Negative Zinsen selbst für 30-jährige Bundesanleihen

„Jetzt ist die Finanzwelt endgültig auf den Kopf gestellt“, denn selbst 30-jährige Bundesanleihen werfen nur noch eine nominal negative Rendite ab, was damit auf 97 Prozent aller gehandelten Bundesanleihen zutreffen soll. „Die Minuszinsen der EZB wirken wie eine Steuer auf Ersparnisse“. Die Sparer in der Eurozone verlieren derzeit nach Berechnungen der Deutschen Bank 160 Milliarden Euro im Jahr, wobei es sich um eine Nettorechnung handelt. Wenn man die Bruttogeldvermögen der Privathaushalte heranzieht ohne Gegenrechnung der Schulden, ergeben sich nach derselben Methode sogar Zinsausfälle in Höhe von 390 Milliarden Euro. Dabei sind Gewinner und Verlierer sehr ungleich verteilt. Deutschland insgesamt ist der größte Verlierer, während der deutsche Fiskus etwas profitiert (aber auch nicht übermäßig, da er sich z. B. trotz der Negativzinsen nicht stärker verschuldet, als wenn es keine öffentlichen Investitionsmöglichkeiten mit positiver Rendite mehr gäbe).

Es ist aber kein reines Verteilungsproblem, beim dem nur scheinbar die reichen Sparer an die armen Schuldner etwas abgegeben müssen (die Vermögen in Deutschland sind im europäischen Vergleich besonders klein, aber besonders ungünstig angelegt, während auch finanzstarke Unternehmer bzw. deren Eigentümer von den Negativzinsen profitieren können). Volkswirtschaftlich fällt der Zins als geeignetes Instrument für die Kapitalallokation aus. Bereits negative Realzinsen führen dazu, dass Investitionen mit negativer Rendite, die Werte vernichten, lohnend sein können. Das gilt insbesondere auch für Erwartungswerte, also das Eingehen zu hoher Risiken. Das verstärkt sich noch bei negativen Nominalzinsen.

Auf Dauer haben negative Zinsen auch nicht die konjunkturell belebende Wirkung, wegen der sie angeblich von der EZB verordnet werden. Viele Menschen könnten ihretwegen mehr statt weniger sparen, um bestimmte Ziele der Vermögensbildung zu erreichen. Außerdem führen Null- und Negativzinsen zur Blasenbildung an den Immobilien- und Aktienmärkten. Wenn man deren Platzen erwartet, kann es durchaus sinnvoll sein, Geld zinslos oder schlimmstenfalls mit negativem Zins zu halten. Insgesamt ist die Lage keineswegs gut und stehen kaum noch Instrumente bereit, wenn die nächste Krise kommt.

63 Gedanken zu „Negative Zinsen selbst für 30-jährige Bundesanleihen

  1. Ich teile die Kritik an der Niedrig- bzw. Minuszinsen. Aber ist die EZB wirklich allein dafür verantwortlich? Man sagt ja, dass die Geldpolitik vor allem Einfluss auf die kurzfristigen Zinsen hat. Aber auch die langfristigen Zinsen sind seit Jahren niedrig. Könnte dies nicht auch an der hohen Sparquote einer alternden Bevölkerung und zu wenig renditeträchtigen Investitionsmöglichkeiten liegen? Schließlich wird das langfristige Wirtschaftswachstum vor allem vom Bevölkerungswachstum determiniert – und zumindest Europa schrumpft nun einmal. Zudem fehlen vielleicht die Treiber für einen künftigen Produktivitätsschub (womöglich gibt es Potenziale durch Künstliche Intelligenz).

    Mir geht es einfach darum, die Kritik an der EZB zu schärfen und unberechtigte Kritik, die von der Gegenseite schnell als populistisch oder unwissenschaftlich abgetan werden könnte, zu vermeiden.

