Ökonomenpanel zu veränderten wirtschaftspolitischen Reaktionen auf Corona

Beim 29. Ökonomenpanel von ifo und FAZ ging es erneut (nach dem ‚Ökonomenpanel zur Corona-Krise‘) um die „Coronakrise: Ökonom*innen bewerten verschobene Prioritäten bei den wirtschaftspolitischen Reaktionen“, die das jüngste Konjunkturpaket (siehe ‚Konjunkturpaket beschlossen‘) noch gar nicht beinhalten. Dabei sehe ich die Maßnahmen (eigentlich finanzielle Gegenmaßnahmen gegen die unverhältnismäßigen Gegenmaßnahmen gegen die Corona-Epidemie) kritischer als die Mehrheit meiner Kollegen. Es folgen wie üblich die Fragen und meine Antworten:

Die Bundesregierung hat als Reaktion auf die Corona-Krise das größte Hilfspaket in der Geschichte der Bundesrepublik beschlossen. Der Umfang der haushaltswirksamen Maßnahmen beträgt insgesamt 353,3 Mrd. € und der Umfang der Garantien beläuft sich auf 819,7 Mrd. € (Bundesministerium der Finanzen 2020).

Wie beurteilen Sie die Summe des Hilfspakets von insgesamt 1.173 Mrd. € vor dem Hintergrund der Entwicklungen der vergangenen Wochen, um eine anhaltende Rezession zu verhindern?

Zu hoch, weil viel Geld verschwendet und Lobbyismus begünstigt wird, statt zielgenau dort zu helfen, wo die staatlichen Maßnahmen massiv geschadet haben.

Haben Sie Ihre Einstellung zum Hilfspaket im Vergleich zu Ende März (Verabschiedung und Billigung des Nachtragshaushalts durch Bundestag und Bundesrat) geändert?

Ja, ich war für das Hilfspaket und bin jetzt dagegen, weil es jetzt noch viel mehr völlig verfehlte Maßnahmen gibt wie die Rettung der Lufthansa für 9 Milliarden Euro, wofür der Staat 20 Prozent der Anteile erhält, obwohl der gesamte Börsenwert unter 4 Milliarden Euro lag.

Wie beurteilen Sie die folgenden Konjunkturmaßnahmen als Reaktion auf die Corona-Krise? (Erläuterungsoption unten)

Erhöhung des Kurzarbeitergeldes mit zeitlicher Staffelung: Negativ

Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes: Eher positiv

Ausweitung der steuerlichen Verlustrückträge für Unternehmen: Positiv

Investitionszuschüsse für Unternehmen: Eher negativ

Temporäre Senkung der Umsatzsteuer für alle Unternehmen: Eher negativ

Temporäre Senkung der Umsatzsteuer für die Gastronomie: Eher negativ

Frühere Soli-Abschaffung: Eher positiv

Kaufprämien für Neufahrzeuge: Negativ

Mobilitätsprämie: Negativ

Konsumgutscheine für lokale Geschäfte: Eher negativ

Einmalzahlung an Familien: Eher negativ

Finanzielle Förderung von Urlaub in Deutschland: Negativ

Einkommensausgleich für Kulturschaffende: Eher negativ

Andere Maßnahmen, die Sie positiv beurteilen: Schnellere und umfassendere Lockerungen der vielen Verbote und direkte Kompensation dafür; staatliche Investitionen in Bildung und Infrastruktur und bessere Finanzausstattung der Kommunen.

Wie schätzen Sie das Risiko einer durch die Corona-Krise ausgelösten höheren Staatsverschuldung für die langfristige Tragfähigkeit der deutschen Staatsfinanzen ein?

Sehr gering, weil die Tragfähigkeit der deutschen Staatsfinanzen für sich genommen nicht das Problem ist, sondern die Staatsfinanzen in der EU und insbesondere der Eurozone sind gefährlich.

Wie sollte Ihrer Meinung nach die höhere Staatsverschuldung gegenfinanziert werden?

Gar nicht, weil jeder in Deutschland gesparte oder durch noch höhere Steuern den Bürgern abgenommene Euro ohnehin vergemeinschaftet werden soll, was es zuerst abzuwenden gilt.

Innerhalb der EU werden gegenwärtig Hilfsmaßnahmen für EU-Staaten diskutiert (Merkel-Macron Fonds und ein Plan der „sparsamen Vier“).

