Wenn die Bahn als Beispiel für Marktversagen dient

„Freie vs. regulierte Marktwirtschaft: Einen neuen Staat braucht das Land“, fordert Thomas Fricke, Ex-„Chefökonom“ der stets verlustträchtigen Financial Times Deutschland bis zu ihrem Niedergang. Jetzt gibt er ausgerechnet dem „grundsatzverliebten Ökonomen-Deutschland“ die Schuld an der schlechten Politik der Bundesregierung (siehe zuletzt ‚Altmaier will aktive Industriepolitik statt soziale Marktwirtschaft‘). Dabei verwechselt er systematisch Staats- mit Marktversagen:

Wie tückisch es sein kann, zu sehr dem Markt zu vertrauen, hat nichts in den vergangenen Jahren so eindrucksvoll gezeigt, wie die Finanzkrise, die seit zehn Jahren nachwirkt – und den Sparern bis heute Niedrigzinsen beschert.

Über die Ursachen der Finanzkrise in den USA mag man diskutieren, doch die bis heute anhaltende Euro- und Staatsschuldenkrise in Europa war und ist hausgemacht von der Politik. Gerade die staatlichen Landesbanken gingen besonders teuer pleite. Die Null- und Negativzinsen entstehen nicht am Markt, sondern werden von der EZB gesetzt.

Zunehmend klar ist auch, dass Anleger damit überfordert sind, bei ihren Kauf- oder Verkaufsentscheidungen Faktoren einzupreisen, die weit in der Zukunft liegen – so wie das bei den möglichen Folgen des Klimawandels der Fall ist. Weshalb es nach neuerem Kenntnisstand auch illusorisch ist, beim Klimaschutz nur darauf zu zählen, CO2-Zertifikate frei am Markt handeln zu lassen – damit ein möglichst globaler CO2-Preis rauskommt, der stetig steigt, und so das Klima gerettet wird. Gaga. In Wirklichkeit blieben die so ermittelten Preise in Europa viel zu niedrig.

Die ferne Zukunft ist höchst unsicher und dann erwartete Zahlungen sind trotz der heutigen Niedrigstzinsen abzudiskontieren. Doch immerhin haben private Anleger ein Interesse auch an der weit entfernten Zukunft, während Politiker höchstens bis zur nächsten Wahl schauen. Bei CO2-Zertifikaten geht es weniger um die Zukunft, sondern vor allem um das heutige Angebot. Global gibt es sie gar nicht, was bei einem globalen Problem die angemessen Lösung verhindert. Doch innerhalb der EU lässt sich damit jedes gewünschte Mengenziel erreichen. Der Preis ist dann eine abgeleitete Größe, während zusätzliche Regulierung und Subventionen wie in Deutschland kein Gramm Kohlenstoffdioxid zusätzlich einsparen, weshalb die deutsche Energie- und Umweltpolitik ziemlich gaga ist, nämlich sehr teuer ohne irgendeinen zusätzlichen Nutzen.

Ähnliches gilt für die große Frage, welche Technologie fürs Auto in Zukunft am besten ist – Batterie- oder Brennstoff- oder irgendein anderer Antrieb? Auch das können Konsumenten und Hersteller kaum überblicken.

Die Politik kann das jedoch noch viel weniger, sondern überzieht gerade erst zugelassene Autos mit Fahrverboten oder gibt illusorische Mengenziele für Elektroautos vor, die kein vernünftiger oder gar ernsthaft umweltbewusster Mensch kaufen will.

Weil Regierungen über viele Jahre brav den Staatsrückzug vollzogen und kaum mehr investiert haben, um den heiligen Markt wirken zu lassen, kriseln jetzt (einst) staatliche Einrichtungen wie die Bahn oder das Telefonnetz, klagen Schulen wie Universitäten über mangelnde Mittel, fehlt Krankenhäusern das Fachpersonal.

Das ist nun wirklich absurd. Hält Herr Fricke es ernsthaft für Markt- statt Staatsversagen, wenn reine Staatsbetriebe wie die Deutsche Bahn schlecht wirtschaften? Der Staat ist auch weiterhin der größte Aktionär bei der Deutschen Telekom, die zusätzlich stark reguliert wird. Die meisten Schulen und Hochschulen sind staatlich, ebenso viele Krankenhäuser, die außerdem viel Geld von gesetzlichen Krankenkassen erhalten. Ob dort jeweils mehr oder weniger ausgegeben und investiert wird, entscheiden Politiker und Staatsdiener, keine privaten Akteure am Markt.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es im Grunde keine große Krise unserer Zeit gibt, die nicht (auch) auf ein viel zu naives Vertrauen auf die Marktkräfte zurückzuführen ist. Die Frage ist daher nicht, ob wir in vielen Bereichen gezielt wieder mehr staatliche Korrekturen brauchen, sondern eher, wie diese aussehen sollten.

