Drei Dimensionen des Populismus

„Deutschlands Mitte wird populistischer“. Das behauptet zumindest die Bertelsmann-Stiftung und will es zusammen mit dem Wissenschaftszentrum Berlin im Rahmen des „Populismusbarometer 2018“ herausgefunden haben, wobei eine Steigerung von 29,2 Prozent Populisten im letzten Jahr auf 30,4 Prozent bei allen Wahlberechtigten nicht übermäßig hoch erscheint.

‚Was bedeutet Populismus?‘ Meiner Interpretation von Populismus als besondere Form des Opportunismus, bei der Politiker Meinungen nur deshalb vertreten, um den Wählern zu gefallen, wird nicht gefolgt, sondern es werden „Drei Dimensionen des Populismus“ unterschieden (S. 25 im Populismusbarometer): „Anti-Establishment“, „Pro-Volkssouveränität“ und „Anti-Pluralismus“. Ich vertrete anderthalb dieser Positionen (gegen das heutige politische Establishment in Deutschland und für Volkssouveränität) und bin damit kein Populist (S. 27):

Wichtig für das Verständnis von Populismus ist, dass keine der drei Dimensionen alleine hinreichend ist für die Identifikation populistischer Einstellungen. Alle drei Dimensionen sind notwendige Bedingungen für Populismus und müssen gleichzeitig erfüllt sein. Erst ihr Zusammenspiel formt den ideologischen Kern des Populismus als einer Ideologie der Demokratie, die von der Fiktion eines reinen Volkes – ausgestattet mit einem einheitlichen und wahren Volkswillen – ausgeht und gesellschaftliche Auseinandersetzungen als Konflikt zwischen diesem wahren Volkswillen und den egoistischen Interessen einer ebenso homogenen wie korrupten politischen Elite begreift.

Die Dimensionen wurden empirisch über acht Items abgefragt (S. 26). Die Fragen und meine Antworten lauten:

1. Die Bürger sind sich oft einig, aber die Politiker verfolgen ganz andere Ziele.
stimme eher nicht zu

2. Mir wäre es lieber, von einem einfachen Bürger politisch vertreten zu werden als von einem Politiker.
stimme eher zu

3. Die Parteien wollen nur die Stimmen der Wähler, ihre Ansichten interessieren sie nicht.
stimme eher zu

4. Die politischen Differenzen zwischen den Bürgern und Politikern sind größer als die Differenzen der Bürger untereinander.
stimme eher zu

5. Wichtige Fragen sollten nicht von Parlamenten, sondern in Volksabstimmungen entschieden werden.
stimme voll und ganz zu

6. Die Politiker im Bundestag sollten immer dem Willen der Bürger folgen.
stimme eher nicht zu

7. Die Bürger in Deutschland sind sich im Prinzip einig darüber, was politisch passieren muss.
stimme überhaupt nicht zu

8. Was man in der Politik „Kompromiss“ nennt, ist in Wirklichkeit nichts Anderes als ein Verrat der eigenen Prinzipien.
stimme überhaupt nicht zu

Die ersten vier Aussagen stehen für den Gegensatz zwischen politischer Elite und Bürgern. Sie bilden die „Anti-Establishment“-Dimension des Populismus ab. Die letzten vier Aussagen stehen für die Idee der Bürger als homogener Einheit. Sie bilden die „Anti-Pluralismus“-Dimension des Populismus ab. Die Aussagen 2, 5 und 6 (von oben gezählt) betonen schließlich den Wunsch nach direkter Volksherrschaft durch Referenden und die Repräsentation durch „einfache Bürger“ anstatt durch Parteien und Politiker. Sie stehen für die „Pro-Volkssouveränität“-Dimension des Populismus.

Was ist denn an Volksabstimmungen antipluralistisch? Gerade wenn sich alle einig wären, müsste man doch man doch gar nicht mehr abstimmen, sondern könnte gleich den einheitlichen Volkswillen exekutieren. Aber auch nach meinen Antworten bin ich kein Populist (sondern sehe mich selbst als liberalen Demokraten, der die Macht vom Staat und der politischen Elite nicht abschaffen, aber begrenzen und kontrollieren will):

Wie für die drei Dimensionen des Populismus gilt deshalb auch für die acht Populismus-Items: Nur im gleichzeitigen Zusammenspiel wird aus den einzelnen Aussagen ein insgesamt populistisches Demokratie- und Politikverständnis. Deshalb gilt in unserem Populismusbarometer nur derjenige als „Populist“, der allen acht Aussagen „voll und ganz“ oder „eher“ zustimmt. Befragte, die mindestens einer Aussage „überhaupt nicht“ zustimmen, oder mindestens der Hälfte der acht Aussagen „eher nicht“ zustimmen, werden dagegen als unpopulistisch eingestellt bezeichnet. Alle anderen Befragten sind weder populistisch noch unpopulistisch eingestellt, und fallen in die Kategorie „teils/teils“.

8 Gedanken zu „Drei Dimensionen des Populismus

  1. Die Bertelsmann-Stiftung ist nichts anderes, als eine linke Vorfeldorganisation. Was die sagt, hat mit Wissenschaft nichts zu tun, sondern nur mit Propaganda! Lasst Euch nicht für dumm verkaufen!

    • Lässt sich die Bertelsmann-Stiftung wirklich als politisch links charakterisieren? Dahinter stehen ein Konzern und reiche Geldgeber. Richtig ist, dass sie Frau Merkel unterstützt, die inzwischen eine linke Politik macht. Aber vielleicht geht es dabei nur um die Nähe zur Macht und würde ein AfD-Kanzler, zu dem es hoffentlich nie kommt, ebenso unterstützt werden.

      • Reinhard Mohn übernahm 1947 das bis dahin mittelständische Unternehmen Bertelsmann und entwickelte es zu einem der größten Medienkonzerne der Welt. In der Wirtschaft hatte er wegen seiner Beteiligung der Mitarbeiter am Unternehmen den Beinamen „der rote Mohn“. Zu Bertelsmann gehören auch der Verlag Gruner + Jahr (mit dem linken STERN) und der links-tendenziöse Sender RTL. Es gibt einige Superreiche, die links sind (z. Bsp. George Soros).

  2. Deutschland wird „populistischer“??? (Populus lat. für „Volk“).
    Also wieder auf das Volk hören, tun was das Volk will???
    Wunderbar! Es kann uns nicht Besseres passieren!!!

    • Das hängt von der Bedeutung von „populistisch“ ab. Wer kann denn ernsthaft den acht hier zur Abgrenzung verwendeten Thesen zustimmen? Einige Aussagen sind normativ, doch die 7. („Die Bürger in Deutschland sind sich im Prinzip einig darüber, was politisch passieren muss.“) ist z. B. offensichtlich faktisch falsch.

  3. Pingback: Gaulands Populismus und Kritik daran | Alexander Dilger

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