Deutscher Target-Saldo erstmals über eine Billionen Euro

Der „Target-Saldo steigt auf mehr als eine Billion Euro“. Das ist ein neuer Rekord für die Deutsche Bundesbank. Ihr positiver Target2-Saldo liegt aktuell (Stand 31. Juli 2020) bei 1.019.214.084.029,88 Euro. Mit der Summe hätte man z. B. über eine Millionen vermögenslose Deutsche zu Millionäre machen oder jegliche Wohnungsnot mit mehreren Millionen neuen Wohnungen beseitigen können. Tatsächlich ist das Geld auch nicht weg, es hat nur jemand anders.

Der aktuelle Anstieg geht wohl auf die beiden gleichzeitig laufenden Anleihenkaufprogramme der EZB zurück (das vom Bundesverfassungsgericht hinterfragte Public Sector Purchase Programme, siehe ‚Bundesverfassungsgericht urteilt gegen Willkür von EuGH und EZB‘, und das Pandemic Emergency Purchase Programme, siehe ‚EZB weitet Anleihenkäufe um 600 Milliarden Euro aus‘). Wenn z. B. die Banca d’Italia italienische Staatsanleihen kauft und die meist institutionellen Verkäufer lieber im sichereren Frankfurt am Main ihre Konten füllen, dann steigt der deutsche Target-Saldo, während der italienische weiter sinkt im ohnehin schon tiefroten Bereich. Dabei haben die jetzigen Anleihenverkäufer (oder andere, von denen sie diese Anleihen kauften) zuvor diese Anleihen in Italien gekauft und der italienische Staat hat das Geld real verausgabt.

Faktisch finanziert also die Deutsche Bundesbank ungefragt und unbegrenzt den italienischen Staat. Das ist nicht nur in den EU-Verträgen verbotene monetäre Staatsfinanzierung, sondern es verschiebt reale Werte und Risiken zu Lasten der deutschen Volkswirtschaft. Deutschland erhält nur zinslose Target-Salden, die im günstigsten Fall mit italienischen Staatsanleihen bei der italienischen Notenbank abgesichert sind und schlimmstenfalls gar nicht (siehe auch ‚Euro und EZB sind die Probleme, nicht allein die Target-Salden‘).

27 Gedanken zu „Deutscher Target-Saldo erstmals über eine Billionen Euro

  1. Im letzten Fiskaljahr wurden nahezu 90 Mill. Zahlungen in einem Gesamtwert von circa 430 Billionen Euro grenzüberschreitend abgewickelt. Wenn der positive Saldo jetzt über 1 Billion liegt, braucht man sich doch keine Sorgen zu machen,oder sehe ich das falsch?

    • Der Saldo wird nicht ausgeglichen und es gibt auch keine Begrenzung für seinen Anstieg. Aber wenn Ihnen eine Billionen Euro inzwischen wenig vorkommt, dann stimmt das wohl sogar angesichts noch größerer Risiken und Schulden.

      • Target2-Salden sind doch nur ein Beitrag zum Länderfinanzausgleich innerhalb der VSE, die wir inzwischen haben. Die Menschen haben es nur noch nicht gemerkt, da sie immer noch glauben, in souveränen Nationalstaaten zu leben, nur weil man ihnen ein paar unbedeutende Reliquien wie unterschiedliche Autokennzeichen und Ortsschilder, unterschiedliche Steuersätze und Renteneintrittsalter oder EU-Pässe mit unterschiedlichen Eindrucken auf dem Cover sowie völlig unfähige Laien als Regierungsdarsteller in den ehemalis selbständigen Staaten gelassen hat. In Wahrheit sind die Vereinigten Staaten von Europa längst Realität. Gekommen sind sie von den meisten unbemerkt durch die Hintertür. 😏

      • Es wird schneller kommen, als wir es uns vorstellen wollen.

      • Der Prozess findet doch so schleichend statt, dass nicht einmal uns sehr kritischen Beobachtern und politisch höchst interessierten Menschen alles gleich auffällt.

  2. So etwas, wie Target-2-Salden gibt es beim US-Dollar gar nicht. Der Euro ist eine totale Fehlkonstruktion…!

    • In den USA gibt es die ISA-Salden im Ausweis der 12 Distrikte der Notenbank mit eigenen Bilanzen. Sie werden dort durch die Übertragung zinstragender, marktfähiger Wertpapiere ausgeglichen. Das ist eine Regelungslücke im Europäischen System der Zentralbanken (ESZB), die dazu führt, dass die Südländer mit neu geschaffenem Zentralbankgeld Kapitalflucht finanzieren, die letztlich zu einem Transfer deutscher Vermögenswerte ins Ausland ohne Gegenwert führt. Mit Prof. Dr. Isabel Schnabel ist eine besonders eifrige Verharmloserin der Target-Salden in den EZB-Rat berufen worden.

