Rawls vor 100 Jahren geboren

Vor genau 100 Jahren, am 21. Februar 1921, wurde John Rawls geboren. Er war ein Philosoph, der sich vor allem mit Politik und Moral beschäftigte. Er vertrat einen egalitären Liberalismus, der ihn auch bei Linken beliebt macht(e). Sein berühmtestes Werk ist „A Theory of Justice“, in dem er vor 50 Jahren mit einem Schleier des Nichtwissens argumentiert, damit wir neutral ohne Kenntnis unserer realen Position in der Welt über Gerechtigkeit urteilen. Weniger plausibel ist seine Annahme, dass jeder hinter diesem Schleier völlig risikoavers sei. Daraus folgert er dann (mit dem Maximin-Prinzip), dass es vor allem darum gehen müssen, das Leid der am schlechtesten gestellten Personen zu lindern und jede Verbesserung für Bessergestellte nur gerechtfertigt wäre, wenn es dadurch zugleich auch den Schlechtestgestellten besser geht. Das bezieht er dann auch noch auf gesellschaftliche Gruppen oder Klassen, weil das schlechtestgestellte Individuum vermutlich ein sehr behinderter Mensch mit großen Schmerzen ist. Insgesamt halte ich diese Position weder für liberal noch sonderlich gerecht.

Überzeugender ist da der Utilitarismus von John Harsanyi, der schon vorher mit dem Schleier des Nichtwissens argumentierte und annahm, dass dahinter der Durchschnittsnutzen maximiert wird. Bei John Rawls dann doch noch liberal ist der Vorrang, den er den Grundfreiheiten, die mit entsprechenden Freiheiten für alle vereinbar sind, einräumt vor dem zuvor geschilderten „Differenzprinzip“, welches Ungleichheit nur erlaubt, wenn sie den Schlechtestgestellten in einer Gesellschaft nutzt. Auch wenn er selbst diesen Schluss nicht zieht, könnte man aus diesem Vorrang durchaus auch weitgehende ökonomische Freiheiten mit daraus resultierender Ungleichheit legitimieren, während die Verteilung zu Gunsten der Ärmsten sich nur auf gesellschaftliche Ressourcen bezieht, die keinem Einzelnen gehören.

Dieses Spannungsverhältnis der Prinzipien erschwert dann auch konkrete Anwendungen dieser Gerechtigkeitstheorie, wie sie z. B. Karen Horn, ehemalige Vorsitzende der Hayek-Gesellschaft, auf die Corona-Pandemie versucht mit „Jeder könnte ein Risikopatient sein und jede eine Gastwirtin: Wer über Gerechtigkeit nachdenkt, kommt an John Rawls nicht vorbei – gerade in Corona-Zeiten“. Sie meint, mit seiner Gerechtigkeitstheorie „stellt sich etwa die zurzeit zu erhitzten Diskussionen und viel Lobbyaktivität verleitende Frage nicht, ob die Lockdown-Massnahmen gerecht und die dank ihnen gewonnenen Lebensjahre der nicht erkrankenden Menschen tatsächlich höher zu bewerten sind als die Schäden infolge von Vereinsamung und wirtschaftlichem Ruin.“ Tatsächlich würde aus der Theorie keine solche utilitaristische Abwägung folgen. Das Differenzprinzip könnte nahelegen, dass die tödlich erkrankenden Menschen die schlechtestgestellte Gruppe wären und deshalb alles zur Besserung ihrer Lage unternommen werden müsse ohne Rücksicht auf Verluste für alle anderen. Aber schon das ist nicht klar, da es anderen vielleicht noch schlechter geht, vor allem wenn man das ganze Leben betrachtet. Doch die eigentliche Frage ist, ob für John Rawls hier nicht der Vorrang der Freiheit gelten müsste. Darf der Staat allen die Grundfreiheiten massiv beschneiden, um vielleicht einigen das Leben etwas zu verlängern? Falls ja, sind diese Freiheiten dann nicht ständig bedroht bzw. ganz der Lebenszeitmaximierung zu opfern?