Zumindest in Deutschland fällt mir keine Krise ein, die nicht von Frau Merkel und ihrer jeweiligen Regierung verursacht oder zumindest verschärft wurde. Was hat die Eurokrise mit dem Markt zu tun, was die Energiewende, was die Flüchtlingskrise? Außerdem greift die Regierung doch überall und verstärkt in den Markt und die freien Entscheidungen der Menschen ein, sei es durch Mindestlöhne, Mietpreisbremsen, Fahrverbote und Frauenquoten.

Natürlich braucht es stärkere Vorschriften dafür, dass Banken für schlechte Zeiten vorsorgen. Und eine Euro-Notenbank, die vor Panikattacken an den Märkten schützt. Vielleicht auch irgendwann mal wieder ein System mehr oder weniger fester Wechselkurse zwischen den Währungen. Um uns vor der nächsten großen Finanzkrise zu schützen.

Wenn die Banken, zumindest die größten, und ihre Kunden wissen, dass sie in einer Krise sowieso gerettet werden, dann haben sie staatlicherseits keinen Anreiz zur eigenen Vorsorge, weshalb man ihnen auch diese vorschreiben muss, was im Zweifel jedoch auch zu genau den falschen Anreizen führt (z. B. der politisch auch noch gewünschten Schaffung noch größerer und riskanterer Banken). Das größte Risiko stellt dabei die größte Bank dar, die EZB. In der Eurozone gibt es überhaupt keine Wechselkurse mehr, was die Probleme nicht gelöst, sondern verschärft hat. Diese Politik schützt uns nicht vor Finanzkrisen, sondern schafft sie.

Natürlich braucht es eine Politik, die Menschen davor zu schützen versucht, dass sie zum Opfer plötzlicher Umbrüche werden, die sie selber nicht verantworten – ob durch Billigkonkurrenz, den Einzug künstlicher Intelligenz oder die Folgen eines Kohleausstiegs, den auch der Markt ganz offenbar nicht allein regeln kann. Natürlich müssen Regierungen mitentscheiden, welche Autotechnologie in Zukunft dominieren wird – wenn die Autokonzerne das nicht schaffen und Chinesen das staatlich diktieren. Und natürlich gibt es nicht ohne Grund heute überall Mindestlöhne, die Arbeitnehmer davor schützen, allzu mickrig bezahlt zu werden.

Deutschland hat die größten Exportüberschüsse der Welt. Im Saldo wird hier also kein Arbeitsplatz durch Importe bedroht, sondern eher umgekehrt Beschäftigung anderswo gefährdet. In einzelnen Branchen und Unternehmen kann das natürlich anders sein, aber dagegen hilft gerade Deutschland kein Protektionismus, sondern unser sehr aufwendiger Sozialstaat. Der deutsche Kohleausstieg ist marktwirtschaftlich nicht zu erklären und nutzt auch der Umwelt nichts, sondern wird rein ideologisch vom Staat erzwungen. Dasselbe gilt für Elektroautos, während die deutsche Automobilindustrie in der Dieseltechnologie noch führend ist, was gerade mutwillig zerstört wird. In Deutschland galt lange die grundgesetzlich geschützte Tarifautonomie, während flächendeckende Mindestlöhne weder in München noch in Brandenburg passen.

In kaum einem anderen Land halten Gralshüter den mythischen Markt noch so unbekümmert als Allheilmittel hoch wie bei uns. Und in kaum einem anderen kommt so reflexartig die Sorge auf, bei jedem Zweifel an den heiligen Marktkräften könne gleich der Sozialismus wieder einziehen.

Herr Fricke scheint kaum ein anderes Land zu kennen. Denn in kaum einem anderen Land ist die Staatsgläubigkeit so hoch wie in Deutschland. Aber der Glaube geht eben über die Realität hinaus, weshalb der verbliebene Rest an Markt und Freiheit selbst einem Wirtschaftsjournalisten noch zu viel ist.

