Bürgerbefragung der EZB

Im Rahmen ihres „Strategy Review“ hat die Europäische Zentralbank das „Portal ‚Die EZB hört zu'“ eingerichtet. Dort kann jeder noch bis zum 24. April 2020 seine Meinung zur geldpolitischen Strategie der EZB äußern. Wahrscheinlich bringt das nicht viel, weil die EZB ihre Politik ohnehin für alternativlos hält (siehe „EZB-Bürgerbefragung mit Tücken“). Trotzdem wäre es gut, wenn möglichst viele Bürger und auch Wissenschaftler ihre häufig kritischen Meinungen kundtun. So habe ich die Fragen beantwortet:

Was bedeutet Preisstabilität für Sie?

Der beste Beitrag, den Zentralbanken zur Verbesserung des Wohlstands aller leisten können, ist die Gewährleistung von Preisstabilität. Preisstabilität ist gegeben, wenn die Inflationsrate (also die Rate, um die die Verbraucherpreise durchschnittlich von einem Jahr zum nächsten steigen) niedrig und stabil ist. Zurzeit strebt die EZB eine Inflationsrate von unter, aber nahe 2 % auf mittlere Sicht an.

Wie wirken sich Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus auf Sie/Ihre Organisation und deren Mitglieder aus?

Preisstabilität ist wichtig, während die EZB ihr Mandat einfach in Inflation uminterpretiert und diese zu erhöhen versucht.

Was bereitet Ihnen mehr Sorgen: eine zu hohe Deflation oder eine zu hohe Inflation?

Hohe (oder tiefe?) Deflation wäre schlimmer, ist aber sehr unwahrscheinlich, während Inflation eine ernste Gefahr bleibt.

Bei welchen Waren und Dienstleistungen sind Preisänderungen Ihrem Gefühl nach am stärksten spürbar?

Bei denen, die man regelmäßig aktiv kauft.

Wie relevant ist Ihrer Meinung nach der Anstieg der Wohnkosten für die Inflation?

Sehr relevant, zumindest in Ballungsräumen.

Welche Erwartungen und Sorgen haben Sie in Bezug auf die Wirtschaftsentwicklung?

Mit unserer Geldpolitik wollen wir dafür sorgen, dass der Euro im Zeitverlauf seinen Wert behält. Damit wir unsere Geldpolitik so wirkungsvoll wie möglich gestalten, interessieren uns Ihre Erwartungen und Sorgen im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung.

Welche wirtschaftlichen Faktoren bereiten Ihnen/Ihrer Organisation und deren Mitgliedern zurzeit Sorgen?

Negativzinsen und monetäre Staatsfinanzierung durch die EZB; zunehmender Protektionismus, gerade auch durch die EU und gegen UK; falsche Klimaschutzpolitik, die der Umwelt nicht nützt, aber die Kosten erhöht und die Energieversorgung sowie Mobilität gefährdet.

Wie haben sich in den letzten zehn Jahren die sich verändernden wirtschaftlichen Bedingungen auf Ihr Leben ausgewirkt (zum Beispiel auf Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt)?

Mein Arbeitsplatz ist sicher, doch die  EZB hat für negative Zinsen und einen zumindest für Deutschland zu niedrigen Euro gesorgt, wodurch nicht nur mein Realeinkommen geschmälert wurde.

Wie wirken sich die niedrigen Zinsen und die Geldpolitik ganz allgemein auf Sie/Ihre Organisation, deren Mitglieder und die Wirtschaft insgesamt aus?

Doppelt negativ, weil real und sogar nominal negative Zinsen das Vermögen schmälern, wenn man nicht in riskantere Anlageklassen wechselt, wo dieselbe Politik zu Blasen führt.

Welche anderen Themen sind Ihnen wichtig?

Das vorrangige Ziel, d. h. die Hauptaufgabe der EZB ist die Gewährleistung von Preisstabilität im Euro-Währungsgebiet. Ist die Stabilität der Preise sichergestellt, besteht die Aufgabe der EZB darin, die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Europäischen Union zu unterstützen. Das bedeutet u. a., auf die nachhaltige Entwicklung Europas hinzuwirken. Diese soll auf einem ausgewogenen Wirtschaftswachstum basieren und auf einer sozialen Marktwirtschaft, die in hohem Maße wettbewerbsfähig ist und auf Vollbeschäftigung und sozialen Fortschritt abzielt. Außerdem sollen der Umweltschutz und die Verbesserung der Umweltqualität einen hohen Stellenwert haben.

