Negative Zinsen trotz und wegen Urzins

‚Zu „Hayek und die Pandemie“‚ ist nicht die einzige Antwort auf „Hayek und die Pandemie“ von Arash Molavi Vasséi. Philipp Bagus und Thorsten Polleit antworten mit „‚Hayek und die Pandemie‘: Das irreführende Narrativ des Neo-Keynesianismus in der F.A.Z.“. Bei Interesse kann ich darauf insgesamt einmal eingehen, doch in diesem Beitrag möchte ich mich auf einen Aspekt konzentrieren. Herr Molavi Vasséi hatte von „einer in der Theoriegeschichte einmalig schlecht begründeten Zinstheorie, die auf Ludwig von Mises zurückgeht“, geschrieben. Dagegen hatte ich Friedrich August von Hayek verteidigt, denn er war „gerade kein Vertreter der Urzinstheorie von Ludwig von Mises, sondern befürwortete eine freie Zinsbildung am Markt durch Angebot und Nachfrage“.

Die Herren Bagus und Polleit verweisen hingegen auf Hans-Hermann Hoppe, wonach es sich bei dem Liberalen von Hayek um einen „Radikalliberalen, der sich als Sozialdemokrat entpuppt“, handeln würde. Dafür glauben sie an die Urzinstheorie von Mises‘. Sie meinen: „Mises erklärt das Zinsphänomen im Kern erkenntnistheoretisch.“ Das ist nicht richtig, er leitet den Urzins praxeologisch her. Dabei sollen allein aus dem Begriff der menschlichen Handlung Erkenntnisse über die reale Welt ohne jede empirische Erfahrung gewonnen werden. Erkenntnistheoretisch ist das nicht möglich und die Sophistereien der beiden Autoren enthalten dementsprechend viele unbegründete Annahmen und Fehlschlüsse:

Der Zins ist eine Kategorie des menschlichen Handels: ein Grundbegriff des Denkens, den man nicht verneinen kann, ohne seine Gültigkeit bereits vorauszusetzen.

Was schon als Gottesbeweis nicht funktioniert, trifft auf den Zins erst recht nicht zu. Menschen sind nicht denknotwendig, sondern evolutionär entstanden und kamen dabei die längste Zeit ohne Zinsen aus.

Dass der Mensch handelt, ist unbestreitbar wahr.

Manchmal handeln Menschen, manchmal nicht, beides ist empirisch wahr, nicht denknotwendig.

Wer sagt „Der Mensch handelt nicht“, der handelt und widerspricht damit dem Gesagten.

Das gilt höchstens für den Satz „Menschen handeln nie“, wenn ein Mensch ihn sagt.

Aus dieser unbestreitbaren Erkenntnis lässt sich weiterhin einsehen, dass Handeln stets zielgerichtet ist und den Einsatz von Mitteln erfordert, und dass Mittel knapp sind (wären sie nicht knapp, wären sie keine Mittel).

Das folgt daraus keineswegs, sondern ist faktisch falsch. Menschliches Handeln ist manchmal zielgerichtet und manchmal nicht. Manches Handeln erfordert Mittel, anderes nicht, jedenfalls nicht über den handelnden Menschen hinaus. Es sind auch nicht alle Mittel knapp, z. B. die Luft zum Atmen und Sprechen ist es meist nicht, und Knappheit ist kein wesentliches Merkmal von Mitteln, sondern vom Wirtschaften.

Zeit ist ein unverzichtbares Mittel des menschlichen Handelns; zeitloses Handeln lässt sich nicht widerspruchsfrei denken.

Zeit ist eine Dimension und eigentlich kein Mittel. Handeln findet empirisch in der Zeit statt, aber die Zeitdimension ist für manche Handlungen wichtiger als für andere wie das Verstehen zeitloser Wahrheiten.

Weil Zeit knapp ist, zieht der Handelnde das Früher dem Später vor.

