Mehrheit für Akademikersteuer

Eine „Mehrheit der Deutschen befürwortet nachgelagerte Studiengebühren“, konkret 62,4 Prozent, wenn sie auch noch einkommensabhängig sind bzw. erst ab einem Schwellenwert bezahlt werden müssen. 26,3 Prozent sind wie ich dagegen (siehe ‚Sollten in Deutschland Studiengebühren erhoben werden? Contra‘). Denn faktisch ist es einfach eine Erhöhung der progressiven Einkommensteuer, bei der ich dann eher einen Abschlag für Nichtakademiker empfehlen würde (der implizit schon besteht, da die Progression auf Jahresbasis berechnet wird und fehlende Einkommen während des Studiums später nicht verrechnet werden dürfen). Regulären Studiengebühren bereits während des Studiums lehnen 45,1 Prozent ab, während 44,0 Prozent sie befürworten, selbst wenn viele Studierwillige bzw. deren Eltern sie sich gar nicht leisten können. Kredite, die einkommensabhängig zurückgezahlt werden müssen, wirken hingegen wie nachgelagerte Studiengebühren. Von Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren sind 62,9 Prozent gegen reguläre Studiengebühren und 46,3 Prozent gegen nachgelagerte.

28 Gedanken zu „Mehrheit für Akademikersteuer

  1. Statt Sudierende finanziell zu bestrafen, sollten lieber wirksame Anreize geschaffen werden, entweder gar nicht oder in einer Fachrichtung, deren Absolventen tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt benötigt werden, zu studieren.

    • Das Rationieren von Studienplätzen in nachgefragten Studiengängen mit hoher Bildungsrendite ist keine gute Idee. Der finanzielle Anreiz zu einem solchen Studium ist doch auch hoch. Daneben gibt es allerdings auch Fächer mit schlechten Arbeitsmarktchancen im Bereich des Faches. Die Akademikerarbeitslosigkeit ist insgesamt niedrig, doch viele kommen in Bereichen unter, für die sie gar nicht hätten studieren müssen oder zumindest nicht ihr Fach.

      • Ich sehe kein grundsätzliches Problem darin, wenn jemand erst einmal das studiert, was ihm gefällt und dann beruflich doch eine andere Richtung einschlägt. Nur sieht die sozialdemokratisierte Realität heute leider so aus, dass es Berufe gibt, für die sich fast kein Nachwuchs (schon gar nicht für die Übernahme kleinerer Unternehmen) findet, während die Überakademisierung zugleich dazu führt, dass weitgehend am Bedarf des Arbeitsmarktes vorbei ausgebildet wird.
        Würde der Arbeitsmarkt sich selbst überlassen und unbeeinflusst durch fragwürdige Umschulungsprogramme und Sozialleistungen alleine durch Angebot und Nachfrage geregelt, sähe es wahrscheinlich besser aus.

  2. Wenn im Handwerk das Erlangen des Meisterbriefs selbst bezahlt werden muss, kann Studenten auch die Finanzierung des Studiums zugemutet werden.

    • @francomacorisano:

      Sie haben Recht. Dass die Studiengebühren und mit dem BAföG oder Stipendien jedenfalls auch ein Großteil der Lebenshaltungskosten von Studenten bezahlt werden, wohingegen Handwerker ihren Meisterbrief selbst bezahlen müssen, ist nicht gerecht. Es verzerrt außerdem den Wettbewerb und führt zudem dazu, dass nicht bedarfsgerecht ausgebildet bzw. studiert wird.

      Ich sähe zumindest theoretisch kein Problem darin, eine „Akademikersteuer“ als eine Art Lenkungsinstrument einzusetzen, um die jungen Menschen wenigstens davon abzuhalten, auf Steuerzahlers Kosten Fächer zu studieren, mit denen sie keine wirkliche berufliche Perspektive erwerben. Aber erklären Sie das einmal sozialistischen Politikern, die fern der Realität immer noch daran glauben, dass ein verkorkstes sozialwissenschaftliches Studium bessere Chancen (auch für die Allgemeinheit) böte als eine solide handwerkliche Ausbildung.

