Spahn und Merkel wollen auf Zustimmung zu Organspenden verzichten

Bundeskanzlerin „Merkel befürwortet Spahns Vorstoß bei Organspende“. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Früher galt Jens Spahn einmal als Hoffnungsträger in der CDU, nun räumt er letzte konservative und auch liberale Positionen. Konkret geht es ihm darum, die bestehende Zustimmungslösung zu Organspenden abzuschaffen. Menschen sollen nach seiner Ansicht auch ohne ihre Zustimmung oder die ihrer Angehörigen ihre Organe entnommen werden dürfen, und zwar durchaus bei lebendigem Leibe, da die Organe ansonsten wertlos sind, allerdings gnädigerweise doch erst nach festgestelltem Hirntod, wobei diese Feststellung nicht hundertprozentig sicher ist (manche wachen nach einer solchen Feststellung doch wieder auf und die anderen kann man nicht fragen, ob sie wirklich nichts mehr empfunden haben). Immerhin will er (noch?) keine absolute Pflicht zur Organspende einführen, sondern die Zustimmungs- durch eine Widerspruchslösung ersetzen. Wer also explizit widersprochen hat, dessen Körper wird weiterhin nicht ausgeweidet, allen anderen kann das dann passieren, wenn sich der Herr Gesundheitsminister durchsetzt, wovon auszugehen ist.

Es gibt durchaus einen guten Grund für seinen Vorstoß. Die Zahl der Organspender ist relativ gering und es warten viele Patienten auf Spenderorgane, um ihr Leben zu verbessern oder zu verlängern. Wer tot ist, braucht seine Organe nicht mehr und ihr Verfall ist ineffizient. Die Widerspruchslösung erlaubt auch jedem, der wirklich nicht will, den Widerspruch, zumindest wenn diese Entscheidung tatsächlich nachgehalten wird. Es droht allerdings, dass ein in der Kürze der Zeit einfach nicht aufgefundener Widerspruch ignoriert wird. Unabhängig davon handelt es sich um einen denkbar schweren Eingriff, der dann ohne Zustimmung der Betroffenen rein zum Vorteil anderer durchgeführt wird. Das ist ethisch bedenklich und weder konservativ noch liberal, sondern im Grunde die Sozialisierung unserer Organe.

Persönlich habe ich übrigens einen Organspendeausweis (siehe ‚Neuer Organspendeausweis‘). Ökonomisch kann man auch über die Widerspruchslösung diskutieren (siehe ‚Diskussionspapier zum Organhandel‘), da individuelle Freiheit und Nutzenmaximierung zwar Hand in Hand gehen, aber nicht identisch sind. Politisch und moralisch bin ich dagegen (siehe bereits ‚Wahl-O-Mat zur Europawahl‘).

25 Gedanken zu „Spahn und Merkel wollen auf Zustimmung zu Organspenden verzichten

  1. Wunderbar treffender Kommentar. Ich denke bei diesem Thema immer an den Bochumer Friseur, der aus finanzieller Not eine seiner gesunden Nieren einem ausländischen Milliardär verkauft hat. Die Organentnahme und OP usw. fand natürlich auch im Ausland statt. Wer das nötige Geld hat, wird sich demnächst seine Organe zusammenkaufen oder züchten lassen, wie es ihm beliebt. Wer denkt, in diesem Bereich ginge es nach medizinischer Bedürftigkeit, hat die Gesundheitssysteme dieser Welt immer noch nicht verstanden.

  2. Stellt sich noch die Frage, wer als Empfänger zuerst bedient wird. Aber auch darauf hat die Regierung Merkel Zedong IV sicher bald eine Antwort.

  3. Ich trage seit vielen Jahren neben den anderen notwendigen Papieren einen Organspende-Ausweis bei mir. M. E. könnte eine Widerspruchslösung daran scheitern, dass es derzeit keine Möglichkeit einer schnellen Feststellung des erklärten Widerspruchs gibt (in Zukunft vielleicht der KV-Ausweis). Wer aus einer intakten Familie kommt, wird auch die Familien-Kultur berücksichtigen müssen. Der Arzt Stephan Probst beschreibt in der Jüdischen Allgemeinen (24.5.18) das Problem: “ . . . Dass der Spender dafür das große Opfer bringt, nicht im Beisein seiner Liebsten und in Ruhe zu sterben, sondern auf der Intensivstation und im Operationssaal, verpflichtet uns zu höchster Achtung und Dankbarkeit . . .“ .
    Der Rückgang an Organspenden hängt in Deutschland mit den bekannt gewordenen Skandalen bei der Zuteilung der Spender-Organe zusammen. Nach meiner Kenntnis hat man in Israel das Problem so zu lösen versucht, dass man die Zuteilung von der Existenz eines Spenderausweises
    mit mehrjährigem Bestand des potenziellen Empfängers abhängig macht. Es gibt also Möglichkeiten auf Grund bestehender Regelungen zur Verbesserung der Spenden-Bereitschaft.

