Homeoffice und fließende Grenzen

„Wenn das Homeoffice das Privatleben infiltriert“, dann kann das zu Problemen führen, aber es hat auch Vorteile. Mein Beruf ist sicher untypisch, ich habe keine Anwesenheitspflicht und keine konkreten Vorgaben. Als ich noch in Münster wohnte, bin ich (fast) jeden Tag ins Büro gegangen. Das hat sich stark verändert, was nicht nur Arbeitswege spart (und den CO2-Ausstoss stärker senkt als die meisten Verbote), sondern die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben fast vollständig verschwimmen lässt. Dabei könnte ich in beiden Bereichen immer noch mehr tun und schalte selten wirklich ab, sehe dadurch aber auch keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Meinen Mitarbeitern schreibe ich übrigens zu beliebigen Uhrzeiten E-Mails, erwarte aber keine prompte Beantwortung. Das ist gerade ein Vorteil von E-Mails gegenüber dem Telefon. Außerdem halte ich das reine Absitzen von Zeit für sinnlos. Die besten Ideen können irgendwann und -wo kommen, auch im Schlaf.

16 Gedanken zu „Homeoffice und fließende Grenzen

  1. Vermutlich könnte man Heim-/ Telearbeitsmodelle noch ausweiten, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Ein Arzt muss beim Patient sein, ein Fabrikarbeiter an der Maschine. Die aktuelle Erderwärmung hält man dadurch nicht auf (was aus meiner Sicht angesichts der hohen Bevölkerungszahl auf der Erde und ihrer Bedürfnisse sowieso nicht machbar ist, aber das ist ein anderes Thema).

    • Der Arzt kann auch zum Patienten kommen oder bei sich zu Hause Sprechstunde abhalten. Videotelefonie bietet auch immer mehr Möglichkeiten. Ebenso lassen sich viele Maschinen aus der Ferne bedienen.

      Das deutsche Bestreben, dass Weltklima im Alleingang retten zu wollen, ist ohnehin absurd. Doch die rein politischen Vorgaben auf diese Weise zu erfüllen ist sicher besser als die übliche Verbots- und Subventionspolitik.

  2. Interessantes Thema.

    Ich gehe da grundsätzlich mit Ihrer Auffassung d´accord, bezweifle aber, dass die meisten Arbeitnehmer die Reife besitzen, in der Praxis verantwortungsvoll mit dem Arbeitsmodell „Homeoffice“ umzugehen.

    In einer Arbeitswelt, in der bloße Anwesenheit bezahlt wird und nicht Leistung, passen die Erwartungshaltungen von Arbeitnehmern nicht zu den Anforderungen leistungsorientierten und selbstverantwortlichen Arbeitens.

    Daran wird sich auch nichts ändern, so lange Arbeitnehmervertretungen und linke Parteien derartige Kampagnen fahren: https://www.publicomag.com/2019/08/die-spd-ein-drama-in-bildern/

    • Die SPD vertritt doch schon lange nicht mehr die Arbeiter oder auch allgemeiner normale Arbeitnehmer. Unter diesen gibt es viele, die sehr selbständig arbeiten können und wollen. Für den Rest halt die neue Technik eine Vielzahl von Überwachungsinstrumenten bereit…

      • Wen außer ihren eigenen Genossen-Seilschaften vertritt die SPD überhaupt?

        „Überwachungsinstrumente“ dürfen nach unserer arbeitgeberfeindlichen Gesetzeslage ja schon am Arbeitsplatz im Unternehmen so gut wie nicht eingesetzt werden (siehe Lidl und zahlreiche andere „Skandale“), auch wenn das technisch natürlich durchaus möglich wäre.

      • Überwachung der Mitarbeiter ist auch in Deutschland möglich, aber häufig setzt sie die Zustimmung der Betroffenen und/oder des Betriebsrats voraus. Weiterhin sind Leistungslöhne erlaubt, die an anderes messbares Kritierum als die reine Arbeits- bzw. Anwesenheitszeit anknüpfen.

      • Reine Leistungslöhne sind in festen Anstellungsverhältnissen nicht erlaubt. Nur eine leistungsabhängige Komponente, die maximal 1/3 des Einkommens betragen darf.

      • Beides.

        Aber Mindestlohn oder fixer Stundenlohn für Homeofficetätigkeit vom Bett aus, zum Beispiel Surfen im Internet (wie in der Werbung der Genossenpartei), ist ja wohl das Mindeste, was der deutsche Vollkaskoarbeitnehmer erwarten darf, oder … ?

      • Als Student in der Vor-68iger-Zeit hatte ich in einem meiner Kernfächer sehr schlechte Erfahrungen mit der fehlenden Präsenz des Hochschullehrers gemacht: Der Seminarbetrieb und die Diplomanden- und Doktoranden- Betreuung wurde unkontrolliert den Hauptassistenten überlassen, unkontrolliert auch insofern, als der Kontakt zwischen Studenten und Lehrer als Feedback praktisch nicht möglich war. Gleichgelagerte Erfahrungen flossen in die 68-iger Bewegung an den Unis ein. Als Unternehmer mit hochqualifizierten Angestellten hatte ich die Arbeit so organisiert: Gleitende Arbeitszeit mit Kernarbeitszeit. Die Kernarbeitszeit diente u.a. der geregelten „überfraktionellen“ Kommunikation mit dem Ziel der wechselseitigen Qualitätsverbesserung und -sicherung sowie der Terminkontrolle (besonders in der Betriebsstättenplanung). Ich sehe bis heute keinen Ersatz in Form der schriftlichen Kommunikation. Wir hatten allerdings zu Beginn des Internet- Zeitalters geglaubt, dieses würde zu schrumpfendem Geschäftsreise-Verkehr (etwa durch visuelle Kommunikation) führen; das Gegenteil ist eingetreten und es hat seine Gründe. Freelancer in der IT sind sicher ein Sonderfall.

      • Ob Hochschullehrer ihre Veranstaltungen selbst halten oder nicht, ist ein ganz anderes Thema. Im Übrigen bietet das Internet heute ganz andere Möglichkeiten, als sie vor mehr als 50 Jahren existierten.

      • Alexander Dilger
        sagte am 19/09/2019 um 12:46 :“Im Übrigen bietet das Internet heute ganz andere Möglichkeiten, als sie vor mehr als 50 Jahren existierten. “
        Na ja- durch die berufliche Tätigkeit meiner Ehefrau https://t1p.de/l3xto3 habe ich schon auch einen aktualisierten Blick auf die Möglichkeiten.

      • Aber würden Sie und Ihre Frau nicht zustimmen, dass sich die Bedingungen wesentlich geändert haben (wenn auch nicht in jeder Hinsicht)?

      • Die 68er Bewegung hat keine Sanktionsmöglichkeiten bei derartigem Fehlverhalten von Hochschullehrern gebracht. De facto sind solche Stellen Belohnungen für wissenschaftliche Leistungen in jungen Jahren.

      • Es ist komplizierter. Jüngere Wissenschaftler sollen tatsächlich angereizt werden, während die hauptamtlichen Professoren viele andere Aufgaben übernehmen. Ich kenne auch Kollegen, die selten vor Ort sind, aber anderswo eher noch mehr arbeiten.

      • Sicher übernehmen Professoren viele Verwaltungsaufgaben, die aber teilweise auch der Erstellung der Fünfjahrespläne in der DDR ähneln, sprich, reine Beschäftigungsmaßnahmen sind.

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