Scholz schimpft auf Wirtschaftswissenschaftler, die Gasembargo für handhabbar halten

Beim Klimaschutz oder der Corona-Pandemie wird immer wieder behauptet, die Politik würde auf die Wissenschaft hören und solle das auch tun, wobei das Wissenschaftsverständnis meist recht einfach und einseitig ist. Bundeskanzler Olaf Scholz sprach gestern bei Anne Will offen aus, was er von Wissenschaftlern hält, die nicht seiner Meinung sind. „Die sehen das aber falsch“ und es sei „unverantwortlich, irgendwelche mathematischen Modelle zusammenzurechnen, die dann nicht funktionieren“ (siehe „Der deutsche Streit ums Gasembargo“ und „Kehrtwende des Kanzlers“).

Dabei geht es um die Studie „Was wäre, wenn…? Die wirtschaftlichen Auswirkungen eines Importstopps russischer Energie auf Deutschland“ mit diesem zentralen Ergebnis: „Kurzfristig würde ein Stopp der russischen Energieimporte zu einem BIP-Rückgang zwischen 0,5 % und 3 % führen“, was „substanziell, aber handhabbar“ sei. Das ist die seriöseste wissenschaftliche Abschätzung, die es bislang dazu gibt. Natürlich kann man die Annahmen, Methoden und Ergebnisse kritisieren, doch ein Spitzenpolitiker sollte das vielleicht besser nicht selbst tun, sondern anderen Wissenschaftlern überlassen.

Aus solch einer Abschätzung folgt auch noch keine praktische Handlungsempfehlung. Es ist doch eigentlich nur gut für Deutschland, wenn ein plötzliches Ende russischer Öl- und Gaslieferungen keine katastrophalen Folgen hat, zumal es uns von außen durch Russland aufgezwungen werden könnte. Deshalb muss man nicht gleich selbst ein Embargo verhängen, kann es aber leichter tun, wenn Putins Krieg noch mehr eskaliert, oder z. B. bei den vereinbarten Zahlungen in Dollar und Euro bleiben trotz der Drohung mit einem Lieferstopp (siehe ‚Putin will russisches Gas in Rubel bezahlt bekommen‘).

Dagegen ist nicht klar und auch nicht Gegenstand der Studie, wie sehr ein solches Embargo Russland und seinen Möglichkeiten zur Kriegsführung schaden würde. Vielleicht könnte es das Öl und Gas gleich an andere liefern oder auch erst später, was jedoch wertmäßig keinen großen Unterschied macht und höchstens zu Liquiditätsproblemen führt, die jedoch durch andere Maßnahmen insbesondere im Finanzsektor viel größer sind.

In der Sache bin ich also durchaus bei Herrn Scholz und gegen ein Embargo zum jetzigen Zeitpunkt. Die Art seiner wissenschaftsfeindlichen Argumentation teile ich hingegen nicht. Der Bundeskanzler scheint tatsächlich zu glauben, dass irgendwelche „Experten“ aus der Wirtschaft, die eigene wirtschaftliche Interessen in dieser Sache haben, das besser und seriöser beurteilen könnten als unabhängige und anerkannte Wissenschaftler. Am Ende müssen solche Fragen ohnehin politisch entschieden werden, doch bitte auf Grundlage der bestmöglichen Erkenntnisse und nicht korrupter Klüngelwirtschaft, wie sie leider nicht nur in Russland häufig vorkommt. Empfehlen würde ich eine ‚Strafabgabe für russisches Gas und Öl‘, die sich besser dosieren lässt als ein Embargo und außerdem Deutschland mehr nutzt und zugleich der russischen Regierung mehr schadet.

4 Gedanken zu „Scholz schimpft auf Wirtschaftswissenschaftler, die Gasembargo für handhabbar halten

  1. Der Umgang mit und die Bewertung von wissenschaftlichen Ergebnissen sollte bereits in der Schule gelehrt werden. Das gilt auch für Umfragen und Statistiken. Was kann Wissenschaft leisten und wo liegen auf welchen Wissenschaftsgebieten was für Grenzen. Dies ist in Zeiten von immer kürzeren Aufmerksamkeitsspannen und Emotionalisierung sämtlicher Themen immens wichtig. Erinnere mich dazu immer gerne an eine Vorlesung in 2003, in welcher ein Professor und ehemaliges Mitglied in Kennedys NSC darauf Hinwies, wie wenig bedeutend die Gefahr des islamischen Terrorismus für die USA ist, im Vergleich zu einem versehentlichen Nuklearkrieg. Die spontane Reaktion meiner amerikanischen Mitstudierenden war Unglaube und Entrüstung. Die Wahrscheinlichkeitsrechnungen die der Professor damals anführte, waren ein echter „eye-opener“ für mich.

    Dass das Klima sich ändert und das menschliches Verhalten dies extrem ändert ist seit mindestens 40 Jahren wissenschaftlich unumstritten. Strittig ist der Umfang dieser Veränderungen und Zukunftsprognosen. Dass bewußte Umweltzerstörung (z.B. Verklappung von Asche in Flüssen) durch signifikante Teile der US-Bevölkerung „gefeiert“ werden und als politisches Statement gegen den politischen Gegner verstanden werden wollen, zeigt welche Ausmaße diese Ignoranz annehmen kann.

    Auf den Gebieten Wissenschafts- und Medienkompetenz ist noch viel Luft nach oben.

  2. Ein Embargo hat ja immer das primäre Ziel, irgend welche Aktionen zu beenden oder abzuschwächen. Man hätte aber jetzt die Möglichkeit spätere militärischen Aktionen nicht mehr entstehen zu lassen. Wenn die Russen hungern müssten, wenn der Wohlstand der russischen Bevölkerung leidet, dann werden sie als Schuldige den eigenen Staat verantwortlich machen. Dann werden auch Köpfe in der russischen Hierarchie rollen und weitere militärische Aktivitäten könnten für Jahre ausbleiben. Das würde den Sanktionsgebern auch einiges kosten, als Gemeinschaft könnten wir es aber besser kompensieren.
    Hier mal die Sanktionsliste von heute:

    Insgesamt seit 22.02.2222 gibt es gegen Russland 3651 Sanktionen.

    28.3. EU 673, UK 779, USA 812, Schweiz 803
    27.3. EU 673, UK 779, USA 812, Schweiz 713
    24.3. EU 671, UK 773, USA 415, Schweiz 711

    Quelle: meine FB Chronik

  3. Pingback: Inflation und Wachstum mit und ohne russische Energielieferungen | Alexander Dilger

  4. Pingback: Bundesregierung bislang gegen und jetzt für Ölembargo | Alexander Dilger

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