Fed weicht Inflations- und Beschäftigungsziel auf

Normalerweise kritisiere ich hier den Euro, doch aktuell gibt der US-Dollar vielleicht noch mehr Grund zur Beunruhigung: „Fed-Chef Powell kündigt neues Inflationsziel an und rückt den Arbeitsmarkt in den Fokus“. Die US-Notenbank flexibilisiert ihr Inflationsziel, welches bislang bei zwei Prozent lag, die lange nicht mehr erreicht wurden. „Künftig darf die Preissteigerung für eine Weile höher als zwei Prozent liegen, wenn sie sich zuvor für einen längeren Zeitraum darunter bewegt hat.“ Das gibt der Notenbank mehr Flexibilität und erlaubt ihr, die Zinsen noch länger ganz niedrig zu halten. Außerdem soll es die Markterwartungen so beeinflussen, dass die Inflation ansteigt, die immer noch deutlich unter dem Ziel von zwei Prozent liegt.

Während beim Inflationsziel nun auch Abweichungen nach oben zugelassen werden sollen, wird beim Beschäftigungsziel, welches die Fed im Gegensatz zur EZB noch zusätzlich zum Inflationsziel hat, die Symmetrie aufgehoben. „Abweichungen vom maximalen Beschäftigungslevel“, welcher ohne Inflationssteigerungen möglich ist, sollen nicht mehr gleichermaßen vermieden werden, sondern nur noch Unterschreitungen. Die Beschäftigung kann also zukünftig für die Fed nicht mehr zu hoch bzw. die Arbeitslosigkeit nicht mehr zu niedrig sein. Sie kämpft nur noch gegen Arbeitslosigkeit und will dafür auch eine etwas höhere Inflation zulassen.

Dahinter steht die Ansicht, dass Inflation und Arbeitslosigkeit keine gegenläufigen Ziele mehr seien. Die Phillipskurve wie auch der Keynesianismus legten nahe, dass man zwischen niedriger Inflation oder Arbeitslosigkeit wählen müsse bzw. könne. Die Stagflation in den 1970er Jahren führt schon zu Zweifeln an dem Zusammenhang, da Inflation und Arbeitslosigkeit zugleich hoch waren. Bis zu den wirtschafts- und beschäftigungsfeindlichen Maßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie waren nun jedoch beide gleichzeitig niedrig. Eigentlich sollte das ein Grund zur Freude sein, doch die Notenbanken befürchten einen Verlust ihrer Steuerungsfähigkeit. Was können sie in einer Krise noch tun, wenn bereits in relativ normalen Zeiten Inflation und Zinsen ganz niedrig sind?

Aus meiner Sicht ist jedoch das Inflationsziel von zwei Prozent, erst recht in der nun noch dynamisierten Variante der Fed, die Überschreitungen nach vorherigem Unterschreiten hinnehmen will, aber auch in der bislang abgeschwächten Form der EZB, die eine Inflationsrate knapp unter zwei Prozent anstrebt, in der aktuellen Situation zu hoch. Eine niedrigere Inflation schadet nicht, insbesondere wenn sie stabil ist und keine Deflation droht. Der Trend geht allerdings in die andere Richtung. Auch die EZB wird ihr in den EU-Verträgen festgelegtes Ziel der Preisniveaustabilität, welches wörtlich eine Inflation von null Prozent bedeuten würde, weiter aufweichen. Denn die Notenbanken ahmen nicht nur einander nach und unterliegen bestimmten Moden, sondern sie konkurrieren momentan sogar darum, etwas weicher zu sein als die anderen, um durch einen niedrigeren Wechselkurs die eigenen Exporte, die Beschäftigung und auch Inflation zu erhöhen. Dadurch macht tatsächlich der Euro auch den Dollar weicher, während die DM auf jeden Fall härter wäre und wirtschaftliche Ungleichgewichte besser ausgleichen würde.

