Putin kann seinen Krieg und die Ukraine nicht gewinnen

Vor dreieinhalb Wochen hat Russlands Präsident Wladimir Putin die Ukraine überfallen und seither lässt er zahlreiche Städte bombardieren und viele Zivilisten ermorden. Doch große militärische Erfolge kann er dabei bisher nicht vorweisen. Jedenfalls konnte er weder die Hauptstadt Kiew noch das ganze Land erobern und auch nicht die ukrainische Regierung stürzen oder auch nur vertreiben. Es ist möglich, dass ihm das noch gelingt, aber das ist keineswegs sicher und zieht sich auf jeden Fall hin. Während dieser Zeit erleiden die russischen Truppen große Verluste und sind die wirtschaftlichen Schäden für Russland durch unerwartet starke Sanktionen enorm.

Selbst wenn russische Truppen irgendwann die gesamte Ukraine besetzen sollten, so könnten sie doch die Herzen der Ukrainer nicht mehr zurückgewinnen und auch ihren Willen nicht brechen. Eine Besatzung über Jahre oder sogar Jahrzehnte wäre kostspielig, an Geld und an Blut, und auf lange Sicht nicht erfolgreich. Sowohl die Sowjetunion als auch die USA (und ihre Verbündeten) konnten Afghanistan recht schnell erobern, aber nicht langfristig halten. Dasselbe droht Russland in der Ukraine, falls die Eroberung überhaupt gelingt. Das spricht dafür, dass die Ukrainer ihren Widerstand trotz großer Opfer nicht aufgeben und andere Länder sie bei diesem Widerstand weiter unterstützten sollten. Dieser Kampf ist nicht vergeblich und wird am Ende erfolgreich sein.

Die eigentliche Frage ist, wie lange dieser Krieg dauern wird und wie groß die Opfer sein werden. Gewaltherrscher Putin könnte durchaus versuchen, seine mangelnde militärische Stärke durch besondere Grausamkeit zu kompensieren. Auch das wird ihm auf Dauer nicht den Sieg bringen, doch vielleicht spielt er nur noch auf Zeit. Eine eindeutige Niederlage könnte ihn durchaus die Macht in Russland oder sogar sein Leben kosten. Gerade deshalb sollte er jedoch versuchen, möglichst schnell eine gesichtswahrende Lösung zu finden.

Die Ukraine und ihre Unterstützer sollte ihm dabei entgegenkommen, um die Schrecken des Krieges zu verkürzen. So hat der ukrainische Präsident Wladimir Selenski schon von sich aus angedeutet, dass die Ukraine gar nicht mehr NATO-Mitglied werden wolle. Auch ein Verzicht auf die ohnehin schon verlorene Krim wäre kein zu hoher Preis für Frieden. Dagegen sind Sicherheitsgarantien nötig, damit es nicht bald schon wieder zu einer russischen Invasion kommt, was wiederum die NATO auch ohne formale Mitgliedschaft ins Spiel bringt. Die feste Zusage von US-Präsident Joe Biden, sich militärisch bei Russlands Angriff gegen die Ukraine nicht einzumischen, sollte jetzt eingehalten, zukünftig jedoch nicht wiederholt werden. Dagegen kann noch einmal bekräftigt werden, dass die NATO Russland nicht von sich aus angreifen wird, sondern ein reines Verteidigungsbündnis ist, welches langfristig sogar einem friedlichen und demokratischen Russland offenstünde.

28 Gedanken zu „Putin kann seinen Krieg und die Ukraine nicht gewinnen

  1. Wie in jedem Krieg, zahlt die Zivilbevölkerung, die man nicht gefragt hat, den höchsten Preis. Auch wir Deutschen haben, ohne an dem Krieg beteiligt zu sein, zahlreiche Nachteile. In der Tat bräuchte es einen neutralen Vermittler, der von Russland und der Ukraine respektiert wird, um einen schnellen Waffenstillstand und Friedensverhandlungen zu erreichen. Macron, von dem ich nun wirklich kein Fan bin, bemüht sich zumindest. Doch weder in der EU, noch in den USA, sehe ich aktuell eine gestandene Person, die das Format dazu hätte, einen diplomatischen Durchbruch zu erzielen. Wie schon bei allen Kriesen der letzten Jahrzehnte, versagt die UNO völlig. Eine vage Hoffnung setze ich noch auf den israelischen Ministerpräsidenten…