Zeit ist nicht immer knapp. Sie ist zwar endlich (wie die Luft), aber wenn jemand z. B. warten muss oder Schmerzen hat, kann er sich wünschen, dass die Zeit schneller vergehen möge oder ein Stück von ihr schon vorbei sei. Entsprechend zieht man auch nicht zwingend das Früher dem Später vor. Unangenehme Erlebnisse wollen viele lieber später als früher haben, andere aber schnell hinter sich bringen. Ebenso kann man Schönes gleich erleben oder sich länger darauf freuen wollen.

Darin kommt die Zeitpräferenz zum Ausdruck, und ihre Manifestation ist der sogenannte „Urzins“.

Empirisch haben die meisten Menschen meist eine Gegenwartspräferenz, aber das muss nicht so sein. Man kann auch zukünftige Zustände gleich gewichten oder sogar höher als gegenwärtige.

Der Urzins steht für den Wertabschlag, den die spätere Erfüllung der Bedürfnisse gegenüber der früheren Erfüllung der Bedürfnisse – von gleicher Art und Güte und unter gleichen Bedingungen – erleidet.

Einen solchen Abschlag kann es geben, aber es muss ihn nicht geben. Klugheit und Weisheit sprechen doch eher dafür, auch an die Zukunft zu denken und diese nicht geringer zu achten als die Gegenwart, die bald Vergangenheit sein wird, während die Zukunft dann Gegenwart ist. Aus Risikogesichtspunkten kann man Positives in der Gegenwart vorziehen, weil nicht sicher ist, ob man es oder überhaupt noch etwas in der Zukunft erlebt. Aber eigentlich ist das keine Gegenwartspräferenz im engeren Sinne, sondern Risikoverhalten, bei dem es auch zahlreiche Möglichkeiten gibt.

Zeitpräferenz und Urzins stecken gewissermaßen in jedem Handelnden. Du und ich, wir alle haben stets und überall eine positive Zeitpräferenz und folglich auch einen positiven Urzins. Zeitpräferenz und Urzins können nicht verschwinden, sie können vor allem nicht null oder negativ werden.

Die Zeitpräferenz muss nicht positiv sein, weder für alle Menschen noch in Bezug auf alle Dinge. Es gibt schöne Dinge, die ich lieber morgen tue als heute, und es gibt Unangenehme Dinge, die ich lieber gleich hinter mich bringe statt später. Damit kann selbst der Urzins im Sinne der subjektiven Zeitpräferenz null oder negativ sein.

Eine Geldpolitik, die den Marktzins unter den Urzins drückt, bewirkt Wirtschaftsstörungen – und dass das derzeit im Euroraum geschieht, ist offenkundig.

Die aktuelle EZB-Politik kritisiere ich auch. Aber die relevante Diskussion dreht sich um die Frage, ob die EZB die Null- und Negativzinsen künstlich schafft oder darin nur den Marktkräften folgt. Diese Frage können die Autoren nicht einmal stellen, geschweige denn beantworten, weil die zweite Möglichkeit ihr Vorstellungsvermögen übersteigt.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Idee eines Null- oder Negativzinses unvereinbar ist mit dem System der freien Marktwirtschaft.

Das ist nicht korrekt. Auch ohne aktive Geldpolitik könnte allein durch Angebot und Nachfrage der Zins auf oder sogar unter null sinken. Wie oben gezeigt wurde, kann schon der subjektive Urzins negativ werden bei einer Zukunftspräferenz. Empirisch dürfte das selten sein und auf dem Markt die Akteure mit Gegenwartspräferenz überwiegen. Aber daraus folgt nicht, dass niemand bei Null- oder Negativzinsen sparen will. Auch bei einer Gegenwartspräferenz, also einer höheren Bewertung des heutigen gegenüber dem zukünftigen Konsum, ist diese nicht total, so dass der Zukunft gar kein Wert zugesprochen würde, sondern es macht durchaus Sinn fürs Alter oder eine Notlage vorzusorgen. Wenn das viele tun, steigt das Angebot an Erspartem und sinkt bei gleicher Nachfrage z. B. für Investitionen und Konsumentenkredite der Zins.

