Sind negative Zinsen super für Sparer und Vermögenslose?

Mark Schieritz betreibt wieder billige Euro-Propaganda (wie vor fast genau einem Jahr, siehe ‚Braucht der Euro (k)einen Staat?‘, wobei er jetzt z. T. das Gegenteil behauptet): „Der Mythos von der Enteignung der Sparer“. Denn natürlich schaden die real und teilweise sogar nominal negativen Zinsen bei positiver und zunehmender Inflation den Sparern. Man könnte sinnvoll höchstens darüber diskutieren, ob es dafür hinreichend wichtige Gründe gibt, was ich bei einer akuten Wirtschaftskrise so sehen würde, nicht aber in vergleichsweise guten Zeiten, denen der nächste Abschwung erst noch folgen wird.

Herr Schieritz meint, die Geldvermögen seien gestiegen, da sei es doch egal, warum. „Keine Frage: Die Vermehrung des Geldvermögens ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass sich das angelegte Geld vermehrt hat. Es ist schlicht auch mehr Geld angelegt worden. […] Wo das Geld herkommt, ist am Ende egal. Hauptsache, es liegt auf dem Konto.“ Nein, es macht einen großen Unterschied, ob mein Geld eine ordentliche Rendite erwirtschaftet oder ob es für sich genommen weniger wird und von meinen zusätzlichen Sparanstrengungen nur ein Teil übrig bleibt. Dabei ist auch das Sparen nicht das Problem, sondern die schlechte Anlage des Ersparten sowie der Mangel an sinnvollen Investitionen durch Unternehmen und den Staat.

Für viele Menschen ohne Vermögen seien die Zinsen egal, sondern steigende Löhne und Renten wichtig. Doch die Reallöhne und -renten sind für viele seit Einführung des Euros kaum gestiegen oder sogar gesunken. Der Euro ist für Deutschland zu niedrig, was den ohnehin zu hohen Exportüberschuss noch steigert, aber die Kaufkraft der Normalbürger reduziert. Die Geldpolitik würde die Wirtschaft stützen, doch diese benötigt jetzt gar keine Stütze, jedenfalls nicht in Deutschland, sondern höchstens in den Ländern, die der Euro in der Dauerkrise hält.

Und wie jeder Mythos hat auch dieser eine Funktion: Er soll – zumindest bei der radikaleren Fraktion derjenigen, die ihn verbreiten – Ressentiments schüren gegen die EZB, den Euro und die Europäische Union im Allgemeinen, um den Prozess der europäischen Einigung zu delegitimieren. Bis die Errungenschaften der Nachkriegszeit in Trümmern liegen und an die Stelle des Europas der Einheit ein Europa der Nationen tritt. Was ja bekanntlich nicht ganz so gut funktioniert hat.

Umgekehrt will Herr Schieritz hier den Mythos eines großartigen vereinten Europas verbreiten. Tatsächlich hatten und haben wir ein Europa der Nationen, welches seit dem Zweiten Weltkrieg bis zur Einführung des Euros ziemlich gut funktioniert hat und es jetzt nicht mehr tut. Ich lehne den Euro nicht aus ideologischen Gründen ab, sondern weil er nicht funktioniert und den meisten Europäern schadet, sowohl in Deutschland als auch in Griechenland etc. Die Null- und Negativzinsen sind nur ein Folgeproblem von vielen, aber ohne Euro ginge es den meisten Europäern besser und würden sie mehr verdienen, sei es an Zinsen oder höheren Reallöhnen.

13 Gedanken zu „Sind negative Zinsen super für Sparer und Vermögenslose?

  1. Argentiniens Zentralbank
    „Der Schlüsselsatz zur Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld sei auf 60 Prozent von zuvor 45 Prozent erhöht worden, teilte die Notenbank am Donnerstag 30.09.18 auf ihrer Webseite mit.“ (Finanzen net)

    Vielleicht sollte die europäische Zentralbank Herrn Mario Draghi nach Argentinien exportieren.

    • Nach Argentinien sind ja sehr viele Italiener ausgewandert, auch die Eltern von Papst Franziskus. Ja, Draghi soll dort hin gehen. Je weiter weg, desto besser!!!

