Boric wird linker Präsident von Chile

„Der Linkskandidat Boric feiert einen klaren Sieg bei der Präsidentschaftswahl in Chile“. Der ehemalige Studentenführer Gabriel Boric, der mit 35 Jahren der jüngste Präsident in der Geschichte von Chile wird, hat mit 55,9 Prozent der Stimmen recht deutlich die Stichwahl gewonnen gegen José Antonio Kast, dessen Eltern aus Deutschland einwanderten. Der neue Präsident ist sehr links und hat die Kommunisten in seinem Wahlbündnis, während sein Gegenkandidat sehr rechts ist und sich an Augusto Pinochet orientiert, immerhin einschließlich dessen wirtschaftsliberalen Vorstellungen, die Chile zu einem der wohlhabendsten Länder Lateinamerikas machten. Allerdings ist die Ungleichheit recht groß und gibt es soziale Spannungen, die zu Protesten und der Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung führten, die der neue Präsident unterstützen möchte, während sein Gegenkandidat erklärt hatte, gegen sie arbeiten zu wollen.

Es ist zu hoffen, dass Chile demokratisch und wohlhabend bleibt und weder den Weg von Venezuela geht noch einen Putsch erleidet. Es wäre auch hilfreich, das Wahlsystem anzupassen. Eine Stichwahl zwischen den beiden Kandidaten mit den relativ meisten Stimmen im ersten Wahlgang kann wie bei dieser Wahl dazu führen, dass die extremsten Kandidaten verbleiben, während sich alle in der Mitte gegenseitig die Stimmen genommen haben. Eine Präferenzwahl oder Möglichkeiten der Stimmübertragung sukzessive ausscheidender Kandidaten (siehe ‚Diskussionspapier zu Stimmübertragung statt -verlust‘) könnte dieses Problem verringern und die Gesellschaft weniger spalten.

20 Gedanken zu „Boric wird linker Präsident von Chile

  1. Man kann Chile nur wünschen, dass Boric klug genug ist, die Steuer- und Abgabensätze nur moderat zu erhöhen und vor allem nicht die in Südamerika bei solchen Regierungswechseln übliche Enteignungs- und Verstaatlichungsorgie loszutreten.

  2. Ich schätze Chile als gefestigtere Demokratie als Bolivien oder Brasilien ein. Die Zivilgesellschaft (zumindest im Großraum Santiago) ist stark und ein Vorgehen des Militärs ist nicht zu erwarten. Das schnelle Eingeständnis der Wahlniederlage durch Kast ist sehr hilfreich und das abschreckende Beispiel von Venezuela ist in Südamerika sehr präsent.
    Herr Boric hat viel bessere Voraussetzungen eine dauerhafte, politische Lösung für das Verhältnis des chilenischen Staates zu den Mapuche zu finden. Bei einem Wahlsieg von Kast wäre eine offene Rebillion durch die Mapuche so gut wie sicher gewesen.

  3. Gabriel Boric wird es in Chile ähnlich ergehen wie Skandal-Scholz in Deutschland: Große Versprechungen mit unklarer Finanzierung enden an der Realität. Sozialisten konnten noch nie mit Geld umgehen. Sie wollen es uns abnehmen, umverteilen und durch Fehlplanungen, Korruption und Vetternwirtschaft versandet ein großer Teil davon. Die Großindustrie findet meist geschickte Wege, sich mit den Sozialisten zu arrangieren, während die hart arbeitende Mittelschicht die Zeche zahlt.

    Warum ist denn Chile das wohlhabendste Land Südamerikas? Weil europäische Einwanderer mit know how, Fleiß und dem richtigen System diesen Wohlstand erwirtschaftet haben! Die Araukaner-Indios, die nur ca. 10% Bevölkerungsanteil stellen, aber von den Kommunisten umgarnt werden, haben Chile den Fortschritt jedenfalls nicht gebracht.