42 Gedanken zu „Wenn die Bahn als Beispiel für Marktversagen dient

  1. Die Staatsgläubigkeit wird den Kindern schon in der Grundschule eingeimpft. Dort lernen sie 4 Jahre lang vor allem still zu sitzen und nur zu sprechen, wenn der Lehrer es erlaubt. Und welcher Markt ist in Deutschland frei? Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt oder Energiemarkt sind 3 Beispiele für Planwirtschaft in Deutschland. Die Zinsen sind manipuliert. Die Renten werden aus steigenden Steuermitteln bezuschusst. Seit 1991 mussten die Steuerzahler die staatliche Rentenversicherung mit rund 1,4 Billionen Euro stützen. Für Soziales und Arbeit gibt der Staat in 2019 rund 145 Milliarden bzw, 4,4% mehr als 2018 aus. Die Sozialindustrie boomt und die Autoindustrie schrumpft. Bei der PKW Produktion ging es im letzten Quartal 2018 um 13 Prozent nach unten. Die Dieselaffäre hat den VW Konzern bereits 28 Milliarden Euro gekostet und es stehen noch sehr viele Sammelklagen vor Gericht. Eine Rezession der elementaren Autoindustrie wird sich auch auf andere Branchen ausweiten. Die Staatsschulden sind eine tickende Bombe. Der nächste Zinsanstieg, der so sicher wie das Amen in der Kirche kommt, wird zu einer Explosion der Zinslasten führen. Ob der Euro einen weiteren deflationären Schock überlebt ist eine offene Frage. Solange der Dollar mit militärischen Mitteln verteidigt wird, wird es die US Währung sein, die den Euro überlebt. Private Investoren sollten ihre Guthaben deshalb auf mehrere Währungen verteilen.

    • Unser Staat ist überdehnt und mit seinen vielen übernommenen Aufgaben überfordert. Er sollte sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren und diese besser erledigen, während Herr Fricke noch eine weitere Ausdehnung empfiehlt.

      Allerdings sehe ich nicht, dass die Zinsen, insbesondere die realen Zinsen, auf absehbare Zeit nennenswert steigen werden. Deutschland hat momentan kein Überschuldungs-, sondern ein Desinvestitionsproblem. Natürlich wird der Dollar den Euro lange überleben, wozu gar keine militärischen Mittel nötig sind (abgesehen von denen zur Verteidigung der USA, während Deutschland sich gar nicht ohne die USA verteidigen könnte).

      • Seit März 2016 steht der EZB Leitzins bei 0%. Die US Leitzinsen wurden seitdem schrittweise von 0,5% auf 2,5% angehoben.Das letzte Zinshoch war 1980 und Unterstellt man einen Zyklus von 60 Jahren zwischen letzten und dem nächsten Hoch, dann wäre das nächste Hoch in 2040. Langfristig lagen die realen historischen Zinssätze zwischen 3,1 und 5,1%. Seit 2016 sind die realen Zinsen negativ. Der deutsche Sparer wird derzeit also enteignet.Wann die realen Zinsen wieder auf ein Niveau von 4-5% steigen ist ungewiss, da stimme ich Ihnen zu. Sollten die Sparer die Konsequenzen ziehen und den Banken die Spareinlagen wegnehmen und anders investieren, dann gewinnt der Markt und dann werden die Zinsen steigen. Ob das in 2020 oder 2030 passiert ist die offene Frage.

      • Die realen Zinsen sind schon deutlich länger negativ, zumindest für (nahezu) risikolose Anlagen wie Bundesanleihen. Teilweise sind sogar die nominalen Zinsen negativ. Auf die Sparer kommt es dabei kaum noch an (höchstens indirekt über Inflationseffekte).

      • All diese Mosaiksteine laufen letztlich auf die schleichende Enteignung des Individuums hinaus. Latent bejubelt von den Faulen und Dummen.

      • „Er sollte sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren und diese besser erledigen, während Herr Fricke noch eine weitere Ausdehnung empfiehlt.“
        Das ist doch gerade eine der Fragen. Welche Aufgaben kann und soll der Staat übernehmen und welche vertraut man besser privaten Akteuren an?
        Der liberale Gedanke ist gerade in Deutschland nicht all zu stark vertreten, was Liberale sicher verwundert. Ein Grund dafür ist es, alle Fehler des Marktes auf den Staat zu schieben.
        Für fast alle Menschen war es eindeutig, dass in der Finanzkrise der Markt vollständig versagt hat, und die Staaten versucht haben, zu retten was zu retten ist. Und nun verbreiten Liberale, die höheren Staatsschulden seien ein Zeichen von Staatsversagen.
        Das einzige, aber sehr massive Staatsversagen war in der Tat, dem Markt die Möglichkeiten zu geben, in dieser Weise zu versagen.

