Hellwig schafft Nationen ab, damit Target-Salden kein Problem mehr sind

Herr Kollege Martin Hellwig ist eigentlich ein kluger Ökonom. Umso unverständlicher sind seine Ausführungen „Wider die deutsche Target-Hysterie“. So meint er selbst, wohl ohne die Brisanz zu verstehen:

Dass die Target-Forderungen in der Bilanz der Bundesbank als „Forderungen“ aufgeführt werden, bedeutet zunächst nur, dass dieser Posten auf der Haben-Seite der Bilanz steht. Tatsächlich gibt es keinen Rechtsanspruch auf eine Einlösung dieser „Forderung“. Die einzige Rechtsfolge besteht darin, dass bei der Verteilung der Gewinne im Eurosystem die Target-Forderungen und Verbindlichkeiten zu verzinsen sind. Allerdings liegt der Zinssatz derzeit bei null.

Er hält die nationalen Notenbanken für reine Filialen der EZB, was nicht richtig ist. Noch absurder ist diese These:

Und was ist, wenn Italien aus dem Euro ausscheidet und die Banca d’Italia sich weigert, ihre „Target-Verbindlichkeiten“ gegenüber der EZB einzulösen? Da diese Verbindlichkeiten die Banca d’Italia zu nichts verpflichten, ist die Antwort einfach: „Nichts!“

Es handelt sich um Verbindlichkeiten, auch wenn es momentan keinen Mechanismus zum Ausgleich gibt. Zumindest theoretisch könnten sich die Zahlungsströme umkehren und der negative Target-Saldo der italienischen Notenbank verringert oder sogar zu einem positiven werden (so argumentiert Norbert Häring in „Keinesfalls nutzlos – Ökonomen verkennen den Wert der Target-Salden“, dass Deutschland seinen positiven Target-Saldo real abbauen könnte durch Importe oder den Kauf von Vermögenswerten, was richtig, aber unrealistisch ist und sowohl den ökonomischen Wert als auch das Risiko dieses Saldos unterstreicht). Wenn Italien aus der Eurozone aussteigt und seine Verbindlichkeiten ignoriert, dann brennt das ein großes, ihr Eigenkapital weit übersteigendes Loch in die Bilanz der EZB, die zwar Geld schöpfen, aber ihre eigene Bilanz nicht ausgleichen kann (so ist auch die Aussage von Thomas Mayer zu interpretieren, dass der EZB das nötige Geld fehlen würde).

Nur eine Zahlungseinstellung des italienischen Staats würde das Eurosystem treffen, vor allem aber die Banca d’Italia, die italienischen Banken und Privatleute, die den Großteil der Staatsschulden halten.

Das ist ein zusätzliches Problem, welches ebenfalls die EZB und die Bundesbank hart treffen würde. Denn tatsächlich sind die Target-Salden nur ein Problem unter sehr vielen des in sich fehlerhaften Euros (siehe ‚Euro und EZB sind die Probleme, nicht allein die Target-Salden‘).

Länder und Volkswirtschaften sind keine handelnden Personen oder Institutionen. Die Vergabe und Aufnahme von Krediten und der Kauf und Verkauf von Waren, Dienstleistungen und Vermögenstiteln sind die Angelegenheit von Personen und Institutionen in den verschiedenen Ländern und Volkswirtschaften. Und diese haben mit den Target-Positionen im Eurosystem nichts zu tun.

Länder und Volkswirtschaften handeln nicht selbst, aber die handelnden Personen und Institutionen lassen sich auf dieser Ebene sinnvoll aggregieren. Möchte Herr Hellwig bestreiten, dass es eine deutsche Volkswirtschaft gibt, die z. B. ein Bruttoinlandsprodukt und Exportüberschüsse erwirtschaftet? Außerdem ist eine der (über Repräsentanten) handelnden Institutionen der deutsche Staat, zu dem auch die Deutsche Bundesbank gehört, die sehr wohl etwas mit ihrem Target-Saldo zu tun hat.

Tatsächlich argumentiert Herr Hellwig gar nicht ökonomisch, sondern politisch und rein normativ bzw. mit seinem Wunschdenken, die EU oder zumindest Eurozone wären bereits vollständig integriert, so dass es gar keine Nationen mehr gäbe:

Ein Grundprinzip der europäischen Integration besteht darin, dass im europäischen Binnenmarkt die Tätigkeit von Personen und Institutionen unabhängig von ihrem Sitzland ist. Die in den zitierten Sätzen vorgenommene Kollektivierung ist damit nicht vereinbar.

12 Gedanken zu „Hellwig schafft Nationen ab, damit Target-Salden kein Problem mehr sind

  1. Ich hatte mich vor wenigen Jahren in meiner Masterarbeit mit Leistungsbilanzsalden beschäftigt. Bei Sichtung der Literatur war ich überrascht, wie hartnäckig die meisten neoklassischen Ökonomen das Problem von Ungleichgewichten leugneten. Standardmäßig wurde (und wird wohl noch immer) argumentiert, dass Leistungsbilanzsalden ja nur die Summe individueller Kauf- und Verkaufsentscheidungen darstellten und somit ökonomisch immer rational seien. Problematisiert wurden Leistungsbilanzsalden dagegen fast ausschließlich von (Neo-)Keynesianern.

    Insofern überraschen mich viele Auffassungen zu den Target-Salden auch bei jenen nicht, die anerkennen, dass über das Target-System tatsächlich Leistungsbilanzdefizite finanziert werden, wobei ja selbst dieser Punkt wohl umstritten ist. Jedoch habe ich die Fachdiskussion nur sehr rudimentär verfolgt.

    • Die Target-Salden gleichen nicht nur Ungleichgewichte in der Leistungs-, sondern auch der Vermögensbilanz aus. Gute Vermögenswerte werden durch schlechte verdrängt, die zumindest momentan keinerlei Zins bringen und sehr riskant sind. Bei nationalen Währungen oder zumindest einem echten Wertausgleich gäbe es eine Gegenkraft bei zu großen Leistungsbilanzungleichgewichten, die in der Eurozone fehlt.

  2. Bemerkenswert ist, dass Deutschlands TARGET2-Salden bereits 2012 – und auch heute noch – genauso groß waren und sind wie der Rest des deutschen Auslandsvermögens https://de.wikipedia.org/wiki/TARGET2
    Dieses System, dass sich für Deutschland als gewaltige Kreditvergabe entwickelt hat – z.Zt ca. 1 Billion € an Forderungen – ist durch einen Beschluß des EU-Rats gegründet worden und durch Übereinkunft der Zentralbanken der EU verwirklicht worden. Die Besonderheit ist, dass die Verbindlichkeiten innerhalb der Euro-Staaten beliebig wachsen können, währen dies für die Nicht-Eurostaaten mit Saldo am jeweiligenTagesende nicht zulässig ist. Falls die Forderungen an einen Staat des Systems durch Ausscheiden aus dem Euro ausfallen sollten, wird dies mindestens über den Ausfall der Gewinnüberweisungen der deutschen Bundesbank eine direkte Wirkung auf den Staatshaushalt haben. Es sind also Risiken innerhalb des Euro-Systems für den deutschen Staatshaushalt aufgebaut worden, ohne die Mitwirkung des deutschen Parlaments zu ermöglichen.

    • Das deutsche Auslandsvermögen ist deutlich größer. Der positive Target-Saldo entspricht ungefähr der Hälfte des Nettoauslandsvermögens, also der Aktiva abzüglich Passiva. Dass es weder einen Ausgleich noch überhaupt ein Limit gibt, ist ein Problem, was jedoch im Grunde für die gesamte EZB gilt.

  3. Der Dicke aus Oggersheim hat sich bei der Euro-Einführung über den Tisch ziehen lassen! Sachverstand hatte er ja in dieser Materie gar keinen und beratungsresistent war er noch dazu. Dass sein früherer Berater Pater Ockenfels heute die AfD berät, spricht Bände!

    Die heutige Ausgestaltung der Euro-Währungsunion bedeutet, dass das nüchtern-organisierte Nord-Europa für die Party im Club Med von Süd-Europa zahlt. Um das zu verstehen, muss ich den Prof. Hellweg nicht lesen!

    Warum kommt die US-Dollar-Währungsunion OHNE Target-2-Salden aus???

  4. Martin Hellwig hat sich als Autor von „The Bankers New Clothes“ (Eine Pflichtlektüre für jede wirtschaftlich interessierte Person) für die Forschung im Bereich der Bankenregulierung verdient gemacht (und wird hier auch gerne von Sinn zitiert, obwohl er diesem bei den Target-Salden fundamental entgegensteht). Doch auch wenn ich seine Ausführungen zur Bedeutung von Eigenkapital im Bankensystem grundsätzlich teile, hat er mMn. bereits dort zu normativ argumentiert und ist inhaltlich zu wenig auf die Gegenposition eingegangen.

  5. Eine ausführliche Replik auf Hellwig von Hans Werner Sinn findet sich hier auf faz.net unter „Irreführende Verharmlosung“: http://m.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/sinn-ueber-target-salden-irrefuehrende-verharmlosung-15723567.html

    Nationale Volkswirtschaften und Nationalstaaten, zumal die oder der deutsche, werden weithin negiert. Jedoch wird Deutschland mittel- bis langfristig weder die Lasten der Transferunion noch der Massenmigration tragen können. Damit ist der weitere und beschleunigte Niedergang Deutschlands und Europas vorgezeichnet.

  6. Pingback: Ringvorlesung zu Europas Zukunft in Münster | Alexander Dilger

  7. Pingback: Keine Eurokrise ohne Euro | Alexander Dilger

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.