    • M. E. wird der Run auf Bundesanleihen nicht von Kleinanlegern, vielmehr von Banken und institutionellen Anlegern erzeugt, wobei diese Anleihen wegen der „schwarzen Null“ knapp sind.
      Für die kurstreibende (und damit Rendite senkende) Nachfrage gibt es folgende Gründe:
      – Negativer Einlagenzins der Banken bei der EZB von 0,4 % (0,5 % werden erwartet), die diese an Großkunden ganz oder teilweise weiterreichen,
      – Mit der EZB konkurrierende Nachfrage nach Bundesanleihen seitens der Banken, Versicherungen u.a., die solche Anleihen zur Reduzierung von Eigenkapitalanforderungen und aus Liquiditätsgründen benötigen,
      – Parken von Erlösen aus Aktienverkäufen wegen der Unsicherheiten am Aktienmarkt.
      Da die EZB mit dem Kauf von Staatsanleihen über 2,5 Billionen Euro Liquidität erzeugt hat, hat der Langfrist-Zins als Knappheitsanzeiger für Investitionen seine Steuerungs- Funktion verloren.
      Was die Sparneigung anbetrifft: Gerade müssen wir erleben, dass das Rezept von Kostolany, in einen breiten Aktienmarkt zu investieren (etwa mit ETFs) und sich dann schlafen legen, zumindest auf Deutschland bezogen nicht mehr gilt. Gerade CDU geführte Bundesregierungen haben im Verein mit der EU die Axt an die Wurzeln unserer Wirtschaft gelegt (unter dem Einfluß der asiatischen Newcomer-Konkurrenz wahrscheinlich irreparabel).

      • Es ist auf jeden Fall sinnvoll, seine Vermögensanlage global zu streuen, vielleicht sogar mit einer Untergewichtung Deutschlands statt des typischen Home-Bias. Bislang sind langfristig die US-Aktien am besten gelaufen, was jedoch keine Garantie für die Zukunft ist.

    • Ich habe nicht geschrieben, dass allein die EZB für die Null- und Negativzinsen verantwortlich ist. Es gibt auch noch andere Ursachen und vergleichbare Probleme an anderen Orten der Welt, insbesondere in Japan. Die EZB setzt jedoch die (kurzfristigen) Leitzinsen und beeinflusst auch die langfristigen Zinsen sowohl direkt (z. B. durch Anleihenkäufe) als auch indirekt (durch Erwartungsbildung). Sollte jetzt übrigens die Demographie der Hauptgrund für zu viel Ersparnisbildung sein, dann droht ein großer Crash mit riesigen Vermögensverlusten und Inflation, wenn die heutigen Sparer im höheren Alter ihre Ersparnisse nutzen wollen.

      • Am sichersten sollte man sich fühlen, wenn alle Welt von einem baldigen Crash spricht, da dieser genau dann nicht kommt. Ich erinnere mich an keinen Crash, der im Vorfeld prognostiziert werden konnte. Im Nachhinein ist immer alles ganz offensichtlich, aber die Menschheit ist zu Zeitreisen nicht in der Lage.

      • Doch ist ein solcher Crash in Zukunft nicht ganz unabhängig von der Geldpolitik eine reale Gefahr? Der demographische Wandel betrifft weite Teile der westlichen Welt (Deutschland, Italien und Japan ganz besonders). Es ist doch wahrscheinlich, dass binnen weniger Jahre riesige Geldvermögen aufgelöst werden. Aus meiner Sicht ist das eine tickende Zeitbombe.

      • Es wollen aber nicht alle Sparer auf einmal ihre Ersparnisse nutzen, sodass die Grundvoraussetzung für einen Crash nicht gegeben ist.

      • Eine große Generation will jetzt sparen und demnächst entsparen. Das ist auf jeden Fall ein Problem, auch wenn es (allein) nicht zum Crash führen muss.

      • Dem stimme ich zu. Leider sind die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge den meisten offenbar nicht geläufig.

      • Sind nicht die globalen Konflikte (z.B. die Handelsstreits) ein viel größeres Risiko für die wirtschaftliche Stabilität?

      • Das ist ein zusätzliches Risiko. Vielleicht kommt Donald Trump noch zur Vernunft, wenn die Konsequenzen seiner falschen Wirtschafts- und Handelstheorien zu schmerzhaft werden, oder er wird deswegen abgewählt.

      • Den heutigen Sparern (und Kapitalanlegern) wird auf Grund der realen demographischen Situation (nicht „Entwicklung“ – die liegt schon hinter uns) gar nichts anderes übrig bleiben, als ihr eigenes Erspartes und Vermögen für die eigene Altersversorgung zu nutzen. Rente im bislang gewohnten Umfang wird es für unsere Generation nicht mehr geben. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Nur Dummköpfe verlassen sich auf gesetzlich vorgeschriebene Versorgungssysteme mit dem Gütesiegel „Generationenvertrag“ (Ausbeutung der künftigen Generationen).

