Fakultätsjubiläum mit Brexit-Vortrag von Hans-Werner Sinn

Heute war ich beim Festakt der Jubiläumsveranstaltung „50 Jahre Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät“. Seit 1902 gab es eine Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (die dadurch erst wieder eine richtige Universität wurde), an der man ab 1922 Volkswirtschaftslehre als eigenes Fach studieren konnte und ab 1955 Betriebswirtschaftslehre. 1969 wurde die Aufgliederung in die Rechts- und die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät beschlossen. Heute wurde weniger diese Trennung als vielmehr ein halbes Jahrhundert eigenständige und erfolgreiche Fakultät gefeiert.

Den Festvortrag hielt ein prominenter Alumnus, nämlich Hans-Werner Sinn, der gleich zu Anfang seiner hervorragenden Rede feststellte, dass er damals als Student von der Trennung der Fakultäten wenig mitbekommen hatte. Sein Hauptthema war jedoch der Brexit, wobei ich ihm in allen Punkten zustimme mit einer Ausnahme: Er hält Vereinigte Staaten von Europa grundsätzlich für eine gute Idee. Davon sind wir jedoch weit entfernt, zumal die meisten anderen Länder, vorneweg Frankreich, ein ganz anderes Interesse verfolgen. Dazu erzählte er einen kleinen „Witz“: Ältere Damen stehen bekanntlich auf Emanuel Macron, so auch Frau Merkel. Sie möchte ihn heiraten, doch er schlägt ihr vor, schon einmal vorher mit der Gütergemeinschaft anzufangen und ihm Vermögenswerte zu übertragen.

Die Moral von der Geschichte ist, dass eine Fiskalunion wie zuvor schon die Währungsunion keine gute Idee ist. Aus meiner Sicht sowieso nicht, aber auch für Herrn Sinn nicht auf dem Weg zu einer politischen Union. Diese muss man zuerst oder zumindest gleichzeitig beschließen, sonst nehmen die anderen einfach das Geld und kommen nicht zur Hochzeit (was wohl auch klüger ist).

Großbritannien läuft gleich ganz weg. Dabei sei eine Grenze weder auf der irischen Insel noch in der Irischen See akzeptabel. Daraus gibt es nur einen vernünftigen Ausweg, nämlich die Absage vom Brexit. Dabei darf man jedoch keine Kapitulation der Briten vor der EU erwarten, sondern muss ernsthaft neu verhandeln. Ökonomisch gibt es z. B. gar keinen Grund, die vier Grundfreiheiten nur als Paket anzubieten. Gerade wenn es keine Personenfreizügigkeit gibt, ist freier Handel besonders wichtig. Außerdem ist nur Arbeitsmigration effizient, nicht Migration ausschließlich in die Sozialsysteme.

Es ist auch nicht sinnvoll, die Briten für den Brexit bestrafen zu wollen. Die EU sollte ein freiwilliger Klub zum gegenseitigen Vorteil sein, dem alle gerne angehören wollen, nicht aus Angst vor Strafe. Schließlich profitieren alle vom Verbleib der Briten in der EU, die Briten selbst, die EU und nicht zuletzt wir Deutschen. UK ist die zweitgrößte Volkswirtschaft in der EU und ein gutes Gegengewicht zu Frankreich. Ohne die Briten wird die EU weniger weltoffen, liberal und wohlhabend sein.

Schließlich zweifelt Herr Sinn selbst daran, dass es noch gelingt, den Brexit abzuwenden. Trotzdem soll man es versuchen. An dieser Differenzierung erklärt er den Unterschied zwischen Wissenschaftlern und Politikern. Ökonomen unterscheiden ständig zwischen positiven und normativen Aussagen, zwischen Tatsachen und realistischen Zukunftserwartungen einerseits, Werturteilen und Wünschen für die Zukunft andererseits. Die meisten Politiker trennen hingegen nicht auf diese Weise. Wenn man sie fragt, ob etwas passieren solle (wie die Verhinderung des Brexit), antworten sie, dass es nicht passieren werde. Sie wollen für das sein, was zukünftig am ehesten geschieht (sowie für den, der sich durchsetzt), um dann auf der Gewinnerseite zu stehen. Deshalb kämpft kaum noch jemand gegen den Brexit an und macht sich Gedanken über eine bessere EU, in der auch die meisten Briten gerne bleiben wollen.

