Sinken die Zinsen schon lange und immer weiter?

‚Führen zu viele Ersparnisse zu Negativzinsen?‘ Die These von der aktuellen Ersparnisschwemme lässt sich durchaus noch toppen. „Der Zins kommt nicht zurück“, lautet die jüngste These, die mit historischen Daten empirisch untermauert werden soll (in dem Arbeitspapier „Eight centuries of global real interest rates, R-G, and the ‘suprasecular’ decline, 1311–2018“ von Paul Schmelzing). „Denn die Zinsen sinken schon seit dem Mittelalter“:

Im Schnitt geht der um die Inflation bereinigte Realzins demnach jedes Jahr um etwa 0,6 bis 1,6 Basispunkte zurück. Der englische König Edward III. musste noch 35 Prozent Zinsen bezahlen, als er sich Anfang des 14. Jahrhundert beim Regenten der Provinz Flandern Geld zur Finanzierung seiner kriegerischen Aktivitäten lieh. Unter Edwards im 17. Jahrhundert regierendem Nachfolger Karl II. waren die Zinsen schon auf 16 Prozent gesunken. Im 19. Jahrhundert hielt sich der Vatikan mit einem Kredit bei den Rothschilds über Wasser. Zinssatz: 6 Prozent.

Das lässt sich dann auch noch munter in die Zukunft fortschreiben:

Was bedeutet all das für die Zukunft? Aus Sicht der Sparer nichts Gutes. Joachim Fels von der Investmentgesellschaft PIMCO hat ausgerechnet, was passiert, wenn der von Schmelzing identifizierte Trend sich fortsetzt. Ergebnis: Im Jahr 3017 läge der Realzins bei minus 16 Prozent.

Eine ‚Welt ohne Zins‘ wäre auf Dauer sehr viel anders als unsere. Doch schon die Erklärung für den jahrhundertelangen Zinsverfall überzeugt nicht:

Über die Gründe für das Zinsminus stellt Schmelzing nur Vermutungen an. Womöglich hat der Rückgang etwas damit zu tun, dass die Welt insgesamt durch die Errichtung staatlicher Institutionen im Laufe der Jahrhunderte sicherer geworden ist. Das bedeutet aus Sicht eines Kreditgebers: Die Gefahr ist geringer, dass das verliehene Geld nicht mehr zurückbezahlt wird. Damit geht auch die Prämie zurück, die für einen möglichen Zahlungsausfall verlangt werden kann.

Das ist für sich genommen nicht unplausibel, aber etwas völlig anderes als ein dauerhafter Rückgang des risikolosen realen Zinses. Wenn die Risiken sinken, sinkt der Risikozuschlag. Das ist völlig normal, betrifft aber gerade nicht den risikolosen Zins. Dabei können Risiken übrigens nicht nur die Rückzahlungswahrscheinlichkeit betreffen, sondern auch das Überleben des Gläubigers. Wenn er eher demnächst (mit größerer Wahrscheinlichkeit) stirbt, sollte er eine größere Gegenwartspräferenz aufweisen, was ebenfalls zu höheren Zinsen beiträgt. Ein längeres Leben macht trotzdem negative Realzinsen nicht sinnvoll.

Es wird noch ein ganz anderes Risiko übersehen oder auf diese Weise sogar bewusst ausgeblendet: Die Zinsen müssen nicht dauerhaft so niedrig bleiben. Die These, dass die Zinsen nie wieder steigen und damit die Anleihenkurse nie wieder fallen würden, erinnert doch stark an den Glauben während der Immobilienblase in den USA vor der Finanzkrise, dass die Immobilienpreise nie mehr zurückgehen könnten. Ein solcher Glaube kann eine Weile sich selbst erfüllen, aber eben nicht dauerhaft. Von ewigen Negativzinsen könnte man als Schuldner gut leben, aber bei einer substanziellen Zinserhöhung ist es schnell vorbei damit.