  2. Meiner Meinung nach sollte man hier nicht jede Absurdität zur Diskussion stellen, zumal abwegige Positionen für manche Journalisten zum Geschäftsmodell gehören (siehe auch Spiegel Online).
    In die Online-Redaktionen werden anscheinend die Redakteure abgeschoben, die die Aufreger (sprich „Klicks“) bringen. Die zu den hier verlinkten Artikeln veröffentlichten Kommentare beleuchten den Sachverhalt sehr differenziert, wenn auch jedes Medium seine eigene Stammkundschaft hat.

      • Robert Mundell befürwortete ihn und tut das heute noch – sogar einen Dollar – Euro – Yuan – Raum. Aber eben keine Bail-outs:

        Ein alter Artikel der FAZ – heute noch auffindbar
        http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/oekonomen-konferenz-euro-befuerworter-mundell-warnt-vor-fiskalunion-12017336.html

        Nicht die festen Wechselkurse sind das Problem, sondern die flexiblen: Die Kurse schwanken heute viel zu stark, weil zu viel spekuliert wird. Es waren solche Schwankungen, die die Krise ausgelöst haben.

        Wie denn das?

        Kurz vor der Lehman-Pleite ist der Dollar-Kurs gestiegen. Und eine stärkere Währung ist immer schlecht für eine Wirtschaft. Der Dollarkurs ist mit daran Schuld, dass die Hauspreise dann so schnell gefallen sind. Es wäre schon mal ein Schritt, wenn es für den Kurs von Dollar und Euro eine Zone gäbe, aus der die Notenbanken ihn nicht ausbrechen lassen. Langfristig sollten Euro, Dollar und chinesischer Yuan aneinander gekoppelt werden.

        Das wäre eine Weltwährung. Andererseits: Wo immer ein Wechselkurs fixiert ist, entstehen Ungleichgewichte – zwischen Amerika und China zum Beispiel, und auch innerhalb der Eurozone.

        Nein. Ungleichgewichte entstehen nicht durch fixe Wechselkurse. Die entstehen dadurch, dass manche Länder mehr Geld ausgeben, als sie haben. Und weil ihnen jemand diese Ausgaben finanziert.

      • Es können auch Nobelpreisträger irren. No-Bail-Out wurde doch anfangs vereinbart, ließ sich aber politisch nicht durchhalten. Nun haben wir eine Gemeinschaftswährung ohne echte Gemeinschaft.

        Es wird nicht zu viel spekuliert. Es spekuliert auch fast niemand gegen Marktbewegungen, sondern lieber gegen falsche Politik von Notenbaken und Regierungen. Eine starke Währung ist nicht nur schlecht und führte nicht zum Platzen der Immobilienblase in den USA. Fixe Wechselkurse sind immer noch besser als eine Einheitswährung, weil sie sich notfalls eben doch anpassen lassen.

      • Die verbliebenen Befürworter des EURO aus dem wirtschaftswissenschaftlichen Bereich argumentieren überwiegend politisch (Thomas Straubhaar, Marcel Fratzscher) . Die politische Argumentation geht ohne weitere Begründung dahin, dass die Ausdehnung gemeinschaftlicher Haftung, auch die Institutionalisierung eines Europäischen Finanzministers die Grundlagen einer gemeinsamen Geldpolitik verbessern werde. Die Qualität dieser Argumentation kann man nach einem Video zum Streitgespräch Fratzscher vs. Lucke aus 2016 beurteilen
        https://www.youtube.com/watch?v=aKPYOMrrLqM .
        Seit 2016 sind die Verhältnisse aber eher noch ungünstiger geworden (Italien, negative Handelsbilanz Frankreichs).

      • Gemeinsame Haftung ohne gemeinsame Entscheidungen führt zur Katastrophe. Rein ökonomisch wäre ein Eurosuperstaat besser als der heutige Gemeinschaftseuro souveräner Staaten. Politisch ist er jedoch nicht durchsetzbar, schon gar nicht demokratisch. Die meisten Länder und Völker wollen souverän bleiben. Vielleicht trifft das auf die Mehrheit der Deutschen nicht mehr zu, aber wir werden ohnehin nicht gefragt.