      • Der demographische Wandel betrifft nicht nur die gesetzliche Rentenversicherung, sondern auch die private Vorsorge, insbesondere da er in allen wichtigen Volkswirtschaften gleichzeitig stattfindet.

      • Private Vorsorge basiert aber nicht auf Umverteilung zu Lasten künftiger Generationen. Auf so einem unnachhaltigen Unfug basieren nur die gesetzliche Rentenversicherung (jedenfalls in Deutschland und einigen anderen „Wohlfahrtsstaaten“) und natürlich die Altersversorgung für Beamte.

      • Private Altersvorsorge ist nicht frei von demographischen Problemen. Wer die Hauptlast der umlagefinanzierten gesetzlichen Rente tragen muss, ist nicht ausgemacht. Wenn Sie sie ersatzlos abschaffen, sind doch nicht künftige Generationen davon betroffen, sondern die aktuellen (woraus folgt, dass das politisch nie durchsetzbar sein wird).

      • @alexander Dilger

        „Wer die Hauptlast der umlagefinanzierten gesetzlichen Rente tragen muss, ist nicht ausgemacht.“
        Wie bitte? Tun Sie doch nicht so, als ob Sie das nicht ganz genau wüssten …
        Inzwischen bezahlt die Hauptlast der Steuermichel. Auch der, der selbst nichts aus diesem feudalsozialistischen Umverteilungssytem, das Junge und Selbständige ungefragt versklavt, bekommt.

        „Wenn Sie sie ersatzlos abschaffen, sind doch nicht künftige Generationen davon betroffen, sondern die aktuellen (woraus folgt, dass das politisch nie durchsetzbar sein wird).“
        Eben. Genau das ist doch das Problem. Die Jungen und künftige Generationen sollen unter Lasten ächzen, die ihnen von der Generation unserer Eltern und Großeltern aufgebürdet wurden, ohne sie zu fragen. Wenn man diese Versklavung künftiger Generationen endlich beendet, leiden diese nicht darunter, sondern werden geecht entlastet. Niemand kann etwas dafür, in so ein unfaires Schwachsinnssystem wie den „Generationenvertrag“ hinen geboren zu werden. Ihr Halbsatz in Klammern trifft allerdings leider zu. Genau deshalb wird dieses marode Teufelssystem ja seit Jahrzehnten auf Steuerzahlers Kosten zwangsbeatmet.

      • Wenn Sie sich weniger erregen würden, könnten Sie logischer denken. Sie fordern doch die ersatzlose Abschaffung der gesetzlichen Rente. Dann sind die jetzigen Rentner und älteren Beitragszahler die Dummen, die viel einzahlen mussten und dafür nichts mehr bekommen. Wenn das System später zusammenbricht, sind die dann Alten die Verlierer. Nur wenn das Rentensystem dauerhaft fortbesteht, bekommt jeder für seine Zwangszahlungen später auch eine Rente.

      • Offenbar haben Sie sich noch nicht so richtig mit der Realität in der Welt außerhalb Ihres professoralen Elfenbeinturms befasst. Da draußen sieht es so aus, dass sich die Zahl der Beitragszahler je Rentner seit Adenauers Rentenreform von 1957 ein klein wenig verändert hat. Damals standen jedem Rentner mehr als sechs Beitragszahler gegenüber. Heute sind es nicht einmal mehr zwei. Das reisst der heiligen Kuh DRV, die auch Sie unter keinen Umständen schlachten wollen, natürlich ein ganz gewaltiges Loch in die Kasse. Die Differenz gleicht der Deutsche Steuermichel über etwa 150 Mrd. € p.a. Zuschuss aus dem Bundeshaushalt aus. Tendenz steigend. Das muss Sie als Beamten natürlich nicht kümmern, so lange genügend Steuereinnahmen sprudeln, dass darüber hinaus auch die Beamtenpensionen bezahlt werden können (zur Zeit etwa 75 Mrd. € p.a., Tendenz ebenfalls stark steigend). Aber wie lange noch?

