Handelsabkommen zwischen EU und UK

Es wirkt wie ein Weihnachtsgeschenk. „EU und Großbritannien einigen sich auf Handelsabkommen“ am Heiligabend. Eigentlich waren alle Fristen dafür schon verstrichen und das Abkommen kann zum 1. Januar 2021 erst nur vorläufig in Kraft treten. Das britische Parlament und Oberhaus stimmen wahrscheinlich noch vorher zu, aber die Parlamente der 27 verbliebenen EU-Mitglieder und das EU-Parlament werden das erst im neuen Jahr tun – oder auch nicht, was zu neuen Verwicklungen führen würde, wovon jedoch nicht auszugehen ist.

Inhaltlich ist es ein Kompromiss, bei dem sich formal vor allem das Vereinigte Königreich durchsetzen konnte gegenüber den letzten Forderungen der EU auf einen weitgehenden Souveränitätsverzicht, während materiell beide Seiten gewinnen gegenüber gar keinem Deal und verlieren im Vergleich zum Status quo, der sich noch an der EU-Mitgliedschaft vor dem Brexit am 31. Januar dieses Jahres orientiert. So verlässt Großbritannien zum Jahreswechsel den Binnenmarkt und die Zollunion der EU. Zumindest für Waren wird es jedoch weiterhin keine Zölle geben, wenn diese vor allem britischen Ursprungs sind (oder umgekehrt aus der EU stammen). Für Dienstleistungen inklusive den für UK besonders wichtigen Finanzdienstleistungen fehlen bislang vergleichbare Regelungen.

Dafür ist UK frei, Handels- und Zollabkommen mit anderen Ländern zu schließen. Es muss auch nicht die zukünftigen EU-Standards übernehmen, wie es die EU eigentlich wollte, und darf selbst an den bestehenden Standards Änderungen vornehmen, die ebenso wie Subventionen nur nicht einseitig gegen die EU und deren Firmen gerichtet sein dürfen. Dagegen könnte geklagt werden, wobei jedoch nicht der EuGH, wie die EU wollte, oberste Instanz ist, sondern unabhängige Schiedsgerichte. Schlimmstenfalls sind dann Strafzölle möglich.

Bei den besonders umstrittenen, wenngleich ökonomisch unbedeutenden, Fischereirechten werden die Fangquoten der EU-Länder um ein Viertel abgesenkt über die nächsten fünf Jahre, um dann neu verhandelt zu werden. Für Nordirland bleiben die Sonderregeln des bereits geschlossenen Austrittsabkommens bestehen. Dasselbe gilt für die ab dem Jahreswechsel eingeschränkte Personenfreizügigkeit, wobei für Touristen weiterhin keine Visa erforderlich sind. Die Anerkennung von Berufsabschlüssen wird schwieriger, während UK ganz aus dem Erasmus-Programm zum Studentenaustausch aussteigt.

12 Gedanken zu „Handelsabkommen zwischen EU und UK

  1. Das Thema Erasmus ist interessant. Haben Sie in Ihren Veranstaltungen Studenten, die gerne für ein Semester oder gar für ein ganzes Studium an eine Uni im UK möchten? Ich bin gespannt, ob sich das mittelfristig ändert, falls deutsche Staatsbürger in Zukunft mehr im UK zahlen müssen (die Studiengebühren sind ja sowieso auch jetzt schon deutlich höher als hierzulande). Daran schließt sich die Frage an, inwiefern die britischen Universitäten finanzielle Probleme bekommen, wenn sie weniger Studenten aus der EU anziehen. Klar ist das nicht, weil es auch jetzt schon viele zahlungskräftige chinesische Studenten gibt, die durch den Brexit nicht tangiert werden.

    • Viele deutsche Studenten wollen nach UK und haben dort bislang auch ein Auslandssemester eingelegt oder gleich einen Abschluss gemacht. Dass zukünftig auch von EU-Studenten höhere Gebühren genommen werden dürfen, dürfte den britischen Universitäten eher nutzen. Aktuell leiden sie unter den Corona-Maßnahmen.

      • Ich sehe keinen fachlichen Mehrwert in einem solchen teuren Studium. Sicherlich erwirbt man dort nicht mehr Wissen als an einer guten Uni in Deutschland. Es mag sein, dass sich eine teure Uni gut im Lebenslauf zum Window Dressing macht, aber gute Personaler sollten das filtern können.

