Staatliche Maßnahmen beeinflussen Corona-Verlauf nicht

Gesundheitsminister ‚Spahn räumt Unverhältnismäßigkeit von Corona-Maßnahmen ein‘, bezog das aber nur auf einige Maßnahmen wie „die Schließung von Friseuren“, während er z. B. die Maskenpflicht nun feiert, die er anfangs noch ablehnte.

Doch es gibt neue Evidenz dafür, dass wohl alle nichtpharmazeutischen Maßnahmen irrelevant waren. Andrew Atkeson, Karen Kopecky und Tao Zha ermitteln im NBER Working Paper No. 27719 „Four Stylized Facts about COVID-19“. Dazu analysieren sie den Verlauf der täglichen Todeszahlen mit dem Coronavirus in zahlreichen Ländern sowie US-Bundesstaaten. Überall fiel der Anstieg der Todeszahlen in 20 bis 30 Tagen nach dem Erreichen der ersten 25 Toten auf null oder wurde negativ. Das blieb auch danach so. Während es in den ersten zehn Tagen große lokale Unterschiede gab, sind diese danach relativ gering hinsichtlich des Wachstums der Todeszahlen. Schließlich war die effektive Reproduktionszahl (wie viele Personen ein Infizierter ansteckt) anfangs recht ungleich und teilweise hoch, bewegt sich aber weltweit nach 30 Tagen bei eins oder darunter. Weil es sehr unterschiedliche Maßnahmen an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten gab, folgern sie, dass diese Maßnahmen irrelevant sind für den Verlauf der Pandemie.

22 Gedanken zu „Staatliche Maßnahmen beeinflussen Corona-Verlauf nicht

  1. Das ist ganz offensichtlich Fake News bzw. es wird mit veralteten Daten gearbeitet. Die Autoren behaupten

    „First: across all countries and U.S. states that we study, the growth rates of daily deaths from COVID-19 fell from a wide range of initially high levels to levels close to zero within 20-30 days after each region experienced 25 cumulative deaths“

    Das ist z.B. in Kalifornien definitiv nicht der Fall, wie die Grafik auf https://www.worldometers.info/coronavirus/usa/california/ zeigt. Die Anzahl der Todesfälle ist ab Juli nach dem ersten Peak im April stark angestiegen.

    Es ist doch auch klar, dass es generell umso mehr Todesfälle gibt, je weniger sich die Menschen an die AHA-Regeln halten. In welchem Umfang der Staat entsprechende Regeln aufstellt, korreliert damit nur zum Teil.

    • Das ist eine wissenschaftliche Studie, keine Fake News. Es kann sein, dass die All-Aussage zu stark ist, da mit einem statistischen Modell gearbeitet wird und zumindest explizit im Papier keine nachträgliche Überprüfung für jeden einzelnen (Bundes-)Staat erfolgt. Die Daten wurden bis zum 22. Juli erfasst. Die Todeszahlen in Kalifornien steigen bereits etwas früher im Juli an, aber auch nicht übermäßig. Dabei bezieht sich die Aussage im Papier explizit auf den Anstieg der Todesfälle, nicht die neuen Fälle selbst, die schlimmstenfalls auf einem hohen Niveau verharren. Diese Fallzahlen werden erkennbar auch in Kalifornien nicht von den wieder verschärften Maßnahmen beeinflusst. Wenn aber die Grundrechtseinschränkungen keinen signifikanten Effekt haben, sind sie offensichtlich nicht gerechtfertigt. Das gilt auch dann, wenn wegen des einsetzenden Herbstes die Todeszahlen doch wieder an vielen Orten steigen sollten oder freiwillige statt erzwungene Verhaltensänderungen den entscheidenden Unterschied machen. In dem Papier wird übrigens spekuliert, dass die sozialen Netzwerke der entscheidende Faktor sind, der viel früher zu einer Art Herdenimmunität führt als in den Grundmodellen, wo jeder mit jedem mit gleicher Wahrscheinlichkeit einen möglicherweise ansteckenden Kontakt hat.