        Als 1968 Geborener wie Sie (oder 1963 Geborener wie ich), sollte man sich schon darüber im Klaren sein, dass die Zahl der Leistungsempfänger in der näheren Zukunft noch weiter stark ansteigen wird, während zugleich die Beitragszahler immer weniger werden. Letzteres liegt nicht nur an den heute deutlich niedrigeren Geburtenraten als in den 1960er Jahren, sondern vor allem auch am zunehmenden Brain Drain. Die Generation meiner Kinder (Ihre sind ja noch ein wenig jünger) hat längst erkannt, dass sie in Deutschland nur kaputtbesteuert werden wird und von diesem maroden Staat im Endstadium nichts mehr erwarten darf. Wer kann, sucht das Weite.

        Glauben Sie, dass es Frau Merkels neue Freunde schon richten werden? Ich nicht.

      • Die Probleme für die gesetzliche Rentenversicherung, aber auch die Staatsfinanzen kommen erst noch. Leider haben Sie die Tragweite nicht erkannt und außer Destruktion nichts anzubieten.

      • Die zu erwartende Tragweite ist mir wahrscheinlich besser bekannt als Ihnen. Ich für meinen Teil habe meine Vorkehrungen auch längst getroffen. Aber ich bin mir natürlich meiner relativ privilegierten Ausgangssituation bewusst.

        Otto Normalverbraucher wird in Bezug auf seine Rentenerwartungen leider kräftig Federn lassen müssen. Das ist jetzt nicht mehr zu ändern. Was mich sehr ärgert, ist die seit Jahrzehnten anhaltende Verlogenheit der Verantwortlichen aber auch aller Maximalprofiteure des derzeitigen Systems.

        Die Lösung indes ist einfach. Mehr als eine einheitliche steuerfinanzierte Grundrente (also eine Minimalrente) wird es künftig nur für diejenigen geben, die selbst privat vorgesorgt haben. Das war allerdings vor 35 bis 40 Jahren auch schon absehbar. Die Immer-noch-Fürsprecher und unverbesserlichen Systembewahrer wissen längst selbst, dass ihre Märchen von der „sicheren Rente“ nicht haltbar sind. Aber sie Lügen aus egozentrischen Gründen, dass sich die Balken biegen.

        Bedenkenswert und traurig ist daran vor allem, dass es den meisten derjenigen, die es besser wissen müss(t)en schlichtweg schnurzpiepegal ist, was sie mit ihrer Verlogenheit anrichten. Für alle gutgläubigen und unbedarften Beitragszahler wird es in spätestens zehn bis zwölf Jahren ein bitterböses Erwachen geben.

      • Sie sind doch gar nicht (gesetzlich) rentenversichert. Was Sie vorschlagen, ist doch das Schlimmstmögliche für alle Rentner, (älteren) Beitragszahler und auch Steuerzahler. Es wäre viel besser, den Übergang abzufedern.

      • Mit der „Abfederung“ des Übergangs hätte um 1970 herum begonnen werden müssen. Dann wäre ein schmerzfreier Übergang vielleicht darstellbar gewesen. Da unsere umverteilungssozialistischen Regierungen aber nicht nur allesamt „weiter so!“ gerufen und den Rentnern und künftigen Rentnern das Blaue vom Himmel versprochen haben, sondern obendrei die bis dahin nie einzahlenden DDR-Bürger mit in dieses schreckliche Kinder- und Kindeskinder-Ausbeutungssystem aufgenommen haben, ist das jetzt nicht mehr möglich. Das wissen Sie im Grunde genauso gut wie ich. Warum leugnen Sie es?

      • Ich weiß, dass es nicht so ist, aber die Angelegenheit wurde hier schon hinreichend diskutiert und Sie sind von Ihrer Abneigung gegen Rentner und Ex-DDR-Bürger nicht abzubringen.

      • Ich habe keine Abneigung gegen Rentner oder Ossis auf Grund ihrer bloßen Herkunft. Es sind die Erwartungshaltungen und das Verhalten zahlreicher Vertreter dieser Personengruppen, die ganz einfach weltfremd sind. Das bedeutet aber nicht im Umkehrschluss, dass ich von vornherein etwas gegen Rentner oder gegen jeden Ex-DDR-Bürger hätte, wie Sie hier zu suggerieren versuchen.

      • Solange immer wieder Menschen (vielleicht sogar in zunehmendem Maße) in Aktien zur Altersvorsorge investieren, ist das System prinzipiell stabil. Probleme entstehen, wenn zu wenig Nachfrage danach besteht.

      • Es geht um Angebot und Nachfrage. Wenn das Angebot überwiegt, z. B. weil die nachfolgenden Generationen kleiner und finanziell schwächer sind, fallen die Kurse.

