Verdeckte Inflation durch Corona-Maßnahmen

Offiziell haben wir sowohl in Deutschland als auch in der ganzen Eurozone eine leichte Deflation mit Inflationsraten von aktuell -0,2 bzw. -0,3 Prozent. Die EZB nimmt das wahrscheinlich demnächst zum Anlass, um ihre schon vorher nicht wirksamen Maßnahmen weiter auszudehnen. Diese Situation und die Diskussion darüber haben wir schon seit etlichen Jahren, aber ich möchte heute auf etwas anderes hinaus.

Angesichts der Corona-Maßnahmen machen die Inflationszahlen aus meiner Sicht keinen Sinn mehr. Denn dabei werden die Preise von vielen Gütern und Dienstleistungen über die Zeit verglichen. Aber ein großer Teil dieser Güter und vor allem Dienstleistungen ist durch die staatlichen Corona-Maßnahmen nicht mehr erhältlich. Wie will man z. B. die Preise von Reisen vor einem Jahr mit denen heute vergleichen, wenn die meisten Reisen ganz verboten oder faktisch kaum möglich sind. Aus Konsumentensicht könnte man für solche Reisen (nahezu) unendlich hohe Preise ansetzen, aus Anbietersicht hingegen eher Preise von null (oder auch beliebig hohe Preise bei einer Menge von null?). Alternativ könnte man schauen, wie sich ein vergleichbares Erlebnis auf andere Weise erreichen lässt, z. B. durch eine ganz andere noch erlaubte Reise, die aber deutlich teurer wäre. Angeordnete Quarantäne ließe sich auch mit einem (hohen) Preis versehen. Im Ergebnis hätten wir dann aber nicht eine geringe Deflation, sondern eine sehr hohe Inflation.

Für ein vergleichbares Konsumerlebnis wie letztes Jahr müsste man ein Vielfaches ausgeben. Das ist für die meisten Menschen zu teuer, weshalb sie weniger Geld ausgeben, aber eben auch weniger konsumieren und eine starke Nutzeneinbuße haben. Dabei handelt es sich nicht einfach um ein Messproblem, sondern die gängigen Inflationskonzepte machen nur in einer Marktwirtschaft Sinn. Wenn der Staat den Bürgern detailliert vorgibt, was sie überhaupt noch kaufen dürfen (zu oftmals auch noch staatlich regulierten Preisen), dann verlieren die Preise ihre Lenkungsfunktion und das Geld an Bedeutung. So habe ich mehr Geld auf dem Konto, aber weniger Verwendungsmöglichkeiten dafür und einen geringeren Nutzen. Andere haben hingegen weniger Geld, weil der Staat ihnen den Verkauf ihrer Güter und Dienstleistungen untersagt oder zumindest stark einschränkt. Einigen zahlt der Staat dafür großzügige Hilfe, für die sie sich aber auch eher weniger kaufen können als früher. Real ist also das Geld stark entwertet worden, was sich jedoch in den offiziellen Inflationszahlen nicht widerspiegelt.

18 Gedanken zu „Verdeckte Inflation durch Corona-Maßnahmen

  1. Das trifft aber doch nur auf Güter aus dem Freizeitbereich im weiteren Bereich zu, oder? Wie hoch mag der Anteil im Warenkorb sein, 20%?

    • Auch ein relativ kleiner Anteil müsste bei explodierenden Preisen die Gesamtinflation beeinflussen. Ich vermute aber, dass Verbote und Rationierungen nicht angemessen berücksichtigt werden.

  2. Ja, die massiven Einschränkungen beim Reisen, von den Greta-Jüngern der Klimareligion gewünscht, sind ein sehr gutes Beispiel.

    Aus meiner ganz persönlichen Lebenssituation kann ich das konkretisieren: Die Dominikanische Republik war seit Jahrzehnten ein beliebtes Urlaubsziel von Deutschen. Aber wegen Corona gibt es keine Direktflüge mehr von Deutschland hier her, obwohl wir prozentual viel weniger Infizierte hatte und haben als Deutschland, aber die deutsche Regierung uns trotzdem als „Risikogebiet“ einstuft. Komisch, von Spanien, Frankreich, Belgien und der Schweiz gibt es Direktflüge in die Dominikanische Republik…!