11 Gedanken zu „Sinken die Zinsen schon lange und immer weiter?

  1. Für Aktieninvestoren ist die aktuelle Niedrigzinsphase erfreulich. Natürlich kann jederzeit das böse Erwachen kommen, wenn die Zinsen wieder steigen, insbesondere wenn das plötzlich passiert.

  2. Herr Fischer, ein starker Zinsanstieg würde meiner Ansicht nach die Schulden vieler Eurostaaten unbezahlbar machen. Das hätte dann den Vorteil, dass der Euro zur Disposition stehen würde. Für mich ein gutes Szenario. Dann würde ich auch wieder mehr in den deutschen Aktienmarkt investieren und meine US Engagements reduzieren. Sie schrieben,die Niedrigzinsphase ist für Aktieninvestoren erfreulich. Könnten sie mir das erklären?

    • Aktuell bedingen die weltweit niedrigen Zinsen, dass Anleger verstärkt in Aktien investieren. Wer z.B. 5% Rendite erhalten möchte, hat dafür nicht mehr die Möglichkeit, Tagesgeldeinlagen oder ähnliches zu nutzen. Daher steigen die Kurse bzw. die Gefahr eines größeren Rückschlags ist aus Mangel an geeigneten Alternativen geringer. Schauen Sie sich die Charts der großen Indizes seit 2009 an: Die Aktienhausse, die es trotz großer geopolitischer Unsicherheiten etc. gibt, ist bemerkenswert. Ein anderer Aspekt ist, dass die Anleger aufgrund des niedrigeren risikolosen Zinses niedrigere Dividendenrenditen akzeptieren, was wiederum zu steigenden Aktienkursen führt.

      • Alle Vermögenspreise ziehen bei fallenden Zinsen an. Bei dauerhaften Null- und Negativzinsen müssten sie sogar gegen unendlich gehen.

  3. Ich werde nie verstehen, wie eine Zentralbank, deren Aufgabe es ist, Inflation zu bekämpfen und Währungsstabilität zu garantieren, ein Onflationsziel von 2% verfolgen kann.

    In Wahrheit geht es doch nur darum, über Inflation den Staat (die Staaten) zu entschulden, bzw. einen Zusammenbruch kriselnder Währungen, bzw. Staaten weiter in die Zukunft zu verschieben…!

  4. Die Zinssätze waren im Mittelalter und davor ganz andere, weil die Kapital- und Herrschaftsstruktur eine völlig andere war. Zum einen war die Marktmonetarisierung sehr gering, Naturalwirtschaft dominierte weite Wirtschaftsbereiche. Es gab nur sehr wenige private Kapitalgeber, die ausreichend liquide waren, um eine Großunternehmung wie einen militärischen Feldzug zu finanzieren. Einen internationalen Kapitalmarkt, auf den die Herrscher hätten ausweichen können, gab es nicht, weil die rechtlichen Rahmenbedingungen und Garantien dafür fehlten.

    Zugleich wuchs die Wirtschaft so langsam, daß Raubzüge und Eroberungen der bei weitem schnellste und einfachste Weg waren, um eigenes Wirtschaftswachstum zu erzielen, Der Herrscher konnte sich auf sehr hohe Schuldzinsen einlassen, weil er bei einem militärischen Erfolg keine Probleme hatte, sich auf einen Schlag zu rekapitalisieren.

    Das änderte sich erst mit der zunehmenden Kostspieligkeit von Kriegen, die kriegerische Unternehmungen auch im Falle eines Sieges immer unwirtschaftlicher machten (übrigens sicherlich einer Hauptgründe für die abnehmende Zahl von zwischenstaatlichen Kriegen).

    Drittens waren die meisten Herrscher Militär- oder Haremsnaturen, die sich für wenig um öffentliche Finanzen scherten und deswegen auch eher bereit waren, schlechte Vertragskonditionen von frühkapitalistischen Geldverleihern zu akzeptieren.

      • …kein Wunder, wenn die Regierungschefin eine lupenreine Marxistin ist, die sich ein grünes Kleidchen übergezogen hat…!

  5. Pingback: EZB ohne Einfluss auf Realzins müsste den Nominalzins erhöhen | Alexander Dilger

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