Keine Evidenz für positive Wirkungen negativer Zinsen

Die ‚Zombie-Kritik ist nicht abwegig‘, aber sie ist längst nicht die einzige Kritik an nominal negativen Zinsen. Die ‚EZB will lange Null- und Negativzinsen‘, um die Inflation anzukurbeln (obwohl ihr Mandat Preisstabilität lautet, die sie jedoch sehr eigenwillig interpretiert), aber auch die Wirtschaft anzuregen. Dahinter stehen Erwartungen, die aus Zinssenkungen im positiven Bereich gewonnen wurden, für Negativzinsen aber nicht stimmen müssen. Historische Erfahrungen mit nominal negativen Zinsen gibt es nicht und die aktuelle Empirie spricht nicht dafür, dass sich diese Erwartungen erfüllen würden.

„We’re Sensing Some Negativity About Sub-Zero Rates“. Demnach ziehen negative Zinsen auch die zukünftig erwarteten Zinsen nach unten (siehe auch diesen Beitrag von David R. Kotok). Die Zinskurve wird flacher und divergiert stärker von Ländern mit positiven Zinsen. Derivate werden unsicherer und damit teurer, was wiederum die Transaktionskosten erhöht und die wirtschaftliche Aktivität beeinträchtigt, also genau das Gegenteil von der erklärten Absicht der EZB bewirkt.

Dort, wo Negativzinsen bislang ausprobiert wurden, neben der Eurozone Dänemark, Schweden, die Schweiz und Japan, wurden die makroökonomischen Ziele nicht erreicht (siehe auch „Negative Rates: Not The Gift That Keeps On Giving“). Nicht einmal die Abwertung der jeweiligen Währung gelang nachhaltig. Die Senkung von positiven auf Nullzinsen führte wirklich zu sinkenden Kursen, doch die weitere Senkung auf Negativzinsen und der Verbleib dort war mit einem Wiederanstieg der Währung verbunden (nicht zwingend kausal, doch zumindest in Form einer Korrelation).

Auch die Inflation ist mit den Negativzinsen nicht wie geplant gestiegen, sondern in der Schweiz sogar abgestürzt in den Bereich der Deflation, während in Schweden das Wirtschaftswachstum einbrach. Vielleicht wäre es bei positiven Zinsen noch schlimmer gekommen, aber empirische Evidenz für irgendwelche positiven Wirkungen von Negativzinsen gibt es nicht. Doch auch theoretisch sind sie kaum erforscht, da zumindest frühere Ökonomen sie für keine realistische Möglichkeit gehalten hatten. Selbst die Zentralbanker wissen nicht, was sie tun bzw. damit bewirken.

7 Gedanken zu „Keine Evidenz für positive Wirkungen negativer Zinsen

  1. Weshalb sich die Volkswirtschaftler auf dieses monokausale Erklärungsmodell für Wirtschaftswachstum einlassen, kann man wohl nur mit -reformbedürftiger- spezialisierter Ausbildung erklären. Nationales Wirtschaftswachstum wird in der Gegenwart von einer Reihe von Faktoren bestimmt, die sich wechselseitig beeinflussen:
    – Einfluss der Politik auf das erzeugte Produkt (etwa unter dem Begriff „Klimawandel), dessen Fertigungs-Normen, und auf soziale Standards, die sich international einerseits nicht durchsetzen lassen, andererseits zu Wettbewerbsnachteilen bis hin zum Ausfall von Marktteilnehmern führen,
    Nach einem Konjunktureinbruch werden die Verbraucher heute nicht mehr das gleiche Produkt vorfinden/kaufen wie vor diesem Ereignis.
    – Einfluss der internationalen Steuerpolitik, die zu unermesslichem punktuellen Reichtum und in Verbindung mit offenen Märkten zur Störung von Marktgleichgewichten führt, um nur einige zu nennen.
    Nicht die Höhe der Zinskosten ist primär für die Investition entscheidend (auch in anlageintensiven nicht börsennotierten Unternehmen machen die Zinskosten etwa 6 % an der GuV aus); vielmehr führen kürzere Tilgungszeiten bei fragwürdigen Schuldnern zu höheren Liquiditätsrisiken (wie überhaupt die vermeintlich günstigen Zinskosten in der KfW-Finanzierung mit unterhalb der steuerlichen Nutzungszeit langlebiger Wirtschaftsgüter liegenden Tilgungsfristen ein Liquiditätsrisiko darstellen)
    Ändert sich das Zinsniveau (oder die politisch beeinflusste Marktstruktur), verändern sich die Bewertungsgrundlagen nicht für alle Kreditnehmer in gleichem Maße. Plötzlich unterliegen die Unternehmen mit „auf Kante“ genähter Finanzierung einem Vertrauensverlust, der in eine sich verstärkende Liquiditätskrise mündet.
    Billiges Geld führt -wurde hier schon geschrieben – zu einer vermehrten Anlage in die Vermögenswerte. Abgesehen von deren Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Entwicklung unterliegen diese in ihrer Bewertung auch zunehmend wechselnden politischen Einflüssen (z.B. „Mietdeckel“), was ebenfalls in Liquiditätskrisen münden kann.
    Und schließlich vom Ergebnis her: Es widerspricht doch der Vernunft, wenn Markteilnehmer ihr Geld für 30 Jahre dem Staat (oder großen Unternehmen) gegen eine Strafgebühr oder Nullzins überlassen, um dann unter Berücksichtigung der Inflationsrate und der Strafgebühr nur etwas mehr als die Hälfte ihrer Anlagen zurückzuerhalten.

    • Die Erklärung ist nicht monokausal. Jeder weiß, dass das Wirtschaftswachstum von vielen Größen abhängt. Die für Zentralbanken relevante Frage lautet, wie ihre Geldpolitik wirkt, wofür insbesondere die Effekte von Inflation und Zinsen interessant sind. Noch wichtiger ist jedoch der Zusammenhang zwischen Zinsen und Inflation, weil die Wahrung der Preisniveaustabilität das eigentliche Mandat der EZB ist. Wenn anhaltende Negativzinsen die angeblich zu hohe Inflation gar nicht erhöhen, bricht die Begründung dafür weg.

      Ich bezweifle, dass viele Privatanleger Staats- oder gar Unternehmensanleihen mit nominal negativen Zinsen kaufen. Der größte Käufer sind inzwischen die Zentralbanken. Die meisten Privaten haben noch zu nominal positiven Zinsen gekauft. Es ist höchstens die Frage, warum nicht alle zu verkaufen zu versuchen, aber dafür mangelt es wohl an vergleichbaren Anlagealternativen.

      • Ich gehe davon aus, dass Inflation durch Faktoren-Auslastung bewirkt wird und die Zinshöhe dazu nur einen Teil beiträgt, den ich hier zu relativieren versuche. Banken und Spekulanten haben in der Vergangenheit mit Anleihen über die Kursentwicklung in Erwartung noch weiterer Absenkung der in den negativen Bereich tendierenden Renditen Geld verdient- nach dem Motto: den Letzten beißen die Hunde.

      • Auch die Inflation hängt von vielen Faktoren ab. Die aktuelle Geldpolitik der EZB basiert auf der Vorstellung, dass Negativzinsen zu mehr Investitionen und weniger Ersparnissen führen, was theoretisch zweifelhaft und empirisch nicht belegt ist. Richtig ist, dass man in Erwartung weiterer Zinssenkungen selbst an Negativzinsen verdienen kann (offensichtlich keine Zinsen, aber Kursgewinne).

  2. Pingback: EZB ohne Einfluss auf Realzins müsste den Nominalzins erhöhen | Alexander Dilger

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