11 Gedanken zu „Fakultätsjubiläum mit Brexit-Vortrag von Hans-Werner Sinn

  1. Statt Frankreichs Zentralismus zu übernehmen, sollte sich Merkel besser an der französischen Atompolitik orientieren!

    • Mir ist nicht klar, warum die Liberalen so stolz auf ihre Kooperation mit Macrons Bewegung sind. Liberal ist daran nichts, selbst die Europabegeisterung ist nur Ausdruck des französischen Nationalismus und Machtstrebens.

      • Wirtschaftsliberal ist in der FDP schon lange niemand mehr.

      • Einfach so
        Sinn ist international bekannt
        Raffelhüschen ist ein wirklich liberaler Wissenschaftler, der auch vor dem Beamtenstatus, den Sie hochhalten, mit seiner Kritikfähigkeit nicht Halt macht
        Ich schätze Dir beiden Herrn sehr, ohne selbst liberal zu sein
        Kein Angriff auf Sie

      • Hans-Werner Sinn ist einer der besten Volkswirte Deutschlands, Bernd Raffelhüschen spielt auch in dieser Liga, während ich inzwischen eigentlich Betriebswirt bin… Der Punkt ist, dass man sich über das Werk und vor allem einzelne Argumente von viel größeren Geistern ein eigenes Urteil bilden kann und als aufgeklärter Mensch auch sollte. Dabei geht es mir immer um die Sache, nicht um den Status von Personen einschließlich mir selbst und auch nicht um die politische Ausrichtung.

      • Auch Bernd Raffelhüschen kann die gravierenden Fehler der letzten 50 Jahre deutscher „Rentenpolitik“ (Stimmenkauf durch unhaltbare Wahlversprechen) nicht revidieren, sondern nur versuchen mit Blick in den Rückspiegel zu erklären, was hierzulande seit fünf Jahrzehnten falsch läuft: https://www.youtube.com/watch?v=m6vqIQXcgGY

  2. Hallo der Prof. Dilger,
    ich schätze es durchaus, dass Sie immer zu Antworten bereit sind! in der Beamtenfrage halte ich allerdings mehr von Ihren beiden Fachkollegen! Ein Betriebswirt, der sich rein positiv über das dt. Beamtentum äußert, ist ja noch krasser als jeder andere Berufskollege! Mehr dazu jetzt aber nicht! Sie haben hier aber schon einmal geschrieben, dass der Staat im Fall der Postprivatisierung nicht bis zur letzten Sekunde hätte verbeàmten dürfen, da stimme ich Ihnne uneingeschränkt zu!
    Zur Rentenftge, ich bin Anhänger einer steuerfinanzierten Grundrente, gerne an Dänemark orientiert, auch dazu vielleicht zu einem anderen Punkt mehr!

    • Wo äußere ich mich denn „rein positiv“ über das deutsche Beamtentum. Es gibt Berufe, wo es sinnvoll ist, z. B. für Polizisten. Bei anderen sehe ich das nicht so, z. B. bei Lehrern. Hochschullehrer sind ein Sonderfall mit einer anderen Begründung.

      Faktisch gibt es eine Mindestsicherung für jeden in Deutschland. Entscheidend ist die Frage der Anrechnung sonstiger Einkünfte und von Vermögen.

  3. Professoren fallen unter die Freiheit von Forschung und Lehre, die sind zwar keine besonderen Hoheitsräger und können den Studenten nicht viel, aber sie benötigen aus einleuchtenden Gründen eine fast richterliche Unabhängigkeit und Sonderverhältnis, auch ein besonderes Angestelltenverhältnis würde dem entsprechen, keine Entlassung bei Unbotmässigkeit. logisch!Ich bin für eine Anrechnung von Einkommen, Vermögen ist heilig und sollte nicht berücksichtigt werden, ich erinnere an den liberalen Prof. Mitschke, Prof. Miegel und die dänische Regelung!! Dazu jetzt aber nichts mehr, schöne Zeit!

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