12 Gedanken zu „Rawls vor 100 Jahren geboren

  1. Ihr so guter Artikel zeigt ja verschiedene Vorstellungen von Gerechtigkeit. Wie auch in sonstigen Fragen könnte das doch vielleicht Anlaß sein, daß der Staat nicht bestimmte Vorstellungen Andersdenkenden mit seiner Gewalt aufzwingt… auch wenn Kevin Kühnert und Björn Höcke (und Merkel und Scholz) das so gerne tun…

    • Die Staatsgewalt hat ihren Sinn, aber nicht allumfassend, sondern strikt auf ihre Kernaufgaben begrenzt, die immer mehr vernachlässigt werden für ganz viele andere Sachen, die die Bürger besser selbst und freiwillig regeln können und sollen.

  2. Aber warum sollte die Gastwirtin keine Maßnahmen befürworten, die die Schließung ihrer Gaststätte für eine Weile bedeuten würden, wenn dies erwiesenermaßen Menschenleben retten und gegenfinanziert wäre?

    Karl Lauterbach schreibt übrigens genau zu dem Thema: „Die Gesellschaft muss die Älteren und Vorerkrankten schützen, aber auch die Kinder vor Bildungsarmut. Dies hat hohe Kosten. Diese sollten so verteilt sein, dass die besonders Privilegierten einen fairen Anteil zahlen.“

    • Es ist weder erwiesen, dass die Schließung von Gaststätten mit Hygienekonzept mehr Menschenleben rettet als kostet, noch gibt es eine hinreichende Kompensation für die Gastwirte, die reihenweise in die Insolvenz getrieben werden. Die Gesellschaft muss vor allem vor übergriffigen Politikern geschützt werden, die die Älteren und Vorerkrankten gerade nicht schützen, weder in den Heimen, selbst den staatlichen, noch durch schnelle Impfungen, und zugleich den Kindern die Schulbildung verweigern. Wer ist denn besonders privilegiert außer den Politikern, die weiterhin lustig reisen, sich treffen und frisieren lassen?

      • Die Kompensation ist doch eher zu hoch aus Sicht der Steuerzahler. Haben Sie sich das im Detail angeschaut, ersetzt werden bis zu 90% der Fixkosten, dazu kommt Kurzarbeitergeld und 20% der Fixkosten werden pauschal als weitere Personalkosten (z.B. für die Inhaber) anerkannt. Im November und Dezember wurden sogar 75% des vergangenen Umsatzes ersetzt. Und das alles ohne arbeiten zu müssen.

      • Herr Dilger, ich fange langsam an zu denken wie Sie, versuche aber, mich dagegen zu wehren. Meine Frau kommt aus der Medizin. Sie ist der Meinung, dass die jüngeren Menschen zuerst geimpft werden müssen. Sie begründet das auch aus unethischen Gründen. Meine Gründe sind andere, ich möchte das Leben der alten Menschen schützen, aus ethischen Gründen. Nach der Pandemie haben wir genug Daten und Studien, um die richtigen Antworten zu finden.

      • Was sind denn für Sie unethische Gründe? Der Versuch, Leben und Gesundheit zu schützen, ist natürlich ein starker ethischer Grund, aber eben nicht der einzige. Das Bewahren von Freiheit, Wohlstand, sozialen Kontakten, Bildungschancen etc. sind auch ethisch motiviert. Im unmittelbaren Vergleich scheint das Leben wichtiger, aber dabei darf nicht übersehen werden, dass die ohnehin vorhandene Sterbewahrscheinlichkeit vielleicht geringfügig verändert wird (relevant sind hier auch gar nicht die Corona-Toten per se, sondern die durch die Maßnahmen verhinderten zusätzlichen Todesfälle), während die Maßnahmen ausnahmslos alle (höchstens mit Ausnahme ausgerechnet der entscheidenden Politiker) treffen. Beim Abwägen kann man immer noch zu unterschiedlichen Schlüssen kommen, doch bei vielen Politikern, Journalisten und Virologen kann ich gar kein ernsthaftes Abwägen erkennen, sondern die Hybris der angeblichen Alternativlosigkeit.