Befürworten Sie eine gemeinsame Schuldenaufnahme der EU-Staaten?

Nein, weil sie zu völligen Fehlanreizen führt.

Wie soll in Not geratenen EU-Staaten finanziell geholfen werden?

Andere Maßnahmen: Reale, z. B. medizinische Hilfe ist sinnvoll, kein Finanzieren von z. B. früherem Renteneintritt oder niedrigeren Steuern in anderen Ländern.


Es gab noch einen zweiten Befragungsteil zu Bildungsausgaben:

Dieser Teil des Ökonomenpanels wird in Zusammenarbeit mit dem ifo Zentrum für Bildungsökonomik durchgeführt. Für die Beantwortung der sieben Fragen benötigen Sie etwa vier Minuten.

Was schätzen Sie, wie viel wird durchschnittlich jedes Jahr pro Schüler*in an öffentlichen allgemeinbildenden Schulen in Deutschland ausgegeben?

8000 Euro

Wie sicher sind Sie sich, dass Ihre Antwort ungefähr richtig ist?

6 (Sehr unsicher 1, Sehr sicher 7)

Jetzt geht es darum, dass Sie die Antworten von Befragungsteilnehmer*innen des ifo Bildungsbarometer 2020 möglichst gut schätzen. Das ifo Bildungsbarometer befragt derzeit eine repräsentative Stichprobe von Personen zwischen 18 und 69 Jahren.

Dabei werden die Personen zufällig in drei Gruppen eingeteilt und über staatliche Ausgaben für Schulen befragt.

Gruppe 1 („Keine Information“) beantwortet folgende Frage:
„Sollten die staatlichen Ausgaben für Schulen in Deutschland Ihrer Meinung nach steigen, sinken oder unverändert bleiben?“

Gruppe 2 („Information“) beantwortet folgende Frage:
„Die staatlichen Bildungsausgaben in Deutschland betragen im Durchschnitt jährlich 7.300 Euro pro Schüler*in.
Sollten die staatlichen Ausgaben für Schulen in Deutschland Ihrer Meinung nach steigen, sinken oder unverändert bleiben?“

Gruppe 3 („Information bei Klick“) beantwortet folgende Frage:
„Sollten die staatlichen Ausgaben für Schulen in Deutschland Ihrer Meinung nach steigen, sinken oder unverändert bleiben?“
Gruppe 3 hatte zudem vor Beantwortung der Frage die Möglichkeit, per Klick zu erfahren, wie viel der Staat derzeit pro Schüler*in ausgibt. Bei Klick erscheint folgende Information: „Die staatlichen Bildungsausgaben in Deutschland betragen im Durchschnitt jährlich 7.300 Euro pro Schüler*in.“

Alle drei Gruppen können bei Beantwortung der Frage zwischen fünf Antwortmöglichkeiten auswählen:
„stark steigen“, „steigen“, „in etwa unverändert blieben“, „sinken“, „stark sinken“

Was schätzen Sie, welcher Anteil an Befragten antwortet „stark steigen“ oder „steigen“?

60 Prozent in Gruppe 1 („Keine Information“) antworten „stark steigen“ oder „steigen“.

60 Prozent in Gruppe 2 („Information“) antworten „stark steigen“ oder „steigen“.

60 Prozent in Gruppe 3 („Information bei Klick“) antworten „stark steigen“ oder „steigen“.

Und was schätzen Sie, welcher Anteil der Befragten in Gruppe 3 („Information bei Klick“) klickt um die Information abzurufen?

70 Prozent rufen die Information ab.

Wie sicher sind Sie sich, dass Ihre Antworten ungefähr richtig sind?

2 (Sehr unsicher 1, Sehr sicher 7)

Als nächstes möchten wir wissen, wie Sie bei Ihren Antworten zu den Schätzungen in der letzten Frage vorgegangen sind.

Bitte beschreiben Sie kurz so genau wie möglich Ihre Überlegungen, wie Sie zu Ihrer Antwort gekommen sind. Maximum 3000 Zeichen.

Einfach geschätzt, als Ökonom habe ich für diese sozialpsychologischen Einschätzungen fremder Ansichten keine besondere Expertise.

Jetzt geht es nochmal darum, wie Sie bei der Beantwortung der vorhergehenden Schätzfragen vorgegangen sind.

Inwieweit treffen die folgenden Aussagen auf Sie zu?

