Kahlschlag von Galeria Karstadt Kaufhof auch in Dortmund

„Karstadt Sports in Dortmund soll auch dicht gemacht werden“, nachdem schon die Schließung von beiden Kaufhäusern in Dortmund, Karstadt und Galeria Kaufhof, beschlossen worden war (siehe „Galeria Karstadt Kaufhof schließt 18 Filialen in NRW – Diese Häuser sind betroffen“). Insgesamt sollen bundesweit 62 von 172 Kaufhäusern geschlossen werden und 20 von 30 Sporthäusern. Nicht nur der Trend ist schon länger gegen Kaufhäuser gerichtet, die von Discountern, Fachgeschäften und dem Internethandel in die Zange genommen werden, sondern insbesondere Karstadt litt schon lange unter Missmanagement. Die coronabedingten Maßnahmen gefährden nun die Existenz des gesamten Handelskonzerns (der seinerseits der österreichischen Signa Holding gehört), die auch nach diesen vielen Schließungen nicht dauerhaft gesichert sein wird.

Für Dortmunds Innenstadt ist diese doppelte bis dreifache Schließung eine Katastrophe. Das Karstadt-Kaufhaus war gerade erst aufwendig saniert worden. Wahrscheinlich ist die gleichzeitige Schließung mit dem benachbarten Kaufhaus von Galeria Kaufhof noch nicht einmal betriebswirtschaftlich sinnvoll, sondern naiv berechnet worden. Momentan macht sich der Konzern selbst Konkurrenz, weshalb ein verbleibendes Kaufhaus in einer besseren Lage wäre als aktuell jede Hälfte von zweien. Auch die Stadt sollte überlegen, ob sie dem Konzern oder einem neuen Investor entgegenkommt, um zumindest eines der Häuser zu erhalten. (Bei einem passenden Konzept, z. B. einer lokalen Aktiengesellschaft, würde ich mich auch beteiligen; ich habe sogar noch recht wertlose Aktien von Arcandor im Depot, wozu Karstadt bis vor zehn Jahren gehörte.) Die bislang belebte Innenstadt wird sonst stark an Attraktivität verlieren, was auch andere, ohnehin schon gebeutelte Geschäfte weiter beeinträchtigt und zusammen mit der schlechten Verkehrspolitik (siehe z. B. ‚Gängelung aller Autofahrer statt Dieselfahrverbot in Dortmund‘) zu einer Abwärtsspirale führen kann.

48 Gedanken zu „Kahlschlag von Galeria Karstadt Kaufhof auch in Dortmund

  1. Ich glaube nicht, dass das traditionelle Konzept von Innenstädten, in denen man in großen Kaufhäusern shoppen geht, zukunftsfähig ist. Sollte man nicht eher ganz anders denken und Innenstädte mehr zu Orten der Begegnung machen? Der Dortmunder Innenstadt könnte zum Beispiel eine gut gepflegte Grünfläche mit kleineren Cafés drum herum sehr gut tun. Der Alte Markt ist zwar nicht schlecht, aber in der Gegend gäbe es noch viel mehr Potential. Der Phoenixsee ist doch ein gutes Beispiel.

  2. „(Bei einem passenden Konzept, z. B. einer lokalen Aktiengesellschaft, würde ich mich auch beteiligen …)“

    Diesen frommen Wunsch würde ich an Ihrer Stelle ganz, ganz schnell verwerfen. Galeria Karstadt Kaufhof gehört, wie Sie oben bereits erwähnen, der Signa Holding des österreichischen Immobilientycoons René Benko (43), der nicht gerade für geschäftliche Zimpertlichkeit bekannt ist. Warum hat Benko sich an Galeria Karstadt Kaufhof beteiligt? Ganz sicher nicht, weil er den innerstädtischen Warenhandel für ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell hält. Hier geht es um etwas anderes. Nämlich um ein Kräftemessen mit anderen Immobiliengiganten.

