Inflation durch demographischen Wandel?

„Kommt die Inflation bald zurück?“ (Der Artikel ist jetzt leider hinter der Bezahlschranke, aber hier stehen die wesentlichen Passagen, wobei es mir ohnehin nur auf die Grundidee ankommt). Charles Goodhart und Manoj Pradhan bejahen das in ihrem Buch „The Great Demographic Reversal: Ageing Societies, Waning Inequality, and an Inflation Revival“. Sie bieten dafür eine realwirtschaftliche Erklärung an, nämlich die Demographie bzw. die relative Knappheit von Arbeitskräften, womit sie (implizit) Milton Friedman widersprechen, der meinte: „Inflation is always and everywhere a monetary phenomenon“.

Der Zusammenhang zwischen Inflation und Lohnsteigerungen ist sehr eng. Wenn Arbeit knapper wird, steigen eher die Löhne und damit auch die Inflation. Die letzten Jahrzehnte war es umgekehrt. Milliarden zusätzliche Arbeitskräfte aus China und anderen Ländern traten auf den Weltmarkt. Zugleich waren (und sind noch) in den hochentwickelten Ländern besonders viele Menschen beschäftigt, nicht nur durch geburtenstarke Jahrgänge, sondern auch durch zunehmende Frauenerwerbstätigkeit und weniger großzuziehende Kinder (die auch Arbeit machen, die aber in der Regel nicht bezahlt wird und deshalb nicht inflationswirksam ist).

Inzwischen beginnt die Überalterung zu überwiegen, übrigens auch in China. Die Zahl der Arbeitskräfte nimmt wieder ab, absolut und auch relativ zu den zu versorgenden Menschen. Das könnte wieder zu Inflation führen, insbesondere wenn es durch immer mehr Senioren insgesamt zum Entsparen kommen sollte, weil diese ihr Erspartes noch verkonsumieren wollen, soweit der Staat das im Vertrauen auf ewig niedrige Inflation und Zinsen noch nicht getan hat. Unabhängig davon brauchen mehr Alte auch mehr Pflege- und Gesundheitsleistungen, was die Löhne und damit auch Preise treiben dürfte.

17 Gedanken zu „Inflation durch demographischen Wandel?

  1. Wenn man, wie die EZB, Preisstabilität bei einer gewünschten Inflation von „knapp unter 2%“ definiert, dann sollte man Menschen, die nur einen oder zwei andere Menschen umgebracht haben, auch nicht mehr als „Mörder“ bezeichnen. Mörder ist man dann vielleicht erst nach dem dritten Mord…?!!

  2. Für den Zeitraum bis zum Ableben eines Großteils der Babyboomer könnte ihre Theorie zutreffen. Danach wird es vor allem ein großes Überangebot an Immobilien und nicht mehr benötigten, aber noch sehr gut erhaltenen beweglichen Gegenständen (Autos, Möbel, sonstiges Inventar) geben, was dann sicher eher zu einer Deflation führt.

    • Immobilien gehören zu den Vermögensgegenständen, die nach diesem Ansatz an Wert verlieren sollten. Langlebige Konsumgüter wie Autos und Möbel sind interessanter, weil tatsächlich die Nachfrage nach ihrem Ersatz sinken dürfte. Zugleich will die Politik z. B. Verbrennungsmotoren verbieten. Ist das nun Inflation, weil entsprechende Autos prohibitiv teuer werden, oder Deflation, weil sie niemand mehr kauft? In einer Kommandowirtschaft hat man ganz andere Sorgen als die Preisniveaustabilität.

      • Ich tippe mal darauf, dass die Nachfrage nach wirklich nachhaltigen Verbrenner-Autos (also den langlebigen Modellen ohne all den übertriebenen Gimmicks, die ständig kaputt gehen und nach weniger als zehn Jahren zum wirtschaftschaftlichen Totalschaden führen, obwohl Motor, Antriebstrang, Fahrwerk und Karosserie noch viele Jahre halten würden) stark steigen wird. Nicht zuletzt auch, da Autos, die älter als 30 Jahre sind und in gutem Originalzustand ein „H-Kennzeichen“ erhalten, in Umweltzonen fahren dürfen und nur wenig Steuer und Versicherung kosten. Eine gut gefüllte Halle mit attraktiven Autos (Porsche, Mercedes, BMW) aus den 1980er und 1990er Jahren ist m.E. daher eine der besten und unkompliziertesten Kapitalanlagen.

      • Das mag sein, insbesondere wenn nur Neuwagen mit Verbrennungsmotor verboten werden, die alten jedoch weiter fahren dürfen. Vielleicht behalte ich einfach meinen Volvo, bis er auseinanderfällt.

