Sparen ist gar nicht so schlimm

Gestern war die ‚Diskussion mit Flassbeck zur schwarzen Null‘ in Wuppertal. Er war enttäuscht, dass keine 20 Personen da waren. Als Prominenter ist er mehr Publikum gewohnt, während ich schon bei vielen noch kleineren Veranstaltungen war. Dafür waren gestern vor allem seine Fans gekommen, so dass die Mehrheitsverhältnisse vor Ort im deutlichen Kontrast zu seiner These standen, dass mindestens 98 Prozent der Volkswirte dieselben Mainstream-Meinungen vertreten würden. Nein, das tun sie nicht, wie z. B. die heterogenen Antworten beim Ökonomenpanel zeigen (siehe zuletzt ‚Ökonomenpanel zum Rentensystem‘). Er meint vermutlich, dass kaum 2 Prozent seinen sektenartigen Thesen zustimmen.

Heiner Flassbeck berief sich wiederholt auf saldenmechanische Thesen, die reine Logik seien. Nein, das sind sie nicht. Aus reiner Logik allein folgt ohnehin weder empirisch Gehaltvolles noch Normatives, sondern das setzt inhaltliche Aussagen über die Welt oder Werte voraus. Manche der Schlagworte sind sogar schlicht falsch, z. B. dass Sparen immer eine Verschuldung in gleicher Höhe voraussetzen würde. Denn dem Sparen können reale Investitionen gegenüberstehen z. B. in Häuser oder Maschinen. Dagegen hat jeder Kredit notwendigerweise zwei Seiten, einen Schuldner und einen Gläubiger. Die beschworene Geldschöpfung aus dem Nichts durch Geschäftsbanken besteht allerdings aus zwei Krediten. Der Bankkunde ist Schuldner beim Bankkredit und Besitzer des dafür gutgeschriebenen Giralgeldes, für das die Bank einsteht.

Der Hauptpunkt von Herrn Flassbeck war allerdings tatsächlich ein empirischer, nämlich dass inzwischen in allen entwickelten Ländern die Unternehmen Nettosparer seien. Da auch die privaten Haushalte in der Regel Nettosparer sind, müsse sich der Staat verschulden, um die Salden bzw. die fehlende Nachfrage auszugleichen. In Deutschland hat der Staat jedoch die schwarze Null ins Grundgesetz geschrieben und verlässt sich für den Ausgleich aufs Ausland. Doch es können nicht alle Länder zugleich sparen und Handelsbilanzüberschüsse haben.

Ich habe zugestanden, dass Keynesianismus als Krisentheorie eine Berechtigung hat. In der akuten Krise muss der Staat einspringen, Vertrauen schaffen und Märkte stabilisieren. Die in der Krise angehäuften Schulden sollte der Staat jedoch im Boom wieder abtragen, um erstens die Konjunktur nicht zu überhitzen und zweitens größere Reserven für die nächste Krise zu haben. Die schwarze Null ist dementsprechend nicht in jeder Periode anzustreben, sondern über den Konjunkturzyklus hinweg.

Herr Flassbeck meinte hingegen, die Nachfrage sei dauerhaft zu gering, weil die privaten Haushalte und Unternehmen zu viel sparen würden. Stetig wachsende Staatsschulden sah er einerseits als unproblematisch an, weil es keine Grenze für die Staatsverschuldung gäbe. Andererseits war er beleidigt, dass ich ihm unterstellen würde, für unendliche Staatsschulden einzutreten und mit jeder Budgetrestriktion auch die ökonomische Grundannahme der Knappheit aufheben zu wollen. Dazu verweigerte er dann jede Diskussion, während er sonst stets auf sein angeblich überlegenes Wissen hinwies.

Aber was ist dann die vernünftige Lösung, wenn alle sparen wollen? Entgegen Vulgärkeynesianern ist Sparen gar nicht schlimm, sondern gut, insbesondere wenn reale Investitionen getätigt werden. Als Häuslebauer kann man sogar gleichzeitig sparen und Kredite aufnehmen. Dasselbe gilt für gewinnträchtige Unternehmen, die außerdem einen Teil ihrer Gewinne ausschütten können, so dass ihre Überschüsse für Konsum und Investitionen anderer zur Verfügung stehen. Auch der Staat sollte besser investieren, z. B. in Bildung und die (in Deutschland zerfallende) Infrastruktur. Die deutschen Handelsbilanzüberschüsse wären ebenfalls weniger problematisch, sowohl für Deutschland als auch unsere Handelspartner, wenn sie für sinnvolle Investitionen statt Targetsalden und anderen Unsinn verwendet würden. Letztlich ist und bleibt der Euro das Hauptproblem, nicht unsere Wirtschaftsweise oder die in Italien.

