Uhlig wegen Meinungsäußerungen unter Druck

Wie angefragt und zugesagt schreibe ich jetzt etwas zu Herrn Kollegen Harald Uhlig. Für die Presse gibt es viele Top-Ökonomen, doch er ist wirklich einer. Formal ist er immer noch Chefherausgeber vom Journal of Political Economy, einer der fünf höchstrangigen VWL-Zeitschriften weltweit, auch wenn ihn der Beirat beurlaubt hat. Außerdem ist er Professor an der University of Chicago, wenngleich „Der Fall des Professors Uhlig“ ihn auch dort den Job oder zumindest das Recht zu lehren kosten könnte. Was ist passiert?

Es fing an mit ein paar Tweets, in denen Herr Uhlig die ‚Ausschreitungen in den USA nach Polizeigewalt‘ und vor allem die Forderung kritisierte, die Polizei aufzulösen bzw. ihr die Mittel zu entziehen. Weil er sich damit auch gegen die Bewegung „Black Lives Matter“ stellte, wurde ihm unterstellt, dass die Leben von Schwarzen für ihn nicht zählen würden und er ein Rassist wäre. In dem Zusammenhang wurde von ihm auch folgender Blog-Beitrag von 2017 ausgegraben: „Would you defend football players waving the confederate flag and dressing in Ku Klux Klan garb during the playing of the national anthem?“ Ironischerweise wollte er damals nur ausdrücken, dass einen die Meinungsfreiheit nicht vor einer Entlassung schützt, die ihm jetzt selbst droht. Der konkrete Anlass dafür findet sich jedoch weder in seinen eigenen Tweets noch in seinem Blog, sondern in diesem Tweet von Bocar A. Ba, seinerzeit ein Student von ihm und nun selbst Professor:

@haralduhlig, I sat in your class in Winter 2014:
(1) You talked about scheduling a class on MLK Day
(2) You made fun of Dr. King and people honoring him
(3) You sarcastically asked me in front of everyone whether I was offended
Here is the receipt: @JustinWolfers @and_joy_

Diese Anschuldigung, die inzwischen von anderen bestätigt wurde, wiegt schwer. Allerdings kommt es auf den genauen Wortlaut und sogar den Ton der Äußerungen an (z. B. ob sarkastisch oder doch ernsthaft gefragt wurde, ob sich der einzige Schwarze im Kurs beleidigt fühlte). Das würde eine eingehende Untersuchung erfordern, doch die Forderung nach seinem Rauswurf, mindestens als Herausgeber, wenn nicht gleich als Professor, kamen bereits vor diesem aus meiner Sicht einzig gravierenden Vorwurf und auch von Kollegen. Es gab sogar eine Unterschriftensammlung gegen ihn mit angeblich 500 Unterzeichnern. John Cochrane beschreibt es leider richtig: „The cancel culture twitter mob comes to economics“.

Es geht hier um die Meinungsfreiheit. Das Argument von Herrn Uhlig selbst, dass Arbeitgeber Mitarbeiter trotzdem für Meinungsbekundungen entlassen dürften, ist hier nicht anwendbar, weil Universitäten ganz besonders der freien Rede verpflichtet sind, wozu sich die University of Chicago auch explizit bekennt. Hinzu kommt, dass die Meinungen von Herrn Uhlig doch eigentlich gar vernünftig sind, auch wenn man über einzelne Formulierungen immer diskutieren kann.

Damit bleibt noch der Vorwurf des Fehlverhaltens in der Lehre, der geklärt werden sollte. Denn jeder Student verdient respektvollen Umgang. Aber die Tendenz in den USA, die inzwischen auch in Deutschland zunimmt, dass Teile der Realität und auch der normalen Sprache systematisch ausgeblendet werden sollen, weil sich jemand davon verletzt fühlen könnte, ist einer freien Gesellschaft und erst recht Universitäten unwürdig.