37 Gedanken zu „Fed weicht Inflations- und Beschäftigungsziel auf

  1. Also hat 45 am Ende doch das bekommen, was er wollte. Ob es für die Wiederwahl ausreicht?

    Ungünstig ist die Entwicklung für den Aktienanleger in der Eurozone, der von dem starken Aufschwung am US-Aktienmarkt in den letzten Monaten wenig gehabt hat.

    • Meine Einschätzung ist, dass Donald Trump ohne Corona-Pandemie die Wiederwahl gewonnen hätte, jetzt aber nur noch ganz schlechte Chancen hat. Die Fed kann ihn da nicht retten.

      Auch aus der Eurozone heraus macht es Sinn, US-Aktien zu kaufen.

      • Verstehe den „Demokrat“ auch nicht. Gerade die US Aktien waren bislang ein gutes Geschäft. Das werden sie bis zu den Wahlen auch bleiben.

      • Die Wahl ist noch nicht entschieden, aber diese Wetten in Deutschland bilden den aktuellen Stand nicht gut ab. Vielleicht sollte ich dort wetten, wobei die Wettbüros auch gut abkassieren. Wie wäre es mit einer 50:50 Wette?

      • Horst Krebs: Der S&P 500 steht mittlerweile in Punkten höher als vor dem Coronaeinbruch. Der Aktienkorb ist in EUR aber immer noch weniger wert, weil der Euro in den letzten Monaten etwa 10% gegenüber dem Dollar aufgewertet hat. Der Euro ist einfach eine zu starke Währung…

      • Der Euro ist keine besonders starke Währung und stand früher schon höher als jetzt gegenüber dem Dollar. Die amerikanische Wirtschaft ist immer noch dynamischer und in jedem Fall ist Diversifikation von Vorteil.

      • Noch einmal die Frage an alle hier:
        Wo könnte sich das Verhätnis von Euro und US-Dollar entwickeln, wenn
        a) Donald Trump die Wahl gewinnt, oder
        b) Joe Biden die Wahl gewinnt.
        Im Moment kostet ein Euro 1,19 US-Dollar.

      • Ich denke nicht, dass es den Dollarkus zum Euro nennenswert beeinflusst, wie die US-Präsidentschaftswahl ausgeht.

      • Den Zusammenhang sehe ich auch nicht. Die einzige Ausnahme könnte sein, wenn Donald Trump nach einer Wahlniederlage nicht gehen will. Aber wahrscheinlich wird er dann einfach gegangen.

  2. Ich habe mir von einem Mitarbeiter des Instituts für Weltwirtschaft einmal sagen lassen, eine Inflation unter 4% sei eigentlich nicht messbar.
    Ist das inzwischen überholt?

    • Die Inflationsrate wird doch aufs Promille genau angegeben. Wie sinnvoll das ist, ist eine andere Frage. Es gibt nicht nur praktisch, sondern auch konzeptionell Probleme bei der Messung. Wie geht man z. B. damit um, dass jetzt viele Dienstleistungen verboten sind? Ist das Leben dadurch billiger geworden oder muss nicht eher ein prohibitiv hoher Preis dafür angesetzt werden?

  3. Wie kommen Sie eigentlich darauf, dass die DM härter als der Euro wäre? Es gab doch nie eine Phase, in der beide Währungen gleichzeitig real verwendet wurden, also wie kann man das empirisch beurteilen?

    • 1999 bis 2001 gab es sehr wohl Euro und DM gleichzeitg, allerdings war der Wechselkurs fixiert. Im Vergleich zu anderen Währungen einschließlich Dollar hat sich der Euro schwächer entwickelt als zuvor die DM. Das ist auch nicht überraschend angesichts der Zusammensetzung des Euro. Warum sollte die stärkste Währung im Topf schwächer sein als der ganze Topf? Deutschland war und ist exportstärker als die gesamte Eurozone und auch mehr an Stabiltität und Begrenzung der Schulden interessiert.

    • Vergleichen Sie die Kursentwicklung des Euro und zuvor der DM in Relation zu Schweizer Franken oder USD. Dann sehen Sie klarer.