      • Ihr Kommentar drückt die antiliberale und wirtschaftsfeindliche Grundstimmung in Deutschland gut aus. Wer schiebt denn hierzulande „alle Fehler des Marktes auf den Staat“? Sie schieben auf den Markt, was eindeutiges Staatsversagen war, zumindest in Deutschland und Europa. Man kann sinnvoll diskutieren, ob die Finanzkrise in den USA Markt- oder Staatsversagen war durch zu viel oder falsche Deregulierung. In Deutschland und Europa hat der Markt jedoch nicht versagt und auch kaum ein privater Akteur (das Einkalkulieren staatlicher Rettungsmaßnahmen ist kein betriebswirtschaftlicher Fehler). Der Euro war und ist ein rein politisches Projekt, welches zu immensen finanziellen und auch menschlichen Kosten gescheitert ist und trotzdem fortgeführt wird. In Deutschland versagten vor allem die staatlichen Landesbanken oder auch die IKB, während die Regierung der Commerzbank die marode Dresdner Bank aufschwatzte. Irland hätte besser wie Island seine maroden Banken in die Insolvenz entlassen, wogegen gerade die Bundesregierung intervenierte. Der griechische Staat ist ohnehin marode etc.

      • “ Wer schiebt denn hierzulande „alle Fehler des Marktes auf den Staat“?“
        Meiner Meinung nach Liberale wie Sie. Ich weiß nicht, ob meine Meinung wirklich wirtschaftsfeindlich ist, ich finde, dass die Wirtschaftakteure auch Verantwortung für ihr Versagen übernehmen sollten und nicht wie in der Vergangenheit üblich, ihre durch ihr Handeln entstandene Kosten auf den Staat abzuwälzen.
        „Man kann sinnvoll diskutieren, ob die Finanzkrise in den USA Markt- oder Staatsversagen war durch zu viel oder falsche Deregulierung.“
        Falls die Finanzkrise in den USA Marktversagen war, und eigentlich alles spricht dafür, warum sollte das Übergreifen auf Europa plötzlich zu Staatsversagen mutiert sein?
        „Der Euro war und ist ein rein politisches Projekt“
        Natürlich ist er das, was sollte er auch sonst sein? Auch die Globalisierung hat ,zumindest für einige, zu finanziellen und menschlichen Kosten geführt, ist sie deshalb gescheitert? Es gibt immer Gewinner und Verlierer bei jeder Maßnahme, ob nun politisch oder wirtschaftlich, wobei mir der direkte Zusammenhang zwischen Euro und dem Markversagen in der Finanzkrise trotzdem unklar ist.

      • Wie viele Liberale kennen Sie denn? Sie geben doch selbst zu, dass Ihnen der Zusammenhang nicht klar ist, schimpfen aber auf den Markt und die privaten Akteure, die an der Euro- und hiesigen Bankenkrise (fast) keine Schuld haben. Wir hatten hier eben nicht die US-amerikanische Finanzkrise und zumindest in Deutschland auch keine Immobilienblase (die wird eher jetzt aufgeblasen). Die Krise in den USA war Anlass, nicht Ursache für die hiesigen, immer noch anhaltenden Krisen, für die staatliche und pseudostaatliche (EU und EZB) Akteure verantwortlich waren und immer noch sind.

      • „Wie viele Liberale kennen Sie denn?“
        Sehr wenige und allen ist gemeinsam, dass der Markt nie für irgendeine Krise verantwortlich ist. Es sind immer die anderen.
        Ich schimpfe auch nicht auf den Markt oder private Akteure, ich halte sie nur im Gegensatz zu Liberalen nicht für (nahezu) unfehlbar.
        Um eines Ihrer Beispiele aufzuführen:
        „während die Regierung der Commerzbank die marode Dresdner Bank aufschwatzte“
        Und sie denken, dass die nichtstaatlichen Entscheidungsträger der Commerzbank nicht die Schuldigen an der Krise der Bank sind. Wenn diese nicht in der Lage sind zu erkennen, dass die Dresdner Bank marode ist, was qualifiziert sie denn für ihrem Job? Sind diese Versager denn wenigstens gefeuert worden oder reicht es zu sagen, der böse Staat war Schuld und sie kassieren weiter ihre Vergütungen?