17 Gedanken zu „Uhlig wegen Meinungsäußerungen unter Druck

  1. Inzwischen muss man jedes einzelne Wort genau überlegen, ob sich damit irgend jemand „beleidigt“, „erniedrigt“ oder „diskriminiert“ fühlen könnte. Die Folge kann gesellschaftliche Ächtung, Jobverlust und sogar Gewalt durch marodierende Antifa-Milizen sein. Die westliche Welt entwickelt sich zu einer Meinungsdiktatur. Wie wollen wir die jemals wieder loswerden…?

  2. Ich halte das einfach nur für irre, aber natürlich passend zum Zeitgeist. Die „Anschuldigungen“, die auf einen oder mehrere „Vorfälle“ aus dem Jahr 2014 zurückgehen, also vor 6 Jahren, werden heutzutage natürlich gern maßlos aufgebauscht, „bestätigt“ und ebenso gern auch noch verschärft, es ist ja nicht überprüfbar.

    Mit solchen skandalisierten, aber natürlich nachträglich politisch instrumentalisierten Vorgängen geht der gesamte akademische Betrieb den Bach runter. Und natürlich ist entscheidend, daß Uhlig ein Weißer ist, sein zitierter Kontrahent ein Schwarzer. Allein das fällt ein „Urteil“ über Uhlig. How dares he..!

  3. Der Umstand, dass der Herr Professsor Uhlig beanstandete Äußerungen teilweise ex cathreda getätigt hat, lässt mich vermuten, dass dieser die hierzulande auch nicht unbekannte Amtsüberheblichkeit im Lehrbetrieb über den Atlantik transportiert hat und dabei hereingefallen ist. Kein Fall für System-Kritik.

    • Ein Wissenschaftler sollte wegen solcher Vorwürfe nicht gleich entlassen werden. Das ist übrigens aus meiner Sicht das stärkste Argument für die Verbeamtung von Professoren in Deutschland.

      • Nach meiner Erinnerung hat die Amtsüberheblichkeit im Lehrbetrieb die 68-iger-Bewegung an den Universitäten befördert (ich war in der Entstehungsfase dabei auch betroffen). Ich komme zu dem entgegengesetzten Schluss. Meist ist es auch eine Summe von Ereignissen, die zu Gegenbewegungen führt. Der Umgang mit (farbigen) Minderheiten ist in den USA ein ebenso sensibles Thema wie hier das mit Israel und den Juden. Das müsste man als Hochschullehrer eigentlich berücksichtigen.

      • Es fällt auf, dass Sie stets die herrschenden Verhältnisse rechtfertigen und sich gegen die Freiheit der einzelnen Menschen aussprechen.

        Es ist richtig, gegen Diskriminierung und Rassismus vorzugehen, aber doch nicht ohne ordentliche Verfahren und Anhörung der vielleicht fälschlich Beschuldigten. Ich kenne Herrn Uhlig nicht persönlich, doch ich sehe bislang keinen Hinweis auf rassistische Diskriminierung durch ihn. Sich nicht politisch korrekt zu äußern, ist noch lange kein Rassismus, sondern kann sogar zur Abwehr von Rassismus mit umgekehrtem Vorzeichen dienen (was auch für Sexismus gilt). Vielleicht sollte er sich im Hörsaal etwas zusammenreißen, aber das ist doch noch kein Entlassungsgrund und würde sonst bei gleichem Maßstab für alle zu Massenentlassungen führen.

      • Uhlig hat anscheinend mit gleichgelagerten Äußerungen eine öffentliche Empörungsschwelle überschritten, die eine gegengerichtete Sammlungsbewegung ausgelöst hat. Diese ist ihrer Natur nach unkontrolliert und ungerecht. Es geht um soziale Mechanik; die juristische Bewertung durch Verlag und Uni ist noch offen. Im übrigen bin ich gegen eine Verbeamtung von Professoren.

      • Gerade weil solche Empörungswellsen „ihrer Natur nach unkontrolliert und ungerecht“ sind, darf man ihnen nicht nachgeben, sondern muss immer ein faires Verfahren abwarten. Auch die Verbeamtung hilft dabei.