    Natürlich habe ich gehofft, dass José Antonio Kast die Wahl gewinnt, zumal vor Jahren Chile für mich auch als Auswanderungsland in Frage kam. Aber Chile hat die sozialistischen Präsidenten Ricardo Lagos (2000-2006) und Michelle Bachelet (2006-2010, 2014-2018), die auch noch eine Merkel-Freundin ist, überstanden. Venezuela, aber inzwischen auch wieder Nicaragua, sind in der Tat sehr abschreckende Beispiele. ¡La lucha continua!

    • Wie ich von Freunden aus Chile höre, hat Gabriel Boric noch nie gearbeitet, hat kein abgeschlossenes Studium, war dafür aber bereits in seiner Jugend Sozialistenführer und ist 35 Jahre „jung“. Der Kevin Kühnert Chiles?
      Seine Themen: „Gerechtigkeit“, „mehr Geld für alle“ (Mindestlohn rauf, was den Tod vieler Kleinunternehmen zur Folge haben wird), Pro Abtreibung, Pro Gender, etc.. Eben die üblichen sozialistischen Phrasen und Forderungen.

      Insgesamt soll der Wahlkampf extrem polemisch verlaufen sein. Bei TV-Interviews blieb Boric bei Allgemeinplätzen, hatte keinerlei Zahlen oder Statistiken zum Land parat und keine Ahnung, wie er das Land in die Zukunft führen will. Seine Gegner kamen dafür fast nie zu Wort, da er sie ständig unterbrach (Hugo Chávez lässt grüßen).

      Insgesamt ist Chile auf keinem guten Kurs: Die ersten Unternehmen haben Chile bereits verlassen bzw. sind gerade dabei zu gehen. „ChileZuela“ ist das neue Wort. https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=chilezuela

    • Herr Boric ist deutlich linker als die Präsidenten vor ihm (vielleicht mit der Ausnahme Salvador Allende). Das ist doch gerade das Problem. Gemäßigte Linke, Rechte und Liberale können in einer Demokratie gut zusammenarbeiten. Die Extremisten sind unabhängig von ihrer Ausrichtung eine Gefahr.

  4. Mögen Chile und diese Wahl allen Liberalen Anregung sein, über Armut und eine liberale Lösung dafür nachzudenken. Ohne diese Lösung geht Liberalismus moralisch sowenig wie in demokratischen Wahlen.

    Allen hier, falls Sie es feiern, Frohe Weihnachten, und auf alle Fälle ein Gutes Jahr 2022 !

    • Armut?
      Chile ist kein armes Land. Hoffentlich wird es das auch unter dem Sozialisten Gabriel Boric nicht.

      • Chile ist eines der wohlhabendsten Länder Lateinamerikas. Trotzdem gibt es dort Armut, die nun allerdings leider eher zu- als abnehmen dürfte.

      • Armut ist immer relativ (man muss sich ja nur ansehen, wie die Armutsgrenze bei uns definiert ist). In Chile muss trotz eines wenig ausgeprägten Sozialsystems aber ganz sicher niemand verhungern und auch wenn der Lebensstandard nicht ganz so hoch ist, wie in den reichsten Ländern der Welt, dürfte Chile global gesehen locker im oberen Mittelfeld, wenn nicht sogar an der Grenze zur Oberliga mitspielen.
        https://de.statista.com/statistik/daten/studie/322593/umfrage/bruttoinlandsprodukt-bip-pro-kopf-in-chile/

        In Südamerika hat sich, was Armut und Wohlstand angeht, viel geändert in den letzten 20, 30 Jahren. Auch klafft die Schere zwischen Arm und Reich gerade in Ländern wie Chile oder seinem nicht annähernd so wohlhabenden Nachbarland Perú nicht mehr so weit auseinander wie noch in den 1960er und 1970er Jahren. Es gibt dort heute eine ziemlich breite Mittelschicht. Der Verdienst von Sozialisten ist das allerdings nicht.

      • Es gibt auch absolute Armut, bei der Menschen hungern müssen. Zum Glück kommt sie in Deutschland nicht vor, in Chile hingegen schon und in den reichen USA in einem erschreckend hohen Maße. Es ist kein Sozialismus, wenn Staaten etwas dagegen tun.

