Abschaffung der britischen Korngesetze vor 175 Jahren

Vor 175 Jahren, am 15. Mai 1846, stimmte das britische Unterhaus für die Abschaffung der „Corn Laws“ (Korngesetze). Sie waren 1815 nach den Napoleonischen Kriegen eingeführt worden, wobei es vorher auch schon Im- und Exportbeschränkungen gegeben hatte. Diese Gesetze verboten anfangs den Import von allen Sorten von Getreide unterhalb eines sehr hohen, in der ganzen Zeit nicht erreichten Preises. Später wurde das Verbot durch sehr, in der Regel prohibitiv hohe Zölle ersetzt. Davon profitierten jeweils die Landbesitzer in Großbritannien zu Lasten insbesondere der Stadtbewohner, aber auch der einfachen Landbevölkerung und natürlich der ausländischen Getreideproduzenten.

Premierminister Robert Peel schaffte die Korngesetze ab, obwohl er zuvor selbst ein Befürworter gewesen war, vor allem die Interessen des Landadels vertrat und die Konservative Partei begründet hatte (aus den schon vorher bestehenden Tories). Es gab jedoch immer wieder Unruhen wegen der Korngesetze, außerdem eine schwere Hungersnot in Irland und schließlich auch ihn überzeugende Argumente insbesondere von Richard Cobden, aber auch David Ricardo dagegen, so dass Robert Peel dafür sogar das Ende seiner Regierung in Kauf nahm.

In der Folge spalteten sich die Peeliten von der Konservativen Partei ab, um später mit den Whigs und Radikalen die Liberale Partei zu gründen. Zeitlich verzögert führte die Abschaffung auch dazu, dass das Vereinigte Königreich zu einem großen Importeur von Getreide wurde (insbesondere aus den USA, aber auch aus Russland) und die britische Landwirtschaft schrumpfte. Das war allerdings im Sinne der internationalen Arbeitsteilung zur Ausnutzung komparativer Vorteile durchaus sinnvoll, beschleunigte die Industrialisierung, erhöhte den Wohlstand und führte zum Ende von Hungersnöten. Liberalismus ist eben doch sozialer, wenn es darauf ankommt.

18 Gedanken zu „Abschaffung der britischen Korngesetze vor 175 Jahren

  1. Erlauben Sie mir bitte eine lange und persönliche Bemerkung (fast „Wort zum Sonntag“): Wie Peel trat dann ja auch Gladstone von den Tories (Konservativen) zur Liberalen Partei über. Cobden und Gladstone lobten sehr englische evgl. Freikirchen. Gladstone nannte sie das Rückgrat der Liberalen Partei. Cobdens engster Mitstreiter John Bright war Quäker. Ein gerade in der FAZ gewürdigter englischer Historiker schrieb in seinem Standardwerk über die Gründungsjahre der Liberalen Partei über die die von Ihnen erwähnten „Radicals“: Ihre Abgeordneten waren fast alle Freikirchler, fast alle Kapitalisten, die als Ziel ihres Liberalismus die Befreiung der Arbeiterklasse (vom Elend) sahen. Eine – Verzeihung- sehr richtige Beschreibung (auch) von mir. Die Delegierten der Londoner Freikirchen verurteilten damals jeden staatlichen Eingriff in die Wirtschaft /(Armenhilfe war nicht gemeint) als armenschädlich. Die „Radikalen“ waren nicht nur „radikaler“ als oft die Whigs (Aristokratische Rechtsliberale) und Ex-Tories für die Trennung von Staat und Wirtschaft, sondern auch für die Trennung von Staat und Kirche: Sie setzten sich ein für die Abschaffung der damaligen britischen Form der Kirchensteuer, fochten für die Freiheit und Gleichheit von Juden, Katholiken, Gottlosen.
    Sie prägten nicht nur die Antigetreidezolliga, sondern auch die Liberation Society, die die Abschaffung der Privilegien der anglikanischen Staatskirche forderte. Der wichtigste radikale Pastor-Politiker schrieb – aus Glaubensgründen- gegen staatliche Gewalt, Feiertags- und Sonntagschutzgesetze, die es in der BRD ja bis heute gibt. Später wandelten sich die englischen Freikirchen und die Liberale Partei – und verloren beide ihre Bedeutung. Aber noch die beiden bisher bisher letzten liberalen britischen Regierungschefs waren Freikirchler. 1906 waren nach Angaben 59 % der liberalen Abgeordneten Freikirchler, bei einem Anteil an der Bevölkerung, der sicher sehr ungenau angegeben wird mit 5 %. In einer Freikirche (etwas anderer Art) wuchs auch Frau Thatcher auf. Über sie sagte ein sehr bekannter Torypolitiker: Sie ist keine Konservative, sie ist eine Radikale (leider nicht genug, aber sie war ja auch zu den Anglikanern konvertiert … ) Linksliberale gibt es aus ganz verschiedenen Weltanschauungen. Ich meine aber, daß Großkirchlern und Atheisten mehr Schwierigkeiten damit haben als typische (besonders neocalvinistische, teils auch neolutherische) Freikirchler (und manche Arten von Juden). Typisch freikirchlich ist die Forderung nach absoluter Religionsfreiheit und völliger Trennung von Religion und Staat sowie innerkirchlich die völlige rechtliche Unabhängigkeit der Ortsgemeinde, die rein demokratisch zu leiten sind. Diese Welt erörterten groß die beiden weltberühmten deutschen Religionssoziologen Max Weber und Ernst Troeltsch, aber in Deutschland gibt es diese Welt, diese
    (!) Art von Freikirchen bis heute praktisch gar nicht…