      • Und welche Faktoren schwächen die nachfolgenden Generationen am nachhaltigsten?
        – Umverteilungsrente von jung nach alt (so genannter „Generationenvertrag“).
        – Brain-Drain (vor allem ausgelöst durch Kaputtbesteuerung und „Generationenvertrag“).
        – Miserables Bildungsniveau der Zurückgebliebenen, einhergehend mit Verrohung und Werteverfall.
        – Mittelbare Zerstörung der Arbeitsmärkte durch Umweltgaga und Kaputtbesteuerung.

        Ich bin schon sehr gespannt, wann das sozialistische Umverteilungsparadies DDR 2.0 zusammenbricht. Ich gebe ihm keine zehn Jahre mehr.

        Dabei wäre die demographische Frage doch ganz einfach zu knacken:
        Je mehr Internet- und TV-Konsum, desto weniger Kinder. Verblödung und Degenerierung durch elektronische Medien sozusagen (siehe auch Neil Postman „Wir amüsieren uns zu Tode“ aus dem Jahr 1985). Also einfach ab 19 Uhr keinen Strom mehr an private Haushalte liefern und die drei größten Probleme unserer Zeit (zu viel Energieverbrauch, zu wenig Geburten in den wichtigen Volkswirtschaften, zu viele von Computerspielen und Trash-TV verrohte und verblödete Zeitgenossen) lösen sich ganz von selbst. So viel Mut zur einfachen Wahrheit hat aber leider höchstens Großmetzger Tönnies von Schalke 04, jedoch kein Politiker. Nicht einmal Großmäuler wie Katharina Schulze, Dr. Anton Hofreiter oder Björn Höcke.
        Bin ich jetzt auch „Rassist“? 😖

      • Ich würde um eine kurze Erklärung bitten. Die Inflation leuchtet mir ein – der Verbraucher ist endlich in Kauflaune und treibt die Preise. Die Inflation vernichtet alle nominalen Vermögenswerte. Der Crash basiert dann auf welcher Grundlage? Auf ansteigenden Realzinsen (höherer neutraler Realzins, es wird endlich entspart, der Nominalzins muss steigen, um die Inflationsrate auszugleichen?), wobei dann bei hohem Leverage kurzfristige Finanzierungen zum Boomerang werden? Oder auf der Inflation selbst, die die Kaufkraft der angesparten Vermögen zerstört? Die ganzen Lebensversicherungen werden dann z.B. ziemlich wertlos. Oder auf einer völlig aus dem Ruder laufenden Inflation, weil die Notenbanken die Zinsen dennoch niedrig belassen, um ihre maroden Staaten trotz ansteigender Zinsen zu sanieren? Oder auf einer Mischung ganz vieler dieser (und natürlich auch anderer) Erklärungen.

      • Es gibt zwei Treiber für einen möglichen Crash aus demographischen Gründen: Wenn erstens sehr viele alte Menschen gleichzeitig ihre gebildeten Vermögen liquidieren wollen, können die Vermögenspreise stark verfallen. Wenn dann doch noch etwas für den Konsum übrig ist, zu dessen Erbringung aber nicht genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen (da auch nicht hinreichend in Produktivität investiert wurde und z. B. Roboter als Arbeitskräfte ersetzend abgelehnt wurden), dann steigt die Inflation. Die Notenbanken können diese entweder bekämpfen, was die Realwirtschaft weiter beeinträchtigt (über den Produktivitätsrückgang durch ein schrumpfendes Angebot an qualifizierten Arbeitskräften hinaus) und viele Zombie-Unternehmen in die Insolvenz treibt, oder laufen lassen, was dann tatsächlich zur Hyperinflation oder totalen Geldentwertung führen kann.

        Von daher ist es schon entscheidend, warum die Zinsen momentan so niedrig sind: Demographische Gründe sind anders zu beurteilen als andere, insbesondere dauerhafte. Persönlich glaube ich an eine Mischung, wobei sich insbesondere die EZB prozyklisch verhält.

      • Oder meinen Sie das Bankensystem als Ganzes, dem plötzlich ein Großteil der Einlagen entzogen würde, was wiederum auch zu deutlich steigenden Zinsen führen müsste. Wobei die Notenbank ja mittlerweile Erfahrung genug damit hat, die Refinanzierung auch dann sicherzustellen, wenn auf Basis der freiwilligen Entscheidungen der Marktakteure nichts mehr ginge.