  5. In Chile ist die U-Bahn in Santiago fast leer, weil sich ein substantieller Bestandteil der Bevölkerung die Nutzung nicht leisten kann und statt dessen Minibusse nutzt oder sogar zu Fuß geht. Dass Chile ein vergleichsweise reiches Land ist, stimmt. Es gibt jedoch eine sehr große Schicht an Armen, die zwar nicht verhungern, die aber auch keinen Zugang zu wichtigen Dienstleistungen wie einer guten Bildung, einer Krankengrundversorgung oder Altersversorgung haben. Eine Mehrheit der Wähler hat sich dafür entschieden, dass Problem nun anders anzugehen, als die Chicago Boys vor 40 Jahren.

    • Es geht doch nicht um die „Chicago Boys (von) vor 40 Jahren“. Die Erde hat sich weitergedreht, Herr Münsterländer.

      Es ist auch nicht essentiell, ob sich jemand die U-Bahn leisten kann oder im Mini-Bus fahren muss. Denn das ist im Vergleich zu tatsächlich armen Ländern Jammern auf sehr hohem Niveau.

      • Tatsächlich hat sich die Welt weiter gedreht. Das Konzept der Chicago Boys, implementiert von der Pinochet-Diktatur, führte doch gerade dazu, dass Chile nun eine neue Verfassung bekommt und Boric Präsident wird.

        Derjenige, der zur Fuß zur Arbeit läuft statt mit der U-Bahn zu fahren, weil er es sich nicht leisten kann, mag anderer Ansicht sein. Zudem ist Chile nicht mit „tatsächlich armen Ländern“ zu vergleichen, da es schon seit über hundert Jahren mehr strukturelle Gemeinsamkeiten mit südosteuropäischen Ländern aufweist, als z.B. Bangladesch oder Malawi. Zudem können Sie mit dem Argument jede Diskussion beenden.“Ihre Kinder sind nicht verhungert, hören Sie sich auf über Einschränkungen wegen einer Pandemie aufzuregen.“ Sämtliche Diskussionen hier sind „Jammern auf sehr hohem Niveau“.

      • Chile sollte mit den anderen lateinamerikanischen Ländern verglichen werden. Da hat es sich durch die liberale Wirtschaftspolitik deutlich besser entwickelt und hat inzwischen das höchste BIP pro Kopf. Das ist nun in Gefahr. Von einem wirtschaftlichen Absturz hätten gerade die ärmeren Chilenen nichts, schlimmstenfalls verlieren alle (bis auf ein paar Funktionäre). Das ist doch auch die Sorge in Deutschland und Europa, nicht ein totaler Absturz mit Hungersnöten.

    • Die Preisfrage lautet, ob der neue Präsident sinnvolle Reformen umsetzt, die die Armut wirksam bekämpfen, oder ob er ideologisch übertreibt und damit die meisten Chilenen ärmer statt wohlhabender macht.

      • Es gibt kein Beispiel dafür, wo der Sozialismus echten Wohlstand gebracht hätte.

      • Das Narrativ vom Elend in ehemaligen Ländern der Dritten Welt und der ach so weit geöffneten Schere zwischen Arm und Reich wird von bestimmten Kreisen unverändert, unreflektiert und ungeprüft seit Jahzehnten gepflegt. Bei genauerem Hinsehen entpuppt es sich aber häufig als überholtes Bild. Hier ein Beispiel (beachten Sie bitte vor allem den letzten Satz!): https://www.contactchile.cl/de/entdecken/die-chilenen/arm-reich.html

        Und was ich mir in diesem Zusammenhang wirklich nicht verkneifen kann – die Schere zwischen Arm (relativ) und Reich (bzw. Superreich) klafft auch in den wohlhabendsten Ländern (G7 bzw. G20) der Erde sehr weit auseinander. In vielen davon lebt inzwischen sogar ein deutlich höherer Teil der Bevölkerung unter der so genannten „Armutsgrenze“ als in lateinamerikanischen Schwellenländern.

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