    Was man wissen sollte, ist dass zum Beispiel der Versandhausriese Otto seit Mitte der 1960er Jahre im großen Stil über seine Tochtergesellschaft ECE (https://www.ece.com/de/, https://de.wikipedia.org/wiki/ECE_Projektmanagement) in Gewerbeimmobilien für Einkaufszentren investiert. Einer seiner Ankerkunden ist Galeria Karstadt Kaufhof (https://www.ece.com/de/aktuelles/news/?tx_news_pi1%5Bnews%5D=714&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&cHash=87ab165e7073a57012d5215f57cabeb6). Nun weiß ich nicht, ob dazu auch die Standorte in der Dortmunder Innenstadt gehören und wie hoch der Anteil des Ankerkunden Galeria Karstadt Kaufhof an den Mieteinnahmen der ECE ist, aber ich halte René Benko für weitsichtig und gerissen genug, dass er Galeria Karstadt Kaufhof nur gekauft hat, um mit der Schließung seine Vermieter in Bedrängnis zu bringen und so an die eine oder andere Immobilie in Premiumlage zu kommen, deren Wert durch den Verlust des Mieters Galeria Karstadt Kaufhof kurzfristig massiv fällt.

    • Das mag eine Rolle spielen. Aber solche Immobiliendeals lohnen sich doch nur, wenn sich die Gebäude oder zumindest Grundstücke danach doch wieder gut oder sogar noch besser nutzen lassen.

      • Auf gute Innenstadtlagen trifft das doch fast immer zu. Und auf einige Lagen im Speckgürtel oder in Trabantenstädten von Metropolen ebenfalls.

      • Die von Ihnen skizzierte Taktik nützt jedoch nichts, wenn die Immobilien stets teuer sind. Sie müssten jetzt im Wert verlieren und dann wieder steigen.

      • So ist es. René Benko lässt die Karstadt-Filialen zuerst an die Wand fahren, damit der Wert der gemieteten Immobilien sinkt. Anschließend erwirbt die Signa Holding oder ein anderes seiner Unternehmen diese Immobilien und konzipiert sie neu, um sie dann partagiert lukrativ zu vermieten.

  3. Auch ich hatte den Verdacht der von Ihnen geäußerten naiven Berechnung, habe mich aber nicht getraut, daß zu sagen… Ich bin Dortmunder, lebe seit 10 Jahren wieder hier. Ich kaufe durchaus auch in der Innenstadt ein und frage mich, warum ich fast nie auf die Idee gekommen bin, bei Karstadt oder Kaufhof nach etwas zu suchen. Ist das eine „Marotte“ von mir oder geht das anderen auch so? Falls ja, läge wohl ein Managementfehler vor. Egal, wo gekauft wird, der Kauf braucht Personal. Und hier in Dortmund suchen etwa Lebensmittelgeschäfte dringend Verkäufer, zum Beispiel REWE in der Kronenstraße, in der ich wohne. Trotzdem kann der Arbeitsverlust für einzelne eine Katastrophe sein, auch für Führungskräfte.

  4. Ein weiteres Indiz für die wirtschaftliche Schwäche der Ruhrmetropolen, wenn sogar beide Großkaufhäuser schließen. Weitere Verelendung der Innenstädte droht.
    Zumindest in etwas wohlhabenderen Regionen wie etwa Bonn gibt es Chancen für eine Mischnutzung durch Filialisten und Büroflächen.
    Grundsätzlich denkbar auch die Nutzung für Hochschulen. Bei meinen nur noch gelegentlichen Dortmund-Besuchen war ich überrascht, wie sehr die Uni/TU aus allen Nähten platzt. Oder man denke an die vielen privaten Hochschulen.
    Die Mieten für solche Objekte sollten ja mittelfristig zurückgehen.

    • Die Dortmunder Innenstadt ist eigentlich ein Anziehungspunkt und war vor Corona ziemlich voll. Das ist auch nach Corona und Karstadt mit moderneren Ladenkonzepten möglich. Kleinere Läden durften doch z. B. auch schneller wieder öffnen.