    • Zwischenzeitlich hatte die Bundesregierung doch alle Länder außerhalb Europas als Risikogebiete eingestuft, selbst wenn es dort gar keine Corona-Infizierten gab. Erst Gerichte haben die Quarantänepflicht verworfen bei Einreise aus einem Gebiet, wo die Infektionszahlen geringer sind als am Heimatort.

  3. Und nach der Krise werden dann auch die offiziellen Verbraucherpreise anziehen, weil die aufgestaute Kaufkraft nachfragewirksam wird und auf ein unverändertes oder sogar gesunkenes Angebot stößt.

    Beispiel Tourismus: Millionen Bürger, die keine Einkommenseinbußen hatten, wollen 2021 ihren Urlaub nachholen und gleich zweimal reisen. Die Bettenkapazitäten sind aber nicht gestiegen oder durch Hotelpleiten sogar gesunken. Folglich steigen die Übernachtungspreise.

    Zudem könnte ich mir vorstellen, dass auch der gestiegene Verschuldungsgrad vieler Unternehmen preistreibend wirkt. Wenn die Bürger also schon nicht durch höhere Steuern und Abgaben belastet werden, weil der Staat den Verschuldungsweg geht, so werden sie über eine anziehende Inflation finanziell herangezogen.

    • „Nach Corona“ werden sich die Verbraucherpreise wegen des internationalen Wettbewerbs und der Angebots-Elastizität nicht ändern. Das gilt auch für den Fremdenverkehr, wobei noch zu bedenken ist, dass im Firmen-Reisegeschäft dauerhaft (?) gesunkene Nachfrage teilweise kompensierend wirken würde.
      Das Nachfrageverhalten könnte durch negative Einschätzung der persönlichen Einkommens-Entwicklung (Arbeitsplatzsicherheit, Sozialabgaben, Energiekosten, Steuern) beeinflusst werden. Die Probleme der Strukturveränderungen schlagen bisher überhaupt noch nicht durch, weil „halb Deutschland“ derzeit auf Pump lebt.
      Ich sehe wegen der Politik der EZB die Probleme auf den Kapitalmärkten und in der Vermögenspreis- Entwicklung.

      • Die eigentliche Wirtschaftskrise wegen der Corona-Maßnahmen steht uns noch bevor. In einer solchen Krise wird die Inflation nicht stark steigen.

      • „Die eigentliche Wirtschaftskrise wegen der Corona-Maßnahmen steht uns noch bevor.“ Seltsamerweise gehen die Wirtschaftsinstitute ja von einer schnellen Erholung der Wirtschaft aus (auch wenn der alte Wachstumspfad nicht wieder erreicht wird, was die dauerhafte Schädigung der Wirtschaft widerspiegelt). Warum rechnen die Institute nicht mit einer Krise nach der Krise, verursacht beispielsweise durch eine Insolvenzwelle?

    • Das aufgestaute Geld befeuert die Vermögenspreise. Aber viele verpasste Dienstleistungen einschließlich Reisen und Restaurantbesuchen lassen sich nicht so einfach nachholen. Es kann sogar umgekehrt zu Verhaltensänderungen kommen, so dass die Leute gar nicht mehr ins Restaurant oder Kino gehen. Geschäftsreisen können auch wegfallen und private Reisen an andere Orte erfolgen. Preistreibend wäre nur ein stärkerer Rückgang des Angebots als der Nachfrage. Ich vermute aber, dass viele Pleiten nur die aktuellen Eigentümer betreffen. Die Hotels etc. sind dann aber immer noch da und werden dann eben vom nächsten betrieben.

      • Stimmt, der Entfall von Geschäftsreisen wird sich auf der Nachfrageseite vermutlich längerfristig negativ auswirken. Vielleicht ist mein Szenario doch nicht so realistisch.

        Je größer die Verhaltensänderungen nach der Krise ausfallen, umso höher wird der volkswirtschaftliche Schaden sein, weil getätigte Investitionen bzw. Teile des Kapitalstocks unbrauchbar werden. Aber niemand kann es so genau wissen. Vielleicht ist die Sehnsucht nach dem alten Leben so groß, dass sich am Verhalten insgesamt gar nicht so viel ändern wird, wie manche prophezeien.

  4. Wir haben das Gefühl in einer Kommandowirtschaft zu leben. Von Bahnreisen bis Öffnungs – bzw. Schließungszeiten auf allen Ebenen der Konsumenten – Unternehmen.