17 Gedanken zu „Sparen ist gar nicht so schlimm

  1. Fast alle Staaten der westlichen Welt sind seit Jahrzehnten so hoffnungslos überschuldet, dass diese Schulden gar nicht mehr zurückbezahlt werden können. Damit uns diese Schuldenlast nicht um die Ohren fliegt, werten alle Staaten (oder Währungsgebiete) ihre Währungen direkt oder verdeckt durch gewünschte Inflation ab. Das staatliche Geldmonopol ist ein groß angelegter Betrug, damit Politiker ihre teuren Wahlversprechen auf Kosten der Bürger erfüllen können.

    Ich bin zu klein und unbedeutend, dass ich dieses System ändern könnte, ABER immer auf der Suche nach Nischen und Lücken, wie ich dieses System austricksen, bzw. zu meinem Vorteil nutzen kann.

    • Rückzahlung aller Staatsschulden steht nicht wirklich auf der Agenda, zumal es riesige Staatsüberschüsse voraussetze würde (private Haushalte oder Unternehmen müssten entsprechend entsparen). Es geht um Schuldentragfähigkeit. Herr Flassbeck setzt sie einfach voraus und interpretiert Beispiele wie Zimbabwe oder Venezuela so, dass das entwickelten Volkswirtschaften nicht passieren könne (dabei waren beide vergleichsweise reich, bevor sie mit seinen Rezepten heruntergewirtschaftet wurden). Richtig ist, dass Japan extrem stark verschuldet ist, ohne dass akut eine Staatspleite droht. Aber das liegt auch daran, dass nicht ununterbrochen Konjunkturprogramme aufgelegt werden, die gegen Strukturprobleme ohnehin nicht helfen, die Zinsen so niedrig sind und vor allem Japaner geduldig die japanischen Staatsanleihen halten. Mit einer eigenen Währung (die die Länder in der Eurozone nicht mehr haben) kann ein Staat übrigens immer eine formale Staatspleite abwenden; der Preis kann allerdings Hyperinflation sein, wenn das Vertrauen in die Währung fehlt.

  2. Danke für den Bericht ! Aus der Beschreibung von Leben und Werk von Heiner Flassbeck in Wikipedia konnte man ja das Ergebnis schon folgern. Ich hatte abgewogen: Spannende Diskussion gegen erwartete Fruchtlosigkeit und bin zu Hause geblieben.

    • Das stand nicht im Vordergrund, doch wie Sie sich denken können, habe ich natürlich gegen den Euro argumentiert, ohne den die Problematik in Europa viel weniger ausgeprägt wäre. Herr Flassbeck müsste eigentlich auch gegen den Euro sein, damit die Südländer mit eigener Währung eher seinen Empfehlungen folgen könnten und auch die Handelsbilanzungleichgewichte geringer würden. Tatsächlich will er ihn aber wohl behalten und möglichst viele Schulden und Transfers in der Eurozone haben.

  3. Grundsätzlich ist Sparen in öffentlichen Haushalten ja nicht verkehrt, aber bei 0.3% Zinsen auf 10 jährige Anleihen bei erwarteter Inflation von 2%? Wir sollten die Investitionen massiv hochfahren, dabei natürlich trotzdem auf die Sinnhaftigkeit achten. Wenn das nicht realistisch ist, wären auch Steuersenkungen, bspw der Mehrwertsteuer eine gute Option. Die niedrigen Zinsen deuten auch auf mittelfristig schwache Nachfrage in der Eurozone hin. Wenn DE in Folge der Investitionen real aufwertet, steigt auch das Vertrauen in den Rest der Eurozone und die Zinsen steigen wieder auf ein sinnvolles Niveau. Dies liegt auch in deutschem Interesse, da man Nettokreditgeber ist.