Wenn die Überalterung der Gesellschaft oder eine Notlage bevorstehen, dürfte das zugleich die Investitionen drücken, weil es weniger renditeträchtige Möglichkeiten in der Zukunft gibt, was wiederum den Zins senkt. Ob er deshalb tatsächlich negativ werden kann oder alternative Anlageformen wie Immobilien das verhindern, ist umstritten, aber die Zeitpräferenz allein verhindert es jedenfalls nicht. Den Menschen vorschreiben zu wollen, welche Zeitpräferenz sie haben müssen und wie sie dann damit wirtschaften sollen, ist auch nicht liberal.

45 Gedanken zu „Negative Zinsen trotz und wegen Urzins

  1. Das ist sehr interessant und ich stimme Ihrer Kritik am Begriff des Urzinses zu. Schon allein weil das Christentum als uns prägende Religion über lange Zeit ein Zinsverbot aussprach, stellt sich die Frage, inwiefern Zinsen ein elementarer Bestandteil der westlichen Gesellschaften sind. Im Islam gilt dieses Verbot übrigens bis heute.

    Ein anderer historischer Aspekt, den ich für plausibel halte, ist die Sicherungsfunktion von Negativzinsen. Wenn ein reicher Großgrundbesitzer größere Mengen an Bargeld hatte, war es doch entscheidend sicherzustellen, dass das Geld nicht abhanden kommt. Ich könnte mir vorstellen, dass daher umfangreich in Sicherheitsmaßnahmen investiert wurde, was Geld kostete.

    • „. . .stellt sich die Frage, inwiefern Zinsen ein elementarer Bestandteil der westlichen Gesellschaften sind. Im Islam gilt dieses Verbot übrigens bis heute. . .“
      M.E. sind die Differenzen nicht so erheblich. Die unentgeltliche Hingabe von Kapital ist vielfach von der Vorstellung geprägt, dass die Empfänger Hilfsbedürftige sind, deren Notlage von einem Gläubigen nicht ausgenützt werden darf, und dass selbst ein Kapitalverlust dem frommen Werk zuzurechnen ist. In allen Gesellschaften waren aber Erträge aus Geschäften kalkuliert, die man heute dem gewerblichen Bereich zuordnen würde – also Beteiligungen in allgemeiner Form, mit entsprechendem Risiko behaftet. Dies ist heute in verschiedenen Formen im Islam besonders präsent. Mohammed hat als früherer Handlungsreisender der Firma seiner späteren ersten Ehefrau die christliche Welt erfahren und verarbeitet.

      • Erträge aus Unternehmensbeteilgungen (was z.B. auch Aktien einschließt) sind erlaubt, aber das ist qualitativ etwas anderes. Wie Sie schreiben, handelt es sich um Risikokapital. Im Extremfall kann das eingesetzte Kapital komplett verloren sein. Die klassische Vorstellung vom Zins ist, dass man hier einen risikolosen Gewinn erzielt.

      • Richtig, bei den religiösen Zinsverboten geht es eigentlich um eine Form von Konsumkrediten, bei denen Arme sich immer mehr zu verschulden drohen. Das ist auf lange Sicht problematisch und kann eine Gesellschaft zerreißen. Im Alten Testament findet sich deshalb z. B. auch die Regel, alle Jubeljahre die Schulden zu erlassen. Die politökonomisch relevante Frage heutzutage lautet, ob das auch für zunehmende Staatsschulden für konsumptive Sozialausgaben gilt, was ich im Gegensatz zu zahlreichen Kollegen bejahen würde. Kredite für Investitionen an Unternehmen (und ggf. auch den Staat) sind etwas ganz anderes und sie sollen z. B. im Islamischen Finanzwesen durch kreative Gestaltung mit dem Zinsverbot vereinbar gemacht werden.

      • Sie sind für Schuldenschnitte? Ist das nicht etwas, was FDP und AfD grundsätzlich ablehnen?

      • Ich bin gegen dauerhaft ungehemmte Staatsschulden ohne entsprechende Investitionen oder zur Glättung des Konjunkturzyklus. Wenn sie untragbar geworden sind, ist ein Schuldenschnitt allerdings besser als in der Eurozone inzwischen übliche Alternativen.