      • Dem Bankensystem werden natürlich dann auch Einlagen entzogen. Für sich genommen können das die Notenbanken gut ausgleichen, doch bei Verwendung für den Konsum steigt wiederum die Inflation, wogegen die Zinsen erhöht werden müssten mit wiederum schlimmen Folgen für viele Unternehmen und Staaten, die sich an Null- und Negativzinsen gewöhnt haben.

      • Es geht um Angebot und Nachfrage. Wenn das Angebot überwiegt, z. B. weil die nachfolgenden Generationen kleiner und finanziell schwächer sind, fallen die Kurse.
        —–

        Das ist soweit klar, gilt aber auch nur, wenn die Preise in einem Markt gebildet werden. Ich sehe aber nicht mehr, dass die Notenbanken ein nachhaltiges Fallen der Anleihenkurse zulassen würden.

        Wenn wir von „Crash“ sprechen, geht es mir auch um die Übertragung auf die Realwirtschaft. Was ist der Transmissionsmechanismus? Der Vermögenspreiskanal? Der Zinskanal? Beides kann die Notenbank steuern (zumindest nominal). Beides würde sie zu verhindern wissen. Bleibt noch die Inflation, die sie dann allerdings nicht mehr einhegen könnte.

        In Tichys Einblick gab es ein übrigens ein äußerst interessantes Interview, in dem zuerst das Szenenario einer deflationären Krise, gefolgt von einer aus dem Ruder laufenden Inflation beschrieben wurde.

      • Die Notenbanken treten selbst als Nachfrager von Anleihen auf, wobei sie ihrerseits Teil des Staates sind (nur in der Eurozone nicht so richtig). Im Grunde haben sie jetzt ein optimales Umfeld, in dem sie beliebig kaufen und die Zinsen auf null senken können, ohne dass es zur Inflation (oder auch Deflation) kommt. Das wird aber nicht ewig anhalten, sondern irgendwann wird eine Entscheidung nötig: Entweder Zinserhöhungen mit vielen Insolvenzen bis hin von Staaten und realwirtschaftlichen Einbrüchen oder stark steigende Inflation, was ihrem Mandat widerspricht und ebenfalls negative, aber andere Auswirkungen auf die Realwirtschaft hat. Von daher muss man in Szenarien denken, weil die Zukunft nicht determiniert ist, sondern von Zufällen sowie echten Entscheidungen abhängt.

      • Die Vermögenspreise werden aber nicht fallen. Sie können es auch gar nicht mehr. Der EZB bleibt keine andere Wahl mehr, sie muss auf Sicht fahren. Sie wird noch mehr Anleihen kaufen und bald noch Aktien hinzunehmen. Ein deutlicher Anstieg der Realzinsen wäre toxisch, weder Unternehmen noch Staaten (die noch viel weniger) würden das überleben. Deshalb lässt sich die Situation mMn. nur in einer großen Inflation auflösen und auf Null stellen. So lange kann und muss die Party weiter gehen.

      • Im Moment sieht es nicht nach großer Inflation aus. Die Märkte, selbst wenn sie von den Notenbanken beeinflusst werden, rechnen doch offensichtlich die nächsten dreißig Jahre nicht wirklich damit.

      • Inwiefern sollte sich die Blase (?) durch eine hohe Inflation auflösen lassen? Die EZB könnte bei einer zu hohen Inflation die Zinsen stark anheben.

      • Durch einen starken Zinsanstieg platzen die Blasen, fallen also die Vermögenspreise und kommte es zu Insolvenzen. Das ließe sich durch hohe Inflation verhindern (nominell steigen alle Werte weiter an, wobei die reale Entwicklung anfangs unklar und langfristig ebenfalls negativ ist).

    • Hier übrigens ein aktueller FAZ-Beitrag, der ebenfalls auf meine Eingangsthese eingeht: https://www.faz.net/aktuell/finanzen/finanzmarkt/fuer-die-deutschen-kommt-der-zins-von-der-bundesbank-16324222.html

      „Als ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung gelten der demographische Wandel und der technische Fortschritt, der kapitalintensive Industriegesellschaften in weniger kapitalintensive Wissensökonomien transformiert. Der demographische Wandel sorgt nicht nur in Industrienationen, sondern auch in alternden Schwellenländern, für ein großes Kapitalangebot, weil viele Babyboomer in der Endphase ihrer Karrieren hohe Einkommen beziehen, die sie mit Blick auf einen langen Ruhestand für die Bildung umfangreicher Ersparnisse verwenden.“

      Dass aber die EZB am Ende des Artikels als reines Opfer der Entwicklung angesehen wird, ist wohl zu eindimensional.

