EZB will lange Null- und Negativzinsen

Die „EZB hält Leitzins im Euroraum weiter bei null Prozent“ und den Einlagezins sogar bei minus 0,4 Prozent. Die eigentliche Neuigkeit der heutigen Sitzung des EZB-Rates ist jedoch, dass dies nicht nur bis zum Jahresende (siehe ‚Draghi erhöht nie die Zinsen‘), sondern mindestens bis Mitte 2020 so bleiben soll, also weit über die Amtszeit von EZB-Präsident Mario Draghi hinaus, die im Oktober endet. Als Begründung dienen konjunkturelle Risiken sowie das Verfehlen des Inflationsziels von knapp zwei Prozent.

Dabei kann es noch etliche Jahre dauern, bis die Inflation in der gesamten Eurozone diese Höhe erreicht, die entgegen der EZB-Interpretation eben gerade nicht die vertraglich geforderte Preisniveaustabilität ist, sondern Geldentwertung von knapp zwei Prozent. Die aktuelle Inflationsrate von 1,3 Prozent ist auch hinreichend von Deflation entfernt und führt bei nominalen Zinsen von 0 Prozent zu real negativen Zinsen in entsprechender Höhe. Diese sind offensichtlich nicht dazu geeignet, die Inflation auf das gewünschte Niveau zu erhöhen. Warum ist das so und wieso hält man dann trotzdem an den Null- und Negativzinsen fest?

Theoretisch sollten so niedrige Zinsen zu mehr Investitionen wie auch mehr Konsum führen, dadurch die Wirtschaft beleben und auch die Inflation steigern. Aus mindestens zwei Gründen passiert das jedoch nicht. Erstens sprechen die wirtschaftlichen Aussichten nicht für viele neue Nettoinvestitionen. Unternehmen und Privatpersonen legen ihr Geld lieber in vorhandene Vermögenswerte an, wodurch deren Preise steigen, was jedoch bei der über die Verbraucherpreise gemessenen Inflation nicht mitgezählt wird. Zweitens ist auch das Angebot an Krediten stark reglementiert. Der Zins als Preis für Kredite ist zwar niedrig, aber wer neue Kredite für Neuinvestition oder auch Konsum möchte, bekommt ihn oft nicht. Es ist leichter, bestehende Kredite fortzuschreiben, was eingesessenen Unternehmen selbst bei schlechtem Geschäftsmodell mehr hilft als Neugründungen. Auch für die Staatsverschuldung gelten zahlreiche Regeln und Grenzen.

Hochverschuldete Staaten und Unternehmen vor der Insolvenz zu bewahren, dürfte der eigentliche Zweck der dauerhaften Null- und Negativzinsen sein. Das verhindert eine Belebung der Wirtschaft, was wiederum als Rechtfertigung zur Fortsetzung dieser Politik genommen wird. Interessanterweise könnte gerade ein hochverschuldetes Land wie Italien diesen Teufelskreis durchbrechen (siehe ‚Italien streitet mit EU und EZB, aber demokratisch‘).

9 Gedanken zu „EZB will lange Null- und Negativzinsen

  1. Hallo Herr Dilger, was bedeutet diese dauerhaften Null- und Negativzinsen der EZB für Ihre persönliche Anlagestrategie(Vermögensaufbau)?
    Sie haben ja einen ganz guten Riecher gehabt, wie z.B. die Dortmund Aktie für Ihren Sohn.
    Wenn Sie aktuell 10.000€ zur Verfügung hätten, würden Sie damit eher Sondertilgung für ihr Haus machen? Aktie kaufen? Anleihe… oder auf dem Sparbuch lagern. Wie sehen Sie die Auswirkungen der EZB Politik auf die Deutsche Bank Aktie. Würden Sie die DB Aktie für unter 6 € kaufen?

    • Mein Vermögen ist größtenteils weit gestreut in Aktien angelegt, hinzu kommt ein Eigenheim, teilweise mit Niedrigzinsen finanziert, weshalb ich jetzt auch keine Sondertilgung machen würde. Mit 10.000 Euro würde ich Aktien kaufen (habe ich kürzlich auch getan für meine Kinder, siehe ‚Kann Kindern nun doch Aktien kaufen‘). Wenn man sonst noch nicht viele Aktien hat, sind zur Diversifikation jedoch Indexfonds besser. Nur wenn man das Geld bald braucht, ist Tagesgeld empfehlenswert. Ich habe Aktien der Deutschen Bank, die ich bei dem Minikurs nicht verkaufe. Allerdings wäre ein Zukauf sehr riskant.

    • Bitte verbrennen Sie sich nicht die Finger. Die Deutsche Bank leidet unter massiver Ertragsschwäche und auch eine Reduktion der exorbitanten Kosten sorgt nur dafür, dass die Erträge noch weiter wegbrechen. Ein Rückbau des Investmentbankings ist zwar richtig, aber die Rest – Deutsche ist international nur noch eine kleine Klitsche. Im Retail- und Corporate Banking sind in Deutschland keine zweistelligen Eigenkapitalrenditen drin. Dazu kommt das katastrophale Image, das längst zum Running Gag wurde. Es wird Jahre dauern, das wieder abzustreifen.