      • Dieses System hat doch genau wie der Euro Methode. Ziel ist es von Beginn an, über die Gemeinschaftswährung eine Finanz- und Fiskalunion und als weitere Konsequenz daraus (weil diese mit voneinander unabhängigen Staaten nicht durchhaltbar ist), die Vereinigten Staaten von Europa oder den Brüsseler Zentralstaat, wie auch immer dieses Gebilde sich am Ende nennen und weiter ausgestaltet werden soll. Dieses Ziel ist so gut wie erreicht. Jetzt müssen eigentlich nur noch neue Schilder an die Tür gehängt werden.

  3. Bitte noch mal genauer erklären :

    Also der Käufer in Italien überweist als Beispiel 1000 Euro. Könnte doch ein Kredit sein der genutzt wird.
    Frage 1 : Wer erhöht das Eurovolumen dann um den Kreditbetrag? Die Filiale ?

    Über diesen Transaktionsweg bekommt der Verkäufer dann das Ergebnis dieser Geldvermehrung also 1000 Euro.

    In and out, sollte ausgeglichen sein.

    Wenn dann ein Saldo bei der Bundesbank entsteht, meine Frage 2 :
    Die IT Bank erhöht eine digitale Geldmenge holt sich in der Gegenbuchung dies digitale Geld als Kredit von der Staatsbank Italien ?

    Bei der Staatsbank gegen Buchung Bundesbank.

    In der Summe sind Target 2 Saldo ausgeglichen bei diesem Beispiel.

    Wie entsteht dann die Forderung 1 Billion ?

    • Geldschöpfung durch Bankkredite und Target-Salden sind zwei verschiedene Themen. Sie können gemeinsam erfolgen, aber auch gegenläufig oder völlig unabhängig voneinander. Target-Salden entstehen dann, wenn grenzüberschreitende Überweisungen sich nicht (zufällig) ausgleichen. Im Beispiel kauft jemand in Italien etwas in Deutschland, sei es ein Auto, eine Immobilie oder eine (italienische) Staatsanleihe. Er bezahlt es bei seiner italienischen Geschäftsbank, diese überweist das Geld an die italienische Notenbank. Diese überweist aber nichts an die Bundesbank (gilt auch, wenn die Banca d’Italia selbst als Käuferin auftritt), die ihrerseits den Betrag an eine deutsche Geschäftsbank weiterreicht, die das Geld dem Verkäufer gutschreibt. Zwischen den Notenbanken wird nur der Target-Saldo geändert, so dass sich gegenläufige Geschäfte ganz herauskürzen.

      • Auch mal als ökonomischer Laie gefragt. Warum macht man das und schreibt nicht einfach den überwiesenen Betrag gut? Gibt es Alternativformate (ich vermute – nicht nur wegen des Namens dieses Blogs – ja)? Eie läuft es denn z. B. in den USA?

      • Die Frage ist, was das Gutschreiben von überwiesenen Beträgen zwischen Zentralbanken im Eurosystem bedeuten würde. Es könnten entweder Wertpapiere oder andere Werte wie Gold übertragen werden (wie in den USA) oder sogar Euros, aber nur bei deren mengenmäßiger Begrenzung für die einzelnen Zentralbanken, denen dann schlimmstenfalls das Geld ausgehen könnte, was nicht gewünscht ist.

      • Warum werden die Notenbanken beim Zahlungsverkehr innerhalb der Euro-Währungsunion überhaupt gebraucht? Der Euro wurde uns doch auch „schmackhaft“ gemacht, weil damit der Zahlungsverkehr erleichtert würde. Wenn also Italiener etwas aus Deutschland kaufen, könnten sie doch direkt nach Deutschland auf eine Geschäftsbank überweisen. Warum da beim Zahlungsverkehr im gemeinsamen Währungsraum die Notenbanken „zwischengeschaltet“ sind, verstehe ich nicht…

      • Das EU-Bankensystem ist offensichtlich noch nicht integriert genug. Wenn Italiener etwas in Deutschland kaufen, dann überweisen sie doch das Geld auf die deutschen Konten der Verkäufer. Der Unterschied zu innerdeutschen Geschäften ist, dass zwischen den Banken die Zentralbanken stehen, die nicht selbst Geld überweisen, sondern alle Geschäfte gegeneinander aufrechnen und dann den Saldo bei der EZB verändern.

      • Es stellt sich die Frage, warum dieser unbeschränkte Kreditautomatismus zwischen den Zentralbanken überhaupt eingerichtet wurde. Welches Ziel wurde damit (von Anfang an?) bei der Euroeinführung verfolgt? Absicht oder „nur“ Dummheit (Unbedachtheit)?

