Veränderte wirtschaftswissenschaftliche Standards

Meine Münsteraner Kollegen Thomas Ehrmann und Aloys Prinz haben bereits vor gut drei Wochen in ihrem FAZ-Artikel „Europa, amerikanisch erklärt“ das aktuelle Publikations- und vor allem Berufungswesen in den Wirtschaftswissenschaften hierzulande kritisiert. Für ihre zugespitzte Argumentation haben sie vor allem bei Twitter viel ebenfalls zugespitzte Kritik kassiert (siehe z. B. hier mit dem Vorwurf, dass ihr „Humankapital nichts mehr wert ist“) und jetzt gab es auch in der FAZ folgende Antwort, „Volkswirte müssen global denken, nicht provinziell“.

Die Analogie des wissenschaftlichen Publikationswesens mit Fastfood, bei dem auch die Amerikaner unabhängig von der Qualität dominieren würden, finde ich misslungen. Die eigentliche Kritik bezieht sich doch gerade darauf, dass nur noch Artikel in Top-Zeitschriften zählen würden. Aber wer will diesen ernsthaft eine sehr hohe wissenschaftliche Qualität absprechen? Passender wäre ein Vergleich mit Sterne-Restaurants, die ebenfalls von sehr hoher, aber auch spezieller Qualität sind. Nicht jeder Koch und jede Küche sollte allein an diesem Maßstab gemessen werden.

Das Beschäftigen mit lokalen Themen muss nicht provinziell sein. Ich habe einmal ein Diskussionspapier zur „Förderung von Wissenschaft zu nationalen und europäischen Fragen“ verfasst und dabei folgenden Mittelweg zwischen Amerikanisierung und Isolierung empfohlen: „Die Forschung zu nationalen und europäischen Fragen unter Beachtung der hiesigen Gegebenheiten und mit hiesigen Daten wird da besonders gefördert, wo es auf nationale und kontinentale Unterschiede ankommt. Dagegen findet keine besondere Förderung in Abhängigkeit der Nationalität der Forschenden statt und sind die weltbesten Methoden der Forschung und Qualitätssicherung zu verwenden.“

Die Verwendung von Impact-Faktoren und anderen Maßen zur Qualitäts- oder zumindest Wirkungsmessung finde ich nicht so schlimm, solange sie nicht naiv und mechanisch geschieht. So lassen sich entsprechende Kennzahlen zwischen verschiedenen Disziplinen und auch Subdisziplinen kaum vergleichen. Mittelmäßige medizinische Zeitschriften haben z. B. höhere Impact-Faktoren, also zeitnahe Zitationen pro Artikel, als die wirtschaftswissenschaftlichen Spitzenzeitschriften, was Mediziner aber nicht zu besseren Ökonomen macht.

Das eigentliche Problem sehe ich in einer zunehmenden Konzentration nur noch auf Artikel in Spitzenzeitschriften, im Extremfall tatsächlich nur die Top 5 aus den USA. Als ich zu forschen anfing, gewannen in der deutschsprachigen BWL gerade Zeitschriftenartikel an Bedeutung im Vergleich zu Büchern und Buchbeiträgen, während die VWL schon etwas weiter war. Der nächste Schritt war eine Konzentration auf englischsprachige Zeitschriften, dann die höhergerankten und inzwischen nur noch die höchstgerankten.

Solch ein Wettbewerb verstärkt sich selbst, wenn sich alle darauf konzentrieren und immer noch besser sein wollen. Es kann nicht jeder in Top-Zeitschriften publizieren, aber die Beteiligung als Koautor an einem einzigen solchen Artikel kann in Deutschland heutzutage über die wissenschaftliche Karriere entscheiden. Wer es schafft, wird Universitätsprofessor, wer nicht, sollte sich inzwischen nach Alternativen umsehen.

Englisch als Wissenschaftssprache finde ich weniger problematisch, weil es die weltweite Verständigung ermöglicht. Zugleich sollte die Fähigkeit zum Ausdrücken wissenschaftlicher Erkenntnisse in der eigenen Sprache nicht verloren gehen, insbesondere wenn sie in einem mittelgroßen Land wie Deutschland für die meisten Menschen und Unternehmen sehr wichtig bleibt, während in kleinen Ländern oft alle besser Englisch können.

Seilschaften waren in der alten akademischen Welt wichtiger. Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen haben einen objektiveren oder zumindest intersubjektiveren Charakter. Außerdem sind die hiesigen Wissenschaftler vor den amerikanischen Herausgebern und Gutachtern alle gleich. Als Professor habe ich da keinen Vorteil gegenüber Doktoranden. Nur die Nähe zu Entscheidern in den USA kann einen Unterschied machen, was allerdings die Abwanderungsneigung der besten Nachwuchswissenschaftler in die USA verstärkt.