    • Der Euro ist doch viel härter als die DM, wenn man die Inflationsraten miteinander vergleicht. Bis zur Einführung des Euro war die DM sicherlich die stabilste Währung in Europa (zusammen mit dem Schweizer Franken), aber niemand weiß, wie es heute, 20 Jahre nach der Einführung, aussehen würde.

      • Solche Alternativszenarien lassen sich nie definitiv beweisen, aber es gibt schon zahlreiche Hinweise darauf, dass die DM stärker wäre als der Euro, an dem doch zahlreiche Weichwährungsländer beteiligt sind. Die niedrige Inflation beim Euro ist auch nicht wirklich ein Zeichen von Stärke, sondern verdankt sich zu einem großen Teil der nur durch den Euro überhaupt bestehenden Eurokrise. China hat auch sehr inflationsdämpfend gewirkt, was für die DM noch stärker gegolten hätte.

      • Nun gut, jedenfalls hat eine starke Währung auch Nachteile, wenn Sie etwa an den Export denken. DJT kämpfte ja nicht ohne Grund für einen schwächeren Dollar. Also ich verstehe nicht, warum es im deutschen Interesse liegen sollte, eine (noch) stärkere Währung zu haben.

      • Es liegt im deutschen Interesse, eine eigene und richtig bewertete Währung zu haben. Momentan bezahlt die deutsche Volkswirtschaft einen großen Teil ihres übertrieben hohen Exportüberschusses selbst. Zugleich schadet sie der Wirtschaft unserer europäischen Nachbarn, während die deutsche Exportwirtschaft sich zu wenig anstrengen muss und damit auf kommende Herausforderungen nicht gut vorbereitet ist. Schließlich ist das Realeinkommen für die meisten Deutschen deutlich niedriger, als es bei einem fairen Wechselkurs wäre.

      • @Demokrat

        Exportüberschuss ist gut, wenn er bezahlt wird. Aber nicht, wenn man dafür nur Wechsel ohne Einlösedatum erhält.

      • Dauerhafte und übermäßig hohe Exportüberschüsse sind auch dann nicht gut, wenn sie bezahlt werden, zumal die meisten Deutschen ihr Vermögen nicht gut anlegen. Reale Gegenwerte könnte ohnehin nur durch später Importüberschüsse realisiert werden.

      • Das gilt aber nur ceteris paribus. Wenn die Exportwirtschaft durch eine Aufwertung größere Probleme bekommt oder die Wechselkursrisiken durch einen kleineren Währungsraum zunehmen, könnte auch das Realeinkommen sinken.

      • Alles ist möglich, aber es gibt Wahrscheinlichkeiten. Vor allem langfristig schadet eine dauerhafte Abweichung vom Gleichgewicht. Die Eurokrise war auch kein Zufall. Die Medianeinkommen sind in Deutschland lange nicht gewachsen und bei den durchschnittlichen Privatvermögen liegt Deutschland hinten.

      • @Alexander Dilger
        „… bei den durchschnittlichen Privatvermögen liegt Deutschland hinten.“

        Aber das ist doch egal. Denn zum Ausgleich haben Deutsche doch super werthaltige Rentenansprüche! 😂😂😂 *sarcasm off*

      • Individuell stimmt es doch tatsächlich, dass gesetzliche Rentenansprüche geldwerte Vorteile sind. Ebenso macht der Erwerb von Staatsanleihen auch des eigenen Staates die Betroffenen reicher, nicht aber die gesamte Volkswirtschaft.

      • Sie glauben eben immer noch an das Rentenmärchen. Ich nicht.

      • Die Frage ist, wie das Gleichgewicht aussieht. Die einzelnen Volkswirtschaften haben sich in den letzten 20 Jahren weiterentwickelt und sich teilweise mehr integriert. Warum sollte überhaupt das ganze Deutschland in einen Währungstopf geworfen werden? Die Regionen in Deutschland sind unterschiedlich aufgestellt; gemäß Ihrer Logik könnte auch einfach jeder Kreis eine eigene Währung erhalten, damit die ökonomisch stärksten Kreise eine besonders harte Währung erhalten.

