Risikoeinschätzung nötig

Mein Kollege Andreas Freytag fragt: „Müssen wir jetzt unsere Risikoeinschätzung überdenken?“ Das ist eine gute Frage. Ich stimme nicht in allen Details mit seiner Antwort überein, doch die Richtung stimmt: Es gibt verschiedene Risiken und diese müssen gegeneinander abgewogen werden. Darum geht es auch bei der Verhältnismäßigkeit.

Mein Eindruck ist jedoch, dass viele Politiker und Journalisten und mit ihnen auch große Teile des Publikums gar keine Risikoeinschätzung mehr vornehmen. Das Ziel der Pandemie-Bekämpfung wird absolut gesetzt und andere Risiken spielen da gar keine Rolle mehr. Ähnlich verhielt es sich beim Kampf gegen die zivile Nutzung der Atomenergie und dann gegen den Klimawandel. Rhetorisch wird dann z. T. noch behauptet, dass Leben und Gesundheit viel wichtiger seien als Geld. Das übersieht jedoch erstens, dass andere Risiken (z. B. von anderen Energiequellen oder von einem stark eingeschränkten Gesundheitswesen) auch unmittelbar Leben und Gesundheit bedrohen können. Zweitens werden durch Wohlstand Lebensqualität und -dauer erhöht, während ein massiver Wirtschaftseinbruch mit Massenarbeitslosigkeit auch Leben und mehr noch Lebensfreude kostet.

Eine vernünftige Risikoeinschätzung bzw. -abwägung ist also nötig. Aus meiner Sicht führt sie nach heutigem Kenntnisstand zu zwei Ergebnissen, über die man natürlich diskutieren kann: Erstens ist das Risiko der gegenwärtigen SARS-CoV-2-Epidemie nicht höher als von etlichen früheren Epidemie, auf die nicht in dieser Weise reagiert wurde. Zweitens sind die vielfältigen Risiken aus den historisch beispiellosen Gegenmaßnahmen inzwischen größer als das Risiko aus der Epidemie selbst. Aus beidem folgt, dass die Maßnahmen gelockert werden sollten.

Allerdings handelt es sich nicht um eine dichotome Entscheidung, entweder gar nichts zu tun oder das gesamte öffentliche Leben lahmzulegen, sondern es gibt viele Zwischenstufen. Bei denen hat man es anfangs zum ersten Extrem hin übertrieben und nun übertreibt man in Richtung des zweiten Extrems. Schließlich ist es sinnvoll, die Risiken immer wieder neu zu bewerten und gegeneinander abzuwägen.

10 Gedanken zu „Risikoeinschätzung nötig

  1. Ich käme unter normalem Umständen nicht auf die Idee, ausgerechnet „Bild“ als Meinungsbildner zu bezeichnen. Aber zumindest die mediale Stimmung könnte in den nächsten Tagen/Wochen kippen, wenn sich andere reichweitenstarke Medien dem Reichweitengiganten anschließen: https://www.bild.de/politik/kolumnen/kolumne/coronavirus-kommentar-von-julian-reichelt-schluss-mit-starrsinn-in-der-corona-politik-70279506.bild.html#%23%23wt_ref=http%3A%2F%2Fm.facebook.com&wt_t=1587974466645

  2. Risiken sind Teil unseres Lebens. Ob im Auto oder auf der Leiter.

    Was uns total nervt, stört, kontraproduktiv an der Politik der GroKo und Kanzlerin ist :

    Permanente Bevormundung der Regierung, Behörden. Wir sind keine Untertanen, können eigenständig bewerten und entscheiden was in einer Krise – Pandemie – richtig , falsch ist.

    Wie unsere Eltern nach dem II. Weltkrieg, als Ziegenpeter und TBC grassierten.

    Hat man deshalb aufgehört in Fabriken, Geschäfte, auf Straßen zu gehen ?

    Wo wäre denn Deutschland heute ohne unsere Omis die dafür gesorgt haben dass Kinder bei Krankheiten – ansteckende – „über die Runden “ kamen ?

    Wieder ist Deutschland – per Dekret – aktuell Land der Untertanen ohne eigenes Engagement.

  3. Nach meiner beruflichen Erfahrung ist es in der Tat so, daß viele gar nicht wissen, daß es überhaupt Risikoeinschätzungen gibt (geben muß!) bzw. sie können mit einem derartigen Ansatz erst gar nichts anfangen. Der Absolutheitsanspruch der Politik (und der daran Angeschlossenen) verbietet es gleichsam, in eine solche Richtung auch nur zu denken. So habe ich es jedenfalls während meiner Jahre im Öffentlichen Dienst erfahren. Dringende Ratschläge in diese Richtung führten in der Regel zu verständnislosen Blicken.

    Man muß sich also nicht wundern, wenn es Entwicklungen wie die gibt, die wir heute überall beobachten. Die Politik hat es nun mal nicht nötig, sich über die Folgen der von ihr veranlaßten Entscheidungen und Entwicklungen Gedanken zu machen, die von größter Tragweite sein und zu äußerst ernsten Fehlentwicklungen führen können. Was in nächtlichen Show-Marathon-Runden beschlossen wird, ist natürlich immer zum Besten „der Menschen draußen im Lande“. Daß hirnlose Beschlüsse und sinnloses Geldausgeben zum Schaden der Bürger dieses Landes und ihrer persönlichen Zukunft gebührend beklatscht und als „alternativlos“ kommuniziert werden, dafür sorgen dann schon die bezahlten Claqueure in den Staatsmedien und anderen Propagandaschleudern.