      • Vielleicht ist es Ihnen in Ihrem Staatsglauben entgangen, doch in der Folge wurde die Commerzbank eine quasistaatliche Bank mit neuen Managern und gedeckelten Gehältern. Nun soll der gleiche Fehler wiederholt werden und die Commerzbank nach Wunsch unserer Politiker mit der maroden Deutschen Bank vereinigt werden.

        Es gibt Marktversagen, aber Ihre Beispiele fallen nicht darunter, gerade weil der deutsche Staat so stark involviert war. Außerdem ist das Versagen einzelner privater Unternehmen und Manager noch kein Marktversagen, sondern gerade Teil des Wettbewerbs.

      • „Vielleicht ist es Ihnen in Ihrem Staatsglauben entgangen, doch in der Folge wurde die Commerzbank eine quasistaatliche Bank mit neuen Managern und gedeckelten Gehältern.“
        Sie sagen es doch selbst. In der Folge wurde …
        Sie wollen also wirklich den Staat für das Versagen der privaten Commerzbank verantwortlich machen?
        Im Vergleich zu Ihnen ist mein Glauben an den Staat wohl deutlich geringer ausgeprägt als ihre Verneigung vor dem quasi unfehlbarem Markt. Und falls doch Probleme auftreten, war der Staat Schuld, weil er nicht genügend, falsch oder zu viel reguliert hat.
        Aber mal ganz einfach. Nennen Sie doch mal ein Beispiel für ein Markversagen und dann kann man diskutieren, was in diesem Fall anders war.

      • In einem weiten Sinne ist es tatsächlich so, dass jedes Marktversagen auch ein Staatsversagen ist, weil der moderne Staat so mächtig ist und den Markt so stark beeinflusst oder zumindest beeinflussen könnte. Bei der Frage, was der Staat (nicht) tun sollte, hilft das allerdings nicht weiter, sondern liegt dann Staatsversagen vor, wenn der Staat aktiv handelt mit üblen Konsequenzen, während Marktversagen vorliegt, wenn der Staat sich heraushält und die Ergebnisse der privaten Akteure schlecht sind. Gerade in Deutschland hält sich der Staat jedoch aus fast nichts mehr heraus, so dass es sich eher um gemischtes Markt-Staatsversagen oder eben (wie beim Staatsbetrieb Bahn) reines Staatsversagen handelt.

        Reines Marktversagen sieht man am klarsten dort, wo es gar keinen Staat gibt. In ef wurde Somalia einmal als libertäres Paradies geschildert, es ist aber eher eine unfreie Hölle. Allerdings können staatliche Höllen noch schlimmer sein, z. B. Nordkorea oder Hitler-Deutschland. Den ersten Satz dieses Kommentars kann man gegen Libertäre übrigens auch umdrehen. Wenn der völlig staatsfreie Markt so toll ist, warum gibt es dann überhaupt Staaten? Die liberale Antwort ist, dass Staaten durchaus sinnvoll sind, um Kollektivgutprobleme zu lösen, zu denen die innere und äußere Sicherheit, aber auch die Gewährleistung funktionierender Märkte gehören.

      • „In einem weiten Sinne ist es tatsächlich so, dass jedes Marktversagen auch ein Staatsversagen ist, weil der moderne Staat so mächtig ist und den Markt so stark beeinflusst oder zumindest beeinflussen könnte.“
        So weit auseinander sind wir also gar nicht. Man kann darüber streiten, ob es wirklich Staatsversagen ist, wenn er ein Markversagen durch Beeinflussung hätte verhindern können, aber ansonsten denke ich auch, dass in vielen Fällen beide nicht optimal agieren.
        Nur bei der Bahn divergieren unsere Meinungen erheblich. Ein Teil der Probleme der Bahn resultieren ja gerade daher, dass die Bahn privatrechtlich geführt wird, auch wenn der Staat der einzige Aktionär ist. Zumindest kann ich mich nicht an so viele Probleme erinnern, als sie noch ein richtiges Staatsunternehmen war.
        Auch der zweite Teil ihrer Ausführungen deckt sich mit meiner Meinung bis auf:
        „Die liberale Antwort ist, dass Staaten durchaus sinnvoll sind, um Kollektivgutprobleme zu lösen, zu denen die innere und äußere Sicherheit, aber auch die Gewährleistung funktionierender Märkte gehören.“
        Da ich kein Liberaler und auch kein Libertärer bin, ist diese Meinung über die Aufgaben eines Staates zwar interessant, aber lediglich eine Meinung, die ich nicht teile. Staaten sollten darum bemüht sein, die Lebensumstände ihrer Einwohner zu verbessern. Wenn das mit „freien“ Märkten funktioniert, prima, wenn es mit stark regulierten Märkten besser funktioniert, umso besser.
        Ob die Märkte funktionieren ist dabei unerheblich, wichtig ist das Ergebnis für die Gesellschaft.