Koautorenkartelle sind denkbar, aber schwer zu organisieren, zumal niemand etwas zu verschenken hat. Die Zahl der Koautoren nimmt vor allem mit der Arbeitsteilung zu. Artikel in den führenden Zeitschriften müssen inzwischen in vielerlei Hinsicht gut sein, wobei ein Einzelner häufig nicht alle Aspekte wie Idee, Literaturüberblick, theoretische Modellierung, Datengewinnung, ökonometrische Methoden, konkrete Schätzungen und relevante Schlussfolgerungen gleichermaßen gut abdecken kann.

Ein Problem dieser hohen Spezialisierung ist jedoch, dass die sonstigen Aufgaben von Universitätsprofessuren, insbesondere in der Lehre, aber auch Selbstverwaltung oder Beratung, viel allgemeiner sind. Es werden also eigentlich (zumindest relativ betrachtet) Generalisten gebraucht, die aber für ihre Fähigkeiten als Spezialisten ausgewählt werden. Doch auch schon früher musste der wissenschaftliche Nachwuchs andere Sachen machen als die etablierten Wissenschaftler, die im Vergleich zu heute nicht unbedingt besser waren. Insgesamt sehe ich Probleme, aber keinen Grund, der Vergangenheit nachzutrauern.

10 Gedanken zu „Veränderte wirtschaftswissenschaftliche Standards

  1. Angesichts der dissonanten Ergebnisse dieser Wissenschaft für die Gesellschaft scheint es gleichgültig, wer wo und in welcher Sprache publiziert. Es ist mehr ein Problem der Karriere-Planung in der Hochschule selbst und der begleitenden Selbstbeweihräucherung und -überhöhung. Für die Karriere-Planung außerhalb der Hochschule ist unter internationalen Aspekten der Ruf der besuchten Universität mit den dort geknüpften Verbindungen interessant. In den Sechzigern haben wir uns schon mit Paul Samuelson (und darauf aufbauend Erich Schneider) herumschlagen müssen, wobei die Umsetzung von Lehrmeinungen in mathematische Formeln keine Fremdsprachen- Aversionen (wohl aber solche gegen Mathe) zuließ.

    • Die Karriere-Planung in den Hochschulen wirkt jedoch auf den ganzen Wissenschaftsbetrieb zurück, also wer was wie erforscht und auch lehrt oder in die Öffentlichkeit trägt.

      Für die Planung einer Karriere außerhalb der Hochschulen denke ich, dass bis heute ein normales Studium bis zum Master karriereförderlich ist (natürlich in Abhängigkeit davon, was man später machen will – als Handwerker braucht man kein Studium, auch wenn dafür jetzt Berufsbachelor eingeführt werden sollen). Deutsche Hochschulen müssen sich da auch nicht verstecken. Die relevanten internationalen Unterschiede beginnen bei der Promotion (das Studium ist natürlich auch unterschiedlich, aber hüben wie drüben vorteilhaft). In den USA lohnt diese nur für eine wissenschafliche Karriere (wie hierzulande die Habilitation), in Deutschland kann man damit auch in Wirtschaft und Staat seine Karrierechancen weiter verbessern, allerdings sehr langfristig und mit Risiken, so dass selbst sehr gute Absolventen sich oft dagegen entscheiden.

      • Ich habe mich bewusst gegen eine Promotion entschieden. Ich sah zu große Risiken und eher theoretische Chancen. Vielleicht werde ich mal nebenberuflich promovieren. Das wäre dann aber nur für mich und weniger aus Karrieregründen. Realistisch gesehen, wird aber auch das nicht passieren. Der Zeitaufwand ist zu hoch, da sind mir ein Privatleben und soziale Kontakte doch wichtiger. Darüber hinaus braucht man natürlich auch einen Doktorvater, der in der Regel aber eine Lehrstuhltätigkeit als Gegenleistung möchte. Und ein gekaufter Titel irgendwo im Ausland ist unter jeder Würde.

      • Es gibt durchaus noch Chancen, insbesondere in großen Unternehmen. Eine FH-Professur wird dann auch zu einer Option. Es gibt durchaus viele, die extern promoviert werden. Das machen allerdings nicht alle Kollegen, während ich dabei keine inhaltlichen Abstriche machen würde. Titelkauf, ob legal oder sogar illegal, ist natürlich nur peinlich.

      • Mir fallen kaum Situationen ein, in denen eine Promotion von Nachteil ist. Für manche Stellen gilt man vielleicht als überqualifiziert, aber umgekehrt erhält man Zugang zu Stellen, die einem ohne Promotion verwehrt bleiben.

        Zum Beitrag von Ehrmann und Prinz: Die abfälligen Kommentare des Kollegen Bachmann auf Twitter sind aus meiner Sicht indiskutabel.
        Eines der größten Probleme ist aus meiner Sicht die Fixierung auf die Top-5-Journale. Es ist doch oft eher Zufall, ob man gerade ein Thema bearbeitet, das den entsprechenden Gutachtern bzw. Herausgebern gefällt. Die Entscheidungsprozesse zur Bewerberauswahl werden außerdem von der berufenden Universität hin zu anonymen Kollegen verlagert, was man kritisch bewerten kann.

