Be- statt Entfristung von Qualifizierungsstellen an Hochschulen

Unter #IchBinHanna wird auf Twitter gefordert, Stellen für den Mittelbau an Universitäten zu entfristen. In der extremen Form wird das für alle Stellen einschließlich Doktorandenstellen gefordert, was das Ende des bisherigen Systems der Beschäftigung von Doktoranden bedeuten würde, da über Jahrzehnte kaum noch neue Doktoranden mehr eingestellt werden könnten, weil diejenigen, die zufällig jetzt diese Stellen besetzen, sie zu großen Teilen bis zur Rente behalten würden. Das gilt insbesondere in marktfernen Fächern, wo die Probleme ohnehin am größten sind, während z. B. in der Betriebswirtschaftslehre die meisten Promovierten mit besseren und vor allem viel besser bezahlten Jobs außerhalb der Hochschulen rechnen können.

Andere fordern deshalb für Doktoranden nur feste Vertragsdauern bis zur Promotion bzw. im Umfang der durchschnittlichen Promotionsdauer, wie sie das Wissenschaftszeitvertragsgesetz eigentlich schon vorsieht und die auch Nachteile haben (siehe ‚Diskussionspapier zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz‘). Außerdem sollen alle Stellen ab der Promotion unbefristet vergeben werden, was das für Doktoranden geschilderte Problem jedoch nur auf höherer Ebene wiederholt. Die aktuellen Postdocs, Habilitanden und gegebenenfalls auch Juniorprofessoren würden die Stellen dauerhaft besetzen und zukünftigen Bewerbern, die sich auch höher qualifizieren wollen, vorenthalten. Die Befristungen für Qualifizierungsstellen, sei es zur Promotion, Habilitation oder auch als Juniorprofessor, sind sachlich gerechtfertigt und wissenschaftsadäquat. Sie sind auch fair, wenn die Bedingungen und (gegebenenfalls geringen) Chancen der Weiterbeschäftigung allen bekannt sind.

Daneben kann es auch Dauerstellen im Mittelbau geben, wenn die Hochschulen das für sinnvoll halten. Diese sollten jedoch offen ausgeschrieben werden und nicht zufällig denjenigen zufallen, die im politisch günstigen Augenblick auf einer eigentlich befristeten Stelle sitzen. Nicht sinnvoll war es allerdings auch, dass die damals zuständige SPD-Ministerin Edelgard Bulmahn 2002 eine ganze Generation von Nachwuchswissenschaftlern „verschrotten“ wollte (siehe „Die Posse: An den Unis werden Massenentlassungen als Reform verkauft“). Max Weber bemerkte richtig: „Das akademische Leben ist also ein wilder Hazard.“ Diesen sollte die Politik weder künstlich vergrößern noch ganz zu beseitigen versuchen.

14 Gedanken zu „Be- statt Entfristung von Qualifizierungsstellen an Hochschulen

  1. Diese Diskussionen gibt es doch schon seit Langem. Die einzige nachhaltige Lösung ist es, den Übergang zwischen Hochschule und anderen Berufsfeldern möglichst nahtlos möglich zu machen, sodass der habilitierte Geisteswissenschaftler falls nötig schnell eine Anstellung außerhalb der Hochschule findet.

  2. Man könnte einfach jedem Interessen*:In den Doktortitel gleich nach der Immatrikulation oder spätesten mit der Batchelorarbeit überreichen. Das würde das Stellenproblem doch deutlich entschärfen.
    (Und die lästige Aberkennung von Doktortiteln für bewährte Politker*:Innen wäre dann auch vom Tisch.)

  3. Man hat von Seiten aller- ich betone aller- Parteien in den letzten fünfzig Jahren eines massiv unterschätzt: die Qualität der dualen Ausbildung. Man meinte, auch unter Druck der OECD (die war es, meine ich)auf eine hohe Akademisierung setzen zu müssen.
    Dabei sollte man sich daüber im Klaren sein: wo es, ausserhalb von DACH, notwendig ist, Akademiker einzustellen, kann man in diesen Ländern dual ausgebildete Fachkräfte einstellen. Einer meiner Freunde, Hauptschule und Lehre, wurde aufgrund seiner deutschen Lehre in Moskau Hoteldirektor; für eine Ausbildung in Pflege, in Deutschland eine duale Ausbildung, muß man im Ausland studieren; Erzieher im Kindergarten, in Deutschland ein dualer Bildungsgang, ist im Ausland ein Studium mit Bachelorabschluss.
    Über die deutschen Schulen (auch in der Schweiz und in Österreich gibt es Mängel) lässt sich streiten (wobei der Fehler in meinen Augen eher in der Schulverwaltung der Ministerien und Regierungspräsidien zu suchen ist)- die duale Ausbildung gleich sehr vieles aus, ohne dass es in den hochvornehmen akademischen Kreisen beachtet wird.

      • ich erlebe das leider ganz anders als Lehrer. „Eine duale Ausbildung ist verschwendete Lebenszeit“. Lieber jobt man drei Jahre bei Lidl an der Kasse und wartet auf einen Studienplatz, als das man in dieser Zeit eine duale Ausbildung macht.

      • Sie sollten Ihren Schülern vermitteln, dass das nicht stimmt. Gerade wenn man drei Jahre auf einen Studienplatz wartet, könnte man in der Zeit eine Ausbildung machen und dann immer noch studieren.

      • Es sind nicht die Schüler- es sind die Eltern, die das so sehen.

      • Vielleicht sollten Sie dann die Eltern aufklären oder die Schüler zu eigenständigen Entscheidungen ermuntern. Ein Studium ist nicht per se besser oder schlechter als eine Ausbildung, das hängt sehr vom Fach, der Begabung und auch den individuellen Interessen ab.

  4. Pingback: Be- statt Entfristung von Qualifizierungsstellen an Hochschulen – Bernwards Blog

  5. Pingback: Diskussionspapier zur Up-or-out-Regel | Alexander Dilger

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.