  2. Liberalismus ist eben doch sozialer, wenn es darauf ankommt“ –
    Friedrich Engels als Zeitgenosse und vielfacher England-Reisender sah das allerdings etwas anders: Die Anti-Corn Law League begründe zwar ihr Bestreben mit sozialen Motiven, meine aber sinkende Arbeitslöhne durch sinkende Lebenshaltungskosten. Die Frühindustrialisierung Englands mit ihrem Anspruch auf möglichst ungehinderten Export verlangte nach einer Änderung der Zollpolitik. Liberale Ansätze haben das England des 19. Jhdts sozialpolitisch nicht geprägt (obwohl es „darauf angekommen“ wäre).

    • Die entscheidenden Reallöhne sind gestiegen und es gab keine Hungersnöte mehr in Großbritannien. Das waren wichtige Verbesserungen, die Sie übersehen, wenn Sie vom heutigen Wohlstand ausgehen.

      • Sie vernachlässigen mit Ihrer Sicht die vielschichtigen Einflüsse auf Englands Wirtschaft und Gesellschaft des 19.Jhdts. Die Versorgungslage in GB war beeinflusst von Missernten in Europa und zu Lasten Irlands unter Inkaufnahme von dortigen Hungertoten bis noch 1851 (mit entsprechenden dortigen Auswanderungswellen). Die Kolonialpolitik von Queen Victoria prägte Import- und Export-Bedingungen. Es gab die Gründung von Worker´s Union 1835 u.a.m.

      • Sie vernachlässigen die Bedeutung der Korngesetze und ihrer Abschaffung. Diese waren natürlich nicht allein relevant im 19. Jahrhundert, aber durchaus sehr wichtig. Importe können ganz direkt die Folgen von Missernten abmildern, aber auch strukturell den Wohlstand erhöhen und die Krisenanfälligkeit senken. Ganz UK wurde wohlhabender, wie Adam Smith es schon in seinem „Wohlstand der Nationen“ analysierte. Zugleich wurde UK liberaler und moderner, es ließ den Feudalismus endgültig hinter sich.