  4. Sehr treffend kommentiert, lieber Herr Dilger. „Nudging“ in Reinform, und in der schlimmsten anzunehmenden Variante. Das ist weder konservativ noch liberal, das ist die Verstaatlichung des menschlichen Körpers. Nun wird also ein genuin altruistischer Akt, eine „Spende“, staatlich dekretiert. Dann sollte man auch den Mut haben, diesen Vorgang korrekt zu benamen, denn eine Spende ist es dann wahrlich nicht mehr. Ein sehr einfacher Schritt hin zu einer Erhöhung der Spendenbereitschaft wäre, die Vergabe von Organen an die Spendenbereitschaft des Betroffenen zu knüpfen, sprich, wer seit mehreren Jahren einen Organspendeausweis bei sich trägt, wird auch bei der Organvergabe bevorzugt, sollte er/sie in diese mißliche Lage kommen. Übrigens sei die Frage erlaubt, auch wenn das bei uns wohl mit einem Tabu belegt ist, warum der „Spender“ nicht mitbestimmen und z.B. Einschränkungen machen darf, an wen seine Organe gehen sollen (Kinder, Bedürftige, etc.). In zahlreichen Gesprächen habe ich gehört, daß zum einen die Intransparenz des Vergabeprozesses, zum anderen die fehlende Kontrolle über die Verwendung der Spende von der Erklärung der Bereitschaft abhalten. Und: warum sollte jemand seine Organe „kostenlos“ zur Verfügung stellen, damit andere daran verdienen? Solange es tatsächlich ein altruistischer Vorgang ist, verbietet sich die Diskussion darüber. Mit der Widerspruchslösung ändert sich das in meinen Augen.

    • Die Menschen sollen ihre Organe geben, selbst wenn sie dem nicht zugestimmt haben, dürfen aber nicht mitentscheiden, wer sie erhält. Was ist daran liberal, konservativ, bürgerlich oder auch nur moralisch?

      • Diese Umkehrung finde ich auch sehr problematisch, kann die Überlegungen dahinter aber durchaus nachvollziehen. Die Vorstellung mitzuentscheiden finde ich aber praktisch auch schwierig vorzustellen. Das führt schnell zu Diskriminierung, oder?

      • Wenn jemand Vermögenswerte vererbt, „diskriminiert“ er doch auch. Warum darf man nicht über seine Organe selbst verfügen, die einem doch eher noch mehr gehören als Materielles? Schafft der Staat hier nicht künstlich ein Kollektivgutproblem, um dann über die resultierende Knappheit zu klagen und diese mit noch drastischeren Eingriffen abmildern zu wollen?

      • Auch an diesem Beispiel sieht man, dass wir mit der amtierenden Staatsratsvorsitzenden totalitäre Verhältnisse bekommen. Mao lässt grüßen! (In China, dem Land mit den meisten Hinrichtungen, werden die Organe der Hingerichteten verwertet.)

  5. Es ist sehr seltsam und äußerst fragwürdig, dass „hirntoten“ Menschen, denen Organe entnommen werden, zuvor eine Betäubungsspritze (!) verabreicht werden muss!!! 😦

    Meine Frau und ich, sowie unsere Tochter ebenso, haben unseren Organspendeausweis immer dabei und dort ist angekreuzt, dass wir KEINER Entnahme von Organen zustimmen. Wir wollen kein Ersatzteillager sein. On das im Ernstfall in Merkels DDR_2.0 respektiert wird…??? 😦

    • p.s.: Jens Spahn ist nur ein Teilzeit-Konservativer, der jetzt in der großen CDU-Show die Rolle des „Konservativen“ besetzen darf. Vor einigen Jahren durfte Roland Koch diese Rolle spielen, zwischenzeitlich gab es dafür nur Schauspieler aus der 3. und 4. Reihe. Lasst Euch doch nicht linken!!!

      • Die haben in der CDU aber einen schweren Stand und sind kaum noch wahrnehmbar. Ich rechne damit, dass sich viele von Ihnen demnächst in der AfD wiederfinden werden.

      • Die AfD ist nichts mehr für Konservative und Liberale, sondern etwas für nationale Sozialisten. Ich finde, sie sollte bei der neuen Sammlungsbewegung von Frau Wagenknecht mitmachen.

      • Ich finde, dass die nationalen Sozialisten in der AfD sich dieser Sammlungsbewegung von Sahra Wagenknecht anschließen sollten, nicht die ganze AfD. Und ihre völkischen Genossen von der nationalsozialistischen NPD können sie dann auch gleich mitnehmen. Dann ist endlich zusammen, was zusammen gehört.

      • Einer der wenigen verbliebenen Konservativen in der CDU ist mein alter Freund aus JU-Tagen, Klaus-Peter Willsch, direkt gewählter Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Rheingau-Taunus-Limburg. Aber den hat Merkel Hofmarschall Kauder in die hinterste Reihe verbannt, nachdem er gegen sämtliche Euro-und Griechenland-Rettungspakete gestimmt hat.

    • @francomacorisano : „Wir wollen kein Ersatzteillager sein. On das im Ernstfall in Merkels DDR_2.0 respektiert wird…??? 😦“
      Heißt das auch, dass Sie und Ihre Familie den Empfang von Organspenden, ggf. auch Fremdblut-Übertragungen, ablehnen ?

    • Wenn Ihr Widerspruch vorliegt, wird man sich (noch?) nicht darüber hinwegsetzen. Das demnächst größte Risiko sehe ich darin, dass Ihr Widerspruch im entscheidenden Moment vielleicht nicht bekannt ist oder sogar extra verschwindet.

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