    • Die All-Aussage ist nicht nur zu stark, sondern einfach falsch. Schauen Sie sich die Daten doch an. Die am stärksten betroffenen Staaten sind Kalifornien, Texas und Florida. In allen Staaten stiegen die Todeszahlen nach dem ersten Peak stark an. Bei solchen elementaren Ungenauigkeiten stellt sich die Frage, inwiefern man den anderen Aussagen des Papiers trauen kann.

      Dass soziale Medien das Verhalten der Menschen beeinflussen, ist in der Tat naheliegend. Deshalb sind ja auch Lügner gefährlich, die in sozialen Medien Gerüchte streuen, dass es nichts bringe, Abstand zu halten etc.

      • Es ist eine Frage der Betrachtung. Am ehesten ist Texas ein Gegenbeispiel, weil es keinen echten ersten Peak gab bzw. die Fallzahlen erst im Juli stark gestiegen sind. Bei Kalifornien oder auch Florida sieht es nach einer zweiten Welle aus, die aber unter der Trendlinie des ersten Peaks liegt. Vom Wellental aus betrachtet sieht man also einen deutlichen Anstieg, vom ersten Anstieg aus betrachtet stimmen die Aussagen des Beitrags wieder. Das gilt auch für die USA insgesamt. Um die Wirkung staatlicher Maßnahmen genauer zu untersuchen, sollten diese direkt in ein Schätzmodell einbezogen werden.

        Für die Ansteckungen geht es um reale soziale Netzwerke, also wer mit wem wie physisch interagiert. Über soziale Medien steckt sich niemand mit dem Coronavirus an, sondern höchstens mit Panik.

      • Ihre Aussagen sind soweit richtig. Ich habe vor allem ein Problem mit der starren Aussage, dass nach 25 Toten irgendeine Stabilisierung existiert; dies ist hanebüchend.

        Man sollte übrigens auch klar definieren, was eigentlich gemeint ist: Wenn die Anzahl der Toten jeden Tag konstant ist, dann nimmt die Steigerung der kumulativen Zahlen ab bzw. geht gegen Null. Diese Steigerung ist aber in der Praxis nicht relevant. Es muss doch das Ziel sein, die Pandemie auszurotten und daher sollte man den Anstieg der täglichen Todeszahlen betrachten. Wenn die Anzahl der Toten konstant bleibt, nimmt dieser Anstieg nicht ab und das ist weitgehend das Bild in den von mir genannten Staaten. Was die nächsten Monate bringen, wird man sehen. Daher sollte man diese teilweise mit heißer Nadel gestrickten Studien immer mit Vorsicht genießen.

      • Die Grundaussage ist, dass es kein exponentielles Wachstum bei den Todesfällen gibt, sondern, von einem chaotischen Anfang abgesehen, höchstens ein lineares. Das bedeutet, dass die täglichen Todeszahlen (geglättet) nach der Anfangszeit nicht mehr zunehmen. Das scheint mir insgesamt richtig zu sein (in Deutschland und den meisten anderen europäischen Ländern sind sie radikal gesunken), wobei das natürlich keine sichere Prognose für die Zukunft erlaubt. Insbesondere Herbst und Winter könnten wieder zu einer Zunahme führen, die aber ihrerseits exogen wäre und nicht von staatlichen Maßnahmen abhinge.

        Um eine Pandemie auszurotten, müssten die Neuinfektionen global auf null gedrückt werden. Das ist durch nichtpharmazeutische Maßnahmen offensichtlich nicht mehr zu erreichen (das hätte China ganz am Anfang leisten müssen). Die Hoffnungen ruhen nun auf einem wirksamen und zugleich verträglichen Impfstoff. Vielleicht gibt es diesen demnächst, vielleicht aber auch erst in etlichen Jahren oder nie, weshalb es keine sinnvolle Strategie ist, alle staatlichen Maßnahmen nur darauf auszurichten.

      • Ein dauerhaftes exponentielles Wachstum ist sowieso bei Pandemien nicht zu erwarten, da man hier typischerweise logistische Verläufe beobachtet.