  5. Zur Sache – Schließung von Karstadt Kaufhäusern – kann ich nichts beitragen.

    Gleichwohl Insider der gesamten Kaufhaus – Branche in Deutschland weil von Hertie über Karstadt, KaDeWe und Alsterhaus etc. „wir ……Unternehmen Ladenbau “ sämtlich von “ unten bis oben einschl. Lebensmittelabteiung “ komplett mit Möbel, Decken, Schaufenster etc. eingerichtet, ausgestattet haben.

    Untergang Hertie / Karstadt von Hannover bis Berlin etc. kann ich beschreiben, begründen, aber Konzepte für Wiederaufleben leider nicht beisteuern. Das ist einfach zu komplex, vom parken bis Innenleben einschl. Personal, Wettbewerb “ Grüne Wiese “ , Trend zum „kleinen Laden/Shop.“

    Missmanagement , sagt sich so leicht, vielleicht stimmt es u.a. wegen Größenwahnsinn, gab es ja auch mal bei Mercedes, AEG etc. , Trends verschlafen ?

    Sehe mit großem Interesse aktuell KaDeWe und Alsterhaus wie dort die Abteilungen und das ganze Kaufhaus neu erfunden werden. Wünsche viel Erfolg !

    Schade ist es schon Erlebniswelt eines Kaufhauses untergehen sehen zu müssen.

    • Jeder Manager kann Entscheidungen treffen, die sich hinterher als nicht so gut herausstellen. Mit Missmanagement meinte ich jedoch viel gravierendere, offensichtliche, z. T. sogar absichtliche Fehler, wie sie z. B. Herr Middelhoff reihenweise begangen hat.

      • ….o.k. Blender a la Middelhoff gibt es leider in vielen Branchen, Unternehmen, dieser Typus stirbt wohl niemals aus.

        Persönlich habe ich diese „Macher “ in der Möbelindustrie mehrfach erlebt. Diese Manager / Unternehmer wollten mit der Firma die “ Größten“ werden, bezogen auf Umsatz , Gewinn. Ging fast immer in die Hose weil über Preis der Produkte erkauft , zuletzt nur noch mit Rabattschlachten und parallel über Produktqualität.

        Woolworth auch so ein Negativbeispiel im Handel. Dagegen Schweden mit Ikea, die haben Image das ist – fast – unschlagbar. Liegt wohl am Verkaufskonzept und Zielgruppe.

        Große Hochachtung dafür. Meine persönliche Kritik “ ….einmal mit aufgebautem Möbel umgezogen ist wie ausgebombt. “ Sehr oft , alles sehr leicht. Aber Design stimmt !

  6. Ich kenne zwar die Häuser in Dortmund nicht. Aber in den meisten Fällen dürfte die Schließung der Kaufhäuser zumindest städtebaulich eine Chance sein. Die oft klotzartige 70er-Jahre-Architektur ist nun einmal unästhetisch und passt nicht ins Stadtgefüge. Ich denke auch nicht, dass die Immobilien irgendwie anderweitig nutzbar sind. Da helfen nur Ankauf, Abriss und Neuentwicklung. Hierfür werden die betroffenen Kommunen sicherlich auf Unterstützung von Bund und Ländern angewiesen sein. Dies wäre eigentlich ein typisches Einsatzgebiet für Städtebaufördermittel.

    Es wird wohl auf eine kleinteiligere, attraktivere Neubebauung mit einem Mix aus Läden, Büros und Wohnungen hinauslaufen. Aus meiner Sicht ist das, wie gesagt, eine große Chance für Stadtreparatur. Unsere Innenstädte können nur überleben, indem sie schöner werden und man Lust hat, dort zu verweilen, sich mit Freunden zu treffen usw. – durch mehr Sauberkeit, mehr Leben und mehr Identität z. B. durch Rekonstruktionen kriegszerstörter Gebäude an geeigneten Stellen (Frankfurt etwa sehe ich als positives Beispiel).

    Ein paar Worte noch zu Karstadt: Allein schon aufgrund der schäbigen Warenpräsentation und der unmotivierten, nicht kundenorientierten Mitarbeiterschaft kommen die Schließungen nicht unverdient. Auch die verbleibenden Häuser werden ohne neues Konzept und massive Investitionen langfristig kaum überleben.

