Verhältnis von Theorie und Empirie

„Übertreiben die Volkswirte die Empirie?“ Als ich studierte, dominierte noch die Theorie. Das hat sich inzwischen geändert, da sowohl Daten viel besser verfügbar als auch ihre Verarbeitung viel leichter geworden sind. Das ist sehr begrüßenswert, doch inzwischen könnte das Pendel zu weit in die andere Richtung ausgeschlagen sein.

Es gibt keinen Gegensatz zwischen Theorie und Empirie, sondern beide sollten auf bestmögliche Weise kombiniert werden. Immanuel Kant erkannte bereits: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ Dabei ist „blind“ vielleicht nicht der optimale Begriff für eine rein sinnliche bzw. empirische Wahrnehmung der Welt, doch ohne Theorie fehlt ein Gerüst zur Einordnung der Fülle der Phänomene.

Auch wenn Theorie und Empirie verbunden werden, geschieht das häufig nicht auf die optimale Weise. Denn es wird regelmäßig versucht, eine Theorie bzw. ein Modell empirisch zu bestätigen, was nicht unproblematisch ist und häufig überinterpretiert wird. Besser wäre es, kritische Tests zwischen verschiedenen Theorien zu entwickeln und damit auch die Theorieentwicklung voranzutreiben. Das ist allerdings schwieriger und ich muss zugeben, dass ich selbst das kaum mache.

Allerdings muss auch nicht jeder alles machen. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft ist es durchaus sinnvoll, wenn es reine Theoretiker und reine Empiriker gibt und darin jeweils weitere Spezialisierungen sowie Generalisten, die beides können, wenn auch nicht ganz so tief. Dagegen ist es nicht so gut, wenn es fast nur Theoretiker oder umgekehrt ganz überwiegend Empiriker gibt. Ebenso sollte es keine Verengung auf nur eine Theorie oder Methode geben. Das bedeutet nicht, dass alle Theorien und Methoden gleich gut sind. Doch um die besten zu finden, sollte es Wettbewerb in der Wissenschaft geben wie in der Wirtschaft auch.

3 Gedanken zu „Verhältnis von Theorie und Empirie

  1. Als ich den Beitrag von V. Caspari am 3.4.21 in der FAZ las (und archivierte) war mein erster Gedanke: Das kann der Dilger sich doch nicht entgehen lassen. Zu meiner Zeit an der Uni haben die Arbeiten von P.A. Samuelson und Erich Schneider zu unserem Entsetzen erstmals voll aufgeschlagen, was zu einer hektischen Suche nach Empirikern oder zu einem Wechsel in die Betriebswirtschaft führte. Und auch H.W. Sinn, der ja auch in Münster tätig war, musste sich bei einem Job-Wechsel zwischen den Richtungen entscheiden. Hat es denn seither Fortschritte in der Meinungsbildung der Ökonomen gegeben ? Die Vielstimmigkeit erhöht sich doch eigentlich mit fast jedem neuen Lehrstuhl-Inhaber.

    • Sie beschreiben eher einen früheren Trend zu mehr (quantitativer) Theorie. Dieser wurde abgelöst durch eine Dominanz (quantitativer) Empirie. Das kann man als Fortschritt sehen, der nun aber vielleicht zu weit geht. Die Vielstimmigkeit hat sich dadurch verändert. Es lassen sich alle möglichen empirischen Ergebnisse finden, allerdings häufig nicht replizieren.

  2. Es ist allgemein sicherlich richtig, dass eine theoretische Fundierung empirischer Ergebnisse sinnvoll ist. Ich würde hier wie Sie keinen Gegensatz sehen. Weder eine rein theoretische noch eine rein empirische Betrachtung sind in der Regel überzeugend. Zu beachten ist, dass das vom zitierten Autor aufgeworfene Problem teilweise daran liegt, dass statistische Methoden falsch angewandt werden.

    In der Fachliteratur ist klar beschrieben, wann bestimmte Methoden sinnvoll sind und wann nicht. Leider ignorieren Anwender immer wieder diese Erkenntnisse, manchmal aus Versehen, manchmal bewusst. Ein klassisches Beispiel ist das so genannte p-Hacking, bei dem man Datensätze so „dreht und wendet“, dass bestimmte Signifikanztests gerade noch ein signifikantes Ergebnis generieren. Das ist aus Sicht des Methodikers hanebüchend. Leider sind derartige Ergebnisse immer wieder eine Conditio Sine Qua Non um einen Artikel publizieren zu können.

    Dieser falsche Umgang mit Methoden und Statistiken zieht sich übrigens auch durch die aktuelle Coronadebatte. Denken Sie etwa an den aktuellen Entwurf des Infektionsschutzgesetzes. Sehr weitreichende Maßnahmen werden ausschließlich durch die Inzidenz begründet, andere Maßzahlen wie etwa die Impfquote werden nicht berücksichtigt.

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