Geld als sicheres Anlagegut

Bei Twitter hatte ich eine kleine Diskussion mit Rüdiger Bachmann, einem in den USA lehrenden Makroökonomen. Er ist der Ansicht, dass Staatsschulden nicht nur einfach dazu da sind, Staatsausgaben zu finanzieren, sondern dass sie einen Marktfehler korrigieren, da sie eine sichere Geldanlage darstellen, die der Privatsektor nicht kreieren kann, aber stark nachfragt. Die aktuell negativen Zinsen ergeben sich dann einfach aus einem Marktprozess, da die Nachfrage größer als das Angebot ist. Gegebenenfalls sollten Staaten das Angebot erhöhen, also mehr Anleihen ausgeben.

Ein offensichtliches Problem dabei ist die Möglichkeit, dass auch Staatsschulden nicht sicher sein müssen, sondern ausfallen können, insbesondere in der Eurozone, in der die Staaten nicht mehr über eigene Währungen verfügen, sondern die EZB eine Gemeinschaftswährung steuert. Ich habe allerdings auf einen anderen Punkt hingewiesen, nämlich dass gerade bei Null- oder gar Negativzinsen Geld selbst die Funktion des sicheren Anlagegutes übernehmen kann. Das Gegenargument lautete, dass es nicht umsonst und risikolos möglich sei, große Mengen Bargelds zu halten. Das halte ich jedoch für eine politische Entscheidung, während Herr Bachmann eigentlich zeigen wollte, dass sich aus reinen Marktprozessen negative Zinsen und Gründe für zusätzliche Staatsschulden ergeben würden. So müsste die EZB nicht die 500 Euro-Scheine abschaffen, sondern könnte umgekehrt viel höherwertige Geldscheine kreieren bis hin zu Millionen- oder sogar Milliarden-Euro-Scheinen. Wenn es sich tatsächlich um Marktversagen handelt, sollten Staat und Notenbank dies korrigieren statt verschärfen.

Alternativ oder zusätzlich zu größeren Banknoten könnte die EZB Konten mit absolut sicherem Geld einrichten (oder auch digitale Euro schaffen). Herr Bachmann meinte, dass dadurch die EZB viele zusätzliche Aufgaben bekäme und viele Geschäftsbanken verdrängen würde. Aber es müssten keine Girokonten für den allgemeinen Zahlungsverkehr sein, sondern es würden reine Anlagekonten ohne Zinsen, weder positiv noch negativ, genügen, so wie es früher einmal die Möglichkeit gab, von der Bundesschuldenverwaltung seine Bundesanleihen verwalten zu lassen. Geschäftsbanken haben bereits Konten bei der EZB, nur dass diese inzwischen negative Zinsen für Einlagen berechnet.

Das wird damit gerechtfertigt, dass die EZB Deflation verhindern will. Es ist aber fraglich, ob das mit dauerhaft negativen Zinsen überhaupt möglich ist oder ob diese Krisen nicht nur anzeigen, sondern ihrerseits verstärken. Jedenfalls könnte Geld selbst eine sichere Form der Geldanlage sein. Bei höheren Zinsen werden Staatsanleihen attraktiver, aber bei Null- und Negativzinsen sind sie es nicht. ‚Negative Zinsen selbst für 30-jährige Bundesanleihen‘ führen nicht nur zu garantierten Verlusten über die gesamte Laufzeit, sondern haben auch die lange Laufzeit von 30 Jahren als Nachteil. Geld ist weniger riskant, auch wenn es wegen Inflation ebenfalls zu realen Wertverlusten führt. Doch zumindest der nominale Wert ist sicher und kann z. B. zum Begleichen von Geldschulden verwendet werden.

19 Gedanken zu „Geld als sicheres Anlagegut

  1. Wer soll uns davor schützen, dass „unser“ Geld (EURO) plötzlich / über Nacht nichts mehr Wert ist?

    Meiner Meinung nach muss man derzeit mit allem rechnen. Einigermaßen Sicherheit bieten da eigentlich nur Sachwerte, aber selbst die können enteignet werden.

    • Ich glaube immer noch, dass die Angst vor dem Zerbrechen des Euro ein wesentlicher Treiber für die nominal negativen Zinsen ist. Dazu kommen die Anleihenkäufe der EZB und nicht mehr zeitgemäße Regulierungen, die viele institutionelle Anleger in Staatsanleihen treiben.

      • Das sind alles Faktoren, die eine Rolle spielen. Rechnen muss man aber in unserer heutigen Scheindemokratie mit allem.