    • Ich bin eigentlich immer gerne zu Galaria Kaufhof gegangen. Kleinere Luxus-Boutiquen sind nicht meine Preisklasse und die modernen Discount-Wegwerfläden, die von der mittlerweile Eventszenze genannten Zielgruppe bevölkert werden, auch nicht. Ich denke, dass das Schrumpfen der Mittelschicht, was auch auf Steuererhöhungen (Kalte Progression, Energiekosten, Mehrwertsteuer etc.) und Erhöhung der Sozialabgaben zurückzuführen ist, seinen Teil dazu beiträgt.

  7. Neben den ganzen von Ihnen richig erwähnten Gründen für den Niedergang von Karstadt einschließlich der Vertreibung der Autofahrer aus den Innenstädten ergeben sich lokal wohl nicht selten auch noch weitere Gründe.

    In der Kreisstadt meines Heimatlandkreises gibt es seit 1975 auch eine Filiale von Karstadt. Hatte diese die erste große Welle an Filialschließungen vor gut 10 Jahren noch überlebt, gehört sie nun wie auch die Filialen in Dortmund zu den 62 schließenden Filialen. Hier kamen dann auch noch zusätzliche Gründe für den Niedergang hinzu, für die der CDU Bürgermeister, der sich nun unschuldig gibt, eine Mitverantwortung trägt.

    Man hatte nämlich noch vor wenigen Jahren ein brach liegendes ehemaliges Industriegelände mittels eines neuen quasi zweiten Einkaufszentrums zu den alten bestehenden Einkaufsmöglichkeiten (Einkaufsstraße sowie Karstadt-EKZ) ergänzt. Da aber zusätzlich auch eine gewisse räumliche Distanz gegeben war und außerdem Kaufkraft sowie Anzahl der Kunden nicht mehr wurden, setzte dies logischerweise dem alten Einkaufszentrum, indem Karstadt Hauptmieter war, erheblich zu. Neben den ohnehin schwierigen Gesamtrahmenbedingungen hinsichtlich Karstadt und zentrumsnahen Einkaufsmöglichkeiten im Allgmeinen kommen in dem ein oder anderen Fall auch noch örtliche Fehlplanungen hinzu.

    • Die „Shopping-Malls“ auf der grünen Wiese sind tatsächlich oft ein Problem für Innenstädte. Durch sog. Verträglichkeitsgutachten versucht man (mittlerweile) die Auswirkungen zu prognostizieren unter Fragestellungen wie: In welchem Maße wird Kaufkraft aus der Innenstadt abgesaugt? Wie viel zusätzliche Kaufkraft kann an Land gezogen werden?

      Tatsächlich ist es ja so, dass die Kaufkraft in der Summe nicht steigt, sondern nur umverteilt wird. Was man den „Shopping-Malls“ zugute halten kann, ist, dass sie nicht (nur) unbedingt in Konkurrenz zu den Innenstädten stehen, sondern auch zum Internethandel. Den Kommunen ist stationärer Handel am Stadtrand sicherlich lieber als gar kein stationärer Handel. Es handelt sich also um schwierige Abwägungen und es kommt auf den Einzelfall an.

      Auf den Einzelfall kommt es auch beim Thema Autoverkehr an: Attraktive, mittelalterliche Innenstädte wie in Erfurt oder Lübeck kommen theoretisch auch ohne Autoverkehr im Stadtkern aus bzw. werden dadurch noch attraktiver. Voraussetzung für mich ist hier allerdings, dass am Rand der Altstadt genügend Parkplätze zur Verfügung stehen, man also durchaus bequem in die Stadt gelangt und den Rest zu Fuß zurücklegt. Andere, vom Wiederaufbau geprägte Innenstädte sind jedoch auf die gute Erreichbarkeit per Auto bis fast vor‘s Geschäft angewiesen. Dort geht man auch nicht so gern Flanieren, weil die ästhetische Qualität fehlt. Ohne massive Aufwertung dieser Innenstädte macht es hier keinen Sinn, die Autofahrer zu verprellen. Im Zweifel fährt man dann eben die „Shopping-Mall“ am Stadtrand viel bequemer an.