      • Die Betreuungsrelation ist in UK besser. Ein Auslandssemester hat auch stets einen gewissen Mehrwert und bei UK ist die Sprachhürde für die meisten niedriger.

      • Das mit der Betreuungsrelation mag für Grundlagenveranstaltungen gelten, aber nicht für speziellere Kurse. So oder so stellen sich junge Menschen sicherlich die Frage, ob die genannten Aspekte 20000 Euro pro Semester rechtfertigen.

      • Das gilt durchgehend, 1:1-Betreuung ist nicht unüblich. Bislang sind die Studiengebühren deutlich niedriger oder werden komplett erlassen. Auch zukünftig dürften sie und die sonstigen Kosten günstiger sein als an US-Spitzenuniversitäten, die für normale Studenten eher schlechter sein dürften.

      • Aktuell zahlt man in Oxford über 40000 Euro pro Jahr als „Oversea“: https://www.ox.ac.uk/admissions/undergraduate/fees-and-funding/course-fees. Inwiefern hier Geld erlassen werden kann, weiß ich nicht.

        Allerdings wirbt z.B. die Uni Harvard in den USA damit, dass Eltern maximal 10 Prozent des Gehaltes für das Studium des Kindes ausgeben müssen (bis zu einem gewissen Schwellenwert, aber der dürfte bei Eltern, die in Deutschland leben, selten erreicht werden). Wenn also die Eltern 100000 Euro im Jahr verdienen, zahlen sie 10000 Euro im Jahr, was der Faktor 1/4 ist.

        https://www.sueddeutsche.de/karriere/elite-uni-harvard-die-ploetzliche-armut-der-reichsten-uni-der-welt-1.153937

        Wer eine 1:1 Relation braucht, einverstanden. Trotzdem bekommt man mehr oder weniger das gleiche Material in Deutschland fast umsonst gelehrt.

      • Was günstig scheint, ist in Wirklichkeit Preisdiskriminierung durch Harvard zur Maximierung der Einnahmen. Das Geschäftsmodell sieht übrigens so aus, dass ein Teil der Studenten nach akademischen Kriterien zugelassen wird und dafür „nur“ zehn Prozent des Gehalts der Eltern abgeschöpft werden, während ein anderer Teil für deutlich mehr Geld (absolut, nicht relativ zum viel größeren Einkommen und Vermögen der betreffenden Eltern) mit geringeren intellektuellen Fähigkeiten zugelassen wird. Mit einem Studium an einer deutschen Universität muss man sich dahinter übrigens nicht verstecken. Qualitativ besser sind die US-Eliteuniversitäten erst ab der Promotion und bei den eingekauften Spitzenforschern, die kaum lehren.

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  3. Es war vernünftig, so lange mit dem Abschluß zu warten. Die Fristen wurden in erster Linie gesetzt, um den Wichtigtuern in irgendwelchen Gremien Zeit zu geben dazwischenzugrätschen. Das fällt nun flach. Besonders laut heulen deshalb die Diätenempfänger in Brüssel.

  4. “ ……Es muss auch n i c h t die zukünftigen EU-Standards übernehmen, wie es die EU eigentlich wollte, und darf selbst an den bestehenden Standards Änderungen vornehmen ….. “

    Habe ich in Nachrichten anders – falsch ? – verstanden. Danach muss GB weitgehend Wirtschaft – Standards der EU übernehmen einschl. Prüfstandards ? Gleiches für Sozialstandards ?

    Wir müssen vielleicht erst die umfassenden Texte vom Deal abwarten ?

    Deutsche Möbelindustrie mit “ ….Weiße Industrie “ hier gemeint Waschmaschinen, Herde etc. ist noch nicht vollumfänglich informiert. Analog Logistik.

    • Die EFTA-Mitglieder übernehmen die EU-Regeln Wort für Wort, das muss UK nicht, sondern nur vom Niveau her, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden. Standardverschärfungen muss UK gar nicht nachvollziehen, was praktisch den größten Unterschied machen dürfte bzw. irgendwann Nachverhandlungen erfodern wird. Ein Problem ist tatsächlich, dass die 1.200 Seiten des Deals noch nicht öffentlich vorliegen, also insbesondere die britischen Abgeordneten ohne hinreichende Lesezeit zustimmen sollen.

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