Indien leidet unter Corona und mehr noch den Gegenmaßnahmen

Es gilt seit dem 25. März eine ‚[…] Ausgangssperre in ganz Indien‘, die bis Ende Mai sehr strikt angewandt wurde und seither zunehmend gelockert wird. Zur Bekämpfung der Pandemie hat sie jedoch wenig gebracht. Dafür war sie mit katastrophalen wirtschaftlichen Folgen verbunden: „India’s economy shrinks by a quarter as covid-19 gathers pace“. Ein Wirtschaftseinbruch um 23,9 Prozent im zweiten Quartal ist der größte in der dokumentierten indischen Geschichte und weltweit in der Corona-Pandemie. Dabei ist zu bedenken, dass Indien immer noch ein sehr armes Land ist und dadurch viele Menschen wortwörtlich verhungern. 140 Millionen Inder haben ihren Arbeitsplatz verloren und wohl noch mehr ihre wirtschaftliche Existenz im informellen Sektor.

Es erscheint in der größten Demokratie der Welt nicht mehr vorstellbar, den Lockdown noch einmal zu verschärfen, obwohl es jetzt offiziell über vier Millionen Infizierte gibt und täglich rund 80.000 Neuinfektionen hinzukommen. Als der strikte Lockdown im März begann, gab es erst rund 600 Infizierte, doch die Ausbreitung des Virus konnte offensichtlich selbst mit viel drastischeren Zwangsmaßnahmen als hier in Deutschland nicht gestoppt werden. Denn ‚Staatliche Maßnahmen beeinflussen Corona-Verlauf nicht‘ oder zumindest nicht hinreichend, um neben der gesundheitlichen auch noch eine solche wirtschaftliche Katastrophe zu rechtfertigen.

Offiziell gab es bislang rund 69.500 Tote mit Corona in Indien (siehe hier). Das deutet auf eine niedrigere Sterberate als in anderen Ländern hin, was sich jedoch nahezu vollständig durch die andere Altersstruktur in Indien erklären lässt. Allerdings wurden im Gegensatz zu Deutschland, wo man das bis heute nicht schafft und wohl politisch auch gar nicht schaffen will, in Städten stichprobenartige Tests durchgeführt, die z. B. in Mumbai (früher Bombay) Antikörper bei 42 Prozent der Getesteten nachwiesen und sogar bei 57 Prozent in den Slums. In der Hauptstadt Delhi liegt der Anteil bei 28 Prozent und in der Stadt Pune mit über 7 Millionen Einwohnern nahe Mumbai bei über der Hälfte. Damit dürfte bald Herdenimmunität erreicht sein, zumindest wenn sie sich überhaupt erreichen lässt und das Virus nicht zu schnell mutiert oder die Immunität zu stark nachlässt. Außerdem wäre die Sterblichkeit durch das Virus dann doch deutlich niedriger als anderswo bzw. bislang angenommen, was die drastischen Gegenmaßnahmen noch zweifelhafter erscheinen lässt. In Deutschland kann man sich das vielleicht noch leisten, nicht aber in Indien oder noch ärmeren Ländern etwa in Afrika.

22 Gedanken zu „Indien leidet unter Corona und mehr noch den Gegenmaßnahmen

  1. Die Explosion an Corona – erkrankten Indern überrascht uns nicht.

    Sohn – als Techniker / Berater etc. – vor kurzer Zeit in Indien in Zweigniederlassung der deutschen Firma.

    Bericht von für uns längst überwunden gedachte Umstände auf Straßen der Großstadt. Menschliche Katastrophen – sichtbar – zu beschreiben hier nicht möglich . Vom Leiden und Sterben, von stoischer Gewöhnung der Einheimischen an diese Zustände.

    Lächerlich deshalb von Abständen, hygienischen Maßnahmen zu sprechen. Regeln die für uns deutsche / europäische Bürger/innen Standard sind aber in Indien nur für priviligierte Schichten möglich.

    Leider, furchtbar, bei vorhandener und nicht enden wollender Bevölkerungsexplosion nicht zu realisieren oder auch nur zu denken. Auch nicht durch Hilfe von außen. Sehr, sehr bitter.