      Vielleicht sollte man sich mal ein neues Maß für die Verträglichkeit der Staatsverschuldung einfallen lassen? Und müssten nicht auch liberale und konservative Ökonomen ihre undifferenzierte Verteufelung der Staatsverschuldung überdenken? Jedenfalls ist die Sorge vor einem baldigen Anstieg der Zinsen und damit einer wieder anziehenden Zinsbelastung der öffentlichen Haushalte wohl unbegründet. Also sollte der Blick tatsächlich mehr auf die Effektivität und Produktivität der Staatsausgaben gelenkt werden, anstatt die Schuldenbremse zum Stabilitätsanker hochzujubeln (die ohnehin den negativen Effekt hat, dass die Steuerbelastung tendenziell steigt oder jedenfalls nicht sinkt).

      • Die wesentliche Begründung für die Schuldenbremse ist nicht ökonomisch, sondern politisch. So viele sinnvolle Ausgaben fallen unseren Politikern nämlich gar nicht ein, aber beliebig viele sinnlose.

      • Aber so gesehen müsste die Schuldenbremse, wie auch vom Bund der Steuerzahler gefordert, um eine Abgabenbremse ergänzt werden. Ob eine solche Beschränkung des Haushaltsrechts (quasi eine Obergrenze für die Staatsquote) in Karlsruhe durchkäme, weiß ich nicht. Aber Fakt ist, dass trotz Schuldenbremse immer noch genügend Geld für Unsinn zur Verfügung gestellt wird und die Steuerbelastung munter steigt.

        Ich bin weiterhin Verfechter einer investitionsgebundenen Verschuldungsregel, die allerdings nicht an die Brutto-, sondern an die Nettoinvestitionen anknüpft. So gesehen dürfte sich der Staat nicht verschulden, solange er die Infrastruktur weiter auf Verschleiß fährt.

  2. Das Haus einbruchsicher machen (Biffar-Tür, verriegelte Fenster, eingemauerter Tresor, …), das Geld von der Bank holen (aber niemanden davon erzählen) und in bar oder in Gold in den Tresor legen…???

    Was spricht dagegen…???

      • Es wird nach wie vor mehr Gold gefördert als verbraucht wird. Eine Blase.

    • Ich habe eine Goldmünze in der Schublade und weiß nicht wirklich, was ich damit anfangen soll. Sie wirft nichts ab, der Wert steigt zwar im Moment, aber das kann sich auch wieder ändern. Im Prinzip hätte ich das dafür eingesetzte Geld auch einfach verkonsumieren können.

      • So ähnlich geht es mir mit einem alten Theresientaler, denn ich einmal als Jugendlicher erworben habe. Der reale Wert ist nicht gerade hoch, aber der Erinnerungswert dafür um so mehr.

      • Sammlerstücke können langfristigen Konsumnutzen stiften. Eine Münze können sie auch als Diversifikation für den absoluten Notfall betrachten. Den größten Teil Ihres Vermögens sollten Sie jedoch anders anlegen.

      • Empfehlen Sie weiterhin (neue) Investitionen in Aktien bzw. in welchen Szenarien (Zinsanstieg z.B.) würden Sie zur Vorsicht raten?

      • Es geht um Ihre Anlageziele und deren Fristigkeit. Langfristig ist Diversifikation immer gut und sind Aktien Anleihen überlegen, insbesondere wenn letztere negative Zinsen bringen. Bei einem Zinsanstieg leiden auch die Aktien, aber weniger stark. Sie sind auch sicherer bei Inflation.

      • Ich persönlich stehe noch am Beginn meiner Vermögensbildung und bin etwas in der Zwickmühle. Ich würde gerne aktienbasiert sparen und z.B. in ETFs investieren. Mir ist zwar bewusst, dass dies langfristig weiterhin die renditeträchtigste Anlageform ist. Andererseits erscheinen mir die Aktienmärkte schon seit längerem überwertet, weshalb ich die nächste Baisse abwarte, die aber einfach nicht kommen mag.