    • Die ‚UNO verurteilt mit großer Mehrheit Putins Krieg gegen die Ukraine‘. Mehr kann sie leider nicht tun, da Russland im Sicherheitsrat jede reale Maßnahme blockieren kann. Das ist eine Schwäche der UNO, die aber gewollt ist, um eine direkte militärische Konfrontation zwischen großen Atommächten zu verhindern. Demselben Zweck dient die militärische Zurückhaltung der NATO.

      Am ehesten könnte der chinesische Präsident Xi auf den russischen Präsidenten Putin einwirken, um einen Waffenstillstand herbeizuführen. Leider ist das noch nicht hinreichend im chinesischen Interesse, doch vielleicht kommt das noch. Die erhoffte Schwächung des Westens ist jedenfalls bislang ausgeblieben und der Angriff auf die Ukraine taugt nicht als Vorbild für eine Annexion Taiwans.

      • Der UN-Generalsekretär könnte zwischen den Konfliktparteien vermitteln. Aber der Sozialist António Guterres hat ja schon als portugiesischer Premierminister nichts getaugt.

  2. Wer verliert diesen Krieg?
    Unabhängig von Nationalitäten, Ukrainer, Russen, Deutsche und viele andere, sind die Verlierer die es am härtesten trifft, die sogenannten „kleinen Leute“. Während Kriegsgewinnler auch ein internationales Phänomen darstellen.

    • Die Zivilbevölkerung trifft ein Krieg leider meist härter als die Soldaten oder gar die Herrschenden. Das eigentliche Kriegsziel von Präsident Putin dürfte ohnehin die weitere Unterdrückung seiner eigenen Bürger sein, denen nicht auch noch eine demokratische und prosperierende Ukraine als besseres Gegenbeispiel dienen soll. Tatsächlich geht es allen mittel- und osteuropäischen Völkern, die sich dem Westen zugewandt haben, besser als den Russen und Weißrussen.

  3. Ich habe diesen Optimismus bisher nicht. Russland hat seine militärischen Mittel längst nicht ausgeschöpft und Putin wirkt sehr entschlossen, den Krieg zu gewinnen. Darüber hinaus hat er einen Großteil der russischen Bevölkerung hinter sich. Natürlich gewinnt er nicht die Herzen der Ukrainer, aber darum geht es auch nicht.

    • Offensichtlich ist die russische Armee nicht so stark, wie Präsident Putin dachte, während die ukrainischen Kämpfer viel stärker sind. Er könnte noch ganz andere Waffen einsetzen, die jedoch für die Besetzung statt Zerstörung eines Landes weniger geeignet sind. Wie viele Russen wirklich hinter ihm und seinem Krieg stehen, wissen wir nicht, insbesondere wenn dieser länger dauert, noch verlustreicher wird und auch die Sanktionen fast allen schaden.

      • Und Sie halten es für unwahrscheinlich, dass Putin gerade die Zerstörung im Sinn hat? Nach dem Motto, was ich nicht bekomme, bekommt niemand? Mal schauen, was passiert, wenn es um die Städte geht, die nicht i.W. von der neonazistischen Asow-Bewegung (also etwa Mariupol) kontrolliert werden.

      • Herr Putin ist ein Machtmensch, Zerstörung ist nicht sein Ziel, sondern nur ein Mittel. Das könnte sich höchstens ändern, wenn er gar keinen Ausweg mehr sieht und bei seinem Untergang andere mitreißen will. Doch schon jetzt verhält er sich viel extremistischer als die Ukrainer, die auch nicht alle Engel sind, doch keineswegs so übel wie nach Ihrer Putin-Propaganda.

      • Russland ist klar der Aggressor, doch sind nicht alle Vorwürfe der russischen Führung gegenüber der Ukraine vollkommen substanzlos.

      • Doch, alle russischen Vorwürfe gegen die Ukraine haben mit Putins Angriffskrieg jegliche Berechtigung und Bedeutung verloren. Davor hätte man darüber ernsthaft diskutieren können, jetzt ist es peinliche Täter-Opfer-Umkehr und Putin-Propaganda.

