nicht in der Ukraine militärisch intervenieren zu wollen. Würden es die USA oder die NATO jetzt doch tun (ohne guten Grund wie einen russischen Atomschlag), wie manche es forderten, würde der Krieg stärker eskalieren und wäre schwerer wieder einzugrenzen, als wenn es diese Ankündigung nie gegeben hätte oder gar mit dem Gegenteil gedroht worden wäre.

  6. Die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges hatte sich erledigt, als nicht mehr die Rettung der Ukraine als eigenständiger Staat das Kriegsziel war, sondern der Sieg über Rußland. Solange die USA und die EUdSSR darauf spekulieren können, daß die Ukraine den Krieg gewinnt, wird es keinen Frieden geben.

    • Es geht nicht um einen Sieg über Russland im Sinne einer Eroberung oder auch nur eines Regimewechsel von außen. Maximalziel ist es, den Status quo ante von 2014 wiederherzustellen, ansonsten von Anfang 2022. Echter Friede wäre dann möglich, bei Besetzung großer Teile der Ukraine kommt es hingegen bestenfalls zu einem Waffenstillstand.

    • Alles ist möglich, aber es gibt Wahrscheinlichkeiten. Ich gehe jede Wette ein (tatsächlich risikiere ich dabei doch sogar mein Leben), dass am 9. Mai keine Atombombe gezündet wird. Aber auch danach ist ein Atombombenabwurf z. B. bür der Ostsee völlig unrealistisch. Russland würde dadurch nichts gewinnen, aber viel verlieren und noch mehr riskieren.

  7. „Zwar könnte das jetzige Dementi auch gelogen sein, aber das ergäbe keinen rechten Sinn.“

    Es ist wahrscheinlich nicht gelogen. Allerdings gibt es keine rechten Sinn, auf die Drohung zu verzichten. Es sei denn, Russland plant an anderem Ort oder an der Ukraine mit anderen als nuklearen Mitteln ein „shock & awe“ – Event, wobei der Sinn der russischen Erklärung des Verzichtes auf einen Atomschlag in der Ukraine darin bestünde, das Risiko einer konventionellen oder nuklearen Reaktion der NATO zu mindern, indem Russland damit innerhalb eines an Dramatik kaum zu übertreffenden Gesamtkomplexes ein Signal (aus ihrer Sicht wenigstens) harter Rationalität sendet.

    Mir scheint völlig klar, dass Russland einerseits auf einen Sieg in der Ukraine nicht verzichten kann und anderseits diesen nicht erringen kann, wenn Zielaufklärung und Waffenlieferungen durch den Westen nicht unterbunden werden.

    Russland dürfte sich mit weit überwiegender Wahrscheinlichkeit bereits im de facto – Krieg mit der NATO sehen und es ist zu erwarten, dass es kurzfristig dementsprechend handeln wird.

    • Die russische Regierung sieht in der NATO und insbesondere den USA den eigentlichen Gegner, will aber gerade nicht in einen heißen Krieg mit ihnen eintreten. Die Drohung mit einem Atomschlag hat selbst Deutschland nicht von Waffenlieferungen abhalten können, weshalb diese Drohung jetzt zurückgenommen wurde, um ansonsten freiere Hand in der Ukraine zu haben.

      Im günstigsten Fall verkündet Präsident Putin morgen, dass die Spezialoperation erfolgreich beendet sei und ab sofort nur noch die bereits besetzten und zu Russland gehörigen Gebiete verteidigt würden. Dann liegt der Ball bei der ukrainischen Regierung und ihren Unterstützern, ob sie bereit sind, diesen Preis für einen Waffenstillstand und schließlich Frieden mit Sicherheitsgarantien zu zahlen.

    • Darüber sollte man sich erst nach dem Ende der Kämpfe Gedanken machen. Noch ist es für einen Wiederaufbau zu früh und das russische Auslandsvermögen könnte Verhandlungsmasse für einen Friedensschluss sein.

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