      • Meine Herren: Täusche ich mich oder diskutieren Sie gerade eher die Sinnhaftigkeit einzelner staatlicher Eingriffe denn die Sinnhaftigkeit solcher Eingriffe als solcher? Sicher verursacht ein staatlicher Eingriff den nächsten… Mir erschiene es sinnvoller, der Staat überließe, wie man (Frau und Mann) an Unterhosen, Make-up und Uhrarmbänder (und sonstige typische Karstadt/Kaufhof-Produkte) kommt, den Anbietern und Nachfragern… Ich bin ganz optimistisch, dank Rest von Kapitalismus auch zukünftig (ohne Kaufhäuser) zu zumutbaren Preisen an Socken zu kommen…

      • Der Staat sollte neutral hinsichtlich den Einkaufsmöglichkeiten (wie auch den meisten anderen wirtschaftlichen Aktivitäten) sein. Das bedeutet aber auch, dass er keine gegenüber anderen diskriminieren sollte. Gegebenenfalls muss er sonst eben doch Schäden ausgleichen, die er selbst geschaffen hat, wie das auch private Akteure müssten. So durften z. B. Kaufhäuser noch nicht wieder öffnen, als das vielen anderen Geschäften schon wieder erlaubt wurde, während der Internethandel gar nicht beschränkt und dadurch begünstigt worden war (obwohl gerade auch Lieferanten Viren verbreiten könnten).

      • Die Umsatzmenge ist nicht einfach gegeben. Bei attraktiveren Bedigungen wird mehr eingekauft, bei unattraktiven wie jetzt entsprechend weniger. Fußgängerzonen finde ich übrigens attraktiv, vor allem wenn sie wirklich Fußgängern vorbehalten sind und ein guter Zugang besteht, sei es über nahe und günstige Parkplätze oder auch einen gut funktionierenden öffentlichen Personennahverkehr (der aber ebenfalls massiv unter den aktuellen Auflagen leidet).

      • „Täusche ich mich oder diskutieren Sie gerade eher die Sinnhaftigkeit einzelner staatlicher Eingriffe denn die Sinnhaftigkeit solcher Eingriffe als solcher?“

        Herr Motte, als Liberaler bin ich tatsächlich der Meinung, dass ein Mindestmaß an Stadtplanung notwendig ist, um eine geordnete Siedlungsentwicklung sicherzustellen. Dass manches überreguliert in Deutschland ist, mag sein. Zweifellos ändern sich auch städtebauliche Paradigmen mit der Zeit. Aber amerikanische Verhältnisse will ich definitiv nicht haben. Europäische Städte sind nun mal anders entstanden, haben eine andere Struktur und können sich auch nicht diesen ungeheuren Flächenverbrauch erlauben.

        Der Markt regelt viel, aber im Siedlungsbau sind die Externalitäten zahlreich und komplex.

      • Aus einem möglichen Marktversagen folgt aber noch nicht, dass der Staat das wirklich besser kann und macht, insbesondere wenn der politische Wettbewerb und die demokratische Kontrolle nicht gut funktionieren.

  8. GL: In den USA gibt es immense Raumplanung und immensen Infrastruktursozialismus . Die von Ihnen abgelehnten Verhältnisse sind somit von staatlicher Lenkung des Siedlungsbaus zumindest billigend in Kauf genommen worden. Es fehlt hier natürlich an Platz, um die extrem schädlichen Folgen deutscher staatlicher Siedlungsbauplanung darzulegen und daß, zu großer Flächenverbrauch etwas mit Umweltsozialismus zu tun hat.

    • „In den USA gibt es immense Raumplanung und immensen Infrastruktursozialismus.“

      Danke für die Aufklärung, Herr Motte. Dann muss ich mich an dieser Stelle korrigieren und feststellen, dass die US-Raumplanung entweder fehlgeleitet ist oder zumindest ein Paradigma verfolgt, das nicht nach Europa passt.