Ich habe mich angestrengt, möglichst gut zu schätzen. Trifft eher nicht zu.

Ich habe im Internet nach Informationen gesucht, um möglichst gut zu schätzen. Trifft überhaupt nicht zu.

Ich kenne wissenschaftliche Studien über Zustimmung zu Bildungsausgaben und habe mich bei der Beantwortung daran orientiert. Trifft eher nicht zu.

Ihr öffentlicher Kommentar zu den wirtschaftspolitischen Reaktionen auf die Corona-Krise und/oder zu Bildungsausgaben (optional):

Der Staat bzw. unsere verantwortlichen Politiker haben völlig falsch auf die Corona-Pandemie reagiert. Erst haben sie geschlafen und dann waren ihre pauschalen Gegenmaßnahmen viel schlimmer als das Virus selbst. Zumindest jetzt sollte das eingestanden werden, um schnell zu einem vernünftigen und verhältnismäßigen Umgang mit Risiken zurückzukehren.

Kommentare zum Ökonomenpanel

Ihre Anregungen und Kommentare zum Ökonomenpanel (optional):

Teil 2 fand ich im Rahmen des Ökonomenpanels nicht sinnvoll.

9 Gedanken zu „Ökonomenpanel zu veränderten wirtschaftspolitischen Reaktionen auf Corona

  1. Unter den Ökonomen wird jetzt ebenfalls gegendert? Ich werde das nie akzeptieren. Die Linken führen auf dem sprachlichen Feld und auch anderswo einen Kulturkampf und die Bürgerlichen nehmen diesen Kampf erst gar nicht auf. Das ist doch traurig.

    • Das Gendersternchen ist mittlerweile offensichtlich etabliert in der Mitte der Gesellschaft. Achten Sie mal auf die Sprechweise bei ARD und ZDF (Anne Will, heute show), hier wird das Sternchen nun teilweise als kleine Pause beim Sprechen implementiert. Markus Lanz leistet hier aktuell Widerstand, mal schauen, wie lange noch.

      • Die „Mehrheit der Frauen will keine Gendersternchen“ und auch keine anderen Verletzungen der Duden-Regeln wegen Verwechslung von Genus und Sexus. Bei den Männern ist diese Mehrheit noch größer, aber der Mehrheit der Journalisten sind geltende Regeln, gutes Deutsch und Mehrheiten in der Bevölkerung egal. Wissenschaftler sollten sich dem nicht anschließen, weshalb ich es beim nächsten Ökonomenpanel anmerken werde.

      • Wissenschaftler schließen sich dem aber de facto an. Kennen Sie überhaupt noch eine Universität in Deutschland, die nicht offiziell mit dem Gendersternchen operiert?

      • Meine Universität tut es leider, doch solange es nicht die neue offizielle Sprachnorm ist, werde ich mich dem verweigern (danach würde es schwierig werden, zumindest in der Lehre und bei Dienstgeschäften).

  2. Hilfe für EU-Staaten
    Der Wildwuchs der EU-Struktur-Fonds muss zu Gunsten der Bekämpfung fundamentaler Entwicklungshemmnisse beseitigt werden . Das gegenwärtige System befördert Mitnahmeeffekte, bietet Fehlanreize und verleitet zu Subventionsbetrug. Es ist ein System der Geldverschwendung.

    • Der Trend geht leider in die andere Richtung. Bisher hat die EU staatliche Subventionen oft abgewehrt, um den marktlichen Wettbewerb in der EU zu stärken. Damit ist es jetzt erst einmal vorbei und die mit Abstand größten Marktverzerrungen erzeugt die Bundesregierung, die sonst doch immer so europäisch und solidarisch tut.

    • Vielleicht sollte getestet werden, wie gut Professoren das Antwortverhalten normaler Umfrageteilnehmer einschätzen können. Doch ohne Blick in entsprechende Studien haben wir da keinerlei komparativen Vorteil, sondern vielleicht sogar einen kleinen Nachteil. Interessant finde ich auch die Verschiebung von „öffentlichen allgemeinbildenden Schulen in Deutschland“ in der ersten Frage auf „die staatlichen Ausgaben für Schulen in Deutschland“ danach, wozu auch berufsbildende Schulen und die staatlich unterstützten Privatschulen mit jeweils geringeren Staatsausgaben pro Schüler zählen.

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