Führen zu viele Ersparnisse zu Negativzinsen?

Carl Christian von Weizäcker meint von den Notenbankern: „Sie sind alle Getriebene“. Er argumentiert, dass sie nicht wirklich die Zinsen setzen und eigenständige Geldpolitik machen könnten, sondern nur Marktprozesse umsetzen würden. Der wahre Zins würde sich aus Angebot und Nachfrage ergeben. Da immer mehr gespart würde, während die Nachfrage nach Kapital sinke, wäre der aktuelle Negativzins tatsächlich der Marktzins. Für wieder positive Zinsen könnten nur die Staaten durch deutlich größere Verschuldung sorgen.

Das halte ich aus mehreren Gründen für nicht richtig. Der Marktzins sinkt bei einem Überangebot an Ersparnissen, aber minimal auf null. Der Nominalzins wird nur durch einige Zentralbanken wie die EZB negativ gesetzt und dies dann mit staatlichem Zwang durchgesetzt. Jeder Sparer, der kann, entzieht sich den Negativzinsen und hortet dann lieber zinslos Geld. Wenn das auf Bankkonten nicht mehr geht, hortet er Bargeld, was mit gewissen Kosten verbunden ist, weshalb minimal negative Nominalzinsen sogar gezahlt werden könnten, aber keine substanziellen.

Auch auf der Nachfrageseite wirken zunehmend negative Zinsen nicht so wie fallende positive Zinsen. Positive Realzinsen beschränken die Menge der sinnvollen Investitionen, weil solche mit einer Rendite darunter nicht zum Zuge kommen. Wenn der Realzins null wird, sind keine sinnvollen Investitionsprojekte mehr übrig (oder nur solche, die nicht durch den Zins, sondern andere Restriktionen verhindert werden). Durch negative Zinsen könnten höchstens noch Projekte mit negativer Rendite lohnend werden, die aber von sich aus nicht sinnvoll sind (von Spezialfällen abgesehen), sondern Werte vernichten. Hinzu kommt, dass bei negativen Zinsen auch auf Nachfrageseite das Horten von Geld lohnend wird und sogar sinnvolle Investitionen verdrängen kann, weil letztere mit Risiken verbunden sind, während das reine Halten von Geld bei Kreditaufnahme mit negativem Zins ein Arbitragegeschäft ist, also risikolosen Gewinn verspricht.

Weiterhin ist es fraglich, ob tatsächlich die Ersparnisse zunehmen und die Investitionsmöglichkeiten abnehmen. Zumindest in Deutschland ist die Sparquote privater Haushalte niedriger als vor einer Generation, während die Demographie zu hohen nicht ausgewiesenen Verbindlichkeiten führt und die spätere Auflösung von Erspartem erwarten lässt (auf diesen Punkt komme ich in einem eigenen Beitrag zurück). In China wird wegen des starken Wachstums heute absolut mehr gespart, aber eben auch viel mehr investiert. Weltweit gibt es heute viel mehr Investitionsmöglichkeiten als früher, nur sind diese nicht risikolos.

Das führt zurück zu der Diskussion mit Rüdiger Bachmann, ob die hochentwickelten Staaten nicht mehr Anleihen ausgeben müssten, um ein sicheres Anlagegut bereitzustellen. ‚Geld als sicheres Anlagegut‘ wäre eine Alternative, insbesondere wenn die Zentralbanken auf Negativzinsen verzichten würden. Außerdem sollten sie nicht selbst die meisten Staatsanleihen kaufen, wenn ein Mangel an diesen das eigentliche Problem ist. Folglich kann auch Herrn von Weizsäckers Argumentation den Kurs der EZB nicht rechtfertigen.

24 Gedanken zu „Führen zu viele Ersparnisse zu Negativzinsen?

  1. Fakt ist, dass die ursprünglich aus den USA stammende Sparflut-Hypothese auch in Deutschland immer mehr Anhänger findet und nicht einfach beiseite gewischt werden kann. Demgegenüber steht die naheliegende Hypothese der Bankenschwemme. Vielleicht ist an beiden Hypothesen etwas Wahres dran und „Markt“ und „Staat“ schaukeln sich gegenseitig hoch? Nach dem wiederkehrenden Muster: Die Bürger sparen immer mehr, Inflation und Wirtschaftswachstum sinken, die Geldpolitik wird noch expansiver und die Bürger sparen noch mehr, weil sie bei einem niedrigerem Zins ja mehr Geld für dieselbe Summe im Alter zurücklegen müssen? Und dann geht es immer so weiter?