  2. Die EZB und andere Notenbanken der westlichen Welt weiten die Geldmenge extrem aus. Diese Geldmenge ist nicht mehr mit physischen Werten gedeckt. Nur durch diesen künstlichen Eingriff in den Markt, entstehen Null- oder Negativzinsen. Die Nachteile überwiegen für die meisten Bürger, weil Altersvorsorge erschwert wird. Unternehmen haben dann Vorteile, wenn sie über Sicherheiten verfügen für billige Kredite verfügen. Große Vorteile haben nur defizitäre Staaten, die lange über ihre Verhältnisse gelebt haben…!

    • Typisch Geplärre von goldbugs – das kritisierte Geldsystem nicht im Ansatz verstanden, aber 24/7 Vorträge halten. Ich kann es nicht mehr hören.

      Die Noten der EZB und Bundesbank waren noch NIE vollständig von physischen Werten gedeckt.

      • Der Euro ist leider mit NICHTS gedeckt, außer der Haftung durch die spröden Nordeuropäer für die Fiesta im Club Med. Gold sollte sehr wohl für Staaten, wie für Privatpersonen, EINE Sicherheitsreserve sein, natürlich aber nicht die Einzige.

      • Gold ist doch auch mit nichts gedeckt und seine sonstigen Gebrauchszwecke erklären nicht seinen Wert, sondern allein die Wertzuschreibung durch viele Menschen zusammen mit der nicht beliebigen Vermehrbarkeit. Noch deutlicher ist das bei Bitcoins.

      • Preise bilden sich am Markt. Extreme Ausschläge nach oben oder unten sind leider oft die Folge von unsinnigen Eingriffen des Staates (EZB ist auch staatlich)…!

  3. @Alexander Dilger
    „Zeit ist nicht immer knapp. Sie ist zwar endlich …“

    Ist Zeit wirklich endlich?
    Ich bin der Meinung, dass das eine Frage der Perspektive ist. Aus der Sicht eines organischen Individuums, das früher oder später stirbt, ist das natürlich so. Aber Zeit an sich ist nicht endlich, sondern unendlich.

    • Für jeden Menschen ist die Zeit endlich, aber auch für die ganze Menschheit und nach den vorherrschenden physikalischen Theorien auch für unser Universum. Bei (potentiell) unendlichem Zeithorizont wird das Abzinsen übrigens umso wichtiger. Wenn ich z. B. noch dreißig Lebensjahre habe und diese gleich gewichte, hat das aktuelle Lebensjahr noch eine substanzielle Bedeutung. Bei unendlich vielen Jahren nicht.

      • Da haben Sie mich offenbar missverstanden.
        Für das lebende Individuum mit einem endlichen Leben ist die Zeit natürlich begrenzt.
        Aber nicht die zeit an sich ist endlich. Sie ist unendlich.

      • Das habe ich schon verstanden und bereits beantwortet. Auch die Zeit im Universum ist vermutlich endlich wie der Raum. Durch den Urknall hat sogar eine feste Grenze am Anfang. Am Ende zieht es sich nach heute vorherrschender Ansicht nicht wieder zusammen, sondern stirbt den Kältetod bei riesiger Ausdehnung und Zerfall von allem darin.

        Interessant ist, dass die Physik inzwischen auch einige der alten philosophischen Paradoxien beantworten kann, nicht absolut, aber mit Möglichkeiten, die sich eine Praxeologe nicht vorstellen kann.

      • Ein Strahl mit nur einem Ausgangspunkt ist auch unendlich. Ob die Zeit tatsächlich zerfällt, können wir nicht wissen. Nur dass die Dummheit der Menschen unendlich ist, da war sich schon Albert Einstein sicher.

      • Mathematisch kann ein Strahl unendlich oder auch endlich sein, in der physikalischen Welt ist er wie der gesamte Raum endlich.

      • Falsch. Eine endliche Gerade (also eine mit zwei Endpunkten) ist eine Strecke, kein Strahl.

      • In der nichteuklidischen Geometrie kann auch eine Gerade ohne Endpunkte endlich sein. Denken Sie an eine Gerade auf der Oberfläche einer Kugel. Physikalisch ist unser dreidimensionaler Raum entsprechend gekrümmt, das Universum also grenzenlos, aber nicht unendlich.