      Ich finde das Thema hochspannend. Landesplanung als raumordnerisches Instrument auf Landesebene sehe ich durchaus kritisch und hier finde ich es naheliegend, von „Planwirtschaft“ und „Zentralismus“ zu sprechen. Aber eine Stadtplanung in kommunaler Entscheidungshoheit halte ich für wichtig und sinnvoll, auch wenn Fehlentscheidungen natürlich immer einkalkuliert werden müssen.

      Ich lasse mich gern davon überzeugen, dass „Laissez-faire“ zu besseren Lösungen im Städtebau führt. In Deutschland wird man solche Beispiele allerdings nicht finden. Das Baugesetzbuch mit seiner Pflicht zur Bauleitplanung gilt schließlich bundesweit. Auch historisch sind unsere Städte doch am Reißbrett entstanden, oder? Den gründerzeitlichen Städtebau finde ich übrigens vorbildlich, viele Städte zehren noch heute davon im Hinblick auf Attraktivität, funktionale und soziale Mischung, kurze Wege etc. Das städtebauliche Paradigma der Nachkriegszeit muss man dagegen als Fehler ansehen. Aber wie wohl unsere Städte ohne Stadtplanung aussähen als Ergebnis rein marktwirtschaftlicher Prozesse?

      • Eine überaus berechtigte Frage. Welche Norm wird denn dagegen vorgebracht? § 34 BauGB?

      • Deutsche Überreglementierung eben.
        Also genau das, woran Deutschland in Verbindung mit seinem ausgeuferteten Staats- und Sozialapparat zu Grunde geht.

        Hier in Vorarlberg (A) genügt es, seine Pläne zur Einsicht auf der Gemeinde aufzulegen und wenn innerhalb der gegebenen Frist niemand wiederspricht, darf das Bauvorhaben ausgeführt werden.
        Felix Austria!

  9. PS: Siedlungs- und Baupolitik (inclusive Mietrecht) sind vor allem Pro-Reichenpolitik (= Ausbeutung Ärmerer) !

      • Herr Motte ist natürlich ein Liberaler. Beim Liberalismus geht es um Freiheit für alle und nicht nur für Reiche und Mächtige, die sie sich in jedem System leisten können bzw. zu Lasten anderer herausnehmen.

      • Warum lassen Sie Herrn Motte nicht selbst antworten?

        Aber zurück zum eigentlichen Thema.
        Man kann Ihre Auffassung durchaus vertreten, allerdings konterkariert sie Herrn Mottes obige Position zur Raumplanung bzw. Siedlungs- und Baupolitik diametral.

        Ich bin diesbezüglich übrigens genau gegenteiliger Auffassung als Herr Motte. Eine gute Siedlungs- und Baupolitik nützt der Allgemeinheit und keineswegs den besonders Wohlhabenden, von denen Sie (Herr Dilger) meinen, sie könnten sich – wie in Wahrheit nicht – ohnehin über jedes Reglement hinwegsetzen.

        Gerade in so dicht besiedelten Ländern wie Deutschland stellt sich die Frage, ob Wildwuchs, gewerblicher Flächenfraß oder Verdichtung der Städte das Bild unserer Landschaft und der urbanen Lebensräume künftig prägen und in welchem Ausmaß. Interessanterweise waren die Städteplaner und Baumeister vergangener Jahrhunderte da offenbar schon einmal sehr viel weiter als ihre modernen Nachfolger.

      • Herr Motte kann doch durchaus noch selbst antworten. Aber Ihre ständigen persönlichen Angriffe gegen ihn sind nicht gerechtfertigt. Auch in diesem Punkt ist er doch viel liberaler als Sie.

        Ich habe nicht behauptet, dass sich Reiche über jede Regel hinwegsetzen können, aber sie haben viele Vorteile. So werden häufig die Regeln bereits zu ihrem Vorteil gemacht. Sie können sich künstlich verknappte Flächen eher leisten und profitieren von deren Wertzuwachs. Sie haben die besseren politischen Verbindungen und Anwälte, um Ausnahmen zu erwirken. Schließlich können sie leichter den Ort wechseln, wenn ihnen irgendwo die Regeln oder deren Folgen nicht gefallen.