      • Autos möglichst lange zu fahren ist ökologisch und ökonomisch bestimmt nicht die schlechteste Lösung.
        Zu dem hübschen Hobby/Kapitalanlage mit den älteren Autos: Womöglich fallen unseren ökosozialistischen Regierungen dazu auch noch Verbote oder Luxus- oder Sondersteuern ein.

      • @Andreas Walter
        „Womöglich fallen unseren ökosozialistischen Regierungen dazu auch noch Verbote oder Luxus- oder Sondersteuern ein.“

        In Deutschland muss man natürlich mit allem rechnen. Aber im Unterschied zu Immobilien kann man seine Oldtimer auch relativ einfach in andere Länder mitnehmen und dort weiter nutzen oder sie verkaufen.

      • Stimmt, also immer fahrbereit halten, plus Treibstoffreserve … Und auf geht’s. – Die Frage nach den noch lohnenden Zielen diskutieren wir ein anderes Mal.

      • @Andreas Walter

        Ja. Aber wer die Wahrheit spricht, muss ohnehin immer ein gesatteltes Pferd bereithalten. 😎

  3. Ich finde die Theorie plausibel, also sehen Sie nun auch eher Inflation statt japanische Verhältnisse auf uns zukommen, nicht kurzfristig, aber in den nächsten Jahren?

    In dem Artikel steht noch, dass eine rasche Ersetzung der schwindenden Arbeitskräfte durch Roboter dieser inflationären Entwicklung (etwas) entgegenwirken könnte, aber gerade im technikfeindlichen Deutschland glaube ich nicht recht an ein solches Szenario…

    • In Japan ist diese demographische Entwicklung doch bereits am weitesten fortgeschritten. Die Löhne steigen trotzdem kaum, was an der internationalen Konkurrenz liegen könnte. Indirekt drücken die chinesischen Wanderarbeiten auch die japanischen Löhne, bis sie selbst knapper und teurer werden. Die früher hohe Sparquote in Japan ist auch deutlich gefallen, in letzter Zeit allerdings wieder etwas gestiegen, nicht nur durch Corona.

  4. Pingback: Inflation durch demographischen Wandel? – Blog für Frieden, Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat, Gewaltenteilung

  5. Ohne in – unbezahlte – Konkurrenz zu den Wissenschaftlern treten zu wollen: In europäischen Wohlstandsgesellschaften wirken politische Einflüsse und individuelle Ausweich-Mechanismen auf die Flexibilität des Faktors Arbeit bewirken eine Verknappung des Arbeitsangebots und wirken preistreibend. Ausbildungs-Regelungen, Rollen-Pflichten treiben Handwerkerlöhne, Mindestlöhne behindern des Arbeitseintritt von Migranten und die landwirtschaftliche Produktion, Fortfall der Zeitarbeit in der fleischverarbeitenden Industrie ab 2024 treibt dort die Löhne. Die Dünnbrettbohrerei in der schulischen Ausbildung, in geisteswissenschaftlichen Fächern an den Unis begünstigt individuelle Ausweich-Mechanismen mit Fehlallokationen im Arbeitskräfte-Bedarf- um nur einige Einflüsse zu benennen.

    • Entscheidend sind nicht das bestehende Lohnniveau und die vorhandenen Beschränkungen des Arbeitsangebots, sondern deren Veränderung. Außerdem verstehe ich den Erklärungsansatz so, dass es um den Weltmarkt geht. Abweichungen eines einzelnen Landes sind da kaum relevant, insbesondere wenn es gegenüber dem Weltmarkt geöffnet und nicht zu groß ist.

      • Die von mir beschriebenen Einflüsse sind alle bei der GROKO in laufender Arbeit, ebenso in Frankreich und Italien (Ausfluss von Staatsbeteiligungen auf die Lohnentwicklung, die Rentenpolitik ). Auf die EU müssten die Theorien doch wenigstens anwendbar sein. Die EU-Politik könnte aber etwa über das „Lieferkettengesetz“ außerhalb der Union internationalen Einfluss nehmen. In etlichen Lebensbereichen wie Wohnen und Verkehr, vielen Dienstleistungen sind Ausweichstrategien mit Hilfe des Weltmarkts nicht möglich. Im EU-Raum wirkt das Entsendegesetz mit bürokratischen Nebenwirkungen, welches unterentwickelte Nationen auch noch um ihre Wettbewerbsvorteile im Arbeitsangebot bringt. Ich habe mich mit den genannten Theorien nicht näher befasst, habe aber den Verdacht, dass der Einfluss politischer Entscheidungen auf den Faktor Arbeit zumindest nicht richtig gewichtet wird. Und hier handelt es sich um dynamische Prozesse.

      • Der EU-Binnenmarkt hat doch den Wettbewerb erhöht und damit den Inflationsdruck gesenkt. Wenn zukünftig die protektionistischen Tendenzen (nach außen) und die Überregulierung (nach innen) überwiegen, sollte das die Inflation zurückbringen und/oder den Wohlstand schmälern.

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