      • Offensichtlich kennen Sie die Theorie optimaler Währungsräume nicht, die seinerzeit übrigens fälschlich zur Begründung der Eurozone herangezogen wurde, denn diese ist alles andere als optimal. Dagegen ist es sinnvoll, dass ein gut integrierter National- und Sozialstaat gewisser Größe eine eigene Währung hat. Es ist auch nicht problematisch, wenn in einem Währungsgebiet einige Gebiete (wie doch ohnehin Menschen) reicher und andere ärmer sind. Völlig unterschiedliche Entwicklungen ohne Ausgleichsmechanismus machen Probleme. Wechselkursanpassungen sind ein Ausgleichsmechanismus, reale Wanderung von vielen Menschen und Unternehmen ein anderer, umfangreiche Staatstransfers ein dritter.

      • Dann würde ich aus Ihrer Kritik folgern, dass es hilfreich wäre, die Integration im Euroraum zu erhöhen. Das ist aber das Gegenteil von dem, was Nationalisten z.B. aus der AfD wollen.

      • @Demokrat 02/09/2020 23:57 Uhr

        Genau dafür wurde der Euro ja kreiert. Er ist das Instrument zur Zusammenzwingung (nicht ‚Integration‘). Leider haben das bislang aber die wenigsten Menschen begriffen.

      • Rein ökonomisch wissen wir, dass eine Währung in einem Staat funktioniert, während es für eine gut funktionierende Gemeinschaftswährung kein historisches Beispiel gibt und die bisherigen Erfahrungen mit dem Euro auch nicht wirklich ermutigend sind. Eine Währung pro Staat könnte durch Rückkehr zu nationalen Währungen erreicht werden oder tatsächlich auch durch einen Euro-Superstaat. Die Argumente dagegen sind nicht mehr rein ökonomisch, sondern vor allem politisch. Die meisten Europäer wollen nicht auf ihre Nationalstaaten und deren Souveränität verzichten. Selbst wenn sie es täten, hätten sie völlig verschiedene Vorstellungen davon, wie Vereinigten Staaten von Europa ausgestaltet sein sollten. Die EU ist alles andere als demokratisch und als Staat wäre sie es auch nicht oder höchstens formal, während es an einem europäischen Staatsvolk und bereits einer gemeinsamen Öffentlichkeit mangelt.

      • Die Nichtexistenz einer gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit liegt vor allem an den verschiedenen Sprachen und einem gewissen Kirchturmdenken. Ich weiß nicht, wie man insbesondere ersteres ändern sollte. Die Erfahrung zeigt, dass es eben nicht so einfach ist, alle dazu zu zwingen, sich hauptsächlich in Englisch auszutauschen. Warum die Sprache derjenigen, mit denen wir im 2. Weltkrieg verfeindet waren, und nicht Deutsch? Auch eine Kunstsprache hat sich bislang nicht wirklich durchgesetzt.

      • Verschiedene Sprachen sind ein Problem, aber nicht das einzige. Die Österreicher oder gar Deutschschweizer wollen sich auch nicht mit Deutschland vereinigen. Die meisten EU-Länder haben im 2. Weltkrieg gegen Deutschland gekämpft. Warum sollten sie sich jetzt Deutschland unterwerfen wollen? Auf Englisch als gemeinsame Sprache kann man sich jetzt vielleicht sogar leichter verständigen, da die Briten draußen sind und nur noch die Iren einen Vorteil durch ihre Muttersprache hätten.

      • @Alexander Dilger
        „Die Österreicher oder gar Deutschschweizer wollen sich auch nicht mit Deutschland vereinigen.“

        Natürlich nicht. Eher treten Bayern und Baden-Württemberg aus.

  4. Pingback: Biden nominiert Powell für zweite Amtszeit | Alexander Dilger

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