      • Legen Sie den Betrag, den Sie monatlich entbehren können, in Aktien von soliden Lebensmittelkonzernen wie Nestlé an (fragen Sie dabei nicht Ihr Gewissen) und vielleicht noch etwas in materiell vorhandenes Silber (gibt es auch in kleinen Stückelungen). Keinesfalls Gold, denn diese Blase wird sehr wahrscheinlich platzen.

        Und wenn Sie gerade einen höheren Betrag (ab ca. 10.000 €) übrig haben, kaufen Sie sich davon einen gut erhaltenen Young- oder Oldtimer (am besten Mercedes bis Baureihe W124, BMW Cabriolet der Baureihe E30 oder Porsche 911, 924, 944 und 968) nach Ihrem Geschmack, damit Sie auch ein wenig Freude an Ihrer Kapitalanlage haben. Den Oldtimer bitte nicht im Winter fahren.

        Das war´s. Nicht weiter nachdenken. Einfach jeden Monat etwas zur Seite sparen und ab und zu mal nach der Wertentwicklung sehen. Sie werden staunen, wie gut das läuft, ohne sich groß den Kopf zerbrechen und jeden Tag Aktienkurse studieren zu müssen.

      • Wenn Sie langfristig anlegen wollen, sind Aktien auch jetzt sinnvoll. Den nächsten Einbruch am Aktienmarkt kann niemand vorhersehen (sonst wäre er schon da). Gegebenenfalls ist es sinnvoll, wenn Sie Ihr Geld sukzessive anlegen, wobei vermutlich die nächsten Jahre und Jahrzehnte weitere Gelder hinzukommen.

      • Nestlé scheint tatsächlich eine sehr solide Aktie mit fast ungestörtem Wachstum zu sein. Wenn aber aufgrund der Volatilität an den Märkten nun alle Anleger gezielt in Nestlé gehen, dann könnte sich hier eine Blase bilden.

        Die Macht der großen Fondsgesellschaften, in die anscheinend immer mehr Anleger Geld investieren, ist in der Tat beunruhigend. Aus meiner Sicht ist das eine klare Folge der Niedrigzinspolitik. Kleinanleger können nur noch entweder Aktien oder Immobilien kaufen, um eine positive Rendite auf das Vermögen zu erhalten. Es riecht danach, dass das System irgendwann platzt, mir fehlt aber noch die Vorstellungskraft, was genau passieren wird.

      • „Es riecht danach, dass das System irgendwann platzt, mir fehlt aber noch die Vorstellungskraft, was genau passieren wird.“

        Das Leben geht weiter.

      • Die Kurse gehen nicht immer nur nach oben, sondern auch einmal nach unten, doch langfristig (was manchmal 30 Jahre meinen kann) überwiegt der Aufwärtstrend. Wenn Sie vor einer Blasenbildung einsteigen, muss Sie diese auch nicht wirklich jucken.

    • Da macht sich wohl jemand mehr Sorgen um das Geschäftsmodell seiner Bank als um die Interessen der Anleger. Ich selbst kaufe allerdings Aktien und keine ETFs, die insbesondere bei kleinen Beträgen zur Diversifikation gut sind.

      • ETFs sind steuerlich bevorteilt, so zahlt man bei einem ETF nur auf 70% der Erträge Steuern. Das wird damit begründet, dass man die ausländische Quellensteuer nicht anrechnen kann. Bei Aktien aus Ländern, in denen die Quellensteuer aber sowieso angerechnet wird (z.B. USA) bzw. gar nicht existiert (UK), ist diese Teilfreistellungsquote also ein echter Vorteil. Ich persönlich besitze sowohl ETFs als auch Aktien.

      • Es kann auch steuerliche Nachteile geben, z. B. bei Altbeständen (vor 2009 erworben). Wäre eigentlich ein Fonds mit nur Aktien eines einzigen Unternehmens erlaubt?

      • Stundungseffekte bei Aktien ohne Dividenden könnte man noch als Argument anführen; bei ETFs kommt man um eine jährliche Steuer aufgrund der Vorabpauschale nicht herum. Aber ich möchte eigentlich auf Dividenden (bzw. Ausschüttungen, wie sie bei ETFs heißen) gar nicht verzichten.

        Mir ist keine Mindestanzahl zugrundeliegender Titel bei Investmentfonds bekannt. Allerdings kann es prinzipiell passieren, dass solch ein Steuerschlupfloch einmal gestopft wird.

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