  3. Für viele Menschen ohne Vermögen seien die Zinsen egal, sondern steigende Löhne und Renten wichtig„.

    Steigende Löhne und Renten fördern höhere Preise, also Inflation (von der EZB gewollt!!!) und somit haben die Arbeitnehmer und Rentnern anschließend gar nicht mehr Kaufkraft zur Verfügung. So verarscht man Menschen!

    Ich hatte das hier schon einmal angeregt: Es könnte sehr befruchtend sein, wenn wir uns auf dieser Seite über gute und seriöse Geldanlageoptionen austauschen würden:

    Immobilien: Jetzt kaufen ist zu teuer?!? Jetzt verkaufen??? Und was mit dem Erlös machen???
    Gold: Jetzt nicht!?! Aber wann dann???
    Fremdwährungen: Welche???
    Aktien: Immer, ABER die richtigen! Fonds??? ETFs??? Vernachlässigte Einzelwerte??? Jetzt Deutsche??? Oder Europäische??? Oder Amerikanische??? Sonstige???
    Abwarten! „Pulver trocken halten“. Die nächste Krise kommt bald (Immobilien, Aktien, Gold). In der Talsohle kaufen?!?

    Der Euro ist ein Krebspatient. Auch die Chemo (der EZB) wirkt nicht. Er wird sterben. Es ist aber ein langer Todeskampf. Wie könnte man davon Profitieren??? „Krisengewinnler“, für Linke ein Schimpfwort. Ich habe kein Problem damit, denn wo verloren wird, wird woanders gewonnen, zumindest zeitlich versetzt!

    • Immobilien halte ich immer noch für die vernünftigste Kapitalanlage.
      Wir versuchen gerade, eine größere Immobilie 3300 m² Nutzfläche im Gebäude für eine Cohousing -Gemeinschaft zu erwerben.

      Wir suchen auch noch Mitstreiter, die mit Gleichgesinnten leben wollen, wo jeder eine eigene Wohnung (in unterschiedlichen Größen) und viele Gemeinschaftsflächen zu seiner Verfügung hat. Als Miteigentümer oder Mieter.
      Die besten Wertzuwächse habe ich in der Vergangenheit mit unbebauten Grundstücken, ohne direkte Rendite erwirtschaftet. Nach 10 Jahren sind diese Renditen steuerfrei.

      Auch die jetzt beschlossene Sonder- Afa ist die Chance, steuerfrei Renditen zu erwirtschaften. Allerdings sind die Bedingungen der Sonder- Afa 5% dermaßen kurios gestaltet, dass ein neuer Bauantrag nach dem 01.09.2018 erforderlich wird.

      Ein gemeinsames Forum zur Diskussion über Anlagestrategien habe ich mehrfach vorgeschlagen. Vielleicht funktioniert es jetzt. 

      • Sie sind ein Unternehmer, der Erfahrungen mit Immobilien hat und genügend Vermögen zur Diversifikation. Das gilt für die meisten anderen Leute nicht, für die Immobilien deshalb eigentlich zu riskant sind. Theoretisch wären Immobilienfonds ein Ausweg, doch in der Praxis sind sie oft zu unseriös.

    • Steigende Löhne sind tatsächlich der stärkste Treiber für Inflation. Trotzdem kann der Lohnanstieg natürlich höher sein als die Inflation, der Reallohn also steigen.

      Ich denke nicht, dass sich dieser Blog für konkrete Anlagetipps eignet. Allgemeine Anlageempfehlungen wurden schon gegeben. Bei langfristiger Vermögensanlage sind diversifizierte Aktien am besten, zumindest für normale Leute, die auch noch etwas anderes als Vermögensverwaltung zu tun haben. Unternehmer und Immobilienverwalter können gegebenenfalls eine noch höhere Rendite erwirtschaften, insbesondere da sie sich stärker verschulden können!

      Ein sicherer Krisengewinn ist sehr schwierig, da wir nicht wissen, wann und wie der Euro zerbrechen wird. Für die meisten Menschen dürfte es um Verlustbegrenzung gehen. Vermögensanlage außerhalb der Eurozone oder gar ein Umzug dorthin eignen sich dazu. Sollte eine neue D-Mark stark aufwerten, ist Realvermögen in Deutschland allerdings auch nicht so schlecht. Von Griechenland und Italien würde ich momentan die Finger lassen.

  4. Pingback: Forderung nach Verbot spricht für Gold | Alexander Dilger

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