      @Alexander Dilger:

      Da nachgelagerte Studiengebühren erst zurückbezahlt werden müssen, wenn der ehemalige Student Geld verdient, kann ich darin keine Schlechterstellung gegenüber einem bereits Geld verdienenden Gesellen, der seinen Meisterbrief selbst finanzieren muss, erkennen.

      • Faktisch werden damit diejenigen subventioniert, die nach dem Studium so wenig verdienen, so dass sie besser nicht studiert hätten (zumindest aus ökonomischen Gründen) – oder die Deutschland verlassen. Beim BAföG ist das Elterneinkommen entscheidend, was nicht gerecht erscheint. Die Steuerprogression setzt bei den Jahreseinkommen an. Dasselbe Lebenseinkommen wird also ungleich besteuert, wenn es in weniger statt mehr Jahren verdient wird.

  3. @francomacorisano & Cato der Ältere
    Ich stimme Ihnen zu: das Studium wird über- und die die duale Beufsausbildung unterschätzt. Eine Berufsausbildung im deutschsprachigen Bereich ist in vielen Ländern gleichwertig mit einem Studium. (z.B. Krankenpflege, Erzieher, Restaurantfachleute, Köche) .
    Ich weiß nicht, wie oft ich das wiederholt habe: alle (aber auch wirklich alle) deutschen Regierungen seit dem 2. Weltkrieg sind der Illussion der Akademisierung anheimgefallen. Ich selber habe beides: Berufsausbildung und Studium und unterrichte an einer Berufsoberschule. Dort gibt es manchmal ein wesentlich höheres Niveau als an der Universität im Seminar.
    Ich stelle weiter fest: die Phänomene „Rassismus“ und „wokeness“ gibt es im Handwerk viel weniger. Dort kommt es darauf an, ob einer „recht schaffen“ kann und nicht darauf, ob einer „rechtschaffen“ ist. Die Diskussion um Rassismus kann man sich dort gar nicht leisten.
    Ohne die berufliche Ausbildung wäre unser deutsches Bildungssystem doch schon lange zusammengebrochen, weil es mit politischen Auffassungen überlastet wird.

    • Ich vermag nicht zu beurteilen, ob die Überakademisierung ein spezifisches Problem des deutschen Sprachraums ist. Aber was mir bereits in den 1990er Jahren aufgefallen ist, war eine erheblich höhere Praxistauglichkeit von FH-Absolventen gegenüber Uni-Absolventen.

      • In Deutschland ist die Akademikerquote niedriger als in anderen Ländern, weil in Ausbildungsberufen richtigerweise nicht studiert wird.

      • @Alexander Dilger

        Dennoch spucken die Hochschulen in bestimmten Fachrichtungen erheblich mehr Absolventen aus, als der Arbeitsmarkt benötigt.

      • Eine zusätzliche Akademikersteuer, die nur beruflich erfolgreiche Absolventen bezahlen müssen, würde daran aber nichts ändern, sondern das Problem noch verschärfen.

      • Und wie lässt sich das Problem der massenhaften Fehlakademisierung Ihrer Ansicht nach lösen?

      • Ich denke, dass Sie das Problem übertreiben. Die Studenten wählen brotlose Fächer selbst, die den Staat auch nur relativ wenig kosten. Nachher finden die meisten einen Job, wenn auch häufig nicht ihrer Fachrichtung entsprechend oder überhaupt mit Voraussetzung eines Studiums. Noch mehr Aufklärung vorher wäre gut, doch man muss das Angebot nicht künstlich verknappen, sondern lieber bestehende Knappheiten in lohnenderen Studiengängen oder auch Ausbildungsberufen abbauen.