    Eine FDJ-Sekretärin und ihre Entourage braucht keine Risikoabschätzung. Sie hat immer recht und weiß alles besser als alle anderen. Sie kann das Land an das Land fahren, doch es gibt keinen (mehr), der ihr in den Arm fällt. Das Risiko tragen immer die andern.

    • Risikoeinschätzungen sind auf jeden Fall wichtig. Vielleicht kann und will das nicht jeder Bürger machen, aber die Regierung müsste das ernsthaft versuchen und echte Wissenschaftler auch. Dabei muss man nicht zwingend zu demselben Ergebnis kommen wie ich, aber dann doch zumindest Argumente dafür liefern, warum die aktuelle Epidemie so viel schlimmer sein soll als alle vorhergehenden und die historisch beispiellosen Gegenmaßnahmen.

  4. Ihr Kollege Freytag redet am Problem vorbei. Unser Problem besteht darin, dass sich die Regierungen Merkel notorisch weigern, in der Analyse internationaler Politik Bedrohungen rechtzeitig zu erkennen und Deutschland auf diese Bedrohungen frühzeitig einzustellen. Das steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu dem Anspruch, in der Weltklimapolitik als Muster zu gelten. Das war in der Flüchtlingskrise ebenso wie es jetzt bei der Vireninfektion der Fall ist. Trotz warnender Hinweise hat die Bundesregierung auch dieses Mal zu spät (siehe Statements Karl Lauterbach, Antrag der AfD vom 12.2. im Bundestag) gehandelt und dann chaotisch und großzügig auf fremde Rechnung reagiert. Was jetzt veranstaltet wird, ist „Try and Error“ auf unsicherem Datengrunde. Welche Methoden der Gefahrenabwehr nun wirklich zielführend sind, ist in der Beurteilung von einer sich ständig verändernden Datenlage abhängig (siehe Schweden).
    Wenn eine Nation bei niederschwelligerem Lockdown zu gleichem Ergebnis kommt wie eine in der Infrastruktur vergleichbare andere Nation, hat das bei der Internationalisierung der Lieferketten keinen Aussagewert.

    • Dass Bedrohungen vorher nicht richtig erkannt werden, ist nur ein Problem. Das ist auch objektiv schwierig, weil es potentiell sehr viele Bedrohungen gibt, von denen sich die meisten zum Glück nicht realisieren. Schlimmer finde ich deshalb die abrupten Kurswechsel von Frau Merkel zu immer maßloseren Maßnahmen, zu denen dann keinerlei Diskussion erwünscht ist. „Try and Error“ wäre doch viel besser, als nur einen Versuch zu unternehmen und diesen dann trotz aller erkennbaren Fehler bitter durchzuziehen. Im internationalen Vergleich steht Deutschland gar nicht so schlecht da, was insbesondere die Todeszahlen angeht, aber das aktuelle Regierungshandeln hat daran nur einen kleinen Anteil, zumal der Aufwärtstrend schon vor dem Lockdown gebrochen war.

      • Ende Dezember traf das Virus auf Neuseeland. 1400 wurden infiziert,19 starben. Fünf Wochen lebte Neuseeland mit ganz harten Einschränkungen. Der geografische Grund ist offensichtlich, andere Inselstaaten wie Australien bestätigen den Grund aber nicht.
        Die Regierung von Premierministerin Jacinda Ardern machte einen Lockdown, der weltweit zu den schärfsten zählte. Das Ziel: Neuseeland will nicht nur die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamen, sondern es eliminieren.
        Und die Strategie scheint aufzugehen. Es gebe keine weitverbreitete, unerkannte Übertragung des Virus mehr, erklärte Ardern am Montag. „Wir haben diesen Kampf gewonnen.“

      • Australien ist ein Kontinent. Neuseeland kann als abgelegene Insel den Zugang viel besser kontrollieren als z. B. Deutschland. So hätte vielleicht auch gleich die Anfangsausbreitung noch stärker beschränkt werden können, aber ein kurzer, harter Lockdown zur kompletten Ausrottung macht dann ebenfalls mehr Sinn.

      • Bei einer möglichen neuen Pandemie in x Jahren könnte man es auch so in Deutschland machen, falls man bis dahin keine intelligenteren Mittel hat. Kurz- und mittelfristig ist das allerdings den Menschen nicht mehr zuzumuten, zumal aktuell sehr restriktive Maßnahmen nichts mehr bringen.

      • Deutschland ist zu groß und offen dafür. Richtig ist es allerdings, gleich zu Anfang zu versuchen, durch gezielte Maßnahmen eine Ausbreitung zu verhindern. So ist eigentlich auch das Infektionsschutzgesetz zu verstehen, welches jetzt für ineffiziente Pauschalmaßnahmen missbraucht wird.

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