      • Ihr Anliegen besteht darin, die Umsetzung eines philosophisch oder ideologisch unterlegten Ordnungsbegriffs nachzuweisen (und eine Brücke zum heutigen Liberalismus zu bauen), wohingegen Friedrich Engels und ich eine eigennutzgetriebene, an der gegebenen wirtschaftlichen und politischen Entwicklung orientierte Verhaltensweise behaupten. Zur Zustandsbeschreibung der Ökonomie gibt es keinen Dissens.

      • Der Liberalismus predigt doch gerade keinen selbstverleugnenden Idealismus, sondern das aufgeklärte Verfolgen eigener Interessen zum gegenseitigen Vorteil. Viele Landbesitzer haben trotzdem verloren, und zwar ungerechtfertigte Privilegien zum Nachteil anderer wie zuvor z. B. schon die britischen Sklavenbesitzer.

  3. Zumindest heutzutage ist im Vereinigten Königreich die konservative Partei viel bedeutender als die liberale Partei. Das wirft angesichts der generell wirtschaftsliberalen Ausrichtung des Landes die Frage auf, ob die Tories liberale Ideen irgendwann übernommen haben.

    • Statistiker: Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurden viele Liberale dort weniger liberal. Und bei den Konservativen gibt es seit Jahrzehnten zumindest wirtschaftsliberale(re) Tendenzen, denken Sie an „Maggie“. Ähnliche Tendenzen gab es in der CDU.

      • Die CDU mag wirtschaftliberaler als die SPD sein, aber insgesamt hat sie in Regierungsverantwortung weniger wirtschaftsliberale Konzepte umgesetzt als es in den angelsächsichen Ländern üblich ist. Denken Sie etwa an den Kündigungsschutz, der in Deutschland ausgeprägter ist.

  4. Hundert Jahre auf der Zeitachse nach vorne und das freihandelnde Großbritannien, das Ursprungsland der Industrialisierung, hatte so viele Industrien ins Ausland ausgelagert, daß es fast eine deindustrialisierte Brache geworden war.

    Innerhalb von wenigen Jahrzehnten konnten die Chinesen, die diese Woche auf dem Mars gelandet sind, 700 Jahre Technikvorsprung des Westens durch den illiberalen Zwang zu 51:49-Prozent Joint Ventures einholen.

    Ich hoffe, die Realität wird neben der Theorie auch in VWL unterrichtet. Fakten interessieren sich nicht für Theorien.

    • Fakten lassen sich nur mit Theorien sinnvoll einordnen und erklären. Die komparativen Vorteile haben sich verschoben zu komplexen Dienstleistungen. China war lange eine führende Hochkultur und knüpft jetzt nach dem Tiefpunkt unter Mao wieder daran an.

      • …indem es eine illiberale, protektionistische und streng auf den Eigennutz ausgerichtete Wirtschaftspolitik verfolgt, während die „liberale“ EU europäische Schlüsselindustrien ohne Gegenleistung veräußert…Seien wir doch ehrlich, der Liberalismus hat seinen Höhepunkt überschritten, die (Wirtschafts)Geschichte hat sich weiterentwickelt.

      • Wirtschaftlich ist der Liberalismus weiterhin sehr erfolgreich, während politisch Deutschland noch nie sonderlich liberal war, die EU auch nicht und China gar nicht. China ist stark gewachsen, aber von einem ganz geringen Niveau aus durch wirtschaftliche Öffnung. Außerdem wirkt China durch seine Größe erfolgreicher, als es tatsächlich ist. Pro Kopf sind nicht nur Europa und die USA, sondern auch seine liberaleren Nachbarn viel reicher. In Taiwan leben auch Chinese, die freier wirtschaften dürfen und damit viel wohlhabender sind.

  5. Statistiker: Ich schrieb, daß es in der CDU wirtschaftsliberale(re) Tendenzen GAB. Das gilt etwa für Ludwig Erhard. Der ist tot.

  6. Von diesem Geist Cobdens und Co.´ s mehr in der BRD! Teils zugleich antidemokratisch und antiliberal, teils zugleich antiliberal und unsozial ist dagegen das Wahlprogram der FDP – was soll man aber sonst wählen als Liberaler?

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