Sollte die EZB Ihrer Meinung nach mehr oder weniger Gewicht auf diese anderen Gesichtspunkte legen und warum?

Die EZB sollte sich auf echte Preisstabilität konzentrieren, ohne den Finanzsektor weiter zu destabilisieren. Die Gewichtung und Umsetzung anderer Ziele ist Aufgabe demokratisch legitimierter Politiker.

Gibt es außer den genannten noch weitere Aspekte, die die EZB Ihrer Ansicht nach bei ihren geldpolitischen Entscheidungen berücksichtigen sollte?

Die Stabilität des Finanzsektors.

Wie wird sich der Klimawandel auf Sie/Ihre Organisation, deren Mitglieder und die Wirtschaft auswirken?

Der Klimawandel ist weniger bedrohlich als der EU-Aktivismus dagegen, der ökonomisch und ökologisch mehr schadet als nutzt.

Wie können wir am besten mit Ihnen kommunizieren?

Uns ist bewusst, dass es für Entscheidungen rund um das Ausgeben, Sparen oder Anlegen von Geld bzw. für die Kreditaufnahme hilfreich ist, zu wissen, wie die Geldpolitik funktioniert. Wir möchten gerne wissen, wie gut es uns bislang gelungen ist, unsere Maßnahmen und deren Hintergrund zu erklären.

Inwieweit fühlen Sie sich gut informiert über die EZB/Ihre nationale Zentralbank?

Als Wirtschaftswissenschaftler bin ich gut informiert, aber kaum durch die EZB und die meisten Massenmedien.

Wie könnte die EZB/das Eurosystem die Vorteile von Preisstabilität und die mit einer zu hohen oder zu niedrigen Inflation verbundenen Risiken besser erklären?

Die EZB müsste ehrlicher sein. Inflation von knapp zwei Prozent ist keine Preisniveaustabilität und nominal negative Zinsen sind schädlich.

Was können wir tun, damit Sie unsere Entscheidungen und deren Folgen für Sie besser verstehen?

Treffen Sie bessere Entscheidungen im Rahmen des vereinbarten Mandats, statt dieses willkürlich umzuinterpretieren.

6 Gedanken zu „Bürgerbefragung der EZB

  1. Mit solchen „Befragungen“ lasse ich mich mehr nicht ablenken. Die EZB sollte aufgelöst und Draghi und Lagarde eingesperrt werden…!

    • Ja- es ist verschwendete Zeit mit einem PR-Gag, ausgedacht von einer Politikerin von Macrons und Merkels Gnaden. Es ist zu befürchten, dass das „Team Laschet“ genau in die Szene passt.

    • Gegen welche Strafnormen haben sie denn verstoßen? Ich bin gegen politische Justiz und für politische Verbesserungen auf demokratischem sowie rechtsstaatlichem Wege. Massenhafte Antworten auf solche Befragungen könnten ein ganz kleiner Baustein dabei sein.

      • Sie, Prof. Dilger, durchschauen als aufrechter, ehrlicher Mensch das politische Ränkespiel häufig nicht und haben deshalb Positionierungsprobleme in der Politik-Ausübung. Wenn die Massen Zusammenhänge analysieren oder auch nur formulieren könnten (und nicht einfach unter Auswirkungen von Politik litten), gäbe es die verkorkste Energiewende, den beginnenden Abbau in unserer Industrie, die Belastungen künftiger Generationen durch parteipolitisch bestimmte Ausgabenpolitik nicht. An kritischen Volkswirtschaftlern ist kein Mangel, aber gern gefragt sind die Kammersänger aus Berlin, wohingegen das bei ebenso bekannten Personen wie Hans Werner Sinn eben nicht der Fall ist. Mit zunehmender Abhängigkeit von Mandatsträgern hinsichtlich des Broterwerbs durch Politik nimmt auch die Täuschung der Öffentlichkeit zu.

      • Gerade weil ich das Ränkespiel durchschaue, kann ich mich hinsichtlich keiner Partei (mehr) positionieren, da es das und Schlimmeres leider in jeder Partei gibt. Dass die Parteien lieber ihnen genehme statt kritische Stimmen fördern, ist auch nicht überraschend. Gerade das macht den parteinahen öffentlich-rechtlichen Rundfunk so gefährlich. Wir bräuchten viel mehr Gewaltenteilung statt -verschränkung.

  2. Pingback: EZB-Umfrage zum digitalen Euro | Alexander Dilger

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