    • Der Lockdown war eine wirtschaftliche Katastrophe, quetschte aber die Menschen z. T. noch enger zusammen und mischte sie vor allem stärker durch. Es wäre besser gewesen, entweder gar nichts von staatlicher Seite zu tun oder die Reisetätigkeit von außen sowie zwischen den indischen Bundesstaaten zu beschränken. Indien zeigt übrigens auch, warum es nicht möglich ist, eine einmal richtig ausgebrochene Pandemie mit nichtpharmazeutischen Maßnahmen tatsächlich weltweit zu stoppen.

      • …aber trotz der Bevölkerungsexplosion in Indien kommen kaum „Zuwanderer“ von dort zu uns! Weil sie in der Heimat viele Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, bzw. weil sehr gut ausgebildete Inder in Länder mit viel mehr Chancen als Deutschland gehen (USA, Kanada, Australien, …). Die Doofen und Radikalen aus Afrika und dem Nahen und Mittleren kommen nach Deutschland…!

    • Anders als francomacorisano glaube ich, dass aus Indien kaum Migration nach Europa stattfindet, weil die Menschen dort derart arm sind, dass sie nicht einmal ein Handy besitzen. Das Fehlen eines Handys – immerhin 2 von 8 Milliarden Menschen haben keines – ist das sicherste Indiz dafür, dass jemand zu den Allerärmsten gehört. Ohne Handy, noch dazu ohne Schreib- und Lesefähigkeiten, wissen diese armen Menschen vermutlich sehr wenig oder gar nichts über Europa. Und wenn doch, wissen sie um ihre Aussichtslosigkeit hierher zu kommen. Zumal sie mit dem blanken Überleben beschäftigt sind. Dass es in Indien auch Schichten sehr qualifizierter Ingenieure, Ärzte, Mathematiker gibt, ist eine ganz andere Sache.

      • Beides ist richtig. In Indien gibt es sehr große Armut und absolut arme Menschen schaffen es nicht bis nach Deutschland oder kommen nicht einmal auf die Idee. Die Kinder der wachsenden Mittelschicht wollen aber auch nicht nach Deutschland auswandern, sondern z. B. in die USA oder andere digital aufgeschlossenere Länder, wobei die meisten ihre Chancen in Indien selbst nutzen. Die kleine Oberschicht hat schließlich Auswandern gar nicht nötig.

      • Dreiviertel der Menschen weltweit sollen jetzt Zugang zu einem Mobiltelefon haben. Das heißt aber nicht, dass sie alle selbst eines haben als Kinder, Partner etc.

      • Ein Mobiltelefon hatten die meisten von uns vor 30 Jahren auch noch nicht. Das ist kein Maßstab für Wohlstand und wirklichen Lebensstandard, sondern eher für Dekadenz.

      • Bei uns vielleicht, in vielen Entwicklungsländern ist es ein wesentlicher Teil der wirtschaftlichen und sozialen Existenz geworden. Festnetztelefone und auch Computer etc. sind dort viel weniger verbreitet.

      • Das Gegenteil ist der Fall. Denn das Leben in solchen Ländern dreht sich um sehr viel Existenzielleres als um die virtuelle Welt. Und Sie dürfen auch nicht übersehen, was für einen gewaltigen Kostenfaktor Anschaffung und Betriebskosten eines (privaten) Mobiltelefons in Relation zu einem Dritte-Welt-Einkommen darstellen.

      • Es handelt sich dort oft um reine Mobiltelefone, keine Smarthphones, also um besseren Zugang zur realen, nicht virtuellen Welt und häufig mehr um eine Investition als um direkten Konsum.

      • Im Verhältnis zu den Medianeinkommen in der Dritten Welt kostet aber auch die bloße Telefonie mit Handys ein Vermögen.

      • Wissen Sie jetzt besser, wofür andere Menschen ihr eigenes Geld ausgeben sollten, als diese selbst? Sie sind mir ein schöner Liberaler!