      • Eine Gerade auf der Oberfläche einer Kugel ist ein Ring und geschlossen. Dieser kann natürlich nicht unendlich sein, auch wenn er nicht durch Endpunkte begrenzt wird. Ob das Universum unendlich ist oder nicht, das weiß bis heute niemand. Und falls es endlich sein sollte – was befindet sich dann außerhalb des Universums?

      • Alle empirischen Theorien können grundsätzlich falsch sein, aber bestimmte physikalische Erkenntnisse sind schon ziemlich gut bestätigt. Dazu gehört die Vorstellung des sich ausdehnenden und in sich gekrümmten Universums. Außerhalb von diesem gibt es nichts (Physikalisches), auch keinen Raum. Die Kugel dient nur zur Veranschaulichung und unser Raum ist in dem Bild die zweidimensionale Kugeloberfläche, die eben unbegrenzt, aber endlich ist (in der dritten Dimension ist die Kugel sehr wohl begrenzt, nämlich durch die Oberfläche).

      • Wenn sich das Universum ausdehnt (was in der Tat derzeitiger Erkenntnisstand zu sein scheint), dann muss es ja einen Raum geben, in den hinein es sich ausdehnt. Davon ab ging es aber ursprünglich um Zeit und nicht um Raum!

        Einen Satz von Ihnen finde ich allerdings bemerkenswert: „Die Kugel dient nur zur Veranschaulichung …“
        Halten Sie die Erde etwa für eine Scheibe? 😉

      • Sie sollten sich einmal näher mit moderner Physik und Mathematik befassen. Es gibt den physikalischen Raum nur innerhalb unseres Universums. Dieser dehnt sich aus, aber nicht innerhalb eines anderen Raumes. Nicht ausgeschlossen ist die Existenz anderer Universen, die aber gerade nicht in demselben Raum angeordnet sind und deren Zeit ebenfalls unabhängig von unserer abliefe. In der Analogie des Universums mit einer Kugel oder auch einem sich ausdehnenden Luftballon wäre die Erde tatsächlich eine Scheibe.

      • Wir sind jetzt im Bereich der Astrophysik und der Kosmologie gelandet (mit der ich mich zugegebenermaßen trotz Physikleistungskurs auf dem Gymnasium nie intensiv befasst habe), ursprünglich ging es aber um die Frage der Endlichkeit oder Unendlichkeit von Zeit, nicht um Raum.

      • Sie haben mit dem Raum angefangen, weil Sie das mit der Zeit nicht verstanden hatten, was tatsächlich eher noch schwieriger und weniger geklärt ist. Einigkeit besteht bei den Physikern jedoch darin, dass Raum und Zeit relative Eigenschaften unseres Universums sind und nicht absolut existieren wie noch bei Isaac Newton. Was zeitlich vor dem Urknall lag oder räumlich außerhalb unseres Universums liegt, sind deshalb keine physikalisch sinnvollen Fragen. Vor den Physikern hatten wohl eher manche Theologen ein besseres Gespür dafür als die meisten Philosophen, wenn sie Gott als außerhalb von Raum und Zeit annahmen.

      • Mit unserem begrenzten Wissen (da können auch Sie sich nicht ausnehmen) und unserer begrenzten Lebenszeit sind wir gar nicht in der Lage, alles zu erfassen und zu verstehen.
        Fakt ist aber, dass die (Lebens-)Zeit, die uns Individuen zur Verfügung steht, tatsächlich endlich ist. Wogegen sich der Zeitbegriff an sich mit den uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nicht eingrenzen lässt.

      • Unsere Zeit wie auch Erkenntnis sind endlich und begrenzt. Trotzdem können wir Menschen sinnvolle Aussagen über die Unendlichkeit wie auch die Zeit treffen, die weit über das Alltagsverständnis hinausgehen können. Für Immanuel Kant gehörte die Zeit noch zu den apriorischen Kategorien (so wie in dem Beitrag der Urzins für a priori gegeben gehalten wird), über die wir also unabhängig von jeder Erfahrung auf bestimmte Weise zu denken hätten (was wiederum zu Paradoxien führte, die er für unauflösbar hielt). Menschliche Vorstellungskraft und Erfahrung haben jedoch gezeigt, dass das nicht richtig ist.