      • Die privatrechtliche Gesellschaftsform macht die Bahn nicht zu einem Privatunternehmen und führt auch nicht zu ihren aktuellen Problemen. Das Hauptproblem ist, dass der Bund viel weniger investiert als früher und der Bahn auch noch andere Nachteile aufbürdet (wie Ökosteuern auf den Strom, während Flugbenzin steuerfrei bleibt).

        Der Staat verbessert die Lebensumstände seiner Einwohner am meisten dadurch, dass er sich um die Probleme kümmert, die er selbst am besten lösen kann (vor allem Kollektivgutprobleme einschließlich Sicherheit und Rechtsordnung), und die anderen Probleme, die seine Bürger und Unternehmen sowie Ausländer besser lösen können, diesen überlässt (leider macht die Merkel-Regierung genau das Gegenteil). Wichtig ist auch nicht das Ergebnis für die Gesellschaft als solche oder den Staat selbst (wenn z. B. hohe Überschüsse zu Lasten seiner Bürger gefeiert werden), sondern für die vielen Individuen.

      • „Ob die Märkte funktionieren ist dabei unerheblich, wichtig ist das Ergebnis für die Gesellschaft.“

        Na bravo. Das Ergebnis können Sie an jedem gescheiterten Bolschewikenstaat ablesen.

      • „Die privatrechtliche Gesellschaftsform macht die Bahn nicht zu einem Privatunternehmen und führt auch nicht zu ihren aktuellen Problemen. “
        Wir müssen wohl damit leben, dass wir hier unterschiedliche Meinungen vertreten. Meiner Meinung nach ist genau das der Kern des Problems, man sollte nicht versuchen eine Bahn wie ein privates Unternehmen zu führen. Die Ergebnisse solchen Handeln konnte man ja in GB oder NZ beobachten.

        „Der Staat verbessert die Lebensumstände seiner Einwohner am meisten dadurch, dass er sich um die Probleme kümmert, die er selbst am besten lösen kann …“
        Das ist zwar vollkommen korrekt, hilft aber sehr wenig. Niemand kann mit Sicherheit sagen, welche Probleme das sind. Liberale haben da ihre Vorstellungen, ich wiederum ganz andere. Deshalb bleibt als einzige gangbare Möglichkeit, die Bevölkerung selbst bestimmen zu lassen, welche Probleme der Staat zu lösen hat und welche nicht.
        Bisher dachte ich die Gesellschaft besteht aus einer Vielzahl von Individuen mit unterschiedlichen Ansichten und Bedürfnissen und der Staat sollte sich Bemühen, deren Wohlergehen zu fördern. Daher verstehe ich Ihren Einwand nicht.

      • Ihre abweichende Meinung ändert nichts an der Tatsache, dass die Deutsche Bahn ein reines Staatsunternehmen ist. Auf die Rechtsform kommt es dabei nicht an und sie wird auch nicht wie ein privates Unternehmen geführt.

        Einem Staat kann es gut gehen, auch wenn es seinen Bürgern schlecht geht, was auch umgekehrt möglich ist. Mir geht es um die einzelnen Menschen, nicht den Staat oder ein Kollektiv als solches.

      • „Auf die Rechtsform kommt es dabei nicht an und sie wird auch nicht wie ein privates Unternehmen geführt.“
        Natürlich haben sie das Recht auf Ihre eigene Meinung.
        „Einem Staat kann es gut gehen…“
        Ich habe nie davon gesprochen, ob es einem Staat gut geht oder nicht. Das war nie ein Kriterium für mich.

      • Ich weiß nicht, was Sie so beruflich tun, doch ich bin Wissenschaftler und kenne die Begrifflichkeiten. Sie sind natürlich frei, Ihre Privatsprache zu kreieren, was die Kommunikation jedoch nicht erleichtert.

        Sie haben „Gesellschaft“ geschrieben und bislang nicht erklärt, ob Sie diese individualistisch oder kollektivistisch verstehen.