        Nach der Pandemie ist es übrigens zu spät für die richtigen Antworten, wie auf diese Pandemie reagiert werden soll, sondern dann könnte man höchstens für die nächste Krise lernen, was aber bislang doch auch nicht passierte (sind die Eurokrise, Energiewende oder Grenzöffnung von 2015 jemals ordentlich aufgearbeitet worden?).

      • Herr Krebs, woher kommt Ihr Sinneswandel? Es geht doch nicht nur um eine „geringfügige“ Änderung der Sterbewahrscheinlichkeit. Wir sprechen von einem Prozent IFR. Über die verbleibende Lebenszeit in Pflegeheimen kann man diskutieren, aber maximal die Hälfte der Todesfälle tritt in Heimen auf.

    • Sebastian Kunze
      sagte am 22/02/2021 um 14:46 :“Die Kompensation ist doch eher zu hoch . . .“
      Sie bügeln die Probleme naßforsch platt.
      Zu beachten sind – nach Nummer der Überbrückungshilfen (I bis III) – formal:
      Zugangsvoraussetzungen hinsichtlich Umsatzgrößen, Förderdeckelung, Unterlagen (z.B. Bilanz 2019), vor allem aber die mit den Betriebsschließungen verbundenen Liquiditätsprobleme, wiederum unterschieden nach Auszahlungsverzögerungen durch die öffentliche Hand, private Belastungen, Tilgungen und andere Zahlungsverpflichtungen (kein Kostenäquivalent durch Nichteinbeziehung der AFA in die Fixkosten), fehlende Reserven durch die Steuerpolitik. Merke : (partielle) Kostendeckung ist nicht Alles, aber ohne Liquidität ist Alles nichts. Was die ausfallende Arbeitsleistung des Unternehmers bei Betriebsschließung anbetrifft: Ein geschlossenes Unternehmens bleibt ein betreuungsbedürftiger Organismus mit den Obliegenheiten gegenüber Technik und der Verwaltung, der Antragsbetreuung der Hilfen.

      • Natürlich gibt es Probleme, aber aus Sicht der Unternehmen doch keine grundsätzlichen. Tatsächlich muss man sich um das Unternehmen auch bei einer Schließung kümmern, aber dafür gibt es Mitarbeiter, die Kurzarbeitergeld erhalten. Die Belastung der öffentlichen Kassen ist längerfristig schon eher ein Problem.

      • Sebastian Kunze
        sagte am 22/02/2021 um 19:23 :“Natürlich gibt es Probleme, aber aus Sicht der Unternehmen doch keine grundsätzlichen. . . .“ Ihnen fehlt die Vorstellung, wie die hier in Rede stehenden Unternehmen personell strukturiert sind. Da gibt es keine Mitarbeiter, denen man stellvertretend Verwaltungsangelegenheiten delegieren kann. Ein grundsätzliches Problem während der Antragstellung zu den Überbrückungshilfen I und II waren die noch nicht erstellten Bilanzen 2019, einerseits Antragserfordernis, andererseits eine intensive Zusammenarbeit mit den überbelasteten Steuerberatern erfordernd (wie auch für die gesamte Antragstellung). Und diese Unternehmer können auch nicht einschließlich des privaten Bedarfs eben mal 4 Monate vorfinanzieren; da haben Sie ein grundsätzliches Problem. Ich bestreite, dass Unternehmens-Insolvenzen im Mittelstand grundsätzlich die geringere Belastung für öffentliche Kassen gegenüber finanziellen Hilfen des Staates seien. Da sind nämlich neben Steuerausfällen auch die Sozialkassen und mittelbar die Zulieferwirtschaft mit deren Leistungsfähigkeit für die Gesellschaft betroffen. Anschließend werden diese Unternehmer bei Insolvenz trotzdem Leistungs-Empfänger aus den öffentlichen Kassen. Ihr Weltbild ist das eines pensionierten Beamten.

      • Aktuell geht es um die Überbrückungshilfe 3, da können fehlende Bilanzen kein Argument mehr sein. Ich gebe Ihnen ja grundsätzlich recht, dass die Auszahlung aktuell zu spät erfolgt. Es ist allerdings zu bedenken, dass man angesichts der hohen Summen Betrugsfälle soweit wie möglich vermeiden sollte.

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