    • Grundsätzlich stimme ich zu, dass auch und gerade der deutsche Staat jetzt mehr investieren sollte. Die Argumentation dahinter ist allerdings eine andere als bei Herrn Flassbeck, dem es allein um die Nachfrage zu gehen scheint (in Wirklichkeit will er jedoch eine gigantische Umverteilung und präferiert deshalb Transfers gegenüber Investitionen oder Steuersenkungen, die die Reichen noch reicher machen könnten). Der deutsche Staat desinvestiert unter den Merkel-Regierungen, obwohl es angesichts der Null- bis Negativzinsen ganz viele lohnende Investitionsprojekte gäbe. Die Nachfragesteuerung gibt es bereits indirekt über die EZB, doch es muss auch jemand auf die Zinssignale reagieren. Ich habe deshalb z. B. ein Haus gekauft (allerdings nicht neu gebaut) und einen Kredit aufgenommen, den ich eigentlich nicht brauchte. Ich würde mich auch an einer sinnvollen Unternehmung beteiligen (aber bitte keinen Spam).

  4. Die Original-Diskussion habe ich nicht gesehen und konnte auch kein entsprechendes Video finden. Zu Ihrem Artikel wenigstens folgende Anmerkungen:

    Was Flassbeck meint, wenn er von „Logik“ spricht, sind aber offenbar einfach apriorische Zusammenhänge, die aus der Natur der Sache und/oder unstrittigen Definitionen folgen. Etwa, dass allen wirtschaftlichen Ausgaben entsprechende Einnahmen gegenüberstehen usw. (Woraus sich beispielsweise ergibt, dass alle Leistungsbilanzüberschüsse weltweit und -defizite sich zu Null addieren; ein Zusammenghang, den man empirisch nicht beweisen muss und aufgrund ungenauer Messungen wohl auch gar nicht exakt beweisen kann.)
    Man kann sich über Terminologie streiten; aber der entscheidende Punkt ist hier, dass bestimmte Aussagen keiner empirischen Bestätigung bedürfen, sondern sich direkt aus den Prinzipien ergeben, nach denen wir Wirtschaft betreiben. Die Frage wäre hier, was zu dem apriorischen Wissen über Wirtschaft gehört und was nicht.

    Wenn jemand Geld spart in dem Sinne, dass er weniger ausgibt als einnimmt, muss ein anderes Wirtschaftssubjekt doch umgekehrt mehr ausgeben, als ein einnimmt. Sonst würde das entsprechende Geld dem Wirtschaftskreislauf entzogen werden, was zur Schrumpfung von Wirtschaft beitragen würde. Wenn also der private Sektor deutlich weniger Geld ausgibt als einnimmt, muss (mindestens) irgendein anderer Sektor entsprechend mehr Geld ausgeben, als er einnimmt (die unternehmen, der Staat, das Ausland). Die anderen Sektoren müssen also ihre Ersparnisse vermindern oder sich verschulden (wobei „Staatsverschuldung“ womöglich keine Verschuldung im eigentlichen Sinne sein muss).

    „Die in der Krise angehäuften Schulden sollte der Staat jedoch im Boom wieder abtragen, um erstens die Konjunktur nicht zu überhitzen und zweitens größere Reserven für die nächste Krise zu haben.“

    Den zweiten Teil des Satzes halte ich insofern problematisch, als der Staat doch keinerlei Ressourcen braucht, um Geld auszugeben. Die Zentralbank kann ihm das Geld einfach zur Verfügung stellen, es einfach „drucken“.
    Klar, wenn die Wirtschaft brummt und die Kapazitäten ausgelastet sind, dann wäre es ein Problem, wenn der Staat einfach Geld druckt und in die Wirtschaft pumpt; es gäbe dann ohne entsprechende Steuern Inflation. Wir sprechen aber ja über Krise-Szenarien.

    Denken Sie nur an Japan, wo die Staatsschuldenquote bei 250% liegt, die Verzinsung bei Null, und wo man sich seit Jahren verzweifelt um eine etwas höhere Inflation bemüht.
    Da der japanische Staat großteils bei der eigenen Zentralbank „verschuldet“ ist (was ja eigentlich ein reiner Formalismus ist), und weil die Zentralbank der Regierung beliebig viel Geld ohne Zins zur Verfügung stellt), und weil Japan in einer wirtschaftlichen Krise ist, ist das alles kein Problem. Der Staat bzw. seine Zentralbank braucht hier aber offensichtlich keine „Ressourcen“.

