Kaiserproklamation vor 150 Jahren

Formell wurde das Deutsche Reich am 1. Januar 1871 begründet durch Beitritt der süddeutschen Königreiche Bayern und Württemberg sowie der Großherzogtümer Baden und Hessen zum Norddeutschen Bund. Dieser war 1866 als Militärbündnis gegründet und zum 1. Juli 1867 mit einer Verfassung zu einem Bundesstaat umgeformt worden, auf den auch die Bundesrepublik Deutschland zurückgeht, die als rechtsidentisch mit dem Deutschen Reich angesehen wird. Als Reichsgründungstag wurde jedoch der 18. Januar 1871 gefeiert, an dem der preußische König Wilhelm I. mitten während des ‚Deutsch-Französische[n] Krieg[es …]‘ in Versailles zum Deutschen Kaiser erklärt wurde. Die Kaiserproklamation verlas Otto von Bismarck, der den preußischen König lange dazu hatte drängen müssen, die Kaiserkrone überhaupt anzunehmen, die sein Bruder Friedrich Wilhelm IV. 1848 noch abgelehnt hatte, als sie ihm von der Frankfurter Nationalversammlung angetragen wurde. Der Tag der Kaiserproklamation war bewusst gewählt worden, weil 170 Jahre vorher, am 18. Januar 1701, Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg sich selbst zu König Friedrich I. in Preußen gekrönt hatte.

18 Gedanken zu „Kaiserproklamation vor 150 Jahren

  1. Die kleindeutsche Auflage des Reiches brachte zwar wirtschaftlich eine deutliche Verbesserung, aber das preußische Beamtendenken und die protestantische Dominanz waren mittelfristig auch für kulturelle und soziale Nachteile der Menschen, vor allem der Katholiken verantwortlich. Mit der Kaiserkrönung in Versailles hat man die Franzosen so sehr gedemütigt, dass das bis heute Nachwehen hat. Der beginnende „preußische Sozialismus“ hat leider zumindest teilweise den Weg für Hitler geebnet. Daher taugt die Reichsgründung zur Erinnerung, aber nicht zum Feiern.

    • Die Kaiserkrönung feiert doch auch (fast) niemand mehr. Allerdings wird auch das Erinnern zunehmend vergessen, als wenn Geschichtsvergessenheit die Welt besser statt schlechter machen würde. Wirklich schlimm ist z. B. das Geschichtsbild und auch die Einstellung zur parlamentarischen Demokratie von Bundeswirtschaftsminister Altmaier in diesem Tweet:

      Die MPK mit Bundeskanzlerin & Bundesministern ist ein Erbstück aus der Bismarck-Zeit. Es ermöglicht „unity in diversity“. Wir brauchen es, wenn die Zeiten schwer sind, nicht, wenn sie gut sind. Aber natürlich kann der Bundestag jederzeit das Bundesinteresse formulieren.

  2. Herr Dr. Gauland und Herr Höcke (er verleiht wohl sogar Bismarckmedaillen) sind erklärte Verehrer Bismarcks, den ich wie Preußen aus Gründen des Liberalismus geradezu verabscheue.

    • Neonazis beziehen sich traditionell auf das Kaiserreich, wenn sie eigentlich das Dritte Reich meinen, insbesondere sieht man das bei der Reichskriegsflagge. Landolf Ladig vermutlich Hitlermedaillen verleihen, wenn das legal wäre.

      • Echte Neonazis berufen sich durchaus auf das Dritte Reich, während Linke gerne alle anderen und alles andere in einen Topf werfen, also z. B. zwischen Kaiserreich und Drittem Reich nicht hinreichend differenzieren.