      • „Sie sind natürlich frei, Ihre Privatsprache zu kreieren, was die Kommunikation jedoch nicht erleichtert.“
        Ich bin doch ein wenig verwundert, dass Ihnen die Rechtsform eines Unternehmens egal ist. Für mich ist ein Unternehmen das privatrechtlich geführt wird, das sogar privatisiert wurde, wenn man den Zeitungsberichten glauben kann, ein privates Unternehmen, selbst wenn es zu 100% dem Staat gehört. Aber wie gesatzt, dazu darf jeder seine Meinung haben.
        „Sie haben „Gesellschaft“ geschrieben und bislang nicht erklärt, ob Sie diese individualistisch oder kollektivistisch verstehen.“
        Gesellschaft bezeichnet für mich die Gesamtheit der in einem Staat lebenden Personen. Ob sie das individualistisch oder kollektivistisch betrachten wollen, ist mir relativ egal.

      • Wenn ein Unternehmen Ihnen zu 100 Prozent gehört, ist es Ihr Unternehmen, unabhängig von der Rechtsform. Beim Staat ist es ebenso.

        Es besteht ein großer Unterschied zwischen einem individualistischen
        oder kollektivistischen Gesellschaftsverständnis. Doch vielleicht haben Sie da auch Ihre eigene Sprache.

      • „Wenn ein Unternehmen Ihnen zu 100 Prozent gehört, ist es Ihr Unternehmen, unabhängig von der Rechtsform. Beim Staat ist es ebenso.“
        Und wo widerspricht das irgendeiner meiner Aussagen. Aber vielleicht verstehe ich ihre Privatsprache auch nur nicht?
        Ich habe nicht bestriiten, dass die privatisierte Bahn AG dem Staat gehört.
        „Es besteht ein großer Unterschied zwischen einem individualistischen
        oder kollektivistischen Gesellschaftsverständnis.“
        Auch hier muss ich fragen, was sie nicht daran verstanden haben, dass Sie es sich aussuchen können. Aber wenn es einfacher für Sie ist, können Sie auch vom kollektivistischen Ansatz aussgehen. Solange Sie dabei berücksichtigen, dass eine Gesellschaft nur die Summe der Einzelpersonen ist und keine Art Überperson.

      • Sie haben bestritten, dass die Deutsche Bahn noch ein Staatsunternehmen sei. Dafür gäbe es null Punkte in jeder Klausur.

        Sie scheinen auch nicht zu wissen, was kollektivistisch bedeutet, so die weitere Diskussion nicht lohnt.

      • Sie hätten aber natürlich auch gleich sagen können, dass sie divergierende Meinungen grundsätzlich nicht akzeptieren können. Dann beschließe auch ich diese „Diskussion“ mit Ihnen mit einem Zitat Schopenauers:
        „Daraus folgt, daß unter Hundert kaum Einer ist, der wert ist, daß man mit ihm disputiert.“

      • Über Werturteile, politische Ansichten oder auch Theorien kann man verschiedener Meinung sein. Bei simplen Begriffen lohnt das nicht. Entweder hält man sich da an die Standardbedeutungen oder definiert eindeutig neu. Für reine Begriffsverwirrungen ist die Zeit zu schade.

      • Wie es scheint, haben Sie eine abweichende Vorstellung, was eine (Formelle) Privatisierung eines Staatsunternehmens ist. Das kann ich natürlich nicht erraten, ich dachte Sie halten sich an die allgemein übliche Begriffsbedeutung.

        „Demgegenüber ist indes einzuwenden, dass auch bei der nur formellen Unterstellung der Staatsaufgaben unter eine private Organisationsform eine eigene rechtsfähige juristische Person des Privatrechts entsteht, in der die Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten durch die Anwendbarkeit des Privatrechts für den Staat stark eingeschränkt werden. Zudem erfolgt die Aufgabenausführung selbst nicht mehr durch die öffentliche Hand und ihre Mitarbeiter, sondern in der Regel durch von der privaten juristischen Person angestellte Arbeitnehmer. Insofern ist der hier vertretenen Ansicht zu folgen, nach der auch die Organisationsprivatisierung aufgrund der mit ihr einhergehenden Verlagerung von staatlichen Aufgaben auf Private als Privatisierung im eigentlichen Sinne zu verstehen ist“

        Aber jeder wie er will.