    • Die russischen Truppen werden offenbar gerade umgruppiert, um den missratenen Blitzkrieg, der jetzt zu Stillstand an 3 Fronten führt, auszubügeln und eine neue Dynamik zu entwickeln. Putin kann vielleicht nicht mehr im Sinne eines totalen Sieges mit Annexion gewinnen, aber sehrwohl einen für die Ukraine äußerst bitteren Siegfrieden erreichen. Ich empfehle das aktuelle youtube Video des österreichischen Bundesheeres zur taktischen Lage.

      • @Jürgen Gerg Es kommt nun zum Kulminationspunkt nach Clausewitz. Die Frage ist, kann die russische Armee ihren Munitionsmangel noch ausgleichen oder bricht der Einkreisungsversuch vorher zusammen. Ich denke, Putin wird enden wie Ceaucescu, der auch kein rechtsstaatliches Verfahren bekam. Aber damals gab es wohl keinen anderen Weg- bei Putin sehe ich auch keinen anderen

  4. Herr Dilger, Sie betonen häufig den Wert der Familie. Wie stehen Sie dazu, dass in der Ukraine alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren gezwungen sind, im Land zu bleiben, um es zu verteidigen? Ich finde das schlimm. Zumindest verheiratete Männer oder Männer mit Kindern sollten das Recht haben, mit ihrer Familie das Land zu verlassen. Die Verteidigung der eigenen Nation ist ein hohes Gut, aber den Wert der Familie würde ich als höher einschätzen. Im Prinzip kann sich eine Familie überall auf der Welt eine neue Zukunft errichten, sofern dies nötig ist.

    • Schlimm ist Putins Krieg, bei dem er auch viele Russen in den Tod zwingt. Als Liberaler würde ich nur auf Freiwillige zur Landesverteidigung setzen, doch auch hier in Deutschland ist die allgemeine Wehrpflicht (nur für Männer) nicht abgeschafft, sondern nur ausgesetzt, was vielen nicht passt. Die entscheidende Frage dahinter ist nicht etwas Zeitaufwand in Friedenszeiten, sondern ob jeder mit seinem Leben für sein Land und dessen Verteidigung einstehen soll. Es ist auf jeden Fall richtig, Mütter mit ihren Kindern ausreisen zu lassen. Zumindest wenn es keine Mutter mehr gibt, sollte man auch den Vater ziehen lassen und würde ich persönlich die Sorge um meine Kinder als wichtiger ansehen als die um mein Land.

  5. „Die Ukraine und ihre Unterstützer sollte ihm dabei entgegenkommen, um die Schrecken des Krieges zu verkürzen.“ Der gegenwaertige Konflikt waere wahrscheinlich vermieden worden, wenn Amerika ueber Russlands Forderung nach Nicht-Aufnahme der Ukraine in die NATO ernsthaft verhandelt haette. Herr Blinken und Frau Nuland (ex-Beraterin von Dick Cheney und spaeter von Hillary Clinton) haben bewusst einen anderen Weg beschritten. Vieles spricht dafuer, dass die Entscheidungstraeger in Washington mit der jetzigen Situation nicht unzufrieden sind, da der Krieg Russland schwaecht (Hillary Clinton sprach kuerzlich von „Ausbluten“) und Europa enger an Amerika bindet.

    „Dagegen kann noch einmal bekräftigt werden, dass die NATO Russland nicht von sich aus angreifen wird, sondern ein reines Verteidigungsbündnis ist.“ Viele Menschen sehen die NATO als den verlaengerten Arm von Amerika und Grossbritannien, von zwei Laendern, die sich durch eine recht militaristische Aussenpolitik hervorgetan haben. Fragen Sie doch einmal Menschen aus China, Indien, Pakistan, Irak, oder Mittelamerika wie dort die westliche Aussenpolitik gesehen wird.