      • Wie Herr Burger richtig ausführt, kommt es auf die Opportunitätskosten an. Geschenkt wäre eine Promotion fast immer von Vorteil (solange sie nicht alle geschenkt bekommen), aber sie „kostet“ zwei bis fünf Jahresgehälter, die man dann später erst wieder aufholen muss, bevor sie sich finanziell lohnt. Wer gerne wissenschaftlich arbeitet, hat wenigstens weniger Arbeitsleid, aber ebenfalls zusätzliche Risiken zu tragen (Promotionsverfahren können auch scheitern oder die Arbeitsmarktchancen eintrüben).

        Die Beschränkung auf ein, zwei Artikel in wenigen Spitzenjournalen halte ich gleich in mehrfacher Hinsicht für ein Problem. Die Wahl der richtigen Themen ist allerdings kein reiner Zufall. Man richtet seine ganze Forschung auf diese Journale aus, was ebenfalls eines der Probleme ist. Um das Risiko zu verringern, sollte man engen Kontakt zu den Herausgebern und anderen US-Spitzenforschern suchen. Denn was aktuell in diesen Zeitschriften steht, sind die angesagten Themen von vor fünf Jahren.

      • Eine Promotion zwecks einer FH-Professur ist sicherlich ein wichtiges Argument, das für eine Promotion spricht.

        Eine Promotion hilft oder ist sogar erforderlich, um an Führungspositionen in Behörden/Ministerien zu gelangen. Ansonsten ist sie ein Signalling, das mitunter sicherlich auch in der freien Wirtschaft von Vorteil sein kann, aber für gewöhnlich kein Muss ist.

        Diese Vorteile sind für mich aber eher theoretischer Natur, da keine Garantie gegeben ist, dass man auch wirklich in eine solche gelangt. Hierfür ist auch eine gehörige Portion Glück und ein nicht zu vernachlässigendes Karrierestreben notwendig. Kurzum: Die Erfolgsaussichten korrelieren in eher geringem Maße mit der fachlichen Leistungsfähigkeit, die Fähigkeiten Netzwerke zu bilden ist von wesentlich größerer Bedeutung.

        Die Opportunitätskosten einer Promotion müssen ebenfalls in die Entscheidungsfindung miteinbezogen werden. Man verbringt in der Regel mehrere Jahre an einem Lehrstuhl, wobei man mitunter prekären Beschäftigungsverhältnissen ausgesetzt ist. Geringe Jobsicherheit, bei Teilzeitanstellungen auch nur geringe Gehälter und generell eine große Unsicherheit/Ungewissheit. Möchte man am Ende in die freie Wirtschaft, dann verschiebt man den „Berufseinstieg“ nur um mehrere Jahre nach hinten. Und ja, die Luft da oben wird wirklich dünner. Wer geographisch nicht völlig beliebig und flexibel ist, ist definitiv schnell „überqualifiziert“. Wer also gedanklich oder bereits tatsächlich familiär gebunden ist und das persönliche Glück über Beruf und Karriere stellt, für den ist eine Promotion wahrscheinlich keine gute Idee. Völlig ungebunden mag das anders aussehen, da ist eine verlängerte Unizeit ein ziemliches Geschenk, wobei auch da ein Sättigungseffekt einsetzen dürfte.

        Ja, zu Promovierten wird aufgeschaut. Und ja, es mag ein wenig wurmen, wenn man weiß, dass man meistens über den besseren Master-Abschluss verfügen dürfte und deshalb hätte „mithalten können“. Aber letztlich ist die rationale Abwägung entscheidend. Ich befinde mich da auch in guter Gesellschaft: Die besten Absolventen meines Abschlussjahrgangs haben keine Promotion begonnen. Es sind nicht immer die besten Absolventen, die promovieren.

        M.M.n gehört der Dr. als Namensbestandteil abgeschafft. Das deutsche System setzt die falschen Anreize. Die Qualität der Promotion ist dann eben auch entsprechend niedrig, wie man an Giffey, VdL und Guttenberg sieht. Im Ausland ist man diesbezüglich schlauer.

      • Es soll vereinzelt auch noch Absolventen geben, die schlicht interessiert sind an der Wissenschaft und die Promotionsphase nutzen möchten, um sich intensiv mit einem oder mehreren aktuellen Themen aus der Wissenschaft zu beschäftigen. Solche Leute gehören auf Promotionsstellen.

      • Da sind wir einer Meinung. Wer tatsächlich wissenschaftlich arbeiten möchte, sollte selbstverständlich promovieren. Das Problem ist doch, dass in Deutschland vorwiegend aus Karrieregründen promoviert wird, weil sich dann der Namen ändert. Das führt dann eben zu lausiger Qualität (Medizin) und nicht selten sogar zu Betrug (Politik).

      • Ihre Schilderungen zeigen doch, dass das Promovieren aus Karrieregründen tendenziell abnimmt. Dadurch habe ich weniger Bewerber, die dafür jedoch im Schnitt stärker motiviert und besser geeignet sind.

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