      • Es war Absicht, um grenzüberschreitende Überweisungen zu erleichtern. Dabei wurden die Nebenfolgen nicht bedacht. Wenn es irgendwann mit dem Auflösen der Eurozone konkreter wird, wird man uns allerdings die Target-Salden vorhalten, die dadurch verloren gingen. Auch die Gemeinschaftsschulden sollen die Gemeinschaft zusammenzwingen, was natürlich nicht funktioniert, sondern den Schaden und nachfolgenden Streit nur noch größer macht.

      • Und warum? Wer hat einen Vorteil davon? Wer ein Nachteil? Ich bleibe dabei: Der Euro ist eine Fehlkonstruktion! Auch in den USA gibt es wirtschaftlich starke und schwache Staaten. ABER es gibt keinen Länderfinanzausgleich, keine auflaufenden Target-Salden und keine Bürokratie wie in Euro-Land. Amerika, Du hast es besser!

      • Natürlich ist der Euro eine völlige Fehlkonstruktion. Im Grunde wissen das auch seine Fans, können das aber nicht zugeben.

  4. Meine Erklärung ist ja, dass die Target-Salden für einen automatischen Zahlungsbilanzausgleich der Mitgliedsstaaten sorgen, wenn Leistungsbilanz und Kapitalbilanz auseinanderfallen. Ohne bzw. außerhalb der Währungsunion sorgt der Wechselkurs für den Zahlungsbilanzausgleich oder, bei fixen Wechselkursen, der Kauf/Verkauf von Währungsreserven durch die Zentralbank.

    Ist das in aller Kürze korrekt? Wenn Deutschland ein Auto per Kredit nach Italien exportiert, wird der Leistungsbilanzüberschuss durch einen Kapitalexport finanziert. Wenn gleichzeitig ein italienische Sparer eine italienische Staatsanleihe abstößt und dafür eine deutsche Immobilie erwirbt, wird diese „Kapitalflucht“ durch ein Target-Saldo finanziert.

    • Der Target-Saldo ist ein Saldo, also nicht von den einzelnen Geschäften abhängig, wenn diese gegenläufig sind. Überwiegen jedoch die Zahlungen über die Zentralbanken in eine Richtung, dann wird das durch entsprechende Veränderungen der Salden ausgeglichen. Das ist unabhängig davon, warum die Zahlungen erfolgen, also z. B. für reale Leistungen oder Kapitalgeschäfte.

  5. Eine interessante Frage ist, was geschieht eigentlich, wenn der Saldo zwischen Bayern und Bremen nicht ausgeglichen ist? Warum kann das gleiche Prinzip nicht auch für Deutschland und Italien gelten? Es stellt sich die Frage, was gemacht werden muss, also welche Schritte, bis eine Zahlung zw. Palermo und Bremen eine Inlandsüberweisung ist?

    • Es gibt keinen Saldo zwischen Bayern und Bremen. Für Deutschland ist nur die Deutsche Bundesbank die Notenbank und ist das Bankensystem hinreichend integriert. Die EU müsste dazu ein Staat werden, was (zumindest außerhalb Deutschlands) fast keiner will und was noch viel mehr Probleme schaffen würde.

  6. Neben der Problematik der Target-Salden sind hier noch die Anfa-Käufe zu erwähnen. Es handelt sich um die Ankäufe von Wertpapieren – wohl vorwiegend von Staatsanleihen – seitens der Notenbanken auf eigene Rechnung mit neu geschaffenem Zentralbank-Geld auf Grund eines vertraulichen, nicht-öffentlichen Anfa-Abkommens (Agreement on net-fi­nancial assets). Das Abkommen regelt die Spielräume, die nationale Notenbanken für „nichtgeldpolitische“ Anlagen haben. Bereits bis Ende 2014 sollen die Wertpa­pierkäufe sogar auf mehr als 720 Milliar­den Euro gestiegen sein, wobei die Banca d’ltalia und die Banque de France damals bereits das Zehnfache von denen der Bundesbank als frisches Geld in den Markt gepumpt hatten (FAZ vom 7.12.2015). Laut Hans-Werner Sinn müsse das den Target-Verbindlichkeiten hinzugerechnet werden. Es handelt sich jedenfalls dem Anschein nach um Staatsfinanzierung. Draghi hat sich sowohl zum Inhalt des Anfa-Abkommens wie auch zu aktuellen Werten sehr bedeckt gehalten. Die EZB habe dazu keine genauen Zahlen- wobei die Notenbanken ihre Bestände unter „sonstigen Wertpapieren“ eher verschleierten. Die Wirklichkeit ist immer noch schlimmer gegenüber dem Anschein.

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