Erdogan lässt Wahl mit unerwünschtem Ergebnis annullieren

In den meisten Ländern der Welt finden Wahlen statt, obwohl längst nicht alle demokratisch sind. Autoritäre Regierungen neigen dazu, Wahlen auf die eine oder andere Weise zu manipulieren. Nachdem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erst mehr klassische Methoden wie unfairen Wahlkampf und Stimmauszählungen zu seinen Gunsten ausprobiert hat (siehe ‚Erdogan drückt Präsidialverfassung knapp durch‘ und ‚Erdogan macht sich zum Diktator‘), bringt er nun eine neue Variante ins Spiel, nämlich die Annullierung der Wahl, wenn trotzdem einmal ein politischer Gegner gewinnen sollte (siehe „Auf Druck von Erdogan Türkische Wahlbehörde ordnet Neuwahl für Istanbul an“). Gerade Istanbul, die größte Stadt der Türkei, wo seine politische Karriere begann, ist wichtig für ihn.

Dass überhaupt ein Oppositionskandidat erst zum Wahlsieger erklärt wurde, finde ich interessant. Es gibt offensichtlich immer noch Grenzen, wie stark Präsident Erdogan Wahlen manipulieren kann. Vielleicht hat er sich dort auch einfach zu sicher gefühlt und nicht hinreichend auf die Verkündung des richtigen Ergebnisses geachtet. Die Stichwahl wird zeigen, wie demokratisch die Türkei noch ist. Denn viele sind jetzt erbost und werden erst recht Ekrem Imamoglu zum Bürgermeister wählen. Falls dieser wieder offiziell gewinnt, könnte Erdogans Präsidentschaft ins Wanken geraten, weshalb er jeden Anreiz hat, genau das zu verhindern.

10 Gedanken zu „Erdogan lässt Wahl mit unerwünschtem Ergebnis annullieren

  1. Erdogan kann nur verlieren, ein echt schlechter Schachzug. Wenn das Ergebnis den Wahlsieg der Opposition bestätigt: Erdogan ist doppelt blamiert. Gewinnt die AKP: Keiner wird Ihm Glauben, das die Wahl fair gewonnen worden ist.
    Ich frage mich dann: Was geht in dem Kopf vor, so etwas zu riskieren ?
    In „Normalen“ Dikaturen/Despotismen seit den Römern würde man etwas in der Vita des Gewinners finden, was den Sieger Diskreditiert und zum Rücktritt zwingt …

    Immer nur Fragen..

    • In „normalen“ Scheindemokratien wäre die Wahl vorher hinreichend manipuliert worden. Ich gehe davon aus, dass das bei der Wiederholung passiert, was dann wiederum als „Rechtfertigung“ genommen wird für die Wiederholung, da diese doch zu einem anderen Ergebnis führte als die angefochtene ursprüngliche Wahl (die vermutlich auch schon zu Gunsten der AKP manipuliert wurde, nur eben nicht stark genug).

  2. Schreckgespenst Erdogan?
    Das ist von hier aus schwer zu sagen. Die meisten Türken, die ich kenne, sehen ihn nicht so, wie er hierzulande gerne dargestellt wird. Aber letztlich muss die Türkei mit ihm zurecht kommen und wir sollten uns vielleicht viel mehr um unsere eigenen Probleme kümmern, als uns immer so gerne neunmalklug in die (vermeintlichen?) Probleme und inneren Angelegenheiten anderer Staaten einzumischen. In Deutschland und der ach so demokratischen EU stinkt gerade wirklich genug Eigenes zum Himmel …

    • Die Mehrheit der hierzulande überhaupt wählenden Türken stimmt für Präsident Erdogan und seine islamistische AKP. Zugleich wurde in Deutschland gerne SPD gewählt, was ziemlich heucherlisch ist, sich aber auch mit eigennutzorientiertem Wahlverhalten erklären lässt.

      Es ist keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten, sich kritisch zu Fehlentwicklungen dort zu äußern (zumindest solange ich nicht offiziell für die deutsche Regierung spreche, was wohl nie passieren wird). Außerdem ging es hier um einen allgemeinen Punkt am Beispiel der Türkei. Hat die EU nicht sogar ähnliche Probleme mit demokratischen Entscheidungen?

      • „Hat die EU nicht sogar ähnliche Probleme mit demokratischen Entscheidungen?“

        Eben genau deshalb sollte hierzulande m.E. erst einmal vor der eigenen Haustüre gekehrt werden.

      • Es ist immer befremdlich, wenn EU-Offizielle anderen Demokratiedefizite vorwerfen, darunter viel demokratischeren EU-Mitgliedern. Doch als privater Blogger darf ich schreiben, worüber ich will, auch wenn die AfD glaubt, dass Großmächte und sie oberhalb jeder Kritik stehen würden.

  3. Wenn der dumme Wähler nicht kapiert hat, wo er sein Häkchen machen muß, muß er halt nachsitzen und noch einmal wählen. Bis das Ergebnis stimmt. So ist das in der EU und so handhabt es auch der Beitrittskandidat Erdogan. So what’s the problem?

  4. „Die Leute, die die Stimmen abgeben, entscheiden nichts. Die Leute, die die Stimmen zählen, entscheiden alles.“
    (Josef Stalin)

  5. Pingback: Imamoglu wird noch deutlicher zu Istanbuls Bürgermeister gewählt | Alexander Dilger

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.