      • Jetzt wird es philosophisch … 😉

        Die Erkenntnisse Kants sind in vielerlei Hinsicht überholt.

      • Meiner Meinung nach waren Cicero, Sokrates und viele andere Philosophen der Antike sehr viel hellere Köpfe als Immanuel Kant. Kant wird meiner Ansicht nach völlig überschätzt.

  4. Lieber Herr Prof. Dilger: Erlauben Sie mir doch bitte hier zu schreiben, daß ich mich von Herrn Prof. Dr. Hans-Herrmann Hoppe wegen mancher seiner Sachaussagen und seiner Person (ich hatte Kontakt mit ihm) klar distanziere. Hayek als Sozialdemokraten zu bezeichnen (siehe oben), kennzeichnet Hoppe meines Erachtens als „Extremisten“ in der Sache wie von seiner Person her. Dank für Ihre großartige Arbeit!
    Ulrich Motte aus Dortmund, der „Herzkammer der SPD“. Meine Eltern (beide in Dortmund geboren und gelebt) waren aber noch schärfere Gegner der SPD als ich. Mein Scherz ist: Für die war die SPD selbst an schlechten Lottozahlen und schlechtem Wetter schuld!

    • Herrn Hoppe kenne ich nicht persönlich. Aber Friedrich August von Hayek als Sozialdemokraten zu bezeichnen, ist schon ziemlich extrem und sachlich falsch. Ich teile auch andere Ansichten von Herrn Hoppe nicht, z. B. seine Demokratieverachtung.

  5. Ich möchte eher behaupten, daß zB Immobilien(preise) durch den Zins bestimmt werden, der aber nicht von hilflosen Akteuren wie der EZB bestimmt wird, die nur dem Markt hinterherhecheln und dabei bloß den Eindruck von Kontrolle über das Geschehen bewirken wollen, sondern vom Markt allein. Der seit Jahren laufende Immobilienwahn bei abnehmender Demographie ist ja nur möglich geworden, weil (mal wieder, alles ist historisch zyklisch) Leute bauen/kaufen konnten und noch können, die nur durch niedrige Zinsen ihr Projekt stemmen können. Da dürfte sehr viel auf Kante genäht sein und künftig Land unter gehen. Oder bei der Anschlussfinanzierung in XX Jahren, wenn der Zins gestiegen sein sollte.

    • @Ex-Parteifreund

      Die nominal gestiegenen Immobilienpreise können genauso gut nur ein Spiegel des Wertverfalls der Währung sein. Möglicherweise aber auch ein Mix aus beidem.

      • Sie werden beim Crash an den Börsen – den alle Dax Motte – Jünger schon deshalb verpassen werden, weil solche zyklisch blinden Gurus IMMER schief liegen (was ihren Jüngern aber über Jahrzehnte nicht im geringsten zu denken gibt, da sie eben noch ahnungsloser sind als Müller, Otte & ähnlich unfähige Konsorten, die von ihren Büchern leben und brutale underperformer sind) schon sehen, wie gefragt Dollar und Euro sein werden.

      • @Lachender Ex-Parteifreund

        Was die zitierten Selbstvermarkter (zu denen ich desweiteren auch Amarone-Krall zähle) angeht, bin ich bei Ihnen.

        Wie lautet Ihre Prognose?

      • Das sehe ich nicht so. Die Preise in der Gastronomie steigen beispielsweise schleichend und haben sich seit der Einführung des Euro mehr als verdoppelt. Mieten (zumindest in meinen Mietimmobilien) ebenso.

      • Die Euroeinführung liegt bereits zwei Jahrzehnte zurück und die Mietentwicklung hängt vor allem von der Lage ab (mancherorts dürfte sie über den Zeitraum negativ gewesen sein).