      • Von mir aus soll jede(r) studieren was er oder sie will. Aber unter erfolgreicher oder zielgerichteter Arbeitsmarktpolitik stelle ich mir schon etwas anderes vor, als jeden potenziellen Hauptschüler auf Wunsch der Genossen durch Abitur und Studium zu bringen.

      • Ich vertraue grundsätzlich auf den Markt. Also auf Angebot und tatsächliche (!) Nachfrage. Aber da die Politik sich in immer mehr Bereiche des Lebens einmischt, sollte sie dabei wenigstens versuchen, sinnvolle Entscheidungen zu treffen.

      • Meiner Ansicht nach sollte die Politik nicht entscheiden, wer was studiert, sondern das vor allem den potentiellen Studenten und partiell den Bildungseinrichtungen überlassen. Wie beim Impfen sollten auch dabei Fehlentscheidungen erlaubt sein.

      • Was die Studienentscheidung an sich angeht, bin ich bei Ihnen. Allerdings sollte man von Studierten, die sich für ein Fach oder eine Fächerkombination der ‚Brotlosen Künste‘ entschieden haben, in der realen Welt dann doch etwas mehr Flexibilität erwarten dürfen als mir das in Deutschland der Fall zu sein scheint.

      • Die meisten Absolventen sind doch recht flexibel und kommen dann auch unter. Trotzdem wäre es für manche vielleicht besser gewesen, ein anderes Fach zu studieren oder eine betriebliche Ausbildung zu machen.

    • In den 70ern hieß es sogar mal, „der Mensch fängt erst ab dem Abitur an“.

      Berufsoberschulen dürfen nicht weniger „Wert sein“, als akademische Universitäten. In den meisten Staaten werden sie sogar so genannt university vocacional, bzw. universidad vocacional).

      • Damals gabe es auch noch kein Recht auf (Einser-)Abitur.

  4. @ Piscator
    Auch ich habe beides durchlaufen & abgeschlossen, eine kaufmännische Ausbildung und ein Studium. Teile Ihre Ansicht überhaupt nicht. Der theoretische Teil der Ausbildung (Berufsschule) war im Vergleich zum Abitur oder Studium ein schlechter Witz. Habe für alleine für die Mikroökonomik-Schein an der WWU mehr gelernt als für die komplette Ausbildung. Eine arbeitsscheuere und weniger engagierte Bande als die Lehrer an der Berufsschule habe ich nie erlebt. Der Fachordner wurde jeweils vor dem neuen Schuljahr aktualisiert und dann der zu 95% identische Stoff wie in den Vorjahren verwendet, wenn man die Klausuren der Vorjahrsazubis hatte, konnte man sein Klausur mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits vorher schreiben…
    Eine Krankenschwester mit Berufsausbildung in Deutschland ist in der Theorie sehr viel schlechter ausgebildet als eine studierte Nurse in den USA. Dort werden Nurses von Ärzten auf Augenhöhe angesprochen, in Deutschland ist die Krankenhaushierachie einer der größten Frustfaktoren bei Pflegekräften.

    • @Münsterländer Da haben wir ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Ich hatte sehr engagierte Lehrer an der Berufsschule. (Vielleicht habe ich es auch nicht so gemerkt, weil ich paralell zur Ausbildung auch das volle Abitur nachholte) Das, was ich dort in Organisationslehre gelernt habe, habe ich als Nachhilfelehrer für Marburger BWL- Studenten im höheren Semester weitergegeben, die damit sehr gute Klausuren schreiben konnten. Mit amerikanischen Nurses habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Deren theoretisches Wissen in Psychiatrie war völlig überholt. (Ich war Seelsorger auf der geschlossenen Gerontopsychiatrie) . Die Krankenhaushierarchie in Deutschland ist unbestritten ein Problem, da gibt es nichts zu beschönigen.

      • Die duale Ausbildung in Deutschland sehe ich als Standortvorteil, gerade weil praktische Ausbildung nicht rein wissenschaftlich verstanden wird.

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