      • Lassen wir Herrn Motte mal beiseite. Er ist alt genug, um sich selbst zur Wehr zu setzen, falls er sich tatsächlich persönlich durch meine Frage angegriffen fühlen sollte und braucht ganz sicher keinen Vormund, der an seiner Stelle antwortet.

        Wie Sie selbst wissen, schafft Eigentum keineswegs mehr Freiheit, sondern verpflichtet nach landläufiger Auffassung sogar zu allem Möglichem. Wenn auch teilweise nur in den Köpfen der Menschen (vor allem der Neider) so doch auch tatsächlich in vielen Dingen auch im gesetzlichen Rahmen und teilweise zumindest moralisch oder durch die in „Reiche“ (oder wen die Menschen eben dafür halten) gesetzten Erwartungen.

        Ohne Besitz können Sie den Standort doch viel leichter wechseln!
        Zum einen reist es sich mit leichtem Gepäck leichter (das gilt auch für Umzüge), zum anderen bindet einen gerade Immobilienbesitz doch ganz gehörig an. Ich selbst habe mir schon öfter überlegt, wie schön es doch sein könnte, alles was man nicht mitnehmen kann zu veräußern oder zu vermieten/verpachten, einen reisetauglichen Wohnwagen an den Haken zu nehmen und wie vogelfrei durch die noch bereisbaren Teile der Welt zu gondeln.

      • Natürlich schafft Eigentum mehr Freiheit. Zumindest haben Sie stets die Option, Ihr Eigentum wieder aufzugeben, wenn Sie meinen, in Armut freier zu sein (was innerlich in manchen Fällen sogar zutreffen kann). Um ungebunden durch die Welt zu fahren, müssten Sie das nicht einmal tun. Wahrscheinlich würde Ihr Leben dadurch nicht bequemer, aber glücklicher.

      • Mit Eigentum gehen zumindest viele bürokratische Verpflichtungen einher. Vom Erwartungsdruck Dritter einmal ganz abgesehen. Und je nachdem, um welche Art von Eigentum bzw. Besitz es sich dabei handelt, bringt es auch hohe laufende Kosten mit sich. So wirklich frei und unabhängig macht es also nicht. Aber Sie haben Recht, dass es einem frei steht, sein Eigentum jederzeit aufzugeben oder seinen damit verbundenen Besitz zu veräußern. Barvermögen alleine fällt dann höchstens noch der Besteuerung anheim.

      • Das halte ich für keine gute Idee. Gold ist zum einen völlig überbewertet und außerdem halte ich es für durchaus im Bereich des möglichen, dass der private Goldbesitz aus eben den von ihnen angeführten Gründen in nicht allzu ferner Zukunft von den regierenden Umverteilungssozialisten verboten wird.

      • 300sel: Besonders herzlichen Dank für Ihre Frage! Als Liberaler lehne ich ganz besonders ab alle Politik, die Reichere auf Kosten Ärmerer bereichert. Das nenne ich besonders amoralisch. Ich bin auch deshalb Liberaler (Anhänger minimaler Staatsintervention), weil ich für das Wohl Ärmerer engagiert bin. Ich vertrete die These, daß sehr viele Reichere in der BRD (und weltweit) ihre Einkommen und ihre Vermögen antiliberaler Staatsintervention verdanken. Ich sage öfter, daß die Einführung von Liberalismus eine gigantische Umverteilung von oben nach untern herbeiführte. Eine christlich-liberale Zeitschrift in den USA fragte neulich: Haben wir etwas gegen große Einkommensunterschiede? Antwort: Ja, wenn sie auf staatlicher Invention beruht. Eine Frau, die mich sehr gut kennt, meinte einmal über mich, daß ich mich nur in Arbeiterkirchengemeinden wohlfühle und es mein geheimer Wunsch sei, Arbeiter zu sein… Das mag stimmen oder nicht ganz so.
        (Um Mißverständnisse zu vermeiden: Ich bin Kapitalist, lebe ausschließlich von Vermögensanlagen, und Kapitalistensohn)