  3. Francomacorisano: Eingriffe in die religiöse Freiheit und Gleichheit betrafen Katholiken (wie sie zurecht sagen), aber keinesfalls vor allem: Freikirchler waren davon weit mehr betroffen, insgesamt betrachtet auch Juden und Atheisten, teils selbst sog. Gemeinschaften, Gruppen innerhalb der ev. Landeskirche. Übrigens waren Katholiken an den Maßnahmen gegen die Freiheit von Katholiken maßgeblich beteiligt. Nur ein Beispiel von vielen möglichen: Den ersten Kulturkampfantrag stellte der katholische Ministerpräsident (und Bruder eines Kardinals) des katholischen bayerischen Königs Es gab 1871 nur eine Partei, die konfessionell (Katholiken/Protestanten) gleich zusammengesetzt war, die freikonservative Reichspartei: Sie war die pro-Bismarckpartei und in ihr gab es nur einen Gegner des Kulturkampfes, einen ev. getauften Juden. Ein hoher Prozentsatz der katholischen Abgeordneten dieser Partei waren Ritter des kathoischen Malteserordens, dessen schlesische Genossenschaft sich in 2 spaltete, eine pro-, eine contra Kulturkampf. DIE Partei des (engagierten) Protestantismus, die Konservative, war strikter Gegner des Kulturkampfes. Auch in ganz überwiegend, Bayern, Frankreich etwa, oder rein katholischen, Belgien etwa, Staaten fanden solche Kulturkämpfe statt. Das hing auch damit zusammen, daß beide (in Deutschland) großen Kirchen nicht gegen Kulturkämpfe an sich waren, sondern solche für sich sogar forderten. Hier stand also nicht Unfreiheit gegen Freiheit, sondern hier standen Freiheitsgegner gegen Freiheitsgegner. Selbst der säte Toleranzantrag der katholischen Zentrumspartei forderte übrigens nicht Toleranz, sondern religiöse Privilegien für eine ausgesuchte Minderheit von Religionen, wie auch der Zentrumsführer Windhorst Jahrzehnte früher. Scharfer Gegner der Kulturkämpfe waren die mir nahen stark neocalvinistisch-freikirchlich geprägten Kirchen und ihre Parteien : Sie forderten neben Wirtschaftsliberalismus auch religiösen, etwa auch für Juden und Atheisten, besonders auch in Britannien. Deshalb sagte man in Basel und Genf damals: Die besten Freunde der Katholiken sind (diese) frömmsten Protestanten. Die führenden neocalvinistischen Theologen der Niederlande und der USA fochten leidenschaftlich für die Freiheit von Katholiken.

    • Die deutsche Nation ist dann doch etwas älter als 150 Jahre. Die wahrscheinlichste Alternative zum Kaiserreich wäre doch auch nicht dauerhaft friedliche Kleinstaaterei gewesen, sondern eine weitere Ausdehnung von Preußen unter eigenem Namen.

      • Was wir hier im Süden von den Preußen halten, sollte bekannt sein.

      • Sie übersehen, dass Bayern damals freiwillig mitgemacht hat wie dann auch bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Befremdlich ist doch auch, dass jetzt ausgerechnet der bayerische Ministerpräsident besonders auf Zentralismus statt Föderalismus setzt.

      • Der bayerische Ministerpräsident ist ein Mittelfranke aus der alten Kaiserstadt Nürnberg, also kein echter Bayer.

      • Aber wieso wurde es zugelassen, dass so ein charakterloser Opportunist die Spitze der CSU und des ganzen Freistaats übernimmt? Herr Seehofer hat immerhin versucht, ihn zu verhindern, das aber nicht geschafft. Das Versagen scheint mir vergleichbar mit dem der CDU, die Frau Merkel ohne ernsthafte Gegenwehr an die Spitze ließ.

      • Markus Söder war schon immer ein sehr ehrgeiziger Parteikarrierist. Unterhalten Sie sich nur einmal mit Parteifreunden (aus der CSU), die ihn schon aus der Jungen Union kennen. Wenn er sich etwas zum Ziel gesetzt hat, dann erreicht er es auch. Um politische Prinzipien geht es ihm dabei weniger, was an seinen mitunter kuriosen Kehrtwendungen gut nachvollziehbar ist. In diesem Punkt ähnelt er tatsächlich Angela Merkel. Aber auch Horst Seehofer ist als Umfaller bekannt. Viel nehmen sich die drei also nicht, so unterschiedlich sie nach außen auch wirken mögen.

      • Die alten Gegensätze zwischen Bayern und Preußen sind doch gar nicht mehr zeitgemäß. So waren die Preußen historisch strebsamer und erfolgreicher als die Bayern. Das hat sich nach dem 2. Weltkrieg u.a. durch die gewollte Schwächung des Standortes Berlin geändert.

      • Waren die Preußen wirklich strebsamer? Sie waren militärisch erfolgreicher und haben dann stärker industrialisiert. Berlin hatte nach dem Zweiten Weltkrieg einen Sonderstatus und wurde stark subventioniert. Die Alternative wäre gewesen, dass es komplett zur sowjetischen Besatzungszone gehört.

      • Sie waren auch ökonomisch erfolgreicher. Schauen Sie sich den Boom im Ruhrgebiet um die Jahrhundertwende (1900) an, der viele Bayern, die ansonsten in Armut gelebt hätten, angelockt hat. Natürlich waren die Rohstoffe hier ein wichtiger Aspekt, aber die Bayern haben im Süden ihre Berge, die heutzutage als großer Wirtschaftsfaktor durch den Tourismus gelten.

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