    • Immanuel Kant hat die Frage gestellt, ob es synthetische Erkenntnisse a priori gäbe. Er war dieser Ansicht im Gegensatz zu fast allen heutigen Philosophen und Wissenschaftlern einschließlich mir. Herr Flassbeck gehört vielleicht zu den Ausnahmen wie auch die Anhänger Ludwig von Mises. Logik ist natürlich nützlich für Erkenntnisse, diese sind jedoch analytischer Art bzw. vom Gehalt der Prämissen abhängig.

      Sparen ist doch nicht einfach die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben, weder individuell noch volkswirtschaftlich. Sparen kann zum realen Investieren genutzt werden. Ex post sind sogar Sparen und Investieren gleich, was jedoch anders realisiert werden kann, als es von den Wirtschaftsakteuren geplant wurde.

      Bei jeder Ausgabe greift der Staat auf volkswirtschaftliche Ressourcen zurück, die er sich nur auf verschiedene Weise beschaffen kann, z. B. durch Steuern, Staatsschulden oder auch direkt die Notenpresse.

      Japan ist seit drei Jahrzehnten in der Krise und sicher kein Vorbild für die Eurozone. Wenn Inflation und Zinsen nahe null oder sogar negativ sind, ist natürlich eine sehr hohe Staatsverschuldung möglich. Geht jedoch das Vertrauen verloren, steigen Inflation und Zinsen sehr schnell an, wodurch eine solche Staatsverschuldung untragbar wird, was das Vertrauen weiter untergräbt.

      • Japan ist ökonomisch bzw. kulturell ein sehr interessantes Beispiel, auch im Hinblick auf national orientierte Politik im Westen. Das Land erlaubt kaum Einwanderung, was möglicherweise das Wirtschaftswachstum bremst, aber vielleicht von vielen Japanern aus kulturellen Gründen gewollt ist. Trotz Deflation ist der Lebensstandard dort sehr hoch. Könnte Japan für uns ein Vorbild sein?

      • Es ist wichtig, zwischen dem BIP eines Landes und pro Kopf zu unterscheiden. Durch massive Zuwanderung kann Deutschland sein BIP insgesamt zumindest für eine gewisse Zeit steigern, doch pro Kopf fällt es dadurch. In Japan ist es umgekehrt, was mir die bessere Entscheidung zu sein scheint. Sehr selektive Zuwanderung wäre vermutlich noch besser.

      • @Josef Fischer
        „Könnte Japan für uns ein Vorbild sein?“

        Die kulturellen Unterschiede sind zu groß.
        Japaner zeichnen sich durch Tugenden aus, die unsere Landsleute nie hatten und sich auch nicht mehr aneignen werden.
        Gerade die Deutschen sind ja nicht einmal in der Lage, ihre einstigen Sekundärtugenden Fleiß, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit zu wahren.
        Vom abnehmenden tatsächlichen (nicht formalen) Bildungsniveau und der zunehmenden Verrohung von Sprache und Umgangsformen einmal ganz abgesehen.

      • Japan und Deutschland sind sich relativ ähnlich, doch es gibt dort keine Frau Merkel und auch die Grünen haben keine vergleichbare Bedeutung.

      • Die oben von mir aufgezählten Sekundärtugenden sind Mindeststandards, damit in einer hochentwickelten Kultur, wie wir sie noch kennen, alles am Laufen bleibt. Der Verfall ist unter anderem daran zu erkennen, dass sich eine zunehmende Zahl von Menschen gar nicht mehr um sie schert. Ich habe nicht den Eindruck, dass das in Japan in einem ähnlichen Ausmaß der Fall ist, wie in Deutschland. Aber vielleicht irre ich mich da auch, denn ich muss zugeben, dass ich kein profunder Kenner der japanischen Inlandssituation bin.

      • Es gibt immer solche und solche Menschen, nur ihr Anteil ist verschieden. In Japan hat sich in dieser Hinsicht weniger verändert als in Deutschland, wo die gesellschaftliche Spaltung größer wird, woran Linke fleißig mitwirken, auch wenn sie das Gegenteil behaupten.

      • @Alexander Dilger
        „Es gibt immer solche und solche Menschen, nur ihr Anteil ist verschieden.“

        Das ist wohl so. Allerdings steigt der Anteil de No-Brainer mit ungesteuerter Einwanderung in bislang nicht gekanntem Ausmaß.

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