    Mag sein, dass die Sparquote gefallen ist, aber ist sie es weltweit? Wilhelm Hankel sagte mal, dass selbst die Menschen in den Entwicklungsländern sparen (und eines der Hauptprobleme dieser Länder darin bestünde, dass es keinen leistungsfähigen Finanzsektor gäbe, der diese Ersparnisse in produktive Investitionen umlenken könne).

    • Die Bürger sparen aber nicht immer mehr, schon gar nicht in den USA, aber auch nicht in Deutschland und relativ gesehen auch nicht in China. Was sich wohl tatsächlich verändert hat, ist, dass in vielen Ländern inzwischen der Unternehmenssektor ein Nettosparer ist, während er traditionell ein Nettoschuldner war, der die Ersparnisse der Privathaushalte in Investitionen tranformierte. Die neue Lage ist aber keine Überersparnis im herkömmlichen Sinne, sondern deutet eher auf ein Unterinvestitionsproblem hin. Die Unternehmen sehen nicht genug Investitionsmöglichkeiten trotz der Negativzinsen. Weitere Zinssenkungen ändern daran aber nichts mehr. Helfen würden positive Erwartungen für die Zukunft, zu denen die EZB jedoch nichts beiträgt. Sie signalisiert doch gerade, dass der Krisenmodus noch viele Jahre anhalten soll.

      • Die grüne Lobby wüsste genug, in das man investieren könnte, Stichwort Energiewende, und viele Unternehmen springen auf diesen Zug auf. Aber der richtige Durchbruch ist noch nicht zu erkennen.

      • In der Regel sind das keine echten Investitionen (höchstens betriebswirtschaftlich durch hohe Subventionen, aber dann deswegen volkswirtschaftlich nicht), aber viel Geld kann man dafür natürlich ausgeben.

      • Die Unterinvestition ist aber doch Teil der Sparschwemmen-These und erklärt ebenso einen Ersparnisüberhang, der zu fallenden Zinsen führen muss. Macht es da nicht Sinn, als Staat die Verschuldung zu erhöhen, indem Wirtschaft und Bürger steuerlich entlastet und rentierliche Investitionen getätigt werden?

      • Überersparnis und Unterinvestition sind nicht dasselbe, auch wenn sie jeweils zu S > I führen (bzw. zu wirtschaftlichen Problemen, um ex post die Identität von S und I herzustellen). Je nach Ursache des Problems sind andere Lösungen gefragt. Tatsächlich würde es gleich auf mehrfache Weise helfen, wenn der deutsche Staat wieder mehr investieren würde (wozu bei Rekordsteuereinnahmen nicht unbedingt mehr Schulden nötig wären). Die Nettoinvestitionen des deutschen Staates ingesamt sind seit dem Amtsantritt von Frau Merkel negativ. Insbesondere in den Kommunen wird desinvestiert.

      • Tatsächlich meinte ich, dass wir ein Problem haben, wenn S > I ist. Realwirtschaftlich ist es natürlich ein Unterschied, ob nun das S zu groß ist oder das I zu klein (ob also ggf. zu wenig in den Kapitalstock investiert wird oder ob „nur“ zu wenig konsumiert wird). Aber ist diese Frage auch relevant für den Geldmarkt oder kommt es hier nicht ausschließlich auf die Differenz zwischen S und I an, um prognostizieren zu können, dass der Zins sinken muss?

      • S > I ist nur in den Plänen möglich, ex post setzt sich immer die Identität S = I durch (wenn wir einmal vom Außenhandel absehen oder die Sache global betrachten). Ein Anpassungsmechanismus kann der Zins sein, ein anderer ein Wirtschaftseinbruch oder unfreiwillige Investitionen in Form unbeabsichtigter Lagerbestände.