      • Insbesondere den Grünen geht es wohl tatsächlich darum, den Lebensstandard und die Freiheit für andere zu vermindern, während man selbst mit dem Hubschrauber zum Waldspaziergang oder für den Silverstertrip um die halbe Welt jettet.

      • So ist es. Dennoch hat diese Schwachmatenpartei einen erschreckend großen, offenbar durch und durch masochistischen Fanclub.

      • Ich halte es für Sadismus, anderen bewusst schaden zu wollen, während man sich selbst nicht an die eigenen Forderungen hält.

      • Die Masochisten sind die Wähler und Sympathisanten dieser seltsam erfolgreichen Verbotspartei. Die Sadisten ihre Akteure.

      • Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Differenzen sowohl bei den Einstellungen als auch im Verhalten zwischen Funktionären, Mitgliedern und Sympathisanten bei den Grünen kleiner sind als bei den anderen Parteien.

      • Das mag sein. Nicht umsonst werden die Grünen ja auch als „Wohlfühlpartei“ bezeichnet. An der Oberfläche keine Differenzen zu haben ist allerdings keine Garantie für intelligente Antworten auf die Fragen unserer Zeit.

      • @Gerhard Nadolny

        Den Aussagen des Autors Ihres verlinkten Artikels kann ich nicht folgen. Schon der Vergleich der rot-grünen Sektierer mit Atheisten und Agnostikern hinkt. Gerade die Ideologie der Marxisten und sonstigen Sozialisten passt ja genau nicht zum Atheismus oder Agnostizismus, die eine höhere Instanz ablehnen.

        Bei den Ungewaschenen wird die höhere Instanz eines „Schöpfers“ durch die von ihnen selbst erkannte ultimative Weisheit und bei den Etatisten bei der des Staates, der besser als jeder Bürger, jeder Philosoph, jeder Wissenschaftler und jeder Unternehmer, weiß, was gut für die Menschen ist und was nicht, ersetzt.

        Ich sehe daher eher Gottesfürchtige, Sozialisten aller Couleur und Etatisten in derselben Liga, auch wenn sie unterschiedliche Ansätze verfolgen. Sie alle sind – jede Gruppe auf ihre Weise – die Vernichter unserer bürgerlichen Freiheit und jeder wirklichen Liberalität, mithin auch unserer über Jahrtausende erworbenen Lebensqualität.

  2. Natürlich muss der Staat einen Ordnungsrahmen vorgeben, ABER nur durch den Markt und niemals durch den Staat (!) wird Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten garantiert. In Deutschland glauben leider zu viele das alte preußische Märchen vom „Vater Staat“.

    Eine der Hauptursachen der von den USA ausgegangenen Finanzkrise waren AssetBacked-Anleiheemissionen, die es leider immer noch gibt. Regulierungen überall, nur nicht dort, wo sie notwendig wären.

  3. Immer wieder verblüffend für mich, welches Vertrauen die Deutschen in den Staat setzen, obwohl der Staat sie im 20 Jahrhundert drei Mal vollständig ruiniert hat (incl. DDR).
    Es besteht eine stille Sehnsucht nach Staatssozialismus und Volksheim, fast skandinavisch, wie das neue SPD-Programm und die Ansprache von AKK „Liebe Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen“ an den CDU-Vorstand beweist.
    Auch Altmaier als beurlaubter EU-Beamter simuliert den Wirtschaftsminister und beweist sich als Pseudo-Enarch, wie AKK auch Ritter der Ehrenlegion. Wir sehen wohin die Reise geht und wissen nicht, was zu tun wäre.

    Die dringend notwendige Innovation kann nur von Mittelstand, Freiberuflern und Selbständigen ausgehen. Großbürokratien wie Daimler (intern Bullshit Castle) und Siemens – ganz zu schweigen von der Deutschen Bank – sind Dinosaurier.

  4. Ach Du Schreck! Der Scharlatan schon wieder. Wenn der Spiegel dem Weg der Financual Times folgen will… Seine Auflage ist bereits um ca. 30% gefallen. Was für das Märchenmagazin noch geschmeichelt ist.

    • Spiegel-Gründer Rudolf Augstein hat seinen Erben leider viel Geld hinterlassen. Eine Weile wird man diese Links-Postille noch über Wasser halten können. Aber alles hat seine Zeit und heute geht vieles noch schneller. Wir werden den Spiegel noch in Scherben sehen…!

  5. Pingback: Die Linke will staatliche Kaufhäuser | Alexander Dilger

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