    „Die feste Zusage von US-Präsident Joe Biden, sich militärisch bei Russlands Angriff gegen die Ukraine nicht einzumischen, sollte […] zukünftig jedoch nicht wiederholt werden.“ Wenn Amerika jetzt oder in Zukunft in der Ukraine militaerisch interveniert, laeuft das auf einen Krieg Amerikas gegen Russland hinaus. Eine Mehrheit des amerikanischen Volkes will das nicht, und wird es auch in Zukunft nicht wollen. Wenn Sie ein militaerisches Eingreifen in der Ukraine wuenschen, steht es Ihnen frei, sich fuer die ukrainische Armee melden und fuer Ihre Ueberzeugungen zu kaempfen.

    • Eine Aufnahme der Ukraine in die NATO stand doch gar nicht an. Erst durch diesen Angriffskrieg ist sie deutlich wahrscheinlicher geworden, wenn auch erst nach diesem Krieg zur Vermeidung des nächsten. Präsident Putin wird kein Land unter dem Schutz der NATO angreifen, wo er doch noch nicht einmal allein mit der Ukraine ganz ohne diesen Schutz fertig wird.

      Dieser Krieg schwächt tatsächlich Russland und legt bestehende Schwächen offen, aber das ist doch allein die Schuld des russischen Präsidenten und nicht der USA.

      • Ich bin weiß Gott nicht auf Putins Seite, würde aber weiterhin davon abraten, ihn bzw. die russische Armee zu unterschätzen. Eine Besetzung der gesamten Ukraine war nie das erklärte Ziel. Es gibt auch keine ernsthaften Hinweise darauf, dass er z.B. Polen angreifen würde, unabhängig davon, ob Polen NATO-Mitglied ist oder nicht. Es geht seit mindestens 2014 um die Ukraine…

      • Die russische Armee hat sich bislang in diesem Krieg blamiert, moralisch sowieso, aber eben auch militärisch. Schon im viel kleineren Georgien war der russische Sieg alles andere als glorreich.

        Die erklärten Kriegsziele in der Ukraine wurden doch gerade erst geändert. Angeblich ginge es bei den Spezialoperationen, die gar kein Krieg seien, stets nur um den Donbas, wozu man aber gar nicht die anderen Landesteile hätte angreifen müssen. Rhetorisch werden auch NATO-Staaten bedroht, faktisch müssen sich jedoch die Nichtmitglieder viel mehr fürchten, weshalb in vielen davon jetzt ein Umdenken stattfindet. Präsident Putin verhindert keine NATO-Osterweiterung, sondern befördert sie.

      • Die anderen Landesteile wurden viel weniger und nur punktuell attackiert. Vor allem in Liew ging es meiner Wahrnehmung nach nur um infrastrukturelle bzw. militärische Ziele, deren Ausschaltung dem übergeordneten Ziel der Demilitarisierung dient. Selbige ist auch weiterhin möglich im Rahmen eines Friedensvertrages. Natürlich blamiert sich Russland aktuell, aber wer weiß denn schon, wie das Verhältnis in einem Jahr aussieht. Mit China oder Indien wird sowieso weiter gehandelt und auch der Westen müsste erst noch zeigen, dass er komplett ohne russische Rohstoffe auskäme.

      • Das stimmt doch gar nicht, die russischen Angriffe gehen weit über die „Volksrepubliken Luhansk und Donezk“ hinaus, nur der Westen und die Mitte der Ukraine blieben bislang halbwegs verschont. Vielleicht sind die neuen Verlautbarungen nur ein Trick, doch möglicherweise endet demnächst der Angriff auf Kiew. Eine vollständige Besetzung der gesamten Ukraine halte ich inzwischen für sehr unwahrscheinlich. Langfristig wäre sie auch nicht erfolgreich. Die Frage ist, ob sich ein Abtreten der Krim und dieser von Russland anerkannten Volksrepubliken noch aushandeln lässt. Mein Eindruck ist, dass die russische Verhandlungsposition dafür durch den verfehlten Krieg deutlich geschwächt statt gestärkt wurde.

      • Ich dachte an die mehrheitlich russischsprachigen Gebiete, der Donbass und die Krim sind davon Spezialfälle.

      • Selbst die meisten russischsprachigen Ukrainer verprellt doch Präsident Putin mit seinem Überfall. Er leugnet die Existenz einer eigenständigen ukrainischen Nation, die er selbst gerade stärkt oder sogar in dieser Form erst schafft.

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