    Die in warmen Amtsstuben beheimateten Beamten / Mitarbeiter möchten zu gerne auch in private Fertigungsunternehmen eingreifen, bei der DB ist es bereits Usus und Ergebnis sind Defizite.

    ( …wobei Landesbedienstete seit längerer Zeit Möglichkeiten zur Corona – Abwesenheit vom Arbeitsplatz “ zur Gefahrenabwehr – wahrnehmen, wer eine Bescheinigung benötigt kennt diese Helden – Mitarbeiter )

    Wie kann in dieser Corona – Situation mittels Inflationsrate Auskunft geben über tatsächliche , realistische Höhen, Bandbreiten ? Welche Maßnahmen sollen zur Ankurbelung der Wirtschaft aus den orakelhaften Zahlen daraus resultieren oder auch für die EZB ?

    Das ist doch alles nur leeres Papier und Stroh dreschen.

    PS Wirtschaftsminister ( ? ) Altmaier mit Wachstums – Prognosezahlen für 2021 :
    “ ……werden um 4,4 % ( + ) liegen ! “

    Meine Einschätzung : Honnecker – Quatsch.

  5. Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass die wirtschaftsnahe Presse dieses Thema selten anpackt. Das Corona bedingte Nachfrageverhalten wirkt sich auch auf viele zunächst nicht unmittelbar als betroffen erscheinende Branchen aus. Sonderkonjunkturen wie etwa bei den Baumärkten werden locker aus vorhandenen Reserven und aus China bedient.
    Warum erkennt die EZB die Wirkungslosigkeit der Geldpolitik auf die Preisentwicklung nicht an
    (Hans Werner Sinn spricht von einer Liquiditätsfalle der EZB seit 10 Jahren) ? Es scheint Resignation angesichts der Tatsache zu sein, dass die EZB- Spitze ein handverlesenes Team seitens Frankreichs und Italiens ist, Autofahrern gleich, die alle 100 km Motor- Öl nachschütten, um mit ihrem defekten Fahrzeug überhaupt noch voranzukommen.

    • Die Preisfrage ist, was die EZB in einer Liquiditätsfalle eigentlich Sinnvolles tun kann. Hohe Zinsen wären jedenfalls nicht die Lösung. Trotzdem glaube ich, dass Negativzinsen (schon real, aber erst recht nominal) die Problemlage verschärfen statt abmildern, insbesondere mittel- bis langfristig.

  6. Danke, sehr guter Beitrag. Ich hatte mich schon vor Corona gefragt, ob wir nicht eine gespaltene Inflationsrate brauchen: während die Konsumgüterpreise relativ stabil waren, stiegen die Assetpreise immer weiter an. Das hat zumindest für die Einkommensschichten mit höherer Sparquote die Folge, dass der konsumierte Einkommensteil seinen Wert behält, der gesparte aber an Wert verliert (was z.T. durch die Aufwertung der Bestandsanlagen kompensiert wird).

    • Das Ersparte wird doch, zumindest nominal, mehr wert. Es steigt allerdings das Risiko, dass bei wieder steigenden Zinsen die Vermögenspreise einbrechen, was wiederum den Druck auf dauerhaft niedrige Zinsen verstärkt.

  7. EZB hält sich nicht mehr an ihr Mandat. Grenzen zwischen Fiskal- und Geldpolitik geschliffen.

    Niedrige Zinsen – Negativzinsen ! – lassen Schuldenstände explodieren, siehe Italien, Frankreich und jetzt auch Deutschland. Billionen € gehandhabt wie Milliarden, irre, absolut irre.

    Führen direkt zur Umverteilung von Gläubigern zu Schuldnern – siehe u.a. Griechenland.

    Unabhängigkeit EZB schon lange nicht mehr gewährleistet. Trennung von Fiskal- und allgemeiner Politik nicht gegeben, siehe oben.

    Fazit : Inflationsraten für die Tonne, ohne Aussagekraft. Eigentlich völlig egal.

    Bürger/innen Deutschlands werden kalt enteignet und kennt keine Obergrenzen. Unsere Nachkommen – kaum auf der Welt – sind Schuldner.

    • Unsere Nachkommen sind auch Gläubiger. Trotzdem ist übermäßige Staatsverschuldung ein Problem, insbesondere wenn das geliehene Geld nicht für Investionen genutzt, sondern verpulvert wurde.

  8. Pingback: Sparquote auf Rekordniveau | Alexander Dilger

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