        Nun haben wir keinen Marktzins, sondern dieser wird von den Notenbanken gesetzt. Diese können dabei Marktprozesse simulieren, müssen das aber nicht. Sollten z. B. fallende Zinsen zu steigenden Ersparnissen führen (weil die Privathaushalte bestimmte Sparziele erreichen wollen) oder zu sinkenden Investitionen (weil das Zukunftsvertrauen weiter sinkt oder bei negativen Zinsen nur noch spekuliert wird), dann wären sie kontraproduktiv und sollten vermieden werden. Ebenso ist es problematisch, wenn die Zentralbank den Marktteilnehmern von ihnen gewünschte Anleihen wegkauft. Diese weichen dann nicht unbedingt auf Konsum und Investitionen aus, sondern könnten auch Geld horten oder in Anlageformen mit gefährlicher Blasenbildung stecken.

        Das tatsächliche Dilemma der EZB dürfte sein, dass sie nicht die richtigen Instrumente für die gegenwärtige Sondersituation hat, so dass sie diese eigentlich nur verschlimmern kann. Die Staaten müssten handeln, was aber gerade durch den Euro als Gemeinschaftswährung erschwert wird. Eine aufwertende D-Mark hat den deutschen Sonderweg neutralisiert, was jetzt nicht mehr der Fall ist.

      • Danke für Ihre Erläuterungen, denen ich voll zustimme. Wobei ich durchaus glaube, dass der Marktzins relativ niedrig ist, aber die Notenbanken alles noch schlimmer machen, indem sie die Wirtschaft ankurbeln wollen, ohne tatsächlich erreichen zu können, dass unrentable Investitionen plötzlich rentierlich werden oder die Menschen aufhören zu sparen (sie wechseln eher die Anlageform und investieren z.B. in Aktien).

      • Ja, der Marktzins wäre niedrig bzw. ist es global, aber nicht nominal negativ. Hauptgrund ist die relativ unsichere Lage der Weltwirtschaft, zu der EZB und Euro beitragen.

      • Wer Aktien kauft, investiert doch gerade und spart nicht.

      • Individuell mögen Sie das so empfinden, doch volkswirtschaftlich ändert sich an der Menge des Geldes und der Aktien nichts, wenn Sie Aktien von einem anderen Aktionär erwerben. Nur wenn eine Aktiengesellschaft neue Aktien ausgibt, kann sie diese für reale Investitionen verwenden oder auch nicht.

      • Ok, und spielt es keine Rolle, dass durch mein Kaufen von Aktien der Preis marginal nach oben getrieben wird? Marginal erhöht sich also das Investitionspotential für den Fall, dass die AG sich neues Kapital verschaffen möchte.

      • Ihrem Kauf steht notwendigerweise ein Verkauf gegenüber, der Nettoeffekt ist unbestimmt. Das Potential wird ohnehin erst wirksam, wenn eine Aktiengesellschaft neue Aktien ausgibt und das eingenommene Geld dann investiert. Durch Aktienrückkaufe wird übrigens auch der Kurs erhöht, aber gerade nicht investiert, jedenfalls nicht von der Aktiengesellschaft.

      • Käufe treiben aber doch generell den Preis. Wenn es für einen bestimmten Preis keine Käufer gibt, fällt der Preis. Umgekehrt steigt er bei höherer Nachfrage.

      • Der Aktienmarkt ist fast perfekt, zumindest für große Standardwerte. Kleinaktionäre wie wir sind reine Preisnehmer. Eine substanzielle Zusatznachfrage treibt tatsächlich den Preis. Doch dass es täglich viele Käufer gibt, wird bereits erwartet und ist eingepreist.

  2. Wir Deutschen sparen zuviel???
    Es wurde uns doch jahrzehntelang eingetrichtert, dass wir mehr für das Alter vorsorgen sollen…!?!

      • Würde es nicht sowieso im Erwartungswert mehr Rente bringen, wenn man gar nichts mehr in die Rentenversicherung einzahlen würde und stattdessen das freiwerdende Geld in Aktien investieren würde?

      • Ja, individuell gilt das auf jeden Fall, weshalb ich auch das Geschimpfe von Herrn Meister nicht verstehe, dass er nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen muss (aber darf).

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