      • @Ulrich Motte

        Ich fange mal von hinten an …
        „Ich bin Kapitalist, lebe ausschließlich von Vermögensanlagen, und Kapitalistensohn“
        Da viele geborene Kapitalisten mit den Sozialisten packeln oder sich aus purem Trotz als solche geben, beeindruckt mich das weniger. Ich kenne genügend Erb-Kapitalisten, die sich in der SPD oder bei den Grünen wohl fühlen. Das ist für mich weder ein Glaubwürdigkeitssiegel noch ein sonstiges Qualitätsmerkmal.

        Nun zu den anderen Punkten:
        Umverteilungssozialismus führt eigentlich immer dazu, dass sich ein paar besonders „gleiche“ daran gesund stoßen und der Mittelstand ausgerottet wird. Mit den Großindustriellen hingegen araangieren sich Sozialisten aller Art (auch die Nazis) glänzend. Das Sozialismus im Ergebnis antikapitalistisch sei, stimmt also nicht.

        Als Liberaler sollte man für Selbstverantwortung / Subsidiarität und gegen jede Form von Unternehmenssubventionen eintreten. Insofern liegen wir in diesem Punkt nah beinander.
        Warum ich Ihren Standpunkt zur Raumplanung bzw. zur Siedlungs- und Baupolitik nicht teile, können Sie weiter oben lesen (siehe Beitrag von heute 11:07 Uhr).

        Herzliche Grüße
        MM

      • Der Staat (einschließlich Notenbanken) verteilt auf ganz viele Weisen um, sei es durch direkte Maßnahmen oder indirekt durch andere. Der Gesamteffekt lässt sich kaum abschätzen, doch vermutlich leistet die Mittelschicht für alle anderen mit.

  10. Sel300: Daß ich Kapitalist und Kapitalistensohn bin, sollte nur zeigen, daß ich weder Arbeiter noch Arbeiterkind bin. Daß ich kein Sozialist bin, merkten wohl schon bisher fast alle hier aus meinen Kommentaren, auch zur Raumplanung. Ihre Aussage zum Packeln (und auch noch „glänzend“) von Sozialisten und Nationalsozialisten mit Großkonzernen könnte und müßte man kritisch hinterfragen und differenzieren. Soll ich da einen Vortrag halten, etwa zur sehr vereinfachenden bis verfälschenden sozialistischen These vom Bündnis zwischen Ruhrkonzernen und NSDAP? Sozialismus ist immer antikapitalistisch, selbst bei Geschäften einiger Kapitalisten damit, weil Kapitalismus die Aufhebung von Sozialismus ist.

    • @Ulrich Motte
      „Soll ich da einen Vortrag halten, etwa zur sehr vereinfachenden bis verfälschenden sozialistischen These vom Bündnis zwischen Ruhrkonzernen und NSDAP? Sozialismus ist immer antikapitalistisch, selbst bei Geschäften einiger Kapitalisten damit, weil Kapitalismus die Aufhebung von Sozialismus ist.“

      Vielen Dank für das Angebot, aber ein solcher Vortrag erübrigt sich auf diesem Blog sicher. Außer sozialistischem Fußvolk glaubt doch niemand daran, dass die reine Lehre vom Sozialismus oder gar vom Kommunismus tatsächlich realisierbar sei.

    • Der Sozialismus sollte doch eigentlich den Kapitalismus aufheben, der seinerseits den Feudalismus überwunden hat. Allerdings ist unsere soziale Marktwirtschaft nicht zwingend kapitalistisch (im Sinne der Herrschaft des Kapitals), sondern das ergibt sich höchstens endogen. Jeder darf auch auf andere Weise wirtschaften, z. B. genossenschaftlich, nur nicht mit Zwang wie im Feudalismus oder Sozialismus.

      • In der Praxis ist Sozialismus immer eine Form von Feudalismus, zumal er seinen eigenen (theoretischen) Ansprüchen nicht gerecht wird.

  11. Pingback: Bund subventioniert marode Kaufhauskette | Alexander Dilger

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