      • Ich kenne solche Länder eben nicht nur vom Hörensagen.
        Dass man zum Beispiel den Indianern in den heutigen USA ihre Ländereien ganz „liberal“ mit Glasperlen und Schnaps „abgekauft“ hat, ist Ihnen bekannt?

      • Sie wollen Milliarden Menschen eine moderne Kommunikationstechnologie verbieten, weil Sie diese mit Glasperlen vergleichen? Ich hatte kurz vergessen, dass Sie auch für digitalen Zwangsfunk und die Entwertung aller analogen Geräte waren, vielleicht um Milliarden Menschen auch vom Rundfunk abzukoppeln…

  2. Das größte Gesundheitsproblem in Indien ist die Bevölkerungsmegaexplosion. Aber darüber will die politische Linke ja nicht reden. Stattdessen hat sie einen angeblichen westlichen Postkolonialismus als Wurzel alles Übels in den Entwicklungsländern ausgemacht. Deutschland sollte Entwicklungshilfe nur noch in Form von Mitteln zur (freiwilligen) Geburtenkontrolle ausgeben und alles andere streichen.

    • In Indien gibt es keine Bevölkerungsexplosion mehr. Die Geburtenrate pro Frau ist auf 2,2 gesunken und wird bald unter 2,1 liegen, was langfristig zu einem Bevölkerungsrückgang führt. Wegen der Altersstruktur wird Indien allerdings noch bis ca. 2050 wachsen und schon bald China als bevölkerungsreichstes Land der Welt überholen. Am wichtigsten ist es, die demographische Dividende zu nutzen, die durch sehr viele Menschen im arbeitsfähigen Alter entsteht, die für relativ wenige Alte und auch Kinder sorgen müssen. Ein Wirtschaftseinbruch um fast 24 Prozent ist dabei aber alles andere als hilfreich.

      • Die Bevölkerung wird den Prognosen zufolge bis 2050 noch um 300 Millionen Einwohner wachsen. Das ist in absoluten Zahlen eine Explosion, da das Land jetzt schon aus allen Nähten platzt.

      • Angesichts der Größe von Indien sind alle absoluten Zahlen riesig. Es kommt auf die relative Veränderung an. Wenn Frauen im Durchschnitt weniger als 2,1 Kinder bekommen, geht deswegen die Bevökerung zurück, was selbst wieder zu Problemen führt und nicht noch von außen befördert werden muss. Dass der Rückgang nicht sofort einsetzt, liegt einfach an der Altersstruktur. Wegen der zuvor höheren Kinderzahl sind sehr viele Inder noch sehr jung, was aber auch wirtschaftliche Chancen bietet und zugleich SARS-CoV-2 weniger tödlich macht.

  3. @ danielsodenkamp

    Kein Handy? Huch, wie dramatisch? Ich hatte auch lange keines, weil ich gar nicht immer erreichbar sein wollte.

    Und sie wollen mir wirklich weißmachen, dass die Leute in einen erfolgreichen Staat wie Indien ärmer sind, als in gescheiterten Staaten, in shitwhole countries, wie Afghanistan, Eritrea oder Somalia…???

    • Inder sind im Durchschnitt wohlhabender als in den von Ihnen genannten und noch zahlreichen weiteren. Aber Indien ist riesig und dort leben absolut betrachtet die meisten Menschen in absoluter Armut, mehr als die drei von Ihnen genannten Länder überhaupt Einwohner haben.

    • Handys sind der Anschluss an die Welt. Sie sind notwendig, um an Jobs zu kommen. Wenn Sie den Sinn von Mobilfunk nur darin sehen, Computerspiele zu machen oder Ihre ultrarechten /empathielosen Thesen abzusondern, bestätigt es einmal mehr, dass sie nichts verstehen.

      • @ danielsodenkamp
        Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie Lust oder Zeit für Computerspiele! Dass Sie mir solchen Müll unterstellen zeigt, dass Sie nichts verstehen. ABER Sie dürfen sicher sein, dass ich noch viele „ultrarechte Thesen“ verbreiten und den Kulturkampf gegen linksgrüne Illusionen vollkommen „empathielos“ führen werde!

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