        Es stimmt, dass das staatliche Handeln nicht nur darauf ausgerichtet sein sollte, die Pandemie auszurotten. Das war und ist aber z.B. in Deutschland nicht der Fall. Was sind denn überhaupt noch wirklich relevante Einschränkungen? Also Regeln, die aktuell gelten und auch konkret durchgesetzt werden? Mir fällt da nicht viel ein.

      • In den Grundmodellen würde die logistische Funktion aber erst bei Herdenimmunität ihr Maximum haben, d. h. je nach R erst dann, wenn 50 bis 70 Prozent der Bevölkerung infiziert wurden. Davon sind wir jedoch noch weit entfernt und dann bräuchte man auch keine staatlichen Maßnahmen mehr dagegen. Ohne dauerhafte Immunität ist außerdem ein neues Auftreten der Krankheit jede Saison möglich wie bei der Grippe.

        Es gibt immer noch zahlreiche Einschränkungen. Ein gewisses Abstandhalten halte selbst ich für grundsätzlich sinnvoll, aber auch das nicht staatlich erzwungen, sondern freiwillig (bzw. nur bei einseitigem Näherkommen sanktionierbar) und insbesondere zwischen Fremden. Die Reisebeschränkungen sind immer noch massiv mit nachfolgender Quarantänepflicht. Dasselbe gilt für die Quarantänepflicht, wenn irgendjemand positiv getestet wurde, mit dem man vielleicht nur flüchtig Kontakt hatte. Viele Dienstleistungen und größere Veranstaltungen sind immer noch beschränkt und die Maskenpflicht trifft alle und z. T. ohne jeden auch nur hypothetischen Nutzen, etwa im Freien, bei hinreichend Abstand oder sogar ganz ohne andere Menschen.

      • Das alles kommt ja langsam wieder in Schwung (übrigens trotz nicht-fallender Zahlen), denken Sie etwa an das gestrige Konzert von Roland Kaiser oder die Diskussion darüber, die Quarantäne zu verkürzen. Teilweise sind allgemeine Regeln erforderlich, weil Detailregelungen nicht praktikabel sind. Sie können nicht jede einzelne Situation im täglichen Leben gesetzlich regeln. Eigentlich wäre es Aufgabe der Exekutive, dann in bestimmten Situationen „fünfe gerade sein zu lassen“, also eine gewisse Illegalität zuzulassen. Zu diesem Thema gab es übrigens jüngst einen interessanten Aufsatz in der Zeitschrift Forschung und Lehre (also zur gewissermaßen notwendigen Illegalität in großen Institutionen).

      • Die Todeszahlen sind in Deutschland total gefallen und eigentlich nicht mehr messbar. Auch die positiven Testergebnisse sind relativ zu den vielen Tests nicht mehr viele und könnten zu einem großen Teil Testfehler sein. Gesetzlich geregelt ist fast gar nichts, sondern das Infektionsschutzgesetz ist eine recht wackelige Grundlage für massive Grundrechtsbeschränkungen auf dem Verordnungswege. Es wird doch schon „eine gewisse Illegalität“ zugelassen, was zu totaler Staatswillkür führt. Ein liberaler Rechtsstaat sollte viel weniger vorschreiben und verbieten, die wenigen sinnvollen Normen dann aber auch konsequent durchsetzen. Bei uns passiert, nicht nur hinsichtlich Corona, genau das Gegenteil.

      • Man kann von mir aus das Parlament einmal drüber schauen lassen, aber die Regelungen würden doch dann nicht anders aussehen. Ein ähnliches Argument gab es bereits bei der Migrationskrise 2015.

        Bei Normen sollte man die Steuerungswirkung nicht außer Acht lassen. Die Deutsche an und für sich braucht Regeln, an denen sie sich orientieren kann. Im Kleinen kann man dann laxer sein.

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    • Wahrscheinlich werden wir wieder Urlaub in Deutschland machen, aber nicht aus Angst vor dem Virus, sondern wegen der schlechten Politik, die jeden Tag willkürlich Risikogebiete ausrufen und Quarantäne anordnen kann.

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