      • Ein anderes starkes Argument für die Verbeamtung ist, dass Professoren Prüfungen abnehmen, die sehr relevant für das Fortkommen der Studenten bzw. Doktoranden sind. Es ist essentiell, dass hier keine Bestechungen stattfinden dürfen und dafür bietet ein Beamtenverhältnis eine gute Voraussetzung.

      • Es gibt trotzdem einzelne Korruptionsskandale, insbesondere bei Doktorarbeiten, wobei auch hier regelmäßig gilt, dass die Summen eigentlich zu klein sind und es nicht wirklich lohnend war, dafür die Pension zu verlieren.

    • Man wird als Professor zu einem guten Teil dafür bezahlt, junge Menschen auszubilden, aber nicht dafür, sie zu demütigen. Für die Frage, ob der vermittelte Stoff beim Studenten angekommen ist, ist nicht relevant, welchen Hintergrund der Student hat.

      Richtig ist aber, dass der Vorwurf über fünf Jahre alt ist und ohne die aktuellen polarisierenden Tweets vermutlich kein allgemeines Interesse geweckt hätte. So etwas passiert aber immer wieder, teilweise werden Amtsträger vermeintliche Verfehlungen von vor Jahrzehnten vorgehalten. Müsste es bei so etwas nicht analog zum Strafrecht Verjährungen geben?

      • @Herr Fischer
        Die Politik der Altparteien lebt doch vom Vergessen. Leider !
        Zu dem Fall Uhlig haben wir zu wenig Informationen. Selbst in einer angeheizten Stimmung scheint es mir unwahrscheinlich, dass eine einzelne Begebenheit (oder vielleicht eine weitere, stützende) hervorgekramt wird und zu einer Protestbewegung führt. Das lohnt sich für die Rädelsführer nicht. Ihr „starkes“ Argument für Beamtung ist für mich nicht zwingend (ohne die Diskussion hier vertiefen zu wollen). Skandale im Wissenschaftsbetrieb (auch der Naturwissenschaften) gab es in den letzten Jahren genug. Die Bestechung mittels öffentlicher Aufträge, Subventionen unmittelbar zu Gunsten der wissenschaftlichen Einrichtungen, mittelbar zu Gunsten der verbeamteten Professoren ist insofern ein besonderes Ärgernis, weil Politik und Einrichtungen die Neutralität von Ergebnissen vorgaukeln, die man einem Wirtschaftsunternehmen nicht ohne genaue Prüfung abnehmen würde.

      • Der Ablauf war wie geschildert. Herr Uhlig ist durch seine aktuellen Tweets in die Schusslinie geraten. Dann wurden andere Sachen wie sein Blog-Beitrag ausgegraben und wirklich gefährlich wurde ihm schließlich die Anschuldigung durch einen ehemaligen Studenten.

        Es gibt abhängige und unabhängige Wissenschaftler. Mehr Transparenz darüber wäre begrüßenswert, wobei man das auch meist jetzt schon herausfinden kann, wenn man möchte.

      • Es handelt sich um gar kein strafwürdiges Verhalten. Richtig ist, dass Professoren ihre Studenten nicht demütigen oder diskriminieren dürfen. Allerdings muss es möglich sein, auch kontroverse Ansichten zu äußern und zu diskutieren. Die Bereitschaft dazu wird wohl gerade an US-amerikanischen Universitäten immer kleiner, was langfristig ihre intellektuelle Führungsrolle beschädigen dürfte.

  4. Es gibt ein begrüßenswertes Update der University of Chicago vom 22. Juni 2020:

    The University has completed a review of claims that a faculty member engaged in discriminatory conduct on the basis of race in a University classroom. The review concluded that at this time there is not a basis for a further investigation or disciplinary proceeding. The University’s policy on harassment, discrimination, and sexual misconduct is posted here. In light of this outcome, the Journal of Political Economy has returned the faculty member to his role as journal editor.

  5. Pingback: Gegner der Polizei verlangen Polizeischutz | Alexander Dilger

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