      • Negativzinsen gibt es in dieser Form bislang nicht in den USA, dafür schon lange in Japan, welches damit nicht unbedingt gute Erfahrungen gemacht hat. Jedenfalls setzen die Notenbanken die Leitzinsen und beeinflussen zunehmend auch die Anleihenzinsen direkt durch ihre Aufkäufe. Die spannende Frage ist, warum es dadurch nicht zu Inflation kommt. Die Preise von Vermögensgütern steigen übrigens stark an, wie man es bei solchen Zinsen auch erwarten würde. Das Geld wird jedoch offensichtlich nicht verstärkt in den Konsum gesteckt, z. B. weil die Löhne nicht entsprechend steigen oder auch die Kreditvergabe der Banken nicht entsprechend gestiegen ist.

  2. Offensichtlich wollen die Zentralbanken ja die Funktion des Geldes als Wertspeicher aufheben. Wir sollen es ausgeben, nicht horten. Damit ergeben sich aber zwei Probleme:
    1) Auch künftig werden Menschen nach einem „sicheren“ Speicher für ihr Geld suchen. Wer wird diese Rolle übernehmen? Kryptowährungen? Spezielle „value conservation funds“ mit einem Mix aus schwankungsarmen Aktien, Anleihen, Edelmetallen und anderen Assets, die so ausgewählt sind, das sie negativ korrelieren?
    2) Was werden die tieferen Folgen für unsere Mentalität und Gesellschaft sein? Werden Sparsamkeit und Umsicht beim Geldausgeben verlacht werden? Wie verträgt sich das mit der Askese, die an anderer Stelle gepredigt wird (Klimaschutz)? Nimmt die Spaltung zu in eine kleine Schicht von Gewinnern, die auch in der neuen Welt ihr Geld vermehren und eine große Schicht von Verlierern, die überhaupt nicht mehr an der Vermögensbildung teilnehmen?
    In jedem Fall scheinen mit die Folgen einer solchen Politik für Wirtschaft und Gesellschaft tiefgreifend und noch kaum diskutiert zu sein.

    • Sie werfen gleich mehrere Interessante Fragen auf.

      Insgesamt scheint mir die gesamte Finanzpolitik (insbesondere die der Banken für Privatkunden) zunehmend darauf ausgerichtet zu sein, dass der Mensch von kontinuierlich zu erzielenden Einkünften, wie sie in dieser Gleichmäßigkeit typischerweise nur in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen oder durch staatliche Alimentierung erzielt werden können, zu leben hat und sich gefälligst nicht mehr selbst über höhere frei verfügbare Beträge absichern dürfen soll.

      Ist das bereits das Fanal einer bevorstehenden ultimativen Versklavung?

    • Ja, die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes wird zerstört und Sparen soll möglichst unattraktiv gemacht werden. Dagegen werden unsinnige „Investitionen“ mit negativer Rendite plötzlich lohnend.

      • Weche ‚unsinnige(n) “Investitionen” mit negativer Rendite‘ genau meinen Sie?

      • Jede Investition mit negativer Rendite ist eine Fehlinvestition. Bei negativen Zinsen gibt es natürlich immer noch Investitionsprojekte mit positiver Rendite, doch gerade wenn der negative Zins betragsmäßig gesteigert wird, kommen nur noch sinnlose Projekte hinzu (das gilt schon für real negative Zinsen und noch stärker für nominal negative).

      • Ich bin in diesem Punkt ja völlig bei Ihnen und auch bei Herrn Brinkmann, der weiter unten völlig zu Recht fragt, warum sich irgend jemand Staatsanleihen mit Negativzins ins Portefeuille legt. Aber unter einer „Investition“ verstehe ich persönlich nicht unbedingt den Kauf von Staatsanleihen. Die haben für mich doch eher den Charakter der bloßen Geldaufbewahrung.

      • Der Anleihenkauf ist eine Form des Soarens. Der Schuldner kann das Geld verkonsumieren oder mehr bzw. weniger gut investieren.

      • Schon klar. Und wenn ich mir so ansehe, was unsere Regierung mit dem Geld so macht, weiß ich genau, warum ich mir noch nie solche Anleihen gekauft habe und auch künftig keine kaufen werde. Egal, wie gut oder schlecht sie verzinst werden.

  3. Richtig; das habe ich auch noch nie verstanden, warum sich irgend jemand Staatsanleihen mit Negativzins ins Portefeuille legt.
    Allenfalls könnte ich mir vorstellen, dass Banken das tun, um mit den Staatsanleihen als Sicherheiten Basisgeld bei der EZB als Kredit zu bekommen.

    Aber eigentlich wäre das Problem ja leicht zu lösen: Man müsste diejenigen, die solches Zeug kaufen, einfach nur befragen.

    • Der mit Abstand größte Käufer deutscher Staatsanleihen ist inzwischen die EZB (zusammen mit der Bundesbank). Deutsche Privatanleger kaufen sie fast gar nicht mehr, was bei den Negativzinsen auch keinen Sinn macht.

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