      • Ich dachte, wir reden hier über einen längeren Betrachtungszeitraum.
        Es ist aber auch nicht so, dass sich die Preise bei der Euroeinführung schlagartig verdoppelt haben, auch wenn das manchen so vorgekommen sein mag.

        Fakt ist aber, dass der „Warenkorb“ nicht abbildet, was die tatsächliche Inflation ausmacht. Letztlich ist das aber auch je nach Lebensweise unterschiedlich. Wenn Sie zum Beispiel wie ich sehr viel Auto fahren, hat die Entwicklung der Kraftstoffpreise einen höheren Einfluß auf die individuell gefühlte Inflation als zum Beispiel die meisten Lebensmittel.

        Bei der Mietentwicklung kommt es natürlich auf die Lage an. In Gebieten mit starker Abwanderung ist natürlich keine Steigerung erzielbar. In Süddeutschland gibt es dieses Phänomen aber nur in sehr peripheren ländlichen Lagen.

      • Das Autofahren hat doch der Staat direkt durch zusätzliche Steuern und Abgaben stark verteuert, zuletzt am 1. Januar. Auch die Nebenkosten des Wohnens treibt vor allem der Staat. Die Mieten versucht er z. T. plump zu senken wie in Berlin, was die Knappheitsprobleme jedoch verschärft statt mindert.

      • Das sind jetzt natürlich völlig unterschiedliche Mosaiksteine der Inflationsrate.

        Die Fixkosten für das Autofahren haben sich – abgesehen von den immer höheren Anschaffungskosten für Neuwagen – nur wenig verändert. Bei Vielfahrern schlagen aber vor allem Veränderungen bei den laufenden Kosten (Wartung, Verschleiß, Kraftstoff) zu Buche.

        Bei den Mieten wiederum steigen die nicht vom Vermieter beeinflussbaren Nebenkosten auch in weniger attraktiven Gegenden durch EEG und ähnliche staatlich gesteuerte Kostentreiber. Die Mietpreisbremse bewirkt in der Tat das Gegenteil des Gewollten. Aber erklären Sie das mal einem Sozialisten mit dem wirtschaftlichen Sachverstand einer Amöbe.

    • Die Beschlüsse des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht (Basel I bis III) relativieren die Geltung des Marktzinses für Endkreditnehmer wie für Banken. Es gilt der Zusammenhang zwischen Risikobewertung, Eigenkapitalunterlegung , Kosten und Beleihungsgrad. Das Verhältnis zwischen Risiko und Zinsen kann man beispielhaft aus einer Konditionen-Übersicht der Kreditanstalt für Wiederaufbau ersehen. Die EZB bestimmt als Nachfrager nach Anleihen nicht nur die Anleihen-Rendite; vielmehr den Langfristzins allgemein (treibt die Kurse und senkt die Renditen). Unter Trump war von einer Deregulierung der Banken in den USA die Rede. Ich gehe davon aus, dass Biden eher in die entgegengesetzte Richtung geht.

    • Die Preise von Vermögenswerten einschließlich Immobilien hängen natürlich direkt mit dem Zins zusammen. Die zwei wesentlichen Fragen sind, ob erstens der von der EZB gesetzte Zins tatsächlich vor allem von ihr abhängt und von ihr auch ganz anders gesetzt werden könnte (ohne gravierende Folgen) und zweitens ob er dauerhaft bzw. wie lange er so niedrig bleiben wird.

  6. „Zeit ist ein [..] Mittel des menschlichen Handelns“ dürfte zu den dümmsten Aussagen gehören, die ich je gelesen habe. Oder könnte eine extrem unpräzise, schludrige Nutzung der deutschen Sprache der Grund für eine solche Argumentation sein? Habe mich bisher mit den Herren Bagus und Polleit nicht beschäftigt und der hier verlinkte Beitrag hat mein Interesse nicht gerade gesteigert. Praxistauglich argumentieren die Herren nicht, in der Theorie scheinen sie einen anarcho-libertären Ansatz zu folgen, der in der Praxis vermutlich ähnlich gut funktionieren würde wie Karl Marx gesellschaftlichen Theorien.

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