      Wenn Sie es mit deutschen Bankaktien versuchen möchten, dann wählen Sie besser die Commerzbank. Da fehlt zwar jegliche Profitabilität und das ohne Aussicht auf Besserung (da sind die Perspektiven sogar bei der Deutschen bedser), aber es gibt wenigstens Übernahmephantasien, z.B durch die ING, sodass spekulative Kursanstiege drin sind. An der Deutschen wird sich keiner versuchen, diese Risiken möchte niemand eingehen.

  2. Ich verstehe nicht viel vom Bankensystem. Aber als Unternehmer habe ich gelernt, dass es besser ist, möglichst bankenunabhängig zu sein, also am besten überhaupt keine Kredite in Anspruch zu nehmen und auch seine Rücklagen nicht so anzulegen, wie es einem die Banken raten. Meist ist der Rat einer Bank der mit Abstand schlechteste vorstellbare Rat.

    Auch habe ich durch Indiskretionen von mir bekannten Bankern immer wieder Geschichten über den Umgang von Banken mit ihren Kunden (auch Privatanlegern) erfahren, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Banker arbeiten rein provisions- und profitorientiert und nie kundenorientiert. Es ist eine naive Illusion, zu glauben, eine Bank stünde ihren Kunden mit Rat und Tat zur Seite.

    Mir drängt sich daher die Frage auf, warum Banken nicht
    a) ihre Gesetzestreue betreffend besser beaufsichtigt werden?
    und
    b) völlig aus der Zinsbindung entlassen werden, wenn sie dadurch inzwischen so risikoavers geworden sind, dass letztlich die Politik das Geschäft bestimmt und nicht mehr der Markt?

    Was gerade Deutschland m.E. am nötigsten bräuchte, ist mehr unternehmerischer Mut. Neben einer radikalen Entbürokratisierung würde auch die Stärkung des Eigenkapitals von Unternehmen (nicht nur von Banken) den Mittelstand erheblich stärken und zukunftsähig machen. so lange Unternehmer aber die Geisel von Staat und Banken sind, wird es mit der Selbständigenquote weiter bergab gehen und schon in wenigen Jahren wird der Ausverkauf des Mittelstands an überwiegend ausländische Finanzinvestoren und Konzerne abgeschlossen sein. Erschreckend, dass dafür so gut wie überhaupt kein Bewusstsein in Politik und Gesellschaft vorhanden ist.

  3. Die ganz offensichtliche Schwerpunktverlagerung von der Geld- zur Fiskalpolitik wird auch von der „Wahren-Gerechtigkeitspartei SPD“ klaglos hingenommen, obwohl sie doch eine Ursache für die zunehmende differente Vermögensverteilung und des Mietpreis-Anstieges ist . Weitere Indizien für Fiskalpolitik sind die vornehmlich von italienischen und spanischen Banken bei der EZB gezeichneten TLTRO- Darlehn zu 0 % Zins , die in der für den Verwendungsnachweis geltenden Frist (wieder 2 Jahre ?) in die Zeichnung gut verzinster Staatsanleihen fließen dürften. Daneben wird wohl auch der Wettbewerb der Nationalbanken der Industriestaaten beim Hinunterprügeln des Außenwerts der eigenen Währung eine Rolle spielen.

  4. Für mich ist die Aktienanlage die beste Geldanlage,obwohl wir Abgeltungssteuer, Maklercourtage, Provisionen, Abwicklungskosten, das Transaktionsgeld von unseren Gewinnen abziehen müssen. Im Gespräch z.Zt. die Finanztransaktionssteuer.

  5. Die Nullzins-Politik von Draghi & Co. ist eine Enteignung der Bürger, um marode Staaten zu päppeln. Lebensversicherungen, Sparverträge und viele Formen der Altersversorgung leiden unter dieser Politik, obwohl den Menschen gebetsmühlenartig eingetrichtert wird, für das Alter vorzusorgen.

    Es geht gegen den gesunden Menschenverstand, wenn eine Zentralbank ein Inflationsziel von 2% angepeilt, wo ihr Auftrag doch Preisstabilität wäre… 😦

  6. Anleger zogen in den sechs Monaten seit Dezember 2018 so viel Geld aus Aktienfonds ab, wie nie in den letzten zehn Jahren. Noch nicht einmal während der Finanz- und Eurokrise wurde so viel
    Geld „vom Markt genommen“. Der Sturm kommt näher. Den Begriff „Deutschland kann Krise“ sehe ich skeptisch.

  7. Pingback: Keine Evidenz für positive Wirkungen negativer Zinsen | Alexander Dilger

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