Euro und EZB sind die Probleme, nicht allein die Target-Salden

„Das Anleihekaufprogramm der EZB treibt den Target-2-Saldo“. Das ist vermutlich richtig, aber kein Grund zur Entwarnung. Gerald Braunberger meint hingegen:

Die Forderungen der Bundesbank könnten bald die Marke von 1000 Milliarden Euro überschreiten. Die Risiken werden häufig überschätzt. […]

Seit Jahren finden Diskussionen über die Werthaltigkeit von Target-2-Forderungen statt. Mit Debatten über einen Austritt Italiens haben sie Nahrung erhalten. Nach einem populären Irrtum müssten die Forderungen der Bundesbank nach einem Euroaustritt Italiens um mehrere hundert Milliarden Euro wertberichtigt werden. Dies ist unzutreffend; die Bundesbank hat aus Target-2 keine direkte Forderung gegen Italien. Es gilt das Prinzip: Target-2-Forderungen bestehen gegenüber der EZB und sind für die Höhe der potentiellen Risiken aus Target-2-Verbindlichkeiten anderer Länder unerheblich. Da die Bundesbank die Forderungen gegen die EZB hält, setzte eine Wertberichtigung den Untergang der EZB voraus.

Das finanzielle Risiko der Bundesbank (und damit Deutschlands) ist ein indirektes. Die EZB hält aus einem alten Kaufprogramm italienische Anleihen über 50 Milliarden Euro, und sie besitzt eine Forderung aus Target-2 über zuletzt 465 Milliarden Euro gegenüber der Banca d’Italia. Nach einer interessanten Studie des Analysehauses Oxford Economics hätte die EZB selbst im Falle eines Austritts Italiens aus dem Euro keine Notwendigkeit, eine Wertberichtigung auf ihre Forderung gegenüber der Banca d’Italia vorzunehmen, denn diese Forderung ist zeitlich unbefristet – es existiert keine Tilgungspflicht – und sie ist unverzinst. Eine Target-2-Verbindlichkeit ähnelt einer Nullkuponanleihe mit ewiger Laufzeit.

Die Folgerung wäre, dass die Target-Salden nur deshalb kein Risiko darstellen, weil sie ohnehin wertlos sind mangels Zins- und Rückzahlungsanspruch.

Gedankenexperiment. Wenn das Euro-System eine andere interne Neuorganisation seiner Aufgaben beschlossen hätte und Wertpapierkäufe sowie Zahlungen nicht mehr über nationale Zentralbanken, sondern alleine über die EZB im Frankfurter Ostend vorgenommen würden, hätte sich an der wirtschaftlichen Lage im Euroraum nichts geändert. Aber es gäbe keine nationalen Target-Salden! Vielmehr fänden sich alle Aktiva des Eurosystems und das von ihm geschaffene Geld komplett in der EZB-Bilanz. Und dann wäre offensichtlich, dass die Risiken nichts mit der Höhe der Bilanzsumme oder von Salden zu tun hätten, sondern alleine aus der Qualität der Aktiva entstammten. Die Risiken der Bundesbank (und damit Deutschlands) wären alleine aus ihrer Beteiligung an eventuellen Verlusten der EZB ableitbar.

Das ist richtig. Das eigentliche Risiko liegt nicht in den Target-Salden, sondern in den Bilanzen der EZB und der nationalen Notenbanken. Dem Euro stehen Forderungen gegenüber, die aber ihrerseits aus Schrottpapieren bestehen können. Dadurch begründet die EZB bereits jetzt eine Schulden- und Haftungsunion.

11 Gedanken zu „Euro und EZB sind die Probleme, nicht allein die Target-Salden

  1. Der Euro und die EZB sind extrem undurchsichtige Konstruktionen. Vielleicht soll das sogar so sein, damit Otto-Normalverbrauch den Betrug nicht versteht.

    Die Notwendigkeit der Einführung einer europäischen Gemeinschaftswährung wurde uns damals damit erklärt und „schmackhaft“ gemacht, dass gerade wir Deutschen als Export-Nation davon sehr profitieren. Ich bin leider kein Fachmann in Geldpolitik. Daher verstehe ich auch nicht, warum die Zahlung einer italienischen Firma, die Waren bei einer deutschen Firma gekauft hat, über denen Zentralbank abgewickelt werden muss. Es ist doch die gleiche Währung. Die italienische Firma zahlt also an die italienische Banca d’Italia (in Euro), diese muss aber das Geld nicht an die Deutsche Bundesbank weiterleiten? Kann mir jemand bitte Nachhilfeunterricht erteilen?

    Warum braucht man in den USA keine Target-2-Salden??? Wenn eine Firma in Texas Waren bei einer Firma in Michigan bestellt, bezahlt sie diese einfach in US-Dollar, ohne dass eine Nationalbank damit zu tun hat. Auch dort ist es die gleiche Währung. Amerika, Du hast es besser!!!

    • Ich will versuchen, das kurz zu erklären: Überweisungen von einem Konto auf ein anderes funktionieren nicht wie die Post. Es wird nicht einfach Geld geschickt. Die Banken müssen Kontoverbindungen untereinander unterhalten. Kaufen Sie – vielleicht als Kunde der örtlichen Volksbank – ein Auto beim Autohaus um die Ecke – das vielleicht Kunde der örtlichen Sparkasse ist – so passiert Folgendes: Ihre Volksbank wird Ihr Konto belasten und den Betrag dem Konto, dass die Sparkasse bei der Volksbank führt, gutschreiben. In diesem Moment schuldet die Volksbank Ihnen weniger Geld, der Sparkasse aber mehr. Gegengleich muss nun die Sparkasse das bei Ihr geführte Konto der Volksbank belasten und das Geld auf dem Konto des Autohauses gutschreiben. Bereits diese einfache Überweisung führt also dazu, dass eine Bank der anderen Geld schuldet. Irgendwann muss der Geldtransporter natürlich rollen, wenn immer nur von der einen Bank zur anderen überwiesen wird.

      Nun unterhalten nicht alle Banken Konten untereinander. Das wären auch recht viele Konten! Aber alle Banken führen ein Konto bei der Bundesbank. Kennen Sie noch ihre Bankleitzahl? Das ist die Kontonummer ihrer Bank bei der Bundesbank. Alle Auslandsüberweisungen laufen entsprechend über die Zentralbanken. So kommt es dazu, dass die Banco d’Italia der EZB immer mehr schuldet, während die Bundesbank immer höhere Forderungen gegen sie hält.

      • Das System könnte jedoch anders organisiert werden, sei es doch durch Verbindungen und Ausgleichszahlungen zwischen allen Geschäftsbanken, sei es durch private Intermediäre oder direkt die EZB ohne Einbezug der nationalen Notenbanken. Es wäre auch möglich, die Target-Salden regelmäßig auszugleichen.

    • In den USA gibt es ein vergleichbares System. Die Salden zwischen den Distrikbanken der FED werden allerdings regelmäßig ausgeglichen. Genau genommen haben die Distrikbanken ohnehin Forderungen untereinander und nicht im Verhältnis zur Zentrale.

      • Was hat der Dicke aus Oggersheim, Merkels Mentor, sich mit der Euroeinführung doch über den Tisch ziehen lassen.
        Sage ich doch: Amerika Du hast es besser!

  2. Fasst man die EZB im Rahmen Ihres Gedankenspiels als Konzern auf, so sind die Target-Salden lediglich konzerninterne Forderungen einer Konzerntochter (Bundesbank) gegen die Konzernmutter (EZB). Gleichzeitig hält die Konzernmutter (EZB) Forderumgen gegen eine andere Konzerntochter (Banca d’Italia). Bei einer Entflechtung des Konzerns fällt die Banca d’Italia aber an den Italienischen Staat zurück. Aus einer konzerninternen Forderung wird eine tatsächliche Forderung umd diese wäre durch die EZB abzuschreiben, genauso wie die italienischen Staatsanleihen.

    Eine Forderung, die unverzinst und mit unendlicher Tilgungsfrist ausgestattet ist, hat einen Barwert von Null. Auf diesen Betrag ist abzuschreiben – sie entspricht dem Marktwert der Forderung.

    Ein ähnliches Szenario werden wir beim möglichen „Dexit“ erleben. Hier löst soch lediglich die Bundesbank aus dem Konzernverbund. Die Target-Forderung gegenüber der EZB wäre abzuschreiben.

    Eine Lösung der Problematik durch Geldschöpfung o.ä. sehe ich nicht, da dies in der Mechanik der Bundesbank nicht zu Eigenkapital oder Gewinn führen würde. M.M.n. tritt sodann die Haftumg Deutschlands gegenüber der Bundesbank bzw. EZB in Kraft. Genauso, wie ein Bundesbankgewinn an den Staat abgeführt wird, hat dieser einen Bundesbankverlust zu decken.

    • Auch nach einem Ausscheiden aus dem Euro blieben die Target-Salden als Forderungen bzw. Verbindlichkeiten bestehen. Die Frage ist, ob die nationalen Notenbanken und die Staaten diese noch anerkennen würden. Technisch gesehen wäre eine Nichtanerkennung eine Form von Insolvenz. Ansonsten könnte die Bundesbank eine solche Forderung einfach dauerhaft in ihren Büchern stehen lassen. Ökonomisch gesehen wäre es trotzdem ein